Nach ausgedehntem Winterschlaf stehen im Frühjahr Verkostungen im größeren und kleineren Rahmen an.

Im kleineren Rahmen und für all jene die rund um und in Wien wohnen, sei kurz darauf hingewiesen, dass man sowohl in der Weinhandlung Rudolf Polifka /Reindorfgasse 22, Wien 15 (Do./Fr.) wie auch bei vino nudo/Westbahnstraße 30, Wien 7, Woche für Woche beste Weine auch trinken/kosten & kaufen kann.

Wer weite Wege nicht scheut kann sich aber auch auf den Weg nach Mailand machen. Dort findet in einem alten Eispalast vom 5.-7. März die Live Wine statt und fast alle, die in Italien exzellente, unverfälschte & authentische Weine keltern, sind dort am Start.

Eine Woche später (12./13.3.) findet in Köln zum zweiten Mal der Wein Salon Natürel statt. Insgesamt eine wenig kleiner, sind die Intentionen ebenso unverfälscht wie in Mailand, der Schwerpunkt wird sich allerdings von italienischen zu französischen Weinabuern verlagern.

Die wichtigste Woche im italienischen Weinkalender (allerdings auch mit vielen internationalen Produzenten) liegt zwischen dem 8. und 13. April, wenn  sich zwischen Cerea (Viniveri), Vicenza (Vinnatur) und Verona (Vivit – anlässlich der Vinitaly) gleich drei Messen dezidiert dem Thema Naturwein widmen. Lohnen tun sich alle drei – die beste, weil entspannteste Veranstaltung, findet in Cerea statt.

Wer wissen will, was sich in Frankreich tut (immer viel), kann sich bestens bei vinsnaturel informieren.

 

IMG_2979-1Corrado Dottoris Weingut La Distesa liegt im Herzen der Marken, dort, wo der Verdicchio wächst, eine der spannendsten autochthonen Weißweintrauben Italiens. Das Weingut ist klein, ganze drei Hektar sind mit Reben bestockt, insgesamt drei Weingärten, die Corrado vor einigen Jahren zu bewirtschaften begann. Das Ziel war von Anfang an klar, der Weg ebenso. Zum einen versuchte er die Monokultur soweit wie möglich zu brechen – in seinen Weingärten wachsen neben Verdicchio, Trebbiano und Malvasia auch Bohnen, Wicken, Erbsen und alle möglichen Wildpflanzen, zum anderen wird kaum gedüngt und einzig mit Schwefel und Minimalmengen Kupfer potenziellen Krankheiten vorgebeugt. Biodynamik wird nicht offiziell praktiziert, das 500er Präparat trotzdem gelegentlich ausgebracht. Dass man die Kleinheit des Betriebs nutzt, um möglichst wenig maschinell zu arbeiten (kaum Traktorfahrten durch den Weingarten, ergo keine erzwungene Bodenverdichtung) ist lobenswert, zudem macht es natürlich auch Sinn den interventionsarmen Weg im Weingarten auch im Keller fortzusetzen.

Es wird also spontan und nicht temperaturreguliert vergoren und danach finden die Wein mindestens ein Jahr Zeit, um auf der Feinhefe ihr Gleichgewicht zu finden. Die beiden Verdicchio (Terre Silvate & Gli Eremi – einer der besten Weißweine Italiens) kommen danach in die Flasche (Schwefelung minimal und kurz vor dem Füllen), der Nur hält es im allgemeinen noch etwas länger im Fass aus (abhängig vom Jahrgang und dem Reifeverlauf). Letzterer hat, anders als die beiden reinsortigen Verdicchio, zum einen Trebbiano als Kompagnon und außerdem eine gute einwöchige Maischezeit hinter sich.

Hinter La Distesa, so Corrado Dottori, steckt vor allem der Wille einen Wein zu machen, der Terroir und Rebsorte so perfekt wie möglich widerspiegelt. Das behauptet die halbe Weinwelt von sich, doch da Corrados Ansatz ein dezidiert oppositioneller ist – nämlich nicht die Kriterien der internationalen Weinwelt zu erfüllen und alljährlich austauschbare Produkte zu vinifizieren, ist hier das Vertrauen in die Intention um einiges größer. Um diesem Ziel näherzukommen verließ er nach seinem Wirtschaftsstudium Mailand, zog zurück in die Heimat und hörte sich vor allem auch bei den alten Winzern um, wie sie ihr Land bestellten. Das gegenwärtige Konzept sieht vor nicht größer aber noch besser zu werden und zudem den Weg des Weins – von sich, über den Händler, bis zum Konsumenten – einigermaßen im Blick zu behalten, Boden (v.a. Kalk) und Wetter weiterhin intensiv sprechen zu lassen und das finale Produkt so wenig wie möglich zu manipulieren.

Wer gerne sein Italienisch auf Vordermann bringen will, kann Corrados Werdegang und Gedanken zum Thema Wein ihn Buchform nachlesen. Non è il vino dell‘ enologo war in Italien ein erstaunlicher Erfolg und lohnt sich. Und wer sich dazu durchringt, beizeiten mal in die Marken aufzubrechen, findet bei ihm perfekte Übernachtungsmöglichkeiten. Cupramontana ist zudem Heimat von Alessandro Bonci von La Marca di San Michele und auch Alessandro Feninos Weingut Pievalta und die Fattoria San Lorenzo sind nicht weit.

Gli Eremi

Dichtung: Nussige Noten stehen auf der einen Seite, Blütennoten auf der anderen Seite und schlägt man noch eine dritte Seite auf, steht dort das Wort Pfirsich geschrieben. Am Gaumen matchen sich Salz und Steinobst, der Wein hat Tiefe, Substanz und Kraft, die in gut tragender Säure bestens aufgehoben sind. Toller Trinkfluss. Jung gerade mal sehr gut, in ein paar Jahren vermutlich einer jenen Weine, die man nicht so leicht vergisst.

Wahrheit: Verdicchio per sempre. Es gibt nicht viele weiße Sorten, die so viel Potenzial haben. Die Aromen sind vielschichtig, der Körper ist, wenn gut gemacht, dicht und präsent, die Säure puffert und zudem scheint Verdicchio auch die Fähigkeit zu haben, ihr Terroir (sei es nun in den Marken oder als Trebbiano di Soave im Veneto) widerzuspiegeln. In diesem Fall ist es das von Kalk dominierte Terrain der Einzellage Gli Eremi, die Rebstöcke dort wurden von Corrados Großvater in einer kühlen, windigen Mulde gepflanzt, die Erträge sind niedrig. 10% der Trauben werden mazeriert, der Ausbau erfolgt über die ersten sechs Monate auf der Hefe in Holzfässern, danach übersiedelt der Wein für die gleiche Zeit in einen Stahltank und für ein weiteres halbes Jahr in der Flasche.

Terre Silvate

Dichtung: Wie schon bei La Distesas Eremi kommen hier vorerst weiße Blüten durch, dazu gibt es auch noch feine Kräuernoten und ein Tick Honig. Der verschwindet am Gaumen, wo sich dafür ein wenig Frucht dazugesellt. Die Textur ist griffig, saftig und (für einen Einstiegswein) erstaunlich dicht, die Säure zurückhaltender als beim Eremi.

Wahrheit:

Die Terre Silvate erstrecken sich um Cupramontana, wo in drei Parzellen die Basis für Corrados Einstiegswein wächst. Das ist zum größten Teil auch hier Verdicchio, doch wird der im Terre Silvate immer von ein wenig Trebbiano und Malvasia ergänzt. Die Vergärung startet spontan, die Temperatur wird reguliert (ca. 20°C), der Ausbau erfolgt auf der Hefe und zieht sich über ein halbes Jahr, das Behältnis ist Edelstahl. Selbst Corraodos Basiswein hat Potenzial für Jahre, wobei hier die Jugendlichkeit eine zusätzliche qualitative Komponente darstellt.

Nur

Dichtung: orange, Orange, Honig, trocken, Kräuter, saftig, lang, dicht, lebendige Säure, feiner Gerbstoff

Wahrheit: Der Nur (arabisch: Licht) kommt von einer Einzellage in San Michele (einem Bezirk Cupramontanas) besteht allerdings aus drei Rebsorten: Trebbiano, Malvasia und Verdicchio. Der Boden ist ton– und kalkhaltig, der Hang südlich exponiert und windgeschützt. Die Reben werden im Guyot-System erzogen, der Ertrag ist niedrig und liegt bei ca. 3500 Kilo/Hektar. Der Most wird für ca. 10 Tagen auf den Schalen vergoren und landet danach für ein Jahr in französischen Eichenfässern (gebraucht)

Die Weine von La Distesa gibt es bei vinonudo in Wien.

Wer mehr über handwerklich gefertigte italienische Weine erfahren will und dem Weinbauer den Vorzug vor der Weinindustrie gibt, kann sich gerne auf www.vinoeterra.com umschauen.

Grauburgunder alias Ruländer alias Pinot Grigio/Gris & Sivi Pinot ist in allen Sprachen eine tolle Sorte, sofern man Lust hat sie reif und spät zu lesen. Dass man ihn in Österreich vorzugsweise ausreißt, mag damit zu tun haben, dass man das eben lange Zeit nicht getan hat und dadurch das Konsumenteninteresse sich langsam Richtung 0 verschoben hat. In den wenigen verbliebenen Grauburgunderenklaven (Heinrich, Tauss, Wenzel und Andert) keltert man dafür umso großartigere Weine und hat dabei auch sukzessive seine Empfänglichkeit für ausgedehnte Maischestandzeiten entdeckt, die zusätzliche Tiefe bringen und das notorische Säureproblem der Sorte mit Gerbstoff kompensieren.

Bei Michael Andert sind es fünf Tage, die der Wein auf der Maische verbringt (er hat einen zweiten Weißwein, dem er 41 Tage gönnt) und da die Temperaturen nicht kontrolliert werden und folglich doch relativ warm sind, wird der größte Teil der Farbstoffe, Phenole, Aromen, Säuren und Extrakte und was sonst noch in der Traubenhaut sitzt, extrahiert. Danach geht es für ein gutes Jahr ins gebrauchte Holzfass und abgesehen von einer minimalen Schwefelung vor der Flaschenfüllung passiert nichts weiter.

Dichtung: Einer der ganz großen maischevergorenen Weine aus weißen Trauben. Druckvoll, dicht, saftig, individuell, lebendig, dynamisch, konzentriert, kompakt und bekömmlich. Kraftvoll und tief. Kräuter, Erde und reife gelbe Frucht. Herbstassoziationen. Ein Wein, den man mit Worten kaum gerecht wird und keine darüber verlieren müsste, außer dass er sich in jedem Keller gut machen würde. Dort kann man ihn auch vergessen. Das hätte vermutlich den Vorteil, dass die Textur ihn noch ein Tick cremiger werden lässt, allerdings aber auch den Nachteil, dass der Gerbstoffkick draufgehen würde, der ihn so zielsicher in Richtung Gaumen befördert. Es liegt also die Empfehlung nahe, sich möglichst einen Karton einzubunkern und den sukzessive plattzumachen.

 

Die Colli Berici sind eine vergessene Ecke des nördlichen Italiens. Hier steht vieles verlassen und zuweilen sind das auch Villen, in denen vor ein paar hundert Jahren die Venezianischen Dogen und ihre Gefolgschaft abgestiegen sind. Und weil die Dogen Erholung in blühender Natur suchten, sind die Colli Berici eigentlich wunderschön – auch wenn das eben kaum jemand weiß. Daniele Portinari kennt sich hier freilich bestens aus, seine Stöcke wurzeln in den leicht geschwungenen Hängen der Hügelkette.

Hier ist vieles anders im Vergleich zu den nur wenige Kilometer entfernten Weinbergen des Soave. Der Untergrund ist nicht mehr vulkanisch, vielmehr graben sich die Reben ihren Weg durch ein Ton-Kalkgemisch. Das funktioniert zwar auch gut bei weißen Reben, doch haben die Bauern der Hügel stets roten Rebsorten den Vorzug gegeben. Die größten Carmenere-Anpflanzungen Europas befinden sich in den Colli Berici (Inama hat hier einen spektakulären Weingarten). Daniele allerdings setzt seinen größten Hoffnungen auf eine Sorte namens Tai Rosso, die früher als Tokai Rosso, in der Toskana als Alicante, in Sardinien als Cannonau und in Frankreich als Grenache usw. bekannt ist. Und er tut das völlig zurecht. Die Weine sind – macht man alles richtig – filigran, elegant, rotbeerig und mit feiner Säure und saftigem Tannin ausgestattet. Lange Zeit belieferten die Portinaris die örtlichen Genossenschaften, erst vor ein paar Jahren begann man selbst zu füllen. Und auch gleich alles komplett auf biologischen Weinbau umzustellen. Daniele holte sich das nötige Wissen dafür bei Angiolino Maule, Gründer von vinnatur und verwendet im Weingarten lediglich Schwefel und ein wenig Kupfer. Die Vinifizierung läuft ebenfalls minimalistisch ab, die Vergärung ist spontan, die Weine sind unfiltriert, ungeschönt etc., kurz sie wurden in Ruhe gelassen.

Das spiegelt sich dann in einer schlanken, druckvollen, mineralischen Grundstilistik wider, wobei das rote Spektrum noch von einer fruchtigen Cabernet/Merlot-Cuvée ergänzt wird. Da wo es einen Tai Rosso gibt, findet man dann auch einen Tai Bianco, der gemeinsam mit Pinot Bianco den weißen Part im Sortiment übernimmt.

Azienda Agricola Daniele Portinari
Via Colombello, 36045 Alonte (VI)
Tel: 0039 0444 830182
http://www.viniportinari.it
daniele.portinari@gmail.com

TaiRosso

 

Pietrobianco

Dichtung: Reife Apfelnoten, steinig, Kräuter, frisch, saftig, leicht, druckvoll, extrem animierend, bündig und kompakt mit dezentem aber reifem Gerbstoff, nachhaltig am Gaumen; mit Muscheln ein Fest.

Wahrheit: Danieles Cuvée ist ein erstaunlicher Wein. Pinot Bianco und Tokai quasi unplugged. Kein Schwefel, kein Filtern, spontan vergoren, Ganztraubenpressung usw., im Stahltank auf der Feinhefe ausgebaut und alles in allem sensorisch extrem befriedigend, ein toller, leichter, eleganter Repräsentant totaler Nichtintervention. Und weil er nicht viel getan hat, außer akribisch zu beobachten, gibt es nicht viel zu sagen, außer dass er einer der drei Weine unseres Hochzeitsfest war und nichts, aber auch kein Schluck, für spätere Gelegenheiten übrig blieb.

Tai Rosso

Dichtung: Kirschen bestimmen den ersten Eindruck, Zimt und Rosen gesellen sich dazu. Am Gaumen ist der Tai frisch, saftig, spielerisch, der perfekte Weine für die kühleren Nächte der warmen Jahreszeiten, nicht komplex aber nie banal, leicht gekühlt (14°C) am allerbesten, in all der Frische doch auch persistent und lang.

Wahrheit: Die Ungarn haben mit ihrem Beharren den Namen Tokaji und alle gleichklingende Wörter (Homonym) für sich zu vereinnahmen, die Winzer Norditaliens und Sloweniens in gröbere Not gebracht. Die Friulaner und Slowenen nennen ihren Tokaj jetzt gelegentlich Jakot (Palindrom), die Winzer der Colli Berici haben aus Tokai Rosso und Bianco, die Akronyme Tai Rosso/TaiBianco gemacht. Tokai/Tai Rosso ist gleichbedeutend (Synonym) übrigens mit dem sardischen Cannonau, der wiederum die gleiche DNA wie Grenache hat usw.

Daniele Portinaris ist ein Verfechter der Mikrointervention und deswegen sieht sein Tai Rosso im Weingarten lediglich ein wenig Schwefel und Kupfer, im Keller nur altes Holz, wilde Hefen und ganz zum Schluss 16mg/l Sulfite.

Gut Oggau

Lage/Böden: Kalk
Rebsorte: Grüner Veltliner
Mazeration: ja
Hefen: wilde
Gärung: ohne Temperaturkontrolle
Ausbau: in 500 Liter Holzfässern
Schönung: nein
SO₂ total: nein
Gefiltert: nein

Dichtung: Stoffig, engmaschig und konzentriert. Timotheus hat Tiefe, ist samtig und weich und doch fokussiert und geradlinig. Aromatisch dominieren saftige Steinobstnoten, denen zwar nicht zuviel Säure, dafür ausreichend Gerbstoff zur Seite steht, der sie bis zum Gaumen und darüber hinaus begleitet. Hinzu kommen salzige Noten, exotische Gewürze, Kamille und metaphysische Komponenten wie sie große Weine eben in sich tragen und die man nur schwer in Worte fassen kann. Manche bezeichnen das als Mineralität, andere attestieren Komplexität, Energie oder Charakter – Timotheus vereint alle vier Begrifflichkeiten.

Wahrheit: Timotheus ist der Bruder von Joschuari (Blaufränkisch: komplex und charismatisch, mit Ecken und Kanten) und Emmeram (einem exotischen und erstaunlich eleganten Traminer) und seineszeichen ein Paradebeispiel dafür wie großartig Veltliner vom Leithagebirge und seinen Ausläufern schmecken kann. Die Bewirtschaftung im – von Kalk geprägten – Weingarten ist biodynamisch, die Erträge der 40 Jahre alten Stöcken liegen generell unter 2000 Kilo, die Arbeit im Keller ist antiautoritär und begleitend. Bevor die Gärung spontan startet, wird erstmal der Most einer dezenten Oxidation ausgesetzt (die einer potenziellen späteren Oxidation des Weins positiv entgegenwirkt). Danach sorgt eine gewisse Maischestandzeit (je nach Jahr unterschiedlich lang) für die nötige Struktur ehe der Wein für ein knappes Jahr ins 500-Liter Fass wandert. Dort liegt in aller Ruhe auf der Hefe, die mitverantwortlich für die cremige Textur des Veliners ist. Es wird weder geschönt, gefiltert noch geschwefelt.

Bezug (Auswahl)

Österreich: weinskandal
Deutschland: Wein am Limit
Schweiz: Baur au Lac