Jörg Bretz Weißburgunder 2000 ungeschwefelt & 2007

Jörg Bretz: ungeschwefelter WeißburgunderJörg ist ein Apologet der Langsamkeit. Die dabei gewonnene Zeit nutzt er bisweilen, um in Stein gemeißelte önologische Wahrheiten zu hinterfragen und wenn nötig zu demontieren. Das passiert auch nicht zwingend von einem Tag auf den anderen und manchmal lässt er auch 15 Jahre vergehen, um festgefahrene Dogmen nicht nur zu unterminieren sondern gleich wegzusprengen. So geschehen eben in besagtem September. Eingeschenkt wurde eine reichlich goldene Flüssigkeit, was prinzipiell schon mal ganz spannend ist, richtig interessant wurde es allerdings als wir (drei Winzer, ein Händler & ich) die Nase reinhängten und so gewichtige Dinge wie lebendig, jung, sauber… ja schon, sauber, lebendig, saftig, frisch… hefig, Kräuter, offen… immer offener… kühl… schöne Spannung, macht ordentlich Dampf… krieg ich noch was, und was ist das… uswusw… von uns gaben. Jörg meinte kryptisch, dass es ein Wein wäre, den es eigentlich nicht geben dürfte, was unsere Aufgabe, draufzukommen, was wir da eigentlich im Glas hatten, nicht zwingend erleichterte. Er lüftete letztlich selbst das Geheimnis und erklärte, dass wir es mit einem ungeschwefelten Weißburgunder aus dem Jahr 2000 zu tun hätten, der die Zeichen der Zeit so unbeschadet weggesteckt hatte wie Muhammed Ali die Schläge von George Foreman im Rumble in the Jungle (hier nochmals anzuschauen). So viel zu der Behauptung, dass ungeschwefelter Wein nicht reifen kann.
 

HP HARRERS WEINE: kurz & bündig

Im Keller

Im Keller

Welschriesling: Wenn schon ein frischer und im modernen Sinne klassischer Welschriesling, dann so einer (es gibt ja auch diejenigen, die versuchen, dem Wesen des Welschrieslings durch Maischegärung, langen Hefekontakt und Holzausbau auf die Spur zu kommen auf die Spur zu kommen und das ganze Potenzial der Sorte aufzudecken. HP Harrer hat andere Intentionen). Lebendig & leicht allerdings ohne Restzuckerkonzessionen an den Terrassenweintrinker. Ein Welschriesling mit der dezidierten Idee ein Sommerwein zu sein, doch einer, der animierend und geradlinig in Richtung Gaumen aufbricht und dort seine ganze Substanz und Vitalität preisgibt. Trocken, offen, saftig und präzis – wer danach sucht, findet vor allem Kräuter- und Apfelaromen. Spontan vergoren, Hefekontakt bis zur Füllung. Gemeinsam mit dem Rosè, der durch einen Filter läuft… weiterlesen

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BEST OF PRÜFNUMMERFREI

1. Karl Schnabel: Sausal 2014
2. Michael Andert: Ruländer 2012
3. Gut Oggau: Timotheus 2013

Ein paar Handlungsanweisungen

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEs macht Sinn reduktiv ausgebaute Weine (schwefelfreie Weine) ein paar Stunden/Tage vor dem Konsum zu öffnen. Was oftmals schlagartig als Fehlton ausgemacht wird, verzieht sich meist nach ein/zwei Stunden. Danach wird es dafür umso interessanter. Es ist aus vielfacher Erfahrungen heraus zudem keine Problem die meisten Weine für eine Woche oder mehr geöffnet (und zugekorkt) im Kühlschrank aufzubewahren.

Nicht jeder orange Wein schmeckt gleich! Dieses Pauschalurteil beruht auf Ignoranz? Verständnislosigkeit? Desinteresse?! Warum sollte er auch gleich schmecken? Auch bei orangen Weinen spielt der Boden eine Rolle, die Rebsorte, die Konsistenz und Intensität der Traubenhäute, der Ausbau und die diversen Interventionsabsichten der Winzer. Man sollte allerdings nicht den Fehler begehen, orange Interpretationen diverser Rebsorten mit denen weißen Versionen zu vergleichen. Man vergleicht ja auch nicht einen Cabernet-Rosé mit seiner roten Variante.

Amphorenweine können zuweilen im ersten Jahr eher blass und leise wirken. Geduld tut gut. Man muss allerdings nicht wie im Bordeaux 30 Jahre warten bis es irgendwann Spaß macht den Wein zu trinken, zwei bis drei Jahren tun allerdings manchmal ganz gut.

Weine, die mit minimaler und respektvoller Intervention im Weingarten und Keller hergestellt wurden, sind energetischer, bekömmlicher, dynamischer  und lebendiger und bessere Repräsentanten ihrer natuerlichen Umgebung.

Maischevergorene Weißweine sind oftmals brilliante Essensbegleiter. Sie offerieren immer wieder die perfekte Alternative zu weiß oder rot. Deswegen gebe ich diesbezüglich auch gelegentlich ein paar Empfehlungen ab.

Der Winzer ist wichtiger als alles andere. Es gibt Weinbauern, die es kontinuierlich schaffen aus Welschriesling oder Zweigelt große Weine zu keltern. Ihnen gilt mein ganzes Vertrauen.

Weingut Werlisch: Ex Vero III

Cold Facts

Lage/Böden: Opok (Kalkmergel)
Rebsorte: Chardonnay, Sauvignon Blanc,
Mazeration: nein
Hefen: wilde
Gärung: ohne Temperaturkontrolle
Ausbau: über drei Jahre in großen Holzfässern
Schönung: nein
SO₂ total: < 30mg/l
Gefiltert: nein
Alkohol: 13,5%

Dichtung: Die Aromen werden via Luftkontakt über Minuten freigesetzt und durchlaufen ein vielschichtiges Spektrum, das von Steinobst über feine rotbeerige Noten, bis zu Nuss- und Blütenaromen einen breiten Bogen schlägt. Am Gaumen wird dem komplexen sensorischen Spiel kein Ende gesetzt – Säure und Gerbstoff geben einen Extrakick, die Textur ist saftig und druckvoll, der Trinkfluss tipptopp und der Abgang zieht sich glücklicherweise…. weitere Weißweine

Wahrheit: Der Ex Vero III ist ein Monument und zwar von seiner Geburtsstunde im Jahr 2006 weg (fast alle Jahrgänge gibt es zurückreichend auch noch ab-Hof und in diversen Shops). Damals entschied sich Ewald Tscheppe für einen gewagten Schritt, nämlich die stets reinsortig vinifizierende Steiermark, um eine Cuvée zu erweitern. Sauvignon & Chardonnay wirken dabei so stilsicher und cool wie Bogart & Bacall in The Big Sleep. Die Rebstöcke stehen in den mitunter steilsten Stellen des Langeggs, Ewalds beeindruckdendem Berg und wurzeln dort in kargen Opokböden. Dort oben weht auch ständig der Wind, ein zusätzlicher Faktor, der den Weinen Frische und Lebendigkeit mitgibt. Die Bewirtschaftung ist biodynamisch. Im Keller werden die beiden Sorten separat spontan vergoren und interventionsfrei in meist gebrauchten Holzfässern ausgebaut. Nach der Cuvetierung reifen beiden zusammen für ein weiteres Jahr. Gefiltert wird nicht, geschönt erst recht nicht, die Schwefelungen sind mikroskopisch und werden zudem von Jahr zu Jahr weniger.

Weingut Muster Zweigelt Graf (2008)

Cold Facts

Lage/Böden: Graf/Opok (Kalkmergel)
Rebsorte: Zweigelt
Mazeration: ja, ca. 3 Wochen
Hefen: wilde
Gärung: ohne Temperaturkontrolle
Ausbau: in großen Holzfässern
Schönung: nein
SO₂ total: nicht hinzugefügt (2008)
Gefiltert: nein
Alkohol: 12,5%

Dichtung: fleischig, saftig und dunkel wie die Nacht – auch in der Nase, Pfeffer, Brombeeren und Mineralik und das ist nur der Anfang. Am Gaumen geht es strukturiert und druckvoll weiter, die Textur ist kühl und einladend, der Trinkfluss ist geradlinig und stringent, der Gerbstoff ist präsent, obschon eingebettet in einen durchaus samtigen Körper. Kraftvoll, würzig, dicht, elegant und langlebig.
weitere Rotweine…

Wahrheit: Definitiv einer der besten Zweigelt des Globus und also Österreichs. Der Graf ist so gestrickt, dass er, ähnlich wie sein kleiner Bruder vom Opok, gnadenlos Weltbilder zum Einstürzen bringt. Sepp Muster hebt Zweigelt auf ein Niveau, das selbst von den besten Blaufränkern kaum erreicht wird. Die Gründe dafür sind vielfältig, können aber eventuell unter folgenden Punkten subsummiert werden: alte Rebstöcke, biodynamische Bewirtschaftung, klimatische Randposition mit kühlen Einflüssen von der Koralpe, ideale Bodenstruktur (Opok), gesundes Traubenmaterial, minimalste Interventionen im Keller und ein brillanter Winzer, der egal, ob er es mit Welschriesling, Blauem Wildbacher oder eben Zweigelt zu tun hat, das Optimum aus den Beeren holt. Die werden wie immer spontan vergoren, nach ca. 3 Wochen Maischestandzeit sanft abgepresst und quasi unbehandelt (Minimalschwefelung, wenn überhaupt) nach zwei 2-4 Jahren im Holzfass ungefiltert abgefüllt.

Judith Beck: Chardonnay Bambule 2011

Dichtung: reife, gelbe Frucht, Tee- und Kräuternoten, kompakt, stoffig, substantiell, konzentriert und elegant, jung, perfekte Balance (Säure/Körper), gewinnt (an Aromakomplexität) mit jeder Minute im Glas, ergo: Luft und ein wenig Geduld tun gut

Cold Facts

Lage/Böden: Sand auf Schotter, Seewinkel
Rebsorte: Chardonnay
Ertrag: 2000kg/ha
Mazeration: ja, 3 Wochen auf der Maische
Hefen: wilde
Gärung: ohne Temperaturkontrolle
Ausbau: 22 Monate in gebrauchten Barriques auf der Hefe
Schönung: nein
SO₂ total:
Gefiltert: nein

Wahrheit: Bambule ist ein interessantes und vielfältiges Wort: 1. Ein Soziolekt aus der deutschen Kleinkriminellensprache, der das protestierende Trommeln auf allen möglichen Gegenständen innerhalb eines Gefängnisses bezeichnet. 2. Ein heute noch praktizierter Tanz auf Guadeloupe und in Louisiana mit afrikanischen Wurzeln. 3. Ein Form des Protests in Erziehungsheimen. 4. Ein Krawall. 5. Ein Fernsehfilm nach einem Drehbuch von Ulrike Meinhof. 6. ein Bauwagenplatz im St. Pauli der 70er Jahre. 7. Bestandteil eines Schlachtrufs der deutschen Protestkultur („Randale, Bambule, Frankfurter Schule“, haha) 8. Das kollektive Teilen eines Joints (nur in der Schweiz). 9. Ein fulminanter Chardonnay von Judith Beck, auf Schotter gewachsen, von Hand gelesen, in gebrauchten Holzfässern ausgebaut, spontan vergoren, unmanipuliert und interventionsfrei, auf der Hefe ausgebaut, mit Potenzial für Jahre und einem Spitzenwert auf meiner imaginären Punkteskala…. weitere mazerierte Weine

Jörg Bretz, Schillerberg Rosé 2008

Dichtung: ein Rosé der etwas anderen Art, feine Beerennoten legen vor, ein paar Kräuter nach, komplex und vielschichtig,  die Säure ist präsent aber bestens integriert, der Körpersaftig und dicht, ein wenig Gerbstoff trägt zur Struktur bei. Ganz sicher einer der besten Rosés Österreichs, Mitteleuropas, Europas…

Cold Facts

Rebsorte: Blaufränkisch, Blauer Burgunder
Mazeration: ja, zwei Tage, Saignee
Hefen: wilde
Gärung: ohne Temperaturkontrolle
Ausbau: in kleinen, gebrauchten Holzfässern
Schönung: nein
SO₂ total: < 50mg/l
Gefiltert: nein

weitere Rosé & Schaumweine

Wahrheit: was passiert, wenn man Rosé nicht als Abfallprodukt der Rotweinproduktion sondern eigenständig und akribisch vinifiziert, weiß man im Kollektiv vor allem in der Provence und an der Rhone, individuelle Meisterwerke gibt es zudem vereinzelt in ein paar anderen Gegenden (Massavecchia, Strohmeier, Pranzegg, Valentini, Schnabel). Jörg Bretz zeigt vor, warum es Sinn macht Rosé ernst zu nehmen. Physiologisch hochreife und gesunde Blaufränkisch und Pinottrauben bilden das Fundament, aus denen er via Saftentzug und überaus schonend die Basis für einen subtilen, dichten und doch lebendigen Rosé gewinnt. Zwei Tage lang ist der Saft mit den Schalen in Kontakt, genug Zeit, um ausreichend Farbe und sogar ein wenig Gerbstoff aus den Beeren zu extrahieren. Nach spontaner Gärung landet der Rosé für gut drei Jahre im gebrauchten Holz, um dann seelenruhig in der Flasche weiterzureifen und zusätzliche Aromanuancen zu entwickeln.

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Karl Schnabel: Blaufränkisch Hochegg

Dichtung: filigran, elegant und so präzis, dass man die Steine neben den Kirschen riechen kann. Fleischig und saftig, Säure am Punkt und perfekt – durchzieht die samtige Textur und gibt ihr Lebendigkeit mit, subtil und bekömmlich, besser geht es in der Steiermark nicht, vermute ich mal, außer Karl Schnabel lässt sich was Neues einfallen

Cold Facts:

Lage/Böden: Hochegg/Schiefer
Rebsorte: Pinot Noir
Mazeration: ja
Hefen: wilde
Gärung: ohne Temperaturkontrolle
Ausbau: in burgundischen Piece (227 l)
Schönung: nein
SO₂ total: kein zugesetztes SO₂
Gefiltert: nein

Wahrheit: Was soll man zum Hintergrund eines Weines schreiben, dem quasi nichts passiert? Man kann beispielsweise die Lage beschreiben. Hoch oben am Sausal stehen die Stöcke in sehr niedriger Erziehung auf steilen Hängen, die Karl mit einem selbst konstruierten Gefährt bearbeitet, das der NASA alle Ehre machen würde. 3000 kg liest er pro Hektar, der Boden ist Urgestein mit einem ordentlichen Anteil Silizium. Die Auflage ist karg und steinig, die Laubwand luftig, der Pflanzenschutz wird hauptsächlich mit Brennessel- und Ackerschachtelhalmtee betrieben. Im Keller passiert eigentlich nichts, der Ausbau erfolgt in 227 Liter Fässern, burgundischen piece, geschwefelt wird genauso nicht wie gefiltert, geschönt usw. Karls Pinot gehört definitiv zu den besten Exemplaren des Landes….

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