Macea liegt, ziemlich versteckt, an den Ausläufern der Alpi Apuane, die den Norden der Toskana spektakulär in Richtung Ligurien abschließen. Weinbau hat hier keine allzu große Tradition, wobei das nur auf Feinwein zutrifft. Für die eigenen Bedürfnisse wurde hier oben immer Wein gekeltert und wenn dann noch was übrig blieb, fanden sich stets willige Abnehmer in den umliegenden Dörfern. Macea hat sich in den letzten Jahren verdiente Berühmtheit für einen Pinot Nero erarbeitet, der diese Grenzen gesprengt hat und in der Zwischenzeit zu den besten Italiens gezählt wird. Die Rebstöcke dafür wurzeln in einem freistehenden Hügel, der wie eine Mischung aus einem zugewucherten aztekischen Tempel und dem Turm zu Babel aussieht – unten bestockt mit Pinot Grigio, oben, dort wo es kühler und windiger ist, mit Pinot Nero.

Seit 15 Jahren steht Cipriano Barsanti fast täglich in diesen Parzellen, die auf einer ganzen Menge Schiefer und eisenhaltigem Sandstein basieren. Durch die Berge vor nördlichen Winden geschützt, ist es vor allem der mediterrane Einfluss, der wie durch eine Schneise, das Flusstal des Serchio hinauf, das Klima prägt und Weinbau erst möglich macht.

Warme Jahrgänge sind trotzdem kein Nachteil. Mangelnde Säure und damit eine leblose und schlaffe Textur ist dank der eminenten Tag-Nacht Unterschiede selten ein Problem. Weder beim Pinot Noir noch bei seinem Verwandten, dem Pinot Grigio, der in anderen Breitengraden immer wieder mit seiner plumpen Struktur zu kämpfen hat. Der Steilheit des Hügels kontert Cipriano (gemeinsam mit seinem Bruder Antonio) mit konsequenter Handarbeit. Einen Traktor gibt es nicht und aufgrund des Geländes würde er auch keinen Sinn machen. Die Bewirtschaftung ist seit 2003 inoffiziell biodynamisch, seit 2010 offiziell biologisch und seit kurzem befindet man sich auch im Umstellungsprozess bei Demeter.

Das Weingut selbst befindet sich über dem Pinot Noir-Hügel. Direkt hinter dem Gebäude öffnet sich dann ein zweiter Weingarten. Auf einem kleinen Hochplateau gelegen, wächst hier neben ein paar Parzellen mehr Pinot Nero auch Sauvignon Blanc, den er in mengenmäßig guten Jahren separat ausbaut und ansonsten gemeinsam mit dem Pinot Grigio. Es gibt aber auch autochthone Sorten – Malvasia, Montanina, Bracciola, Tanè & Ciliegiolo – aus denen allerdings erst in naher Zukunft wieder Wein gekeltert wird.

Der Keller ist – wie nicht anders zu erwarten war – spartanisch. „Und ohnehin so klein, dass kein Platz für größere Geräte wäre“. Die gebrauchten Barriquefässer sind an drei Händen abzählbar. Dazu kommt ein neues 500 Liter Fass. Insgesamt hat er Platz für knapp 5000 Liter und mehr wird es auch nie. Weniger dagegen schon. Hagel ist ein Problem. Peronospora ebenfalls. Und letztlich geben zwei Hektar Wein unter teils extremen Bedingungen einfach auch nicht mehr her.

Gekeltert wird so, wie man es bei ernsthaften Naturweinwinzern gewohnt ist. Es wird spontan vergoren, der Ausbau erfolgt beim Bianco über ein Jahr im Holzfass, beim Pinot Nero sind es zwei. Gefiltert und geschönt wird nicht, geschwefelt wird einmal vor dem Füllen. Die Stilistik ist puristisch, streng, kühl, die Textur ist geradlinig und geht vertikal in Richtung Gaumen, die Aromen sind beim Pinot erdig und doch auch ordentlich fruchtunterlegt, beim Bianco wird sind es vor allem Kräuter, rote Beeren und Zitrusfrüchte, die den Ton angeben.

ps: Cipriano vermietet auch drei Zimmer – abgeschieden und ruhig kann man von Macea aus zum einen bestens in die Garfagnana aufbrechen zum anderen sind auch Lucca, Pisa und das Meer nicht weit.

Handwerk in Hanglage

Die Grabenwerkstatt ist das jüngste Projekt in der österreichischen Weinbauszene. Und eines der spannendsten. In den extremsten Lagen des Spitzer Grabens versuchen Michael Linke und Franz Hofbauer der Essenz ihrer Weingärten auf den Grund zu gehen. Mit bloßen Händen und im Schweiße ihres Angesichts.

Hoch oben in den Hängen des Trennings, der höchsten Weinriede der Wachau, erzählt Michael Linke, dass die Idee für die Grabenwerkstatt erstmals in Neuseeland konkrete Form angenommen hätte. „Bei Pyramid Valley Vineyards“, ergänzt Franz Hofbauer. Auf dem längst zu Kultstatus gekommen Weingut auf Neuseelands Südinsel, erlebten die beiden 2013 ihren kathartischen Moment – jene wunderbaren Minuten und Stunden, in denen man schlagartig weiß, was die Zukunft bringen soll. Nach Monaten in einem Campervan, mit dem sie quer durch die Weiten Australiens gefahren waren, brauchten die beiden Geld und Abwechslung, setzten nach Neuseeland über und heuerten bei Claudia und Mike Elze Weersing an, die zwar mit viel Erfahrung doch unbeschwert vom Ballast önologischer Lehrmeinungen „ihr Ding durchzogen“: biodynamische Prinzipien spielen dabei genauso eine Rolle wie die akribische Auseinandersetzung mit jedem einzelnen Rebstock, Handarbeit und dem Versuch, dem Geist des Ortes auf die Spur zu kommen.

Michael Linke

Michael Linke

Zurück in Österreich machten sich die beiden auf die Suche nach geeigneten Weingärten. Von Anfang galt dem Spitzer Graben ihre ganze Aufmerksamkeit und dort wurden sie auch fündig. Das wild abfallende und wenig bekannte Seitental der Wachau genießt in der Region eine ambivalente Reputation. Zum einen ist man sich allgemein einig, dass von seinen Terrassen die mitunter besten und originellsten Weine der Wachau stammen – geradlinig, mineralisch und straff und von den kühlen Einflüssen des Waldviertels geprägt. Zum anderen sind die Hänge schwer zu bewirtschaften, es gibt kaum Zufahrtswege, die Böden sind steinig und karg und die Arbeit ist hart. Alte Weinbauern suchen nach Nachfolgern, die sie nur selten finden. Terrassen wuchern zu und innerhalb weniger Jahre gehen einst dicht bestockte Rieden verloren.

Optimales Territorium für Quereinsteiger. Zwar waren beiden davor im Weinsektor tätig, eigenen Wein produzierten allerdings weder Franz noch Michael. Das sollte sich ändern. Mit der Hilfe von Sepp Högl, einem Urgestein des lokalen Weinbaus, orteten sie geeignete Rieden. Erst in der Schön, einer tiefgründigen, von Paragneis durchsetzten Lage wo sie erst acht völlig verwilderte Terrassen von Gestrüpp und Bäumen befreiten und daraufhin Veltliner hineinsetzten. Später in der Brandstatt, wo sie Veltlinerstöcke in Pacht nahmen, deren Pflanzdatum in die Kindheit der betagten Eigentümer zurückreicht. Und am Kalkofen, einem Steilhang, der seinem Namen alle Ehre macht. Die Hitze, meint Franz, sei teilweise unerträglich und helle Einsprengsel finden sich tatsächlich in beträchtlichen Mengen. In den zwei Weingärten, die sie dort bewirtschaften, treffen die Rieslingstöcke oft direkt auf blanken Fels. Bewässerung gibt es keine. Veltliner, erzählt Michael, würde angesichts der natürlichen Voraussetzungen in unserem Teil des Kalkofens nur schwer überleben.

Extreme Voraussetzungen, die allerdings auch immenses Potenzial in sich bergen. Um die ganze Substanz ihrer Rieden auszuloten, arbeiten die beiden einzig mit Kupfer, Schwefel und biodynamischen Präparaten. Sie setzen auf die nachhaltige Pflege ihrer Reben und Weingärten, auf Innovationsgeist und Experimente. Um die Böden im Kalkofen mit ausreichend Nährstoffen zu versorgen, planen die beiden in einer alten, sich im Hang befindlichen Hütte, in nächster Zeit flüssigen Kompost herstellen. „CPP, cow pat pit, haben wir in Neuseeland erstmals gemixt. Er basiert auf biodynamischen Fundamenten und hat den großen Vorteil, dass man ihn in den Garten sprühen kann und nicht manuell ausbringen muss.“ Eine Methode, die in den engen Rebreihen und steilen Terrassen des Kalkofens Sinn macht, die aber auch am Trenning, der spektakulären Unbekannten der Wachauer Weinlagen, Anwendung findet.

Franz Hofbauer

Franz Hofbauer

Der Trenning schließt die Wachau monumental zum Waldviertel hin ab und trägt auch schon Züge der nördlich angrenzenden Region. Seine Weingärten ziehen sich auf bis zu 550 Meter hoch. Würde er nicht in Richtung Süden schauen, gäbe es auf ihm keinen Weinbau. Das Wetter kann rau, kalt und windig sein, ist dabei aber doch relativ trocken. Die Böden sind einmalige und einzigartige Mosaiksteine im geologischen Spektrum der Wachau: „Als wir hier oben unsere ersten Rieslingstöcke in die Erde setzten, stießen wir ständig auf tiefschwarze Stellen im Oberboden, erzählt Franz. „Graphit“, erklärt Michael. Und zwar so viel davon, dass man ihn bis vor einigen Jahrzehnten systematisch am Bergrücken des Trennings abbaute und zu Schreibstiften, Dachpappe und Schmelztiegeln verarbeitete. Heute liefert er im Verbund mit Gneis und Kalk den originären Untergrund für junge Rieslingstöcke, deren Trauben – wenn alles gut geht – erstmals 2017 vinifiziert werden.

Es ging nicht immer alles gut, seit sie 2014 mit der Grabenwerkstatt loslegten. „Der erste Jahrgang war unser Gesellenstück in der Bewältigung fortwährender Desaster. Anfangs hatten wir Trockenstress. Danach setzte dann glücklicherweise Regen ein, der unglücklicherweise nicht mehr aufhörte. Die Trauben faulten uns unter den Händen weg. Am Ende standen wir mit 30 Litern Veltlinern und ein paar Litern mehr an Riesling da.“ Sie ließen sich davon nicht aus der Bahn werfen. Im Gegenteil. Das Jahr wurde im Erfahrungsfundus der beiden abgespeichert und da sie mit knapp 120 Litern Wein ohnehin nicht die große Weinbühne betreten konnten, experimentierten sie im Weinkeller gleichmal mit Maischegärung und Nullschwefelung. Die Resultate waren saftig, dicht und profund.

Am Trenning pfeift der Wind durch die Weingärten, während Michael ein paar Blätter von den Rieslingstöcken zupft. „Wir haben keinen Traktor und wollen auch keinen – selbst dann, wenn wir ihn uns leisten könnten.“ Traktoren verdichten die Böden. Genau darin steckt allerdings das ganze Potenzial der Wachau. „Wir arbeiten per Hand, mit Schubkarren und Hacken.“ Das mag aufwendig sein, es lohnt sich aber auch. Das Minimum an Technik substituieren sie durch die Familie. Ohne die, das wissen die beiden, würde vieles Schwieriger sein. Im letzten Sommer, als die Sonne sukzessive den Jungreben am Trenning das Leben zur Hölle machte, karrten sie mit Eltern, Geschwister und Freundinnen das Wasser in Kübeln zu den Pflanzen. Wann immer möglich versuchen sie auf die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Rebstöcke einzugehen und sukzessive ihre Eigenheiten kennenzulernen. Sie suchen in kühlen Parzellen Bodennähe, um den Reben zusätzliche Wärme zu bieten. Arbeiten akribisch an den Laubwänden, um für entsprechende Durchlüftung zu sorgen. Alte Weingärten sind ganzjährig begrünt, in den jungen Anlagen bereichern zumindest den Winter über zusätzliche Pflanzen das Bodenleben. Und sie lesen exakt dann, wenn die Trauben reif sind. Nicht früher aber eben auch nicht später.

Den Rest erledigen wilde Hefen, Heizdecken und die Zeit. Alle ihre Weine werden spontan  vergoren. Sie wärmen den Most mit Heizdecken, damit die Gärung in Schwung kommt. Sie riechen täglich am Wein, folgen seiner Entwicklung und achten auch während der Gärung exakt auf die Temperaturen, wobei wir durchaus Temperaturen bis zu 24°C akzeptieren. Fertig vergoren, bleiben unsere Weine auf der Hefe in Stahltanks – ein Kompromiss, der einzige. Holz wäre ihnen lieber, doch da wir in einer Garage arbeiten, fehlt zum einen der Platz und gelegentlich lassen sie auch ökonomische Vernunft walten „Im Tank bleiben die Weine so lange, bis sie ihr natürliches Gleichgewicht gefunden haben.“ Das hängt ganz entscheidend vom Jahrgang ab und kann folglich von Jahr zu Jahr variieren. Sie schönen und filtern nicht und lassen die Finger von potenziellen Eingriffen. Einzig vor der Flaschenfüllung geben sie Sulfite bei.

Gepresst wird zur Zeit noch bei Freunden, vinifiziert und gelagert werden die Weine in der Garage von Franz Hofbauers Eltern. Kein idealer Zustand. Der Qualität der Weine tun die logistischen Schwierigkeiten allerdings keinen Abbruch. Seit wenigen Wochen gibt es nun erstmals drei ihrer Weine zu probieren. Der Grüne Veltliner unter dem Namen Grabenwerk basiert teils auf Vorlesen, teils auf alten Rebstöcken aus mikroskopischen Parzellen, die man nicht gesondert abfüllen will. Er wirkt ausgewogen, druckvoll, geradlinig und dicht, mal fruchtbetont, mal kühl und kräuterig – je nach Rebsorte. Die beiden Lagenweine aus dem Kalkofen und der Brandstatt zollen ihren geologischen und klimatischen Voraussetzungen Tribut und erzählen vielstimmig und lebendig von ihren natürlichen Voraussetzungen. Der Rest ist nahe Zukunft. Und die verspricht in den hintersten und wildesten Weingärten des Spitzer Grabens ordentlich spannend zu werden.

Wer mehr über die Grabenwerksstatt wissen will, kann sich auf  www.grabenwerkstatt.at weiter informieren. Und wer die Weine der Grabenwerkstatt kaufen will, kann sich unter weingut@grabenwerkstatt direkt an die beiden wenden oder in der Vinothek Fohringer in Spitz oder online vorbeischauen

Ligurien ist selbst für bestens informierte Weintrinker fast immer Terra Incognita. Die Fachliteratur schweigt, in den Weinjournalen sucht man meist vergeblich nach Artikeln und im Handel und in der Gastronomie stolpert man nur selten über Weine aus der Ecke im Nordwesten Italiens. Die Rebfläche Liguriens sinkt seit Jahren, sodass heute gerade einmal 2000 Hektar übriggeblieben sind – für italienische Verhältnisse ist das so gut wie nichts und einzig im Aostatal wird weniger Wein produziert.

Mit dürftigen Qualitäten hat das allerdings wenig zu tun. Im Gegenteil. Was teils aus Dolceacqua oder den Cinque Terre kommt – um die beiden berühmtesten Appellationen Liguriens zu nennen – ist weiß wie rot mitunter erstaunlich (die Meinung, dass der Rossese di Dolceacqua von Antonio Perrinos Weingut Testalonga zu den besten und elegantesten Rotweinen Italiens zählt, vertrete nicht nur ich). Es hängt vielmehr ganz entscheidend mit den Produktionsbedingungen zusammen, die quer durch Ligurien mühsam, schwierig und extrem aufwendig sind. Die Hänge, auf denen in oft mikroskopischen Terrassen Weinbau betrieben wird, sind meist nur zu Fuß erreichbar, auf besonders steil abfallenden Felsen (und Felsen sind es nicht selten), greift man auch auf Seilzüge und Leitern zurück. Keine idealen Bedingungen und auch keine, die in irgendeiner Form modernisierbar wären. Weinbau in Ligurien ist Kulturarbeit im wahrsten Sinne des Wortes, eine fortwährende Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur, in der nicht selten die Natur die Oberhand behält. Hinzu kommt ein über die letzten Jahrzehnten zunehmend wachsender Tourismus, der stets neue Einnahmequellen ermöglicht und eine zwar nicht stressfreie aber immerhin weniger mühselige und kraftraubende Alternative darstellt.

Ligurien besteht, technisch besehen, aus 65,1% Bergen und 34% Hügeln. Die restlichen 0,9% sind Strände und Straßen, die Glashäuser von San Remo und der Hafen von Genua (an der westlichen Peripherie aber noch im Stadtgebiet gibt es übrigens einen der wenigen urbanen Weinberge Italiens).

Dass nichts desto trotz überhaupt weiterhin Wein angebaut wird, hat vor allem damit zu tun, dass eine Anzahl positiver Faktoren die Unwegsamkeit des Territoriums neutralisieren. Das Klima ist maritim und mild und die dem Meer zugewendeten Weingärten sind einer fortwährenden Brise ausgesetzt, was Pilzkrankheiten eher selten macht. Die jährliche Durchschnittstemperaturen und Sonnenstunden sind für Weinbau ideal und auch die jährliche Niederschlagsmenge passt.

Schlussendlich spielt dann auch noch die jahrhundertealte Weinbaugeschichte Liguriens eine nicht  unwesentliche Rolle. Weinbau wurde hier immer betrieben und wenn man weiß, wie intensiv viele Italiener lokalen und regionalen Traditionen verbunden sind, versteht man auch, warum zumindest kleine Rebflächen weiterhin im Familienbesitz bleiben.

Gerade einmal 20 Betriebe produzieren in Ligurien mehr als 10000 Liter Wein, der große Rest ist klein bis mikroskopisch organisiert  (86,7% besitzen weniger als 1ha Weingärten – im restlichen Italien sind es immerhin nur 50%). Insgesamt gibt es 8 DOC, wobei alle acht nur lokale Bedeutung haben und ihre Weine vorwiegend in Ligurien selbst konsumiert werden. Der einzige international renommierte Wein Ligurien ist der Sciacchetrà, ein Süßwein, der zwar unfassbar gut sein kann (La Possa) jedoch kaum noch produziert wird. Diese sympathische Abgewandtheit vom globalen Markt zeitigt äußerst positive Folgen: liest man sich beispielsweise den Rebsortenspiegel Ligurien durch fallen vor allem zwei Dinge auf. Es gibt in der ganzen Region gerade einmal zwei Hektar Cabernet und 28 Hektar Merlot. Chardonnay scheint gar nicht auf. Ganz vorne stehen dagegen Vermentino, Bosco, Pigato & Rossese, allesamt Sorten, die entweder aus Ligurien stammen oder dort seit Jahrhunderten beheimatet sind. Zudem führte die Isolation dazu, dass man moderne Vinifikations- oder Weingartenmethoden nur sehr selten übernahm und auch hier auf lange tradiertes Wissen zurückgreift.

Die Weine, die ich aus Ligurien probiert haben, lassen sich an ein paar Händen abzählen. Ein paar herausragende Beispiele (Testalonga, La Possa, Selvdolce) wurden von Weinen ergänzt, die zumindest fast immer Charakter und Trinkfluss hatten und meist von einer intensiven Salzigkeit (Meer? Boden? Beides?) und Kräuternoten (weiß wie rot) getragen waren.

WINZER AUS LIGURIEN (allesamt bio oder biodynamisch)

Antonio Perrino – Testalonga (Dolceacqua)
Maccario Dringenberg (Dolceacqua)
Daniele Pisano (Dolceacqua)
La Possa
Walter de Battè
Le Rocche del Gatto
BioVio
Santa Caterina

antonio perrino

EIN PAAR EMPFEHLUNGEN

WEISS

Antonio Perrino: Testalonga – Bianco
La Felce: Levante Bianco in Origine (mazeriert)
Rocche del Gatto: Spigau Crociata
Walter de Battè: Altrove
Walter de Battè: Harmoge
BioVio: Grand Pere Pigato
Selvadolce: Rucantu Pigato
Selvadolce: VB1 – Vermentino (mazeriert)
La Possa: Schiacchetrà (süß)

ROT

Antonio Perrino: Testalonga – Rossese di Dolceacqua
Maccario Dringenberg: Rossese di Dolceacqua Posau
Danila Pisano: Rossese di Dolceacqua Vigneto Savoia
La Possa: U Neigru
La Felce: Liguria di Levante Rosso Reconteso
BioVio: Bacilò
Selvadolce: RossoSE…

weitere Infos zu Ligurien

In Baone, dort wo die Hänge der Colli Euganei, jener Hügelkette aus 55 kleinen und größeren Vulkanen, langsam in die Pianura Padana übergehen, steht das Anwesen Ca’Orologio. Es ist Agriturismo und Weingut in einem und beide könnte man völlig skrupellos mit einem Potpourri aus Superlativen beschreiben. Der Agriturismo befindet sich in einer der unzähligen venezianischen Villen, von denen es in den Colli mehr gibt als Casinos in Las Vegas. Alles perfekt restauriert und mit einem ausladenden Garten als Hinterhof, der von einem Weingarten abgeschlossen wird, über den man weiter auf den Monte Cecilia sieht. In dessen Kalkböden wurzeln die mitunter besten Weine der Hügel (siehe auch Vignale di Cecilia) und auch Ca’Orologio bewirtschaftet an seinen Hängen ein paar Parzellen.

Ca’Orologio, das ist vor allem Maria Gioia Rossellini. Eigentlich aus Treviso stammend, entwickelte sie schon in jungen Jahren eine Leidenschaft für das Landleben. Sie zog in den 1990er Jahren in die Hügel und nachdem sie die Villa renoviert und den Agriturismo etabliert hatte, begann sie sich zunehmend mit Weinbau zu befassen. Von der erste Sekunde an biologisch wirtschaftend, erschloss sie sich sukzessive die Welt des Weins und setzte sich immer höhere Ziele. Heute träumt sie vom idealen Wein, aus dem man ihre Ideen, das mediterrane Klima, die Vulkane, der Kalk & die Sorte schmecken kann, kurz all das spricht, was sie umgibt und beschäftigt.

Dafür stehen ihr eine Handvoll Rebsorten zur Verfügung, die zwar allesamt seit Jahrhunderten in den Colli Euganei ihre Heimat haben, deren Herkunft allerdings – mit einer Ausnahme – mit völlig anderen Weinbauregionen gleichgesetzt werden. Der Relogio, mit dem sie seit Jahren an ihrem Traum kratzt und der sich längst als einer der bester Rotweine der Colli Euganei und des Veneto etabliert hat, besteht beispielsweise aus gut 80% Carmenere und knapp 20% Cabernet Franc, der Calaone ist eine Cuvèe aus Merlot, Cabernet und einem Schuss Barbera.

Über die Gründe für die Omnipräsenz französischer Sorte scheiden sich die Geister. Die einen meinen, sie wären vor 150 Jahren von italienischen Landarbeitern aus dem Bordeaux mitgebracht worden, andere meinen, dass sie auf der Freundschaft der Conti Corinaldi, den einstigen Besitzern des Castello di Lispida mit Bordelaiser Gutsbesitzern zurückgehen. Fakt ist, dass Merlot heute mit über 500 Hektar Rebfläche quer durch die Hügel,   eindeutig den Ton in den Hügeln angibt.

Zu den internationalen Sorten gesellen sich auch noch Moscato Giallo, die klassische weiße Sorte in den Hügeln und als regionales Aushängeschild Raboso, dessen Etymologie schon das andeutet, was die meisten Rabosos ausmacht. Raboso leitet sich vermutlich von dem Wort rabbioso ab, was wiederum übersetzt wütend, zornig und ungezügelt bedeutet (andere meinen, es stamme von einem gleichnamigen Nebenfluss des Piave, in der Heimatregion des Raboso ab). Grund dafür sind wirklich zupackendes Tannin und eine Säure, die auch Riesling nicht schlecht stehen würde (und vor allem Veltliner). Die Tatsache, dass Maria Gioias neueste Abfüllung aus dem Jahr 2007 stammt, zeigt schon, dass man die Drohung, die dem Namen entspringt, auch bei Ca’Orologio ernst nimmt. Säure und Tannin dominieren dennoch und auch wenn Frucht und florale Noten stützen, ist der Cao definitiv vor allem ein idealer ein Essensbegleiter; ein Wein mit dem man sich alleine schwer tut, der allerdings mit Eselragout und Entenpasta – beides Spezialitäten aus der Ecke – bestens funktioniert.

Vergoren wird spontan und abgesehen vom Salarola, der weißen Cuvèe, die im Edelstahltank ausgebaut wird, landen alle anderen Weine über Jahre hinweg in Holzfässern. Geschönt und gefiltert wird nie, geschwefelt erst am Ende vor der Abfüllung. Gelagert wird übrigens direkt im Agriturismo, in einem Raum der bis obenhin mit Holzfässern angefüllt ist und dessen Organisation eine logistische Meisterleistung darstellt.

Dem Ziel, die 501 Rebsorten, die im Registro nazionale delle varietà di vite verzeichnet sind, allesamt durchzuprobieren, bin ich mit dem Chora von L’Acino gleich drei Schritte nähergerückt: der setzt sich aus Mantonico Bianco, Greco Bianco und Guarnaccia Bianca zusammen, allesamt Sorten, die mir bisher noch nicht untergekommen sind.

L’Acino ist eines jener Projekte, das man selbst dann unterstützen sollte, wenn die Weine nicht so gut wären wie sie es ohnehin sind. Es geht auf die Kappe von drei Freunden, Antonello Canonico, Emilio Di Cianni e Dino Briglio, wurde 2006 ins Leben gerufen und hat sich gleich mehrere Ziele gesteckt. Zum einen geht es den dreien um die Wiederbelebung des kalabresischen Weinbaus, zum anderen – und damit verbunden – um die Renaissance alter autochthoner Sorten. Dafür pachtete man erstmal zwei Weingärten mit roten Sorten in den Bergen nördlich von Cosenza: in einem steht Mantonico (kenne ich nicht), im anderen Magliocco (exzellent). Gewirtschaftet wurde von der ersten Sekunde weg biodynamisch und als man mit dem Terrain vertraut und sich der Herangehensweise  sicher war, kamen auch noch die erwähnten Stöcke Mantonico Bianco, Greco Bianco und Guarnaccia Bianca dazu – daraus entstand dann der Chora.

Der ist geradlinig, knochentrocken und vor allem von mediterranen Kräutern, floralen und Zitrusnoten geprägt. Die Säure kracht und auch der Gerbstoff trägt seinen Part zur Struktur des Weines bei  – das ist ausnahmsweise keiner längeren Mazerazion sondern dem natürlichen Gerbstoffgehalt des Mantonico geschuldet. An Körper mangelt es nicht, ebenso wenig an Energie, Spannung  und Länge. Vergoren wird spontan, ausgebaut in Stahl und Zement, geschönt und gefiltert wird nicht, geschwefelt wird minimal.


1 2 3 4 12