Ich besuche fast alle Winzer mit dem Fahrrad und bin es gewohnt mich über Anstiege raufzuschinden, mit die Peitsche vor dem Zuckerbrot abzuholen und das völlig ohne religiöse Motive. Zu Emilio Placci allerdings werde ich nie mit dem Fahrrad aufbrechen, es gibt Grenzen und der Weg hinauf nach Il Pratello stellt eine solche dar antabuse tablets buy online. Als Emilio 1991, nach dem Tod seines Vaters, der Il Pratello eigentlich als Rückzugsort für Ferien und Wochenende gekauft hatte, auf über 600 Metern Höhe Sangiovesestöcke zwischen Kastanienbäumen und Weidewiesen auspflanzte, möchte ich nicht wissen, was die Nachbarn dachten. Er selbst war sich auch nicht so sicher, was er über sich denken sollte.

Il pratelloDoch Emilio war eben gelernter Önologe und wenn man einem Önologen ein Stück Land zur Verfügung stellt, dann pflanzt er keine Apfelbäume. Also wurde 1991 das Projekt Bergweinbau in den romagnolischen Hügeln gestartet und wenn man heute seine Sangiovese oder seinen Pinot probiert, dann weiß man, dass das Projekt von Erfolg gekrönt war und zwar von großem. Man mag vom Gambero Rosso, Italiens berühmtestem Weinführer, halten, was man will, drei rote Gläser muss man sich erst verdienen. Emilio Placci verdiente sie sich mehrmals.

Emilios großer Vorteil von der ersten Sekunde weg war, dass es auf seinen Wiesen und Hainen jahrzehntelang keinen Ackerbau gegeben hatte, also auch keine Kunstdünger oder Pestizide ausgebracht worden waren, biologischer Weinbau also in völlig unkontaminierter Umgebung stattfinden konnte; zudem waren seine Flächen gegenüber denen anderer Winzer durch weite Wiesen und Wälder voll Kastanien geschützt.

Sangiovese war Emilios erste Wahl. Zum einen ist die Sorte ohnehin in den Hügeln heimisch, zum anderen zieht sich durch die Gärten von Il Pratello Galestro, also der gleiche kalkige Untergrund wie er auch in den klassischen Sangiovese-Regionen der Toskana zu finden ist. Und für Sangiovese scheinen Emilios Hügel wie gemacht zu sein. Die Höhe betont nochmals zusätzlich Gerbstoff und Säure, die Frucht ist glasklar und nie welk, die Weine bersten vor steinigen Noten, kurz das Aromaprofil und die Struktur seiner drei Sangiovese könnte perfekter nicht sein. ilpratello3DassPinot Noir ebenfalls ins Spiel kommt, wäre vermutlich auch dann passiert, wenn Emilio kein Önologe gewesen wäre (ich kenne keinen Weinbauern, der die Rebsorte nicht gerne anpflanzen würde), die Kühle und der Kalk machten seine Pflanzung fast zur Verpflichtung. Malbo Gentile, dunkel und würzig, wächst ebenfalls blendend, ob Cabernet so eine gute Idee war, wage ich zu bezweifeln.

Die Weine landen nach spontaner Vergärung in kleinen und großen gebrauchten Holzfässern und bleiben dort auch für nicht zu kurze Zeit. Eingriffe physikalischer (abgesehen vom Umpumpen des Weins) oder chemischer Natur finden in dieser Zeit nicht statt, gefiltert, geklärt und geschönt wird nicht, geschwefelt schon aber nicht viel.

Über Emilios Philosophie sollte man auch noch ein paar Worte verlieren: in aller Kürze ist sie geprägt von einem Vertrauen in kleine Strukturen, in Traditionen und dem Bewusstsein, dass eine zunehmende Globalisierung der Diversität und Vielfalt der Weinwelt nicht allzu gut tut. Dass er allerdings keineswegs ein eigenbrötlerischer Passatist ist, beweisen seine stets willkommenen newsletter, die bisweilen eintreffen und dazu einladen, sich vielleicht doch mal in Auto zu setzen, um sich auf Il Pratello Steinpilze, Gnocchi, Würste, Wildschweine, Kastanien und vor allem Sangiovese vorsetzen zu lassen.

Zu Il Pratello gehört ein kleiner Agriturismo. Zudem ist Il Pratello eines der sechs Mitglieder der Bioviticultori.

Pamhagen ist dort, wo Österreich aufhört und Ungarn anfängt; einer dieser Orte, die man nur dann kennenlernt, wenn einem das Benzin ausgeht, während man nach Fertöd zum Zahnarzt oder ins Schloss fährt oder Ornithologie zu seinen Passionen zählt. Würde ich also nicht so gerne Wein trinken (und darüber schreiben), Pamhagen hätte mich nie gesehen. Und ich hätte Michael Andert nicht kennengelernt. Ich hätte definitiv etwas verpasst.

Michael Andert ist ein exzellenter Winzer. Das sind andere fraglos auch. Was Michael Andert zudem so speziell macht ist sein Konzept, sind seine Ideen, seine Methoden, ist sein Weltbild – es ist etwas, was man – weiß man erst ein wenig darüber Bescheid, auch in seinen Weine schmecken kann, mag man es nun Originalität, Charakter, Vitalität oder Natürlichkeit nennen – oder alles zusammen.

Aber starten wir am Anfang: Im Innenhof des Weinguts geht es ordentlich rund. Hühner, auf der Flucht vor Frau Andert und/oder dem Hahn, machen Radau und der Hund bellt dazu. Michael ist die Ruhe selbst und nachdem er uns (Dominik P. von vinonudo ist mit von der Partie) erstmal die Gläser mit einer Zweigelt Vorlese eingeschenkt hat, erzählt er uns durch den Lärm von einigen seiner Grundintentionen, deren Fundament seit gut einem Jahrzehnt die Biodynamik bildet; so wie die immanente Bedeutung des Wortes Biodynamik Stillstand quasi generell ausschließt, so innovativ und engagiert ist auch Michael Anderts Ansatz konsequenter Weiterentwicklung – alles mit dem Ziel einen in sich geschlossenen und autonomen Kreislauf herzustellen.

2014-11-22 12.04.17Aufgewachsen auf einem gemischtbewirtschafteten Hof, weiß er um die Vorzüge einer variablen Landwirtschaft: Vieh wurde schon immer gehalten, Wein quasi ebenfalls und so macht er im Grunde dort weiter, wo die Vorgängergenerationen die Basis gelegt haben. Nur eben noch nachhaltiger. Pestizide haben in seinem Weingarten genauso wenig verloren, wie systemisch wirkende Behandlungsmittel oder Kunstdünger. Dafür kommen Tees und Sprays zum Einsatz und anstelle dumpfer monokultureller Weingartenpflege wird im besten Sinne multikulturell gearbeitet: es wächst, was wachsen will und damit er auch Bescheid weiß, was das alles ist, hat er zudem eine Ausbildung zum Kräuterpädagogen absolviert.

Nun ist es natürlich brillant über all die Unterschiede Bescheid zu wissen, der Pädagoge hinter den Kräutern wäre allerdings alleine auf dem Feld zwecklos: weshalb er seit nunmehr fünf Jahren gemeinsam mit den Schulkindern Pamhagens auch einen Garten pflegt, was laut Michaels Schilderungen, beiden Parteien immensen Spaß machen dürfte. Es wird kollektiv vorbereitet, gearbeitet, geerntet und gegessen und es wird diskutiert und gefragt – auf einer Ebene, wie er es von Erwachsenen nicht gewohnt ist. Die Essenz der Dinge wird ausgelotet, wie das eben nur Kinder können.

Wir versuchen es in der Zwischenzeit den Kindern so gut wie möglich gleichzutun und der elementaren Beschaffenheit von Michaels Zweigelt auf den Grund zu gehen und kommen zu dem schönen Fazit, dass sie definitiv mehr von Bach als von Wagner in sich haben. 10,6% Alkohol hätten bei Wagner nicht mal für eine Ouvertüre gereicht, bei Bach wäre sich damit wohltemperiert eine ganze Sonate ausgegangen. Das gilt auch für die Zweigelt Selektion, die zwar profunder, dunkler und saftiger daherkommt, allerdings auch nichts von einer Walküre in sich birgt.

Der dritte Rotwein ist Michael Bekenntnis zu einer Rebsorte, die ihm seit jeher am Herzen liegt und die er deshalb auf einem Schotterriegel ausgesetzt hat, genau dort, wo sie auch im Bordeaux stehen würde: Cabernet Sauvignon. Nach den Cabernet Franc Versionen von Christian Tschida der zweite burgenländische Beweis dafür, dass man die Winzersöhne und -töchter des Bordeaux statt nach Kalifornien besser ins Burgenland schicken würde.2014-11-22 12.29.39

Auf dem Weg in den Keller passieren wir einige Stationen anderer Andertscher Leidenschaften, u.a. den Garten, vor allem aber die Selchkammer, die man als ersten Verweis auf Michaels fleischhackerische Talente ausmachen kann. Der zweite hängt auf diversen Haken von der Kellerdecke herunter oder liegt einvakuumiert zwischen den Weinflaschen; oder aufgeschnitten vor uns, während wir seine Hauptwerke (zumindest aus meiner Sicht) ausprobieren. Zuerst saugt Michael ein wenig Ruländer aus den Tanks (allesamt gebrauchte Holzfässer) und wir kosten uns durch den Jahrgang 2014, der frisch und leicht, aber auch saftig, tiefgründig, präzis und vital wirkt. Danach geht es die Jahrgänge hinab und  drei essentielle Dinge bleiben bei der Reise in die Vergangenheit hängen: a. Ruländer alias Pinot Gris alias Pinot Grigio alias Sivi Pinot alias Grauburgunder ist in allen vier Sprachen eine phänomenale Rebsorte (wehe dem, der sie ausreißt), vor allem dann, wenn man sie reif liest und mazeriert b. Michael Andert ist ein Meister in Sachen Maischegärung und c. der Unterschied zwischen 5 Tage und 41 Tage Mazerationszeit ist nicht allzu dramatisch, was ganz einfach bedeutet, dass ein Großteil der Gerbstoffe bereits in den ersten Tagen ausgelaugt wird (genauere Verkostungsnotizen folgen, in aller Kürze und pauschal über den Kamm geschert und die Jahrgänge beurteilt, sind die Weine dicht, fokussiert, substantiell, bestens strukturiert, aromatisch (wenig Frucht, viel Kräuter) und lang. Das gilt auch für den Wein, der „eigentlich kein Wein sein dürfte“, nämlich ein ebenfalls maischevergorenen Weißwein (inkl. Stengel), der aus P…T M…..G und Österreichisch Weiß (die Rebsorte gibt es wirklich) besteht. Ein großer und großartiger Wein.

Über Michael Andert könnte man noch eine ganze Menge mehr erzählen und vermutlich würden die Leute, die bis hierher gelesen haben auch noch weiterlesen: über seinen St. Laurent , über sein eingelegtes Gemüse, vom dem wir neben Ruländer & Co. einen Sack voll nach Hause gekarrt habe, über seine Leidenschaft für Wild, seine Kräuterführungen für Erwachsene (unbedingt zu empfehlen) …  das Beste ist es aber ganz einfach einen seiner Weinen zu kaufen (wo auch immer) oder zu Konstantin Filippou oder ins Kussmaul aufzubrechen und seine Weine zu den mitunter besten Gerichten der Wiener Gastroszene zu probieren. Sie sind definitiv eine angemessene Begleitung.

Ich habe vor kurzem Clark Smiths Buch Postmodern Winemaking gelesen. Smith schwört auf Mikrooxidation und künstliche Alkoholreduzierung bei seinen Weinen – das muss man nicht mögen aber immerhin macht er auch kein Geheimnis daraus. Gleichzeitig widmet er sich in einem Kapitel aber auch dem „Nonsense natural wine“. Viel Nonsense lässt sich darin nicht finden, im Gegenteil, irgendwann hat man das Gefühl, dass Clark diese Weine eigentlich ganz gerne trinkt. Was das eigentlich eher mäßige Resümee allerdings spannend macht, ist dann allerdings eine wirklich interessante Frage, die sich CS stellt: Why are there no rules for natural wine?

Tja, WHY? Es gibt Regeln für Bioweine, biodynamische Weine, für koschere Weine, einzig Naturweine stehen ohne einen Katalog aus Gesetzen und Regeln da. Die Anarchisten unter uns mögen das richtig gut finden und die Neoliberalen sowieso, dezidierte Naturweinwinzer allerdings sollten über diese Tatsache eher bestürzt sein – und vor allem auch über die Tatsache, dass sich daran wohl kaum was ändern wird.

Lässt man die letzten Jahre kurz Revue passieren, wird man selbst als Liebhaber klassischer Weine nicht umhin können zuzugeben, dass die Naturweinnische für eine Menge spannender Momente maßgeblich entscheidend war. Naturweinwinzer sind ein experimentierfreudiger Menschenschlag, eine Avantgarde, die zwar bisweilen auf weit zurückliegende Traditionen zurückgreift (autochthone Sorten, spontane Vergärung, eigenwillige Gebinde) und diese entweder wieder schmeckbar machen oder aber neu interpretieren. Einige dieser Innovationen wurden in der Zwischenzeit stillschweigend und manchmal auch recht laut von konventionellen Winzern übernommen (dagegen spricht nichts, im Gegenteil) und bisweilen hat man die Gelegenheit auch gleich genutzt, um sich das Wort natürlich auszuborgen – dagegen spricht,  da es ja keine Regeln und  Gesetzgebungen – leider auch nichts.

Wein ist ein Kulturprodukt und folglich ist kein Wein im eigentlichen Sinne ganz natürlich – Winzer treffen generell Entscheidungen, im Weingarten wie im Keller. Zwischen minimaler und maximaler Intervention gibt es allerdings eine Anzahl von Abstufungen, von denen Boxer nur träumen können und die von quasi NULL bis zu einem intensiven Einsatz diverser Chemikalien und technologischer Prozesse reichen (siehe Zusatzstoffe oder Was ist Naturwein). Da ein großer Teil davon auch in den Kellerrichtlinien der Bioweinverordnung aus dem Jahr 2012 zugelassen ist, Naturweinwinzer allerdings (zumindest in meiner Interpretation) auf Reinzuchthefen, Hefenährstoffe, Schönungsmittel, Enzyme, Chaptalisierung etc. verzichten und Schwefeldioxid nur in minimalsten Mengen einsetzen, wäre ein eigenes Regulativ für Naturwein eigentlich eine Notwendigkeit.

Da Alice Feiring so freundlich war Clark Smith zu erklären, was sie sich unter natural wine vorstellt, zitiere ich hier kurz ihre Liste:

  • Wines made from grapes planted on interesting soils and climates, not farmed chemically, irrigated or picked at over ripeness
  • No added yeast or nutrients
  • No enzymes
  • No bacteria
  • No added tannin
  • No added chemicals
  • No wood product (wood is used for elevage, not for flavour)
  • No acidification
  • No chaptalization
  • No alcohol adjustment
  • NOTHING should be added that is not from the grape itself
  • No texture manipulation
  • No reverse osmosis
  • Sulphur dioxide used in the minimum

Andere würden noch Schönungsmittel und den Einsatz von Filtern verbieten. Egal. So wie es dasteht würden das zwar nicht viele Winzer unterschreiben können, es würde allerdings die Fronten klären. Aber keine Sorge, ein solches Regulativ wird es offiziell nie geben. Nicht in Österreich (was nachvollziehbar ist, da es gerade mal zwei bis maximal drei Dutzend Winzer gibt, die derart vinifizieren – Tendenz allerdings steigend) und erst recht nicht in der EU. Dort dauerte es von 1991 bis 2012 bis man sich durchrang, den Bioweinrichtlinien im Weingarten Kellerrichtlinien anzuhängen, die viele Winzer nicht zu Unrecht als Kniefall vor den Lobbyisten der Biowein- und Agroindustrie beurteilen.

Clark Smith ist übrigens der Meinung, dass die Vielzahl unterschiedlicher Auffassungen innerhalb der Naturweinbewegungen Schuld daran haben, dass es kein einheitliches Regulativ gibt. Er mag damit teilweise Recht haben. Es steht allerdings auch zu vermuten, dass weder konventionelle Winzer noch im Keller konventionell produzierende Biowinzer sonderlich daran interessiert sind, den Begriff Natur kampflos aus der Hand zu geben (dafür gibt es tonnenweise durchaus nachvollziehbare  Gründe angefangen bei dem romantischen Naturbild, das Wein impliziert bis zum Terroirbegriff, der essentiell mit der Natur verbunden ist…)

Was kann man also tun, um zu demonstrieren, dass man als Winzer minimalst interveniert oder aber als Konsument an eine Flasche Wein kommt, an der möglichst wenig manipuliert wurde. Vorerst ist es wohl das besten sich an kleineren und größeren  Institutionen und Gruppierungen zu orientieren, die ihre eigenen, teils rigorosen Regeln aufstellen. So hat DEMETER Österreich beispielsweise eigene Kellerrichtlinien (die Alice Feirings Idee von Naturwein recht nahe kommen, allerdings nur für Österreich gelten). International sind es vor allem Gruppierungen wie VINNATUR, die Association des Vins NaturelsVins S.A.I.N.S (sulfitfreie Weine), Simbiosa oder Triple A, die Weine mit einem Minimum an Manipulation garantieren.

Selbst die größten Lagenfetischisten innerhalb der österreichischen Weinszene dürften Schwierigkeiten haben die Lange Ohn zu orten. Hinter Jois gelegen, fällt sie relativ sanft in Richtung Neusiedl ab, wobei „das Lange“ im Namen in den ausgedehnten Rebzeilen seine Rechtfertigung findet, während das „Ohn“ vermutlich auf den „Atem verweist, den man braucht, um die Riede hinaufzuwandern“.

„Oben“, meint Hans Peter Harrer, „ist es karger, die Wurzeln treffen früher auf den Kalk“, und auch wenn der Höhenunterschied marginal scheint, ist es ein Tick kühler und windiger. In guten Jahren zollt HP diesen Feinheiten Tribut. Dann gibt es neben dem Blaufränkisch Lange Ohn, einem puristischen, schlanken und vielschichtigen  Wein, auch noch den Blaufränkisch vom Kalk von den obersten Reihen der Riede. Kühl, komplex, druckvoll und lebendig ist er eine dieser erstaunlichen Blaufränkisch-Interpretationen, die sich zwar nicht oft aber doch immer wieder den Leithaberg hinunter bis nach Rust ziehen.

Die Lange Ohn ist Harrers Herzenslage und schon deshalb ein Grund, der Hitze zu trotzen und mit ihm die Rebzeilen zu erkunden. Neben Blaufränkisch sind es auch noch alte Welschrieslingstöcke (zurzeit die Basis für einen saftigen und glasklaren Sommerwein, der ohne Restzuckerkonzessionen an die Terrassenweintrinker auskommt und demnächst auch noch das Material für eine maischevergorene Version bildet) und Pinot Noir (den man problemlos auch im Burgund verkaufen könnte und  der sich folglich vor allem durch eine strenge und geradlinige Kühle, kein Gramm Fett und subtile Frucht- und Terroiraromen definiert), die teils seit Jahrzehnten in der Langen Ohn wurzeln.

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HP Harrers Weingarten

Zwischen den Rebreihen dagegen spiegeln sich HPs Anschauungen wieder, die genauso dezidiert wie vernünftig wirken. Dort wachsen trotz der Trockenheit und Hitze einträchtig wilde Karotten, Malven, Käsepappel, Spitzwegerich, Löwenzahn, wilder Amaranth, Pfeilkresse (bestens für Salate geeignet) und Schafgarben nebeneinander. (Trocken-)Stress scheinen sie keinen zu verursachen, dafür brechen sie die Monokultur. Die Schafgarben verwendet der seit 2012 demeterzertifizierte Weinbauer übrigens gleich zur Herstellung von Präparaten.

Mit wenigen Ausnahmen sind die Weingärten alt. HP pachtet lieber alt und rekultiviert als neu auszusetzen, wobei ein Neuburger die Regel bricht und demnächst auch noch ein Furmint diese Ausnahme bestätigen soll; die Reben wurzeln folglich tief und kommen selbst im wüstenartigen Sommer 2015 ohne Bewässerung aus.

Würde man beispielsweise den Wurzeln seines Traminers auf den Grund gehen wollen, müsste man sich durch eine ganze Menge Kalk und  Erde graben. Der Weingarten in der Riede Froschau gehört seiner Tante, die die 90 Jahre alten Stöcke eigentlich roden wollte. Harrer verhinderte das und rettete derart genetisches Material, das um den See herum (und in der Welt) vermutlich einzigartig ist und zudem das Fundament für einen Wein ergibt, der auf den Schalen vergoren, die Möglichkeiten der Rebsorte bis ins letzte Detail auslotet. Harrer ist übrigens davon überzeugt, dass man „erst durch Maischegärungen dem ganzen Potenzial einer Rebsorte auf die Spur kommt“, weshalb es jenseits des Traminers auch noch eine maischevergorene Riesling gibt.

„Riesling? Am Neusiedlersee?“ „Sicher“, meint HP, „unten am Seefeld. 40 Jahre alte Stöcke. Auf Schotter und Lehm. Dort würde heute kein Mensch mehr Riesling aussetzen.“ Tut er auch nicht. Allerdings rekultiviert und pflegt er sie und vinifiziert daraus zwei Versionen (zum maischevergorenen auch noch einen klassischen), die zeigen, dass in akribischen Winzerhänden nichts unmöglich ist.

Während wir auf der Sauerbrunn (what a name) durch einen Blaufränkisch-Weingarten stapfen, gibt HP ein paar klimatische Einblicke in seine unmittelbare Umgebung: „Neusiedl liegt gerade noch im Einflussbereich des Leithagebirges. Der Wind vom Westen streift durch seine Weingärten und sorgt dafür, dass die Seethermik nicht überhand nimmt und die Weine geradlinig, straff und elegant bleiben.

Problematisch ist dagegen bisweilen die Trockenheit, die trotz der zunehmenden Unkalkulierbarkeit des Wetters rund um Neusiedl extrem ausfallen kann. Weshalb dann wiederum alte Weingärten mit ihren tiefen Wurzeln Sinn machen.

Nicht nur hier schließt sich der Kreis. Seine Umstellung auf biodynamische Bewirtschaftung ist ein weiterer elementarer Faktor in seiner Weingartenphilosophie, die interessanterweise nicht nur durch ethische oder qualitative Aspekte begründet wird. Harrer will verstehen, den Dingen auf den Grund gehen, „wissen warum etwas ist, wie es ist“ und das funktioniert naturgemäß besser, wenn man mit den natürlichen Voraussetzungen arbeitet.   Durch dieses Verständnis wiederum möchte er den zunehmenden Authentizitätsverlust kompensieren, den er bisweilen im Weinbau wie auch bei Handwerkern diagnostiziert.

Es wundert wenig, dass sich HPs Vorgehensweise im Keller 1:1 mit seiner Denkart im Weingarten deckt. Er setzt auf eine bewusste Mostoxidation, eine alte, manuell betriebene Vaslin-Presse, spontan startende Gärprozesse, lange Hefestandzeiten, biologischen Säureabbau (sofern er denn stattfinden will), lange Hefestandzeiten, 200, 300 und 500 Liter Holzfässer (Akazie/Eiche) viel Ruhe und wenig SO₂ – manchmal auch gar keinem. Damit das alles mit rechten Dingen über die Bühne geht, schaut ihm Che Guevara auf die Finger, dessen Portrait  über der Presse hängt und den Weinkeller überblickt – das Überbleibsel eines kubanischen Festes, erzählt HP.

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Im Keller mit dem Che

Experimentiert wird dabei fortwährend, seien es nun kurze oder längere Maischestandzeiten, Ganztraubengärung oder das gelegentliche Einstampfen mit Füßen. Die Stilistiken orientieren sich an keinen modernen Typizitäten (weshalb er auch oft keine Prüfnummer bekommt) und machen keine Konzessionen: warum auch. HP Harrers Weine beinhalten alles, was man sich als Weintrinker wünschen kann und repräsentieren dabei doch ihre ganz eigenen Charakteristika: der Pinot Rosé beispielsweise ist saftig, lebendig und filigran, hat feine Beerenaromen und ordentlich Säure, der Chardonnay Weisse Lagen ist stringent, lang, offen und vital, wobei sich HP noch mehr Geradlinigkeit wünscht, der Traminer dagegen ist  ein Ausbund an Rosen und Veilchen, denen allerdings ordentlich Gerbstoff eine Struktur verpasst, die mehr von Wladimir Klitschko als von Helmut Kohl hat und die man der Rebsorte immer wünschen würde. Gemein ist ihnen lediglich ein stets moderater Alkohol (zwischen 12-13%).

Zwei Weine runden das beeindruckende Sortiment ab: zum einen der Kekfrankos (ein ungeschwefelter Blaufränkisch, der sich des ungarischen Synonyms bedient, da er prüfnummernfrei den geläufigen Namen nicht am Etikett tragen darf), offen, würzig, lebendig und so animierend, dass man gleich die ganze Flasche runterkippen möchte und der Leskorner, ein Tribut an die Tradition – und doch völlig neu interpretiert. „Früher“, erklärt HP, „gingen die Industriearbeiter nach der Lese durch die Weingärten und pickten die übriggebliebenen Trauben von den Reben, um daraus einen Haustrunk zu machen.“ Heute geht HP selbst ein paar Wochen nach der Lese durch die Rebzeilen und sammelt die Beeren ein – gesunde wie auch mit Botrytis befallene. Die werden spontan und so weit wie möglich durchgegoren, wobei der extreme Zuckergehalt auch zu einer extreme Alkoholgradation (16,5% – unerreicht mit wilden Hefen in Ö) führt. Das Resultat ist ein Wein, der einem trockenen Sherry nicht unähnlich (ein bisschen mehr Frucht und Süße) sowohl als Aperitif herhält, wie auch alle möglichen Schweinereien mit Innereien radikal aufwertet. Doch das ist eine andere Geschichte.

 

Golser Experimente Teil 1 – Gernot Heinrich

Die Reputation von Gols fußt seit Jahren und Jahrzehnten auf Rotweinen. Salzberg & Co. genießen seit langem Kultstatus.  Das wird und sollte sich auf absehbare Zeit nicht ändern, doch erfährt die Gegend eine tiefgreifende Transformation im roten Sektor, zu der sich erfreulicherweise auch gleich noch eine Revolution in Weiß gesellt. Die Basis für die fundamentale Umgestaltung geht wie schon vor zwanzig Jahren  von einem Teil der Pannobile Winzer aus. Die sind gerade dabei, ihre etablierten Stile neu zu interpretieren, Rebsorten und neue Terroirs auszuloten und in unbekannte Welten aufzubrechen. Essentiell war dabei der Umstieg fast aller Winzer auf biologische Bewirtschaftung und in weiterer Folge auch eine minimalistischere Arbeitsweise im Keller. Damit einher ging zudem ein beständiger Blick über die Grenzen, unter anderem in die experimentellen Tiefe des Naturweins visit this website.

Da sich gleich ein halbes Dutzend Winzer aufmacht, die Grundfesten der Gegend ein wenig zu erschüttern, macht es Sinn das Beben in mehreren Teilen festzuhalten.

Teil eins beschäftigt sich mit den Experimenten, denen sich Gernot Heinrich seit einiger Zeit widmet und die (da sie wie alle Weine, die jenseits der Dogmen der Prüfkommissionen gekeltert werden, keine Prüfnummer erhalten und folglich mit Phantasienamen und ohne genaue Rebsortenangabe und Herkunftsnachweis bezeichnet werden müssen) bezeichnenderweise unter dem Signum der FREYHEIT fungieren. Es handelt sich um eine Trilogie marginalisierter Sorten, denen Gernot Heinrich durch a.) biodynamische Bewirtschaftung und b.) gezielter Extraktion durch Schalenkontakt, spontaner Vergärung, nicht kontrollierter Gärtemperatur, minimalen Schwefelungen usw. weit mehr als nur ein bisschen Leben einhaucht.

Dass dem Neuburger seine Freiheit richtig gut tut, konnte man nur vermuten, da er in der Form wie ihn Gernot keltert, bisher nicht existierte (Judith Beck bestätigt seit kurzem in ihrer phänomenalen Bambuleserie – in ein paar Tagen in der Experimentenserie nachzulesen – den Freiheitsanspruch des Neuburgers). Die Trauben dafür stammen zum einem vom Golser Kurzberg andererseits und vor allem aber auch vom anderen Ufer des Sees – genauer von den Kalkhängen des Leithagebirges. Die Vinifikation beginnt mit einer eintägigen Maischestandzeit inklusive  Kämmen und Stielen. Die Gärung setzt spontan ein, Enzyme, Nährstoffe & Co. sind tabu. Ausgebaut wird über Monate hinweg in gebrauchten Holzfässern und was dann letztendlich ins Glas kommt, hat handfeste Tannine, eine stringente Struktur, ordentlich Druck bis zum und über den Gaumen hinaus, viel Körper und ein unaufdringliches aber bleibendes Spektrum an Aromen. Den profunden und substantiellen Charakter findet man übrigens auch in der 2014er Fassprobe, was man bei 11% Alkohol zwar erhoffen aber eigentlich nicht erwarten würde.

Freiheit wurde auch dem Grauburgunder gewährt. 25 Tage lang blieb der Wein auf der Maische und was in diesen 25 Tagen geschah, wird zwar für immer ein Rätsel der Natur bleiben, das Resultat ist jedoch in mehrfacher Hinsicht erstaunlich. Die Farbe ist meilenweil weg vom gewohnten orangen Farbspektrum und changiert irgendwo zwischen Pinot Noir und Nebbiolo (näher am Nebbiolo). Die Aromen siedeln sich ebenfalls zwischen den beiden Rebsorten an, der Gaumen spricht jedoch eine andere Sprache. Frische, Lebendigkeit, Saftigkeit, Dichte, Gripp und Straffheit sind die sechs Grundpfeiler eines umwerfenden Experiments, das zurzeit leider auf 225 Liter beschränkt ist. Das wird glücklicherweise nicht so bleiben. Gernot Heinrich wird am Leithaberg weitere Parzellen Grauburgunder auspflanzen und damit die entgegengesetzte Richtung eines Trends einschlagen, der Grauburgunder zum Opfer von Veltliner (als würde es nicht genug davon geben), Zweigelt (als würde es…) oder Sauvignon (als wü…) macht. Das wird allerdings noch dauern und solange es nicht mehr gibt, sollte man schnell sein.

Eine Trilogie hat bekanntlich drei Teile und die Hauptrolle im letzten Part gehört vorbehaltslos Gernots Rotem Traminer. Sobald Traminer die Bühne erklimmt, können sich die übrigen Rebsorten im Allgemeinen verziehen. Traminer kleckert nicht lang rum, sondern klotzt von der ersten Sekunde weg mit einem Potpourri an Aromen, dass von Moschus bis Nivea reicht und manchmal eher Angst als Spaß macht. Vor allem dann, wenn dieser Überschuss nicht kompensiert wird. Und gerade hier liegt das Problem. Traminer hat von allem zuviel, an Säure mangelt es ihm allerdings fast immer. Einfallslose Winzer säuern einfach auf, einfallsreiche und experimentelle Winzer mazerieren. Der Gerbstoff, der dabei aus den Schalen gelaugt wird, puffert Körper und Alkohol und übernimmt quasi die Funktion der Säure. Das ist bei Roland Tauss sensationellem Roten Traminer so und bei Gernot Heinrichs gleichfalls exzellenter Version nicht anders.

Wer so viel Freyheit nicht aushält, dem bleiben unzählige andere Varianten. Kosten sollte man sie allerdings.


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