Ligurien ist selbst für bestens informierte Weintrinker fast immer Terra Incognita. Die Fachliteratur schweigt, in den Weinjournalen sucht man meist vergeblich nach Artikeln und im Handel und in der Gastronomie stolpert man nur selten über Weine aus der Ecke im Nordwesten Italiens. Die Rebfläche Liguriens sinkt seit Jahren, sodass heute gerade einmal 2000 Hektar übriggeblieben sind – für italienische Verhältnisse ist das so gut wie nichts und einzig im Aostatal wird weniger Wein produziert.

Mit dürftigen Qualitäten hat das allerdings wenig zu tun. Im Gegenteil. Was teils aus Dolceacqua oder den Cinque Terre kommt – um die beiden berühmtesten Appellationen Liguriens zu nennen – ist weiß wie rot mitunter erstaunlich (die Meinung, dass der Rossese di Dolceacqua von Antonio Perrinos Weingut Testalonga zu den besten und elegantesten Rotweinen Italiens zählt, vertrete nicht nur ich). Es hängt vielmehr ganz entscheidend mit den Produktionsbedingungen zusammen, die quer durch Ligurien mühsam, schwierig und extrem aufwendig sind. Die Hänge, auf denen in oft mikroskopischen Terrassen Weinbau betrieben wird, sind meist nur zu Fuß erreichbar, auf besonders steil abfallenden Felsen (und Felsen sind es nicht selten), greift man auch auf Seilzüge und Leitern zurück. Keine idealen Bedingungen und auch keine, die in irgendeiner Form modernisierbar wären. Weinbau in Ligurien ist Kulturarbeit im wahrsten Sinne des Wortes, eine fortwährende Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur, in der nicht selten die Natur die Oberhand behält. Hinzu kommt ein über die letzten Jahrzehnten zunehmend wachsender Tourismus, der stets neue Einnahmequellen ermöglicht und eine zwar nicht stressfreie aber immerhin weniger mühselige und kraftraubende Alternative darstellt.

Ligurien besteht, technisch besehen, aus 65,1% Bergen und 34% Hügeln. Die restlichen 0,9% sind Strände und Straßen, die Glashäuser von San Remo und der Hafen von Genua (an der westlichen Peripherie aber noch im Stadtgebiet gibt es übrigens einen der wenigen urbanen Weinberge Italiens).

Dass nichts desto trotz überhaupt weiterhin Wein angebaut wird, hat vor allem damit zu tun, dass eine Anzahl positiver Faktoren die Unwegsamkeit des Territoriums neutralisieren. Das Klima ist maritim und mild und die dem Meer zugewendeten Weingärten sind einer fortwährenden Brise ausgesetzt, was Pilzkrankheiten eher selten macht. Die jährliche Durchschnittstemperaturen und Sonnenstunden sind für Weinbau ideal und auch die jährliche Niederschlagsmenge passt.

Schlussendlich spielt dann auch noch die jahrhundertealte Weinbaugeschichte Liguriens eine nicht  unwesentliche Rolle. Weinbau wurde hier immer betrieben und wenn man weiß, wie intensiv viele Italiener lokalen und regionalen Traditionen verbunden sind, versteht man auch, warum zumindest kleine Rebflächen weiterhin im Familienbesitz bleiben.

Gerade einmal 20 Betriebe produzieren in Ligurien mehr als 10000 Liter Wein, der große Rest ist klein bis mikroskopisch organisiert  (86,7% besitzen weniger als 1ha Weingärten – im restlichen Italien sind es immerhin nur 50%). Insgesamt gibt es 8 DOC, wobei alle acht nur lokale Bedeutung haben und ihre Weine vorwiegend in Ligurien selbst konsumiert werden. Der einzige international renommierte Wein Ligurien ist der Sciacchetrà, ein Süßwein, der zwar unfassbar gut sein kann (La Possa) jedoch kaum noch produziert wird. Diese sympathische Abgewandtheit vom globalen Markt zeitigt äußerst positive Folgen: liest man sich beispielsweise den Rebsortenspiegel Ligurien durch fallen vor allem zwei Dinge auf. Es gibt in der ganzen Region gerade einmal zwei Hektar Cabernet und 28 Hektar Merlot. Chardonnay scheint gar nicht auf. Ganz vorne stehen dagegen Vermentino, Bosco, Pigato & Rossese, allesamt Sorten, die entweder aus Ligurien stammen oder dort seit Jahrhunderten beheimatet sind. Zudem führte die Isolation dazu, dass man moderne Vinifikations- oder Weingartenmethoden nur sehr selten übernahm und auch hier auf lange tradiertes Wissen zurückgreift.

Die Weine, die ich aus Ligurien probiert haben, lassen sich an ein paar Händen abzählen. Ein paar herausragende Beispiele (Testalonga, La Possa, Selvdolce) wurden von Weinen ergänzt, die zumindest fast immer Charakter und Trinkfluss hatten und meist von einer intensiven Salzigkeit (Meer? Boden? Beides?) und Kräuternoten (weiß wie rot) getragen waren.

WINZER AUS LIGURIEN (allesamt bio oder biodynamisch)

Antonio Perrino – Testalonga (Dolceacqua)
Maccario Dringenberg (Dolceacqua)
Daniele Pisano (Dolceacqua)
La Possa
Walter de Battè
Le Rocche del Gatto
BioVio
Santa Caterina

antonio perrino

EIN PAAR EMPFEHLUNGEN

WEISS

Antonio Perrino: Testalonga – Bianco
La Felce: Levante Bianco in Origine (mazeriert)
Rocche del Gatto: Spigau Crociata
Walter de Battè: Altrove
Walter de Battè: Harmoge
BioVio: Grand Pere Pigato
Selvadolce: Rucantu Pigato
Selvadolce: VB1 – Vermentino (mazeriert)
La Possa: Schiacchetrà (süß)

ROT

Antonio Perrino: Testalonga – Rossese di Dolceacqua
Maccario Dringenberg: Rossese di Dolceacqua Posau
Danila Pisano: Rossese di Dolceacqua Vigneto Savoia
La Possa: U Neigru
La Felce: Liguria di Levante Rosso Reconteso
BioVio: Bacilò
Selvadolce: RossoSE…

weitere Infos zu Ligurien

In Baone, dort wo die Hänge der Colli Euganei, jener Hügelkette aus 55 kleinen und größeren Vulkanen, langsam in die Pianura Padana übergehen, steht das Anwesen Ca’Orologio. Es ist Agriturismo und Weingut in einem und beide könnte man völlig skrupellos mit einem Potpourri aus Superlativen beschreiben. Der Agriturismo befindet sich in einer der unzähligen venezianischen Villen, von denen es in den Colli mehr gibt als Casinos in Las Vegas. Alles perfekt restauriert und mit einem ausladenden Garten als Hinterhof, der von einem Weingarten abgeschlossen wird, über den man weiter auf den Monte Cecilia sieht. In dessen Kalkböden wurzeln die mitunter besten Weine der Hügel (siehe auch Vignale di Cecilia) und auch Ca’Orologio bewirtschaftet an seinen Hängen ein paar Parzellen.

Ca’Orologio, das ist vor allem Maria Gioia Rossellini. Eigentlich aus Treviso stammend, entwickelte sie schon in jungen Jahren eine Leidenschaft für das Landleben. Sie zog in den 1990er Jahren in die Hügel und nachdem sie die Villa renoviert und den Agriturismo etabliert hatte, begann sie sich zunehmend mit Weinbau zu befassen. Von der erste Sekunde an biologisch wirtschaftend, erschloss sie sich sukzessive die Welt des Weins und setzte sich immer höhere Ziele. Heute träumt sie vom idealen Wein, aus dem man ihre Ideen, das mediterrane Klima, die Vulkane, der Kalk & die Sorte schmecken kann, kurz all das spricht, was sie umgibt und beschäftigt.

Dafür stehen ihr eine Handvoll Rebsorten zur Verfügung, die zwar allesamt seit Jahrhunderten in den Colli Euganei ihre Heimat haben, deren Herkunft allerdings – mit einer Ausnahme – mit völlig anderen Weinbauregionen gleichgesetzt werden. Der Relogio, mit dem sie seit Jahren an ihrem Traum kratzt und der sich längst als einer der bester Rotweine der Colli Euganei und des Veneto etabliert hat, besteht beispielsweise aus gut 80% Carmenere und knapp 20% Cabernet Franc, der Calaone ist eine Cuvèe aus Merlot, Cabernet und einem Schuss Barbera.

Über die Gründe für die Omnipräsenz französischer Sorte scheiden sich die Geister. Die einen meinen, sie wären vor 150 Jahren von italienischen Landarbeitern aus dem Bordeaux mitgebracht worden, andere meinen, dass sie auf der Freundschaft der Conti Corinaldi, den einstigen Besitzern des Castello di Lispida mit Bordelaiser Gutsbesitzern zurückgehen. Fakt ist, dass Merlot heute mit über 500 Hektar Rebfläche quer durch die Hügel,   eindeutig den Ton in den Hügeln angibt.

Zu den internationalen Sorten gesellen sich auch noch Moscato Giallo, die klassische weiße Sorte in den Hügeln und als regionales Aushängeschild Raboso, dessen Etymologie schon das andeutet, was die meisten Rabosos ausmacht. Raboso leitet sich vermutlich von dem Wort rabbioso ab, was wiederum übersetzt wütend, zornig und ungezügelt bedeutet (andere meinen, es stamme von einem gleichnamigen Nebenfluss des Piave, in der Heimatregion des Raboso ab). Grund dafür sind wirklich zupackendes Tannin und eine Säure, die auch Riesling nicht schlecht stehen würde (und vor allem Veltliner). Die Tatsache, dass Maria Gioias neueste Abfüllung aus dem Jahr 2007 stammt, zeigt schon, dass man die Drohung, die dem Namen entspringt, auch bei Ca’Orologio ernst nimmt. Säure und Tannin dominieren dennoch und auch wenn Frucht und florale Noten stützen, ist der Cao definitiv vor allem ein idealer ein Essensbegleiter; ein Wein mit dem man sich alleine schwer tut, der allerdings mit Eselragout und Entenpasta – beides Spezialitäten aus der Ecke – bestens funktioniert.

Vergoren wird spontan und abgesehen vom Salarola, der weißen Cuvèe, die im Edelstahltank ausgebaut wird, landen alle anderen Weine über Jahre hinweg in Holzfässern. Geschönt und gefiltert wird nie, geschwefelt erst am Ende vor der Abfüllung. Gelagert wird übrigens direkt im Agriturismo, in einem Raum der bis obenhin mit Holzfässern angefüllt ist und dessen Organisation eine logistische Meisterleistung darstellt.

Dem Ziel, die 501 Rebsorten, die im Registro nazionale delle varietà di vite verzeichnet sind, allesamt durchzuprobieren, bin ich mit dem Chora von L’Acino gleich drei Schritte nähergerückt: der setzt sich aus Mantonico Bianco, Greco Bianco und Guarnaccia Bianca zusammen, allesamt Sorten, die mir bisher noch nicht untergekommen sind.

L’Acino ist eines jener Projekte, das man selbst dann unterstützen sollte, wenn die Weine nicht so gut wären wie sie es ohnehin sind. Es geht auf die Kappe von drei Freunden, Antonello Canonico, Emilio Di Cianni e Dino Briglio, wurde 2006 ins Leben gerufen und hat sich gleich mehrere Ziele gesteckt. Zum einen geht es den dreien um die Wiederbelebung des kalabresischen Weinbaus, zum anderen – und damit verbunden – um die Renaissance alter autochthoner Sorten. Dafür pachtete man erstmal zwei Weingärten mit roten Sorten in den Bergen nördlich von Cosenza: in einem steht Mantonico (kenne ich nicht), im anderen Magliocco (exzellent). Gewirtschaftet wurde von der ersten Sekunde weg biodynamisch und als man mit dem Terrain vertraut und sich der Herangehensweise  sicher war, kamen auch noch die erwähnten Stöcke Mantonico Bianco, Greco Bianco und Guarnaccia Bianca dazu – daraus entstand dann der Chora.

Der ist geradlinig, knochentrocken und vor allem von mediterranen Kräutern, floralen und Zitrusnoten geprägt. Die Säure kracht und auch der Gerbstoff trägt seinen Part zur Struktur des Weines bei  – das ist ausnahmsweise keiner längeren Mazerazion sondern dem natürlichen Gerbstoffgehalt des Mantonico geschuldet. An Körper mangelt es nicht, ebenso wenig an Energie, Spannung  und Länge. Vergoren wird spontan, ausgebaut in Stahl und Zement, geschönt und gefiltert wird nicht, geschwefelt wird minimal.

Manchmal hilft auch Google nichts. Das beruhigt. Die Eingabe von Col Tamarìe hat zwar ganz exakt beeindruckende 123000 Resultate erbracht, davon sind aber nach Durchblättern der ersten paar Seiten 122999 Seiten völlig belanglos. Auf einer Seite finden sich allerdings ein paar Informationen. Der Col Tamarìe ist ein Frizzante (das wusste ich auch schon – ich hatte ihn im Glas) aus Vittorio Veneto (Kernzone Prosecco). Der Protagonist unter den Rebsorten ist Glera, allerdings unterstützt von gleich vier weiteren Sorten, die man gewöhnlich – wenn man Prosecco und somit Glera trinkt – nicht im Glas hat: Verdiso, Bianchetta, Boschera und Perera. Der Weingarten – seit 2013 bewirtschaftet von  Alberto Dalle Crode (er besitzt einen Hund und einen Traktor – das ist seinem Facebook-Profil zu entnehmen) –  ist 4,5 ha groß und liegt auf 450 Meter auf Moränenböden. Die Bewirtschaftung ist biologisch, die Lese findet im Oktober statt – das der Wein dann trotzdem nur 11,5% Alkohol und eine krachende Säure hat, lässt vermuten, dass er nicht mitten in die Sonne schaut.  Die Trauben bleiben zwei Tage lang in Kontakt mit der Maische und werden dann spontan vergoren. Es wird weder gefiltert noch geschönt auch zu keinem Zeitpunkt geschwefelt. Die Gärung wird in der Flasche zu Ende geführt, degorgiert wird nicht.

Das alles ergibt einen Wein, der alles, was es an Proseccovarianten gibt – mit Ausnahme der großartigen Weine von Costadilà – wegschießt. Die Aromen liegen ganz eindeutig auf der fruchtig/zitronigen Seite, doch kommen auch noch steinige und hefige Aromen dazu. Erfreulich ist aber vor allem der Trinkfluss, die Säure, Lebhaftigkeit, Saftigkeit und sensorische Tiefe, die ihn definitiv zu einem der besten Frizzante aus dem Veneto macht.

Wer ins Veneto kommen sollte und Lust hat, ein paar Flaschen davon zu erstehen, für den gibt es zumindest eine Adresse samt Telefonnummer: Via Castagné 4, 31029 Vittorio Veneto, Tel: +39 393 2814800

Hoch oben in den Hügeln der Nordmaremma, ein paar hundert Meter über Suvereto, einem dieser unzähligen uralten Dörfer, die sich durch die Toskana ziehen, baut Maddalena Pasquetti auf ihrem Weingut I Mandorli eine Handvoll Rebsorten an. Cabernet Sauvignon und Franc im Vigna del Mare, der nicht umsonst diesen Namen trägt und von dem aus man bis nach Elba und weiter ins Meer hinaus sieht. Im Vigna del Sughero, dem Weingarten, der nach den omnipräsenten Steineichen der Umgebung benannt ist, steht ihr Sangiovese, einer der besten italienischen Rotweine südlich des Piemonts. Ein paar Zeilen gehören dem erst vor kurzem gepflanzten Aleatico, dessen erster Jahrgang sich noch im Fass befindet.

In einer kleinen Mulde am Hangfuß, den Blick in die Colli Metalliferi und somit nach Nordosten gerichtet, wächst Maddalenas Vermentino, den sie 2015 zum zweiten Mal gekeltert hat. Die Reben sind erst ein paar Jahre alt, seit jeher biodynamisch bewirtschaftet und auf dem besten Weg es ihrem Sangiovese gleichzutun. Die Aromenvielfalt scheint die sie umgebenden Vegetation miteinzufangen, Blütennoten und mediterrane Kräuter geben den Takt vor, ein paar Zitrusnoten unterstützen und wenn nichts Gröberes passiert, kann man davon ausgehen, dass die Stöcke in den nächsten Jahren immer gehaltvollere und dichtere Versionen ergeben werden. Wobei es schon jetzt dicht und fokussiert zugeht. Die Säure ist für einen Vermentino erstaunlich lebhaft, die Textur geradlinig, der Weg über den Gaumen lang und ohne Schlenker. Ausgebaut wird in Zement, vergoren wird spontan, gefiltert wird nicht, geschwefelt schon – allerdings nicht viel. Ein paar Flaschen davon wären optimal, denn zum einen hat der Wein jetzt schon große Klasse und es spricht absolut nichts dagegen, dass sich diese in den nächsten Jahren noch erhöhen wird.

Im deutschsprachigen Raum ist der Vermentino von I Mandorli bei vinifero in Wien erhältlich.


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