Die  Komparatistik setzt sich, wie der Name andeutet, vergleichend mit der Welt der Bücher auseinander. In der Önologie gibt es diese Fokussierung nicht, sollte man sich allerdings jemals dazu entschließen und mich fragen (beides ist unwahrscheinlich) ich würde Georg Schmelzer als Gastlektor vorschlagen. Georg ist ein Mann des Vergleichs, der Experimente und der Empirie. Lehrmeinungen hinterfragt er grundsätzlich, der Zeitgeist ist ihm egal. Beispiele dafür ziehen sich fast durch sein ganzes Winzerleben. Eine Ausnahme bildeten die Anfänge, als er als 17-Jähriger das Weingut an der Golser Ortsgrenze übernahm und erstmal versuchte, dem Hof wirtschaftlich eine solide Basis zu geben.

Anfänge lassen keine Zeit für Experimente – bilden aber oft Fundamente für künftige Projekte, denen er sich schon bald widmen sollte. 1987 war er einer der ersten, der sich ein paar Barriquefässer in den Keller legte und Cabernet Sauvignon auspflanzte – anders als die meisten Golser Winzer erwärmte er sich nie wirklich für die Filigranität und Subtilität, die synonym für das Burgund und Pinot Noir stehen. Georg Schmelzer ist ein Mann des Bordeaux, Cabernet Sauvignon ist seine Sorte, auch wenn er weiß, dass es alljährlich ein Pokerspiel ist, sie reif in die Flasche zu kriegen. Mehr als 3000 Kilo pro Hektar liest er davon selbst in den besten Jahren nicht. Die Affinitität für expressive Weine (die allerdings, das sei schon mal erwähnt, nie üppig oder ausladend ausfallen) mag auch ein Grund dafür gewesen sein, warum er einige Jahre später einen Teil seiner Parzellen mit Rösler (eine interspezifische Kreuzung aus Zweigelt x Klosterneuburger 1189-9-77) bestockte. Intensiv und dunkel, mit Gerbstoff² hat er durchaus stilistische Ähnlichkeiten mit Cabernet und eignet sich auch bestens für langjährigen Barriqueausbau. Parallel dazu kümmerte er sich um seine Zweigelt-Weingärten – bis heute seine wichtigste rote Sorte – und pflegt auch hier eine Meinung, die sich bestens für eine Diskussionsrunde mit Kollegen eigenen würde. Seiner Ansicht nach intensivieren Weine ihre Komplexität, wenn sie nicht von einer einzelnen Lage, sondern aus einer Vielzahl unterschiedlicher Weingärten stammen. Dazu passt auch die Feststellung, dass seine besten Weine generell in der Ebene wurzeln und nicht in den Hängen der Golser Geländekuppe. Das Bordeaux lässt grüßen.

Schmelzer 4Georg Schmelzers Welt ist allerdings nicht nur rot. 55% seiner Weine sind weiß und Georg wäre nicht Schmelzer würde er nicht auch hier seit Jahren und Jahrzehnten eigene Wege gehen – so lässt er seine Weine seit gut 25 Jahren für knapp einen Tag auf der Maische und keltert deshalb seit langem Weine mit einer feinen aber strukturgebenden Gerbstoffbasis.

Seit 2007 übrigens biodynamisch (Demeterzertifiziert seit 2011). 15 Hektar pflegt er mit biodynamischen Sprays und Tees und selbsthergestellten Hornkiesel (501)- und Hornmistpräparaten (500). Dabei ist er ausnahmsweise nicht allein. 10 Landwirte umfasst die Demeter-Arbeitsgruppe, in der sich u.a. auch Hans-Peter Harrer und Michael Andert befinden und die höchst aktiv nicht nur regen gegenseitigen Austausch pflegt, sondern auch immer wieder gemeinsame Fortbildungen organisiert. Zum Austausch trägt auch Georg Schmelzer bei. Im Zuge seiner komparatistischen Arbeiten hat er zwei Weingärten auserkoren, die er nur zur Hälfte mit Kupfer und Schwefel spritzt.

Spannend und innovativ geht es auch im Verkostungsraum weiter. Klammert man Grünen Veltliner, Welschriesling, Rosé und Zweigelt aus, die das ökonomische Gleichgewicht des Weinguts sichern, trifft man fortwährend auf Experimente und Vergleiche. Weißburgunder gibt es beispielsweise schwefelfrei und leicht geschwefelt, filtriert und unfiltriert (exzellent), mit langen und sehr langen Hefestandzeiten. Der Frührote Veltliner, ohnehin schon eine eigenwillige Ausnahmeerscheinung am Neusiedlersee wird auf der Maische vergoren und hat trotz kaum glaublicher 9,3% Alkohol durchaus Substanz. Am erstaunlichsten sind freilich die Unterschiede, die sich zwischen dem Rösler 2009 und der schwefelfreien Version aus dem Jahr 2012 auftun. Zwar mögen die üblichen Jahrgangsunterschiede eine gewisse Rolle spielen, allerdings dient das nur teilweise als Erklärung dafür, warum sich der 2012er wesentlich offener, transparenter, samtiger, saftiger und bekömmlicher trinken lässt. Die Gerbstoffe packen zwar zu (Rösler!), doch hat man, anders als beim 2009 das Gefühl, dass sie vollständig in den Wein integriert sind, dem Wein zusätzliches Leben verleihen und nicht jenseits des Weins ein Eigenleben führen.

Georg Schmelzers Weine reifen grundsätzlich lang (meist 2 Jahre in diversen Holzfässern). Für jemanden, der so tief in der Welt der Vergleiche steckt wie er, ist es allerdings nur naheliegend auch über einen beeindruckenden Fundus an gereiften Weinen zu verfügen. Bis in die späten neunziger Jahre liegen Weine im Keller und die sind glücklicherweise nicht nur dort um bestaunt zu werden. Wer beispielsweise verstehen will, was für ein großartiger Jahrgang 2004 war und wie komplex, dunkel und pfeffrig Zweigelt aus dem Jahr 2005 schmecken kann, sollte bei Georg Schmelzer vorbeischauen, kosten, trinken und sie mit den nicht minder spannenden Versionen aus den Jahren 10,11 und 12 vergleichen.

Bambule ist ein interessantes und vielseitiges Wort: 1. Ein Soziolekt aus der deutschen Kleinkriminellensprache, der das protestierende Trommeln auf allen möglichen Gegenständen innerhalb eines Gefängnisses bezeichnet. 2. Ein heute noch praktizierter Tanz auf Guadeloupe und in Louisiana mit afrikanischen Wurzeln. 3. Ein Form des Protests in Erziehungsheimen. 4. Ein Krawall. 5. Ein Fernsehfilm nach einem Drehbuch von Ulrike Meinhof. 6. ein Bauwagenplatz im St. Pauli der 70er Jahre. 7. Bestandteil eines Schlachtrufs der deutschen Protestkultur („Randale, Bambule, Frankfurter Schule“) 8. Das kollektive Teilen eines Joints (nur in der Schweiz). 9. Eine fulminante Serie an Naturweinen von Judith Beck.

Trotz dieser vielfältigen Deutungslage fügt sich doch irgendwie ein gemeinsamer Nenner zusammen, der irgendwo zwischen Verweigerung, Opposition und Anarchie anzusiedeln ist. So interessant es zwar wäre die Punkte 1, 2, 3 (5 ergibt sich ohnehin daraus) und 7 näher unter die Lupe zu nehmen, ist es doch Punkt 9 der völlig verdient im Mittelpunkt der folgenden Zeilen stehen wird. Judith Becks Bambule Serie gehört nämlich zu den spannendsten Projekten, über die sich Österreichs Weinwelt in den letzten Jahren freuen durfte oder sollte.

Der Original-Bambule kam meines Wissens 2011 erstmals in die Flasche. Ein von allen Ketten freigesprengter Chardonnay, auf Schotter gewachsen, von Hand gelesen, in gebrauchten Holzfässern ausgebaut, spontan und auf der Maische vergoren, auf der Hefe ausgebaut, mit Potenzial für Jahre und einem Spitzenwert auf meiner imaginären Punkteskala.Bambulen 3

Der Chardonnay hat allerdings nur den Weg gewiesen. In der Zwischenzeit gibt es neue Bambulen aus Rebsorten, von denen man bis vor kurzem kaum annehmen konnte, dass sie zu einer Bambule (1 & 4) fähig sind. Weißburgunder beispielsweise: (fast immer) konturlos rund und weich, ein Einschmeichler der eher unangenehmen Art, bekommt er nach 14 Tage Maischestandzeit plötzlich Charakter und Gripp, Ecken und Kanten, Aromen und Power. Und Neuburger, eine Sorte, die man ausreißt, um stattdessen Weißburgunder zu pflanzen, macht mit seinen satten, lebendigen, saftigen und roten Aromen ordentlich Bambule. Ob es nun die fünftägige Mazeration, das kaum vorhandene SO₂, die akribische Arbeit im Weingarten oder all das zusammen ist, Fakt ist, JB hat die Latte für andere Neuburgerversionen in völlig unangeahnte Höhen gelegt und gleichzeitig gezeigt, was möglich ist.

Die roten Bambulen stehen den weißen Bambulen um nichts nach. Auch hier regiert die Gefahr des Experiments und die Resultate sind so aufregend wie ein Tanz auf Guadeloupe. Der Zweigelt tritt nach all den phänomenalen Versuchen von Niki Moser, Sepp Muster, Karl Schnabel oder Michael Andert aufs Neue den Beweis an, dass man selbst den Schattenseiten der Ampelographie Positives abgewinnen kann („frei“ steht u.a. in meinem Notizbuch allerdings kann ich das nicht mehr richtig deuten – frei von penetranten Kirschnoten? Frei von unreifen, grünen und sperrigen Tanninen? oder eventuell „frei“, weil schwebend, ungebunden, fließend).

Den St. Laurent in einem intrazellulären Verfahren (maceration carbonique) zu vinifizieren, könnte zwar unter eingeschworenen Dogmatikern der Sorte eine Bambule verursachen, ist aber vermutlich wegweisend. Die intrazelluläre Gärung (findet ohne den Einfluss von Hefen und unter Sauerstoffausschluss statt und betont die natürlichen Aromen der Trauben) potenziert das Glycerin und die Farbstoffe und glättet das Tannin (das allerdings aufgrund der Tatsache, dass sich auch die Kämme im Tank befinden, trotzdem markant aber eben reif ist), sodass letztlich eine samtige, dichte, dunkle Textur die Aromen in, um und über den Gaumen transportiert.

Zu guter Letzt noch ein Wort zum Chardonnay Bambule, mit dem alles anfing und mit dem sich für dieses Mal der Kreis schließt. Der 2013er nähert sich der Idee des idealen Weins an. Alle relevanten Komponenten greifen ineinander, die Säure kann mit dem Alkohol, der Extrakt mit dem Gerbstoff, die Orangenaromen mit den Kamillennoten, die Substanz mit der Eleganz… alles total friedlich, relaxed – wie die BAMBULE NR.8 (aber nur in der Schweiz).

In einer Zeit als man in Österreich vor allem in Richtung Westen schaute und den hiesigen Rebsortenspiegel um internationale Sorten erweiterte, schaute Robert Wenzel von Rust aus über den Eisernen Vorhang nach Ungarn und in die ampelographische Vergangenheit des Burgenlands. Statt Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah brachte er 1984 Furmintedelreiser mit nach Hause und setzte sie in die Ruster Weinberge (genauer in die Riede Vogelsang). Das führte zwar zu keiner Revolution, doch legte er immerhin das zarte Fundament für eine kleine Renaissance (10 ha insgesamt, die Wenzels bewirtschaften davon 2 ha), die von seinem Sohn Michael konsequent fortgesetzt wird.

15 Jahre lang brach Michael immer wieder ins Tokaji auf, um mit den dortigen Winzern über die Spezifika der Sorte und ihre Bedeutung für das Burgenland zu sprechen. Er suchte nach dem Ruster Urtypus der Sorte und wurde letztlich auch fündig. Die akribische Recherche und die dabei gewonnenen Freundschaften mit Tokajer Winzern führten letztlich dazu, dass Michael vor ein paar Jahren quasi eine Urversion des Furmints in einen seiner Weingärten setzen konnte und der bezeichnenderweise den Namen Eden trägt. Das genetische Material der dort  gepflanzten Furmintstöcke ist zwar nicht so alt wie die Bibel, reicht  aber immer auch 150 Jahre zurück.

Michael näherte sich der Rebsorte freilich nicht nur auf kultureller und historischer Ebene, sondern allen voran auf vitikultureller und önologischer Ebene. So pflanze er die Reben in einer in Österreich kaum bekannten Dichte aus (bis zu 10000 Reben am Hektar) und erzog sie in manchen Weingärten nicht am Draht sondern in Stockkultur. Furmint will Licht und die bekommt er auf diese Weise – zudem zieht der Wind bestens durch die Hänge und hält die Trauben frisch und gesund. Jeder Stock wurde dabei händisch und sternförmig in die Erde gelegt, eine Knochenarbeit, die den Wurzeln allerdings den nötigen Raum zur Entfaltung bietet. Andere Aspekte, die den Furmint zur prädestinierten Sorte des südlichen Neusiedlersees machen, sind seine späte Reife und die damit verbundenen oft erstaunlich niedrigen pH-Werte oder aber die Entwicklung diverser Säuren (Bernsteinsäure & Zitronensäure), die am Gaumen zusätzlich Dampf machen.

Furmint gibt es dann auch gleich in fünf verschiedenen Varianten, wobei das ganze Potenzial des Furmints schon die Version von der Vogelsang  auslotet. Dass Furmint naheliegenderweise jahrgangsspezifische Unterschiede verdeutlicht liegt in der Natur der Sorte wie auch im Interesse des Winzers und folglich gibt sich der 2012 etwas weicher, wärmer und runder, wobei man weit davon entfernt ist, in barocken Dimensionen zu denken. Richtig spektakulär geht es dann freilich bei seiner maischevergorenen Version und vor allem bei seinem Furmintmonument „Garten Eden“ zu, wobei der paradiesische Verweis ganz einfach durch die historische Namensgebung der Lage erklärt ist.

Voraussetzung für die detaillierte Wiedergabe des gesamten Furmintpotenzials ist eine akribische und nachhaltige Bewirtschaftung der Weingärten. Die Wenzelschen Rieden werden biologisch-organisch bearbeitet (noch nicht zertifiziert), was prinzipiell nie ein Nachteil ist, doch kann man natürlich auch ein paar Schritte weiter gehen. Michael setzt statt auf Maschinen lieber auf die Wertschöpfung manueller Arbeit und ringt lieber auf natürliche Weise mit der Natur als sie zu bewässern. Ein dezent lehmiger Untergrund in den meisten Lagen hilft dabei, wobei die geologischen Unterschiede innerhalb der einzelnen Rieden viel größer sind als man bei der sanft hügeligen Topographie der Ruster Berge vermuten möchte.

Exemplarisch dafür stehen zwei Pinot Noirs, die in ihren Eigenheiten zu den großen Beispielen des Burgenlands gehören und die doch zeigen, was für eine eminente Bedeutung dem Boden zukommt. Tendiert der Pinot Rusterberge dazu seine Glimmerschiefer und Gneisböden in eine dunkle  und würzige (burgenländische) Aromarichtung zu übersetzen, spricht der kalkbasierte und großartige Pinot Noir vom Kleinen Wald eine filigrane, rotbeerige und fundamental burgundische Sprache. 300 Meter liegen zwischen den beiden Lagen, die identisch vinifiziert (spontan vergoren, in meist gebrauchten Holzfässern ausgebaut, ungeschönt, ungefiltert und einmal spät geschwefelt – so ergeht es quasi alle seinen Weine) verdeutlichen wie unterschiedlich Terroir manifest werden kann.

Abgesehen davon, dass Michael auch Süßweine und Blaufränkisch in exzellenten Qualitäten keltert, lohnt es sich auch kurz zu erwähnen, dass Michael ständiger Entwicklung und Experimenten den Vorzug vor kalkulierbaren Konzepten gibt. Was dazu geführt hat, dass sich auch drei maischevergorene Weine (Grauburgunder, Sauvignon Blanc und Furmint) in seinem Keller befinden  und die allesamt darauf verweisen wie spannend es werden kann, wenn jemand die ausgetrampelten Pfade klassischer Vinifikation verlässt.

Unter dem Himmel hängt eine tiefe Wolke. Theodora ist das egal. Mir auch. Ich habe gute Gesellschaft und die kompensiert potenzielle Wolkenbrüche. Theodora ist das jüngste Mitglied in Eduard Tscheppes und Stephanie Eselböcks fiktiver Familie, wobei sie das nicht gerne hört. Jugendlichkeit wird zu oft als oberflächliche Fassade abgetan, für das was noch kommen mag. Sie insistiert völlig zu Recht auf einer charakterlichen Tiefe, die in ihrem Alter ganz sicher nicht viele derart selbstbewusst vertreten, gewinnt danach aber schnell wieder ihre Unbeschwertheit zurück. Eduard Tscheppe, ihr spiritus rector, diagnostiziert rebellische Momente, was er aber gleichzeitig auch sympathisch findet und ihrer Lebenslust zuschreibt. Theodora wurde als Welschriesling geboren, in den Händen von Eduard und Stephanie allerdings sukzessive zu einer eigenständigen Persönlichkeit geformt.

Gut Oggau„Die Gegend um den Neusiedlersee definierte sich eigentlich nie über Lagen“, erzählt Eduard  auf dem Weg in den Keller. „Zwar gab es gute und weniger gute Weingärten, doch letztlich zählte einfach der Ort.“ In ihrem Fall ist das Oggau, eine kleine Gemeinde am Westrand des Sees, in dem schon die Römer Reben pflanzten. Die Freiheit sich nicht über Lagen definieren zu müssen, nutzten die beiden zu einem der originellsten und gleichzeitig intelligentesten Konzepte im gegenwärtigen österreichischen Weinbau.

Sie personifizierten ihre Weine. Verliehen ihnen erste Attribute, zu denen sich im Laufe der Jahre – Weine verändern sich – immer wieder neue dazuaddierten. Gaben ihren Schöpfungen Namen. Keine aus der Luft gegriffenen, sondern Namen, die in unterschiedlicher Weise mit dem Hof verbunden waren.

Stephanie und Eduard erwarben das Gut Oggau, dessen Mauern teils bis in das 17. Jahrhundert zurückverweisen, im Jahr 2007, von Mechthild Wimmer, einer heute 90-jährigen Frau („Dame“ – meint Eduard) und mit ihm Gerätschaften, Weingärten, alte Rebstöcke, eine noch ältere Baumpresse, Regale, Schubladen…. In einigen dieser Schubladen stießen sie auf Dokumente und Zettel, Rechnungen und Belege; darauf standen Namen von einstigen Käufern, Verwandten, Lieferanten  und Arbeitern, die sich heute auf den Etiketten der 11 Weine wiederfinden, die am Gut Oggau gekeltert werden.

Eigenwillige und längst vergessene Namen – Winifred oder Emmeram, Joschuari oder Athansius – wurden wieder zum Leben erweckt und auch wenn man über die ursprünglichen Geschichte der Personen meist nichts mehr weiß, erzählen doch zumindest die Weine neue Geschichten.  Winifred zum Beispiel ist laut Eduard „brav, charmant und umgänglich und dabei doch auch vielschichtig und individuell (wohin das letztlich führt, kann man sich denken). Sie ist anregend, unschuldig und jugendlich und die Schwester von Theodora.

Und sie ist doch offensichtlich ein Rosé. Mehr erfährt man nicht. Am Etikett findet sich genauso wenig ein Verweis auf die Rebsorte oder Lage, wie auf der Webseite. Und im Grunde braucht es auch nicht mehr. Ob man es nun mit St. Laurent, Blaufränkisch, Zweigelt oder Pinot Noir zu tun hat, ist in Eduards Konzeption nur bedingt interessant. Was zählt sind Charakter, Individualität, Temperament und Persönlichkeit.

Um diese entsprechend entwickeln zu können, werden ihre Weingärten biodynamisch (Demeter) kultiviert. Denn jenseits jeglicher Handschrift ist es vor allem der Boden, der zählt und der voll zum Ausdruck kommen soll. Egal ob die Stöcke in Oggau oder in Purbach wurzeln, wo man ebenfalls zwei Hektar bewirtschaftet. Die Erträge sind generell gering und naturgemäß in den ältesten Weingärten am tiefsten. Zwischen den Zeilen forciert man das Leben und die Biodiversität, begrünt beständig und was dann wächst, das wächst im Allgemeinen gut. 37 Parzellen, deren Böden, Klima und Expositionen trotz der Kleinräumigkeit der Gegend oft extrem unterschiedlich sind, liefern das Fundament für die Entwicklung eigenständiger Charaktere. Neben den jungen Weingärten und den kühlen Randlagen, aus denen neben Theodora und Winifred auch Athanasius (rot: offen, herzlich – allerdings mit ein paar Geheimnissen: u.a. demjenigen, dass er in einer fernen Zukunft ein Weltstar werden möchte) stammt, gibt es auch ein paar ältere, in denen die Elterngeneration der drei wurzeln. Athanasius beispielsweise ist laut Stammbaum der Sohn von Wiltrude und Joschuari. Letzterer vereint gleich acht Parzellen in sich – allesamt Hügellagen, inklusive mancher im Purbacher Kalk – was ihn zu einem komplexen, charismatischen Charakter macht, der seine Ecken und Kanten hat.

Trotzdem sympathisch, finde ich. Am besten habe ich mich allerdings mit Timotheus verstanden. Der ist zwar einen Tick weicher als sein Bruder (und im Gegensatz zu ihm weiß), dafür hat er eine Energie, die animiert und eine intensive Beschäftigung mit ihm unumgänglich macht. Eduard meint, dass er zudem einen mächtigen Charakter hat und mit beiden Beinen voll im Leben steht. Das Brüdertrio komplett macht Emmeram, ein 43 jähriger weltmännischer Dandy und Don Juan (ausnahmsweise sei hier kurz verraten, dass es sich bei ihm um einen Traminer handelt), der sich gerne ein wenig exotisch gibt, wobei er dann doch auch immer wieder vom Gaspedal steigt und lieber von Oggau aus den Kosmopoliten gibt. Bei Josephine würde er damit eher nicht punkten. Dass sie mollig sei, gründet eher auf der selbstkritischen Strenge des Winzers als auf Tatsachen. Fleischig und stoffig ist sie mit Sicherheit aber dann doch auch muskulös und kräftig.

Kein schwarzes Schaf dabei! Im Großen und Ganzen können Mechthild und Bertholdi, die beiden Oberhäupter mit ihrem Clan also absolut zufrieden sein. Wenn sie natürlich auch nicht immer einfach sind, die Enkel immer älter werden und immer größere Ansprüche stellen und sich bei den anderen jahrgangsbedingt immer wieder leichte Stimmungsschwankungen auftun. Für Nachkommen ist jedenfalls gesorgt, am Thron gerüttelt wird allerdings noch nicht.

Bertholdi gibt sich diesbezüglich ohnehin gelassen. Er kennt, laut Eduard, alle Tricks,  hat noch immer Esprit und Energie für drei, ist dabei aber gutmütig und sanft. Und sollte es dann doch mal an der Zeit sein, ein Machtwort zu sprechen überlässt er das Mechthild (eine Hommage an die „Dame“), die durchaus resolut und polarisierend sein kann. Das mag seinen Grund darin haben, dass sie mitsamt ihrer Kämme in 500 Liter Fässern über 2 Jahre auf der Vollhefe zu liegen hat. Gefiltert wird sie nicht, geschönt ebenfalls nicht (das hat sie auch trotz ihres Alters beim besten Willen nicht nötig) und das bisschen Schwefel tut nichts zur Sache. Ihre Kinder und Kindeskinder erfahren übrigens eine ganz ähnliche Behandlung.

Insgesamt würde man sich wünschen öfter mit einer so selbstbewussten und heterogenen Familie Bekanntschaft zu schließen.

Ps und nur zur Info: das Essen im Heurigen ist ebenfalls unglaublich gut (das wundert nicht wirklich, ist aber trotzdem die Erwähnung wert).

Respekt vor Respekt. Gleichzeitig mit der Erweiterung des 15-köpfigen Stamms auf jetzt 19 Winzer, gab es einen Relaunch der respekt-Richtlinien und eine neue Webseite, die wenig Fragen offenlässt (und zudem extrem gut gemacht ist) – www.respekt.or.at

DruckDas ist insofern erfreulich, da Transparenz im Weinbau generell eher tabuisiert wird und es schon Sinn macht, wenn Winzer ihre Handlungen im Weingarten und Keller ausführlich, detailliert und nachvollziehbar offenlegen.

Zudem ist es schon auch spannend zu erfahren, warum Winzer im Weingarten mit Fenchel- und Orangenöl, Birkenblättern, Backpulver oder Algenextrakten hantieren – praktikable und richtungsweisende Alternativen zu den Chemikalien, mit denen konventionelle Betriebe ihre Rebstöcke bearbeiten (dürfen).

Neu sind zudem die qualitätsspezifischen Punkte, die sich unter dem prophetischen Link „Der ideale Wein“ wiederfinden. Kellerrichtlinien fehlten bisher im Regelwerk von „respekt“ und mit der Auflistung diverser Interventionen/NICHT-Interventionen  ist die Lücke geschlossen und außerdem auch gleich vorgezeichnet, wohin die Reise gehen soll – der „ideale Wein“ ist übrigens, laut respekt, der in keiner Weise veränderte Wein.

Generell setzt man auf spontane Gärungen durch natürliche Hefepopulationen (Grundvoraussetzung für die Authentizität herkunftsspezifischer Weine). Ausnahmen bilden – um eine zuverlässige Endgärung zu ermöglichen – trockene Weißweine  (wobei mir nicht ganz klar ist, warum sie bei Weißweinen weniger zuverlässig sein soll als bei Rotweinen) und selbst das ist nur bei dokumentierten Problemen zulässig. Schwefel darf beigefügt werden, wobei man versucht sich immer näher an entsprechende Minima (je nach Weinstil) heranzutasten (es gibt auch schwefelfreie Interpretationen im Fundus der respekt-Weine).

Schönungen werden möglichst nicht und wenn dann nur zu Stabilisationszwecken durchgeführt. Da die meisten Weine ohnehin relativ lange auf der Hefe bleiben, sollte bei den  wenigsten von ihnen eine Schönung notwendig sein – Ausnahmen, denke ich, sind vor allem die paar wenigen Jungweine, die sich da und dort finden. Kollektive Einigkeit herrscht zudem bei dem Wunsch nach moderaten Alkoholgradationen. Der Rest beruht auf individuellen Handschriften, die jedem Winzer und jedem Terroir zugestanden werden. Passt auch.

Den Grundsätzen und Ideen ihrer biodynamischen Bewirtschaftungsweise wurden außerdem einige fundamentale Aspekte zur Seite gestellt, über die man sicher öfter reden sollte und die definitiv einen Weg in die önologische Zukunft weisen. So machte man sich beispielsweise Gedanken über nachhaltige Veranstaltungskonzepte (Abfallvermeidung, Empfehlung zertifizierter Hotels, CO₂-Kompensation der gesamten Veranstaltung, Mehrweg-Geschirr etc.). Sympathisch sind zudem die Kurzportraits  und Zitate der Winzer, wobei unter dem Menüpunkt auch die vier neuen Betriebe zu finden sind – Clemens Busch, Hansjörg Rebholz, Steffen Christmann und Philipp Wittmann, allesamt deutsche Betriebe und alle mit nicht zu wenig Riesling in ihren Kellern –  die ohnehin hohe Qualität der respekt-Gruppe wird durch die vier sicher nicht gesenkt.

Womit einer Internationalisierung der respekt-Gruppe zumindest die Tür geöffnet wurde. Wer eintritt, ist den derzeitigen Winzern vorbehalten, die jedes Jahr ein neues Mitglied vorschlagen können.


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