Der Status Quo
Der Strohhalm, an dem sich viele Kritiker der Naturweinszene festhalten, ist die sensorische Qualität der Naturweine. Da es immer schwerer wird gegenüber den positiven Aspekten biologischer oder biodynamischer Bewirtschaftung die Nutzung von Herbiziden, Pestiziden usw., zu rechtfertigen und man abgesehen vom Thema Sicherheit keine qualitativen Gründe anführen kann, warum man z.B. Reinzuchthefen zum Gärstart einsetzen sollte, geschweige denn weiterführend Enzyme, Hefenährstoffe, Ammoniumsulfat, Ammoniumhydrongensulfit, Ascorbinsäure, Stickstoff, Casein, Gelatine, Cellulose, Hausenblase, Zitronensäure, Chitosan, Gummi Arabicum oder Polyvinylpolypyrrolidon (kein Schmäh) und was es sonst noch so gibt, versucht man sich über einen, in den letzten drei Jahrzehnten etablierten sensorischen Rahmen zu retten, der für sich genommen schon extrem fragwürdig ist und zur Beurteilung von natürlich hergestellten Weinen wenig taugt. Zu ihrer Verunglimpfung ist er freilich ganz gut geeignet.
Die Kernpunkte dieses sensorischen Rahmens lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:
–          Wein hat sauber (fehlerfrei), klar und fruchtig zu sein.
–          Wein muss in seinen Einzelteilen so viel ergeben wie sein Ganzes. Diese Einzelteile werden dann, in einem mehr als fragwürdigen Punktesystem (dazu später genauer), separat für sich beurteilt (so gibt es Punkte für Farbe und Klarheit, die mit der Weinqualität prinzipiell gesehen herzlich wenig zu tun haben, Punkte für Geruch, Geschmack, Intensität etc.). Die Summe der Einzelteile liefert dann den Gesamteindruck. Wein sollte allerdings stets umgekehrt, als Entität gesehen werden, die von einer Vielzahl an Nuancen und Balancen geprägt ist, die für sich nicht zwingend beeindruckend sein müssen, für das Ganze freilich von entscheidender Bedeutung sind.
–          Wein muss von der ersten Sekunde weg präsent und stimmig sein. In der Nase und am Gaumen. Die meisten Kritiker brauchen nicht mehr als drei Minuten für die Beurteilung eines Weins. Die Zeit, die ein Wein braucht, um durch entsprechende Luftzufuhr, ein entsprechendes Gleichgewicht zu bekommen, ist dabei m seltensten Fall gegeben. Naturweine brauchen Luft und oftmals nicht zu wenig.
–          Wein muss abhängig von der Herstellungsart, der Region, des Jahrgangs vorkonstruierten Kriterien entsprechen. Eine Steirische Klassik zum Beispiel muss immer lebendig und frisch schmecken, selbst dann, wenn das Jahr noch so heiß war, ein deutscher Lagenriesling sollte sich mineralisch präsentieren, selbst dann, wenn seine Stöcke in tiefem Lehm wurzeln und das Flaggschiff eines Weinguts hat eben auch dann opulent, ausladend und schwer zu sein, wenn es den ganzen Herbst über geregnet hat. Um diesen (extrem monotonen) Vorstellungen zu entsprechen, manipuliert man bis zum Abwinken und greift dabei auf eine immer breitere Cuvée aus High-Tech und chemischen Zusatzstoffen zurück.
–          Wein muss sortentypisch schmecken: finde ich schon auch, aber… sollte ein Wein nicht auch die Herkunft widerspiegeln und möglichst auch die Handschrift der Winzer in sich tragen – Wein ist ja auch, und da bin ich voll auf Linie, ein Kulturprodukt.  Wer definiert aber nun Sortentypizität? Ich fürchte, dass gerade hier das große Problem liegt und das hier die falschen Leute (die richtigen wären wohl die Winzer, die die Eigenheiten ihrer Weine und ihrer Böden am besten kennen) die Maßstäbe setzen. Sauvignon Blanc ist wie so oft ein beredtes Beispiel: diesmal leider für die Degeneration eines Geschmacksbilds. Die heute dominierenden Aromen – ein bisschen Exotik, ein bisschen unreifes Grünzeug, ein bisschen Zitrus und hie und da ein Blümchen, das sich bemerkbar macht – haben wenig mit dem vollreifen Geschmack der Traube zu tun, sondern sind Attribute, die vor allem der Kultur, die in diesem Fall zur Unkultur wird, zu verdanken sind: Reinzuchthefen (oder Kulturhefen, wie man sie auch gerne nennt), sehr kalte Vergärungen, Trockeneis, Enzymbeigaben usw. haben den Sauvignongeschmack derart manipuliert, dass heutzutage nicht das als sensorisch sortentypisch gilt, was an Aromen in der Traube steckt, sondern vielmehr das, was Technologie und Chemie mit den Aromen machen. Dieses verzerrte Geschmacksbild hat sich freilich so weit durchgesetzt, dass sich selbst Prüfkommissionen weigern, authentischen, traditionell und quasi interventionsfrei hergestellten, in großen Holzfässern ausgebauten Sauvignons die Prüfnummer zu verleihen, weil sie mit ihren reifen, gelbfruchtig, kräuterig-erdigen Noten und ihrem kompakten und dichten Körpern nicht den zum Klischee gewordenen sensorischen Manipulationen entsprechen. Sauvignon Blanc war nur ein Beispiel, andere Rebsorten würden ähnliche Geschichten erzählen.
Folgt man also geradewegs diesen Richtlinien wird man mit den meisten Naturweinen (und auch mit vielen traditionell hergestellten Weinen) definitiv Probleme haben. Naturweine öffnen alte, in Vergessenheit geratene Geschmackswelten, die mit den gängigen nicht mithalten können und erst recht nicht wollen und die größtenteils mit der Intention gemacht sind, nicht für sich, sondern mit der lokalen Küche getrunken zu werden.
Um gleichmal einem der gängigsten Klischees entgegenzutreten, ist es vielleicht wichtig zu sagen, dass die meisten Naturweine sauber sind. Zwar kommt es bei gewissen Weinen anfangs beizeiten zu spürbar reduktiven Noten (es gibt definitiv mehr konventionelle Weine, wo intensive Fruchtzuckerlnoten (Kaltvergärung/Reinzuchthefen) oder extreme Schwefeltöne die Frage aufwerfen, ob der tiefe Griff in den Chemiekasten und die High-Tech-Kiste nicht zu verzerrend wirkt, um diesen Weinen noch das Etikett „fehlerfreier Wein“ umhängen zu können), doch zumeist reicht ein bisschen Luft (dekantieren, ein wenig Geduld vor dem ersten Schluck) um diese zu vertreiben.
Dass Weine, vor allem Weißweine, klar sein müssen, ist der Idee einiger Hauptverantwortlichen der Weinwelt (Kritiker, Konzerne, Brands, Agroindustrie) zu verdanken, die vor einigen Jahrzehnten beschlossen haben, den Konsumenten den Anblick von Trubstoffen im Wein zu ersparen. Die können vor allem dann, wenn man kein sauberes Traubenmaterial in den Keller bringt, durchaus negative Auswirkungen haben (bakterielle Infektionen, eine mögliche Zweitgärung), im Allgemeinen beraubt man durch intensive Filtrierung (es gibt unterschiedliche Grade der Filtration und es gibt auch viele Naturweinwinzer, die vor der Füllung einmal grob filtrieren) einer zusätzlichen strukturellen und aromatischen Komponente.
Das Farbspiel zwischen industriell und handwerklich hergestellten Weinen verläuft generell diametral entgegengesetzt. Die tiefdunklen, fast schwarzen Rotweine, die durch Überextraktion der in der Traubenhaut  sitzenden Pigmente (Anthocyane) zustande kommen, sind mir bei Naturweinen eigentlich noch nie untergekommen. Rebsortenbedingt gibt es freilich Unterschiede (ein Zweigelt oder ein Sagrantino wird immer dunkler sein als ein Pinot oder ein Sangiovese) man sollte allerdings nie auf die Idee kommen, von der Farbe auf die Qualität zu schließen, die mitunter besten roten Rebsorten der Welt sind auch ihre hellsten (Nebbiolo, Pinot, Nerello Mascalese).
Bei Weißweinen wiederum ist es so, dass man lange suchen muss, um einen Wein zu finden, der so transparent ist wie viele der Weine, die unter dem Siegel frisch, fruchtig, leicht verkauft werden und denen quasi – durch frühe Schwefelungen, Klärungen, Filtrationen – schon sämtliche eigenen Aromastoffe (und eben auch die Farbe) abhanden gekommen sind, bevor sie überhaupt Wein werden durften. Naturweine (und bisweilen natürlich auch gut gemachte konventionelle Weine) geben selbst dann, wenn sie sofort gepresst werden, Farbstoffe in den Wein ab, sei es durch die Tatsache, dass sie lange oder überhaupt nicht gefiltert werden, sei es durch extensive Ausbauzeiten in großen Holzfässern oder eben, sofern sie nicht gleich gepresst wurden, durch eine mehr oder weniger ausgedehnte Mostoxidation oder eine mehr oder weniger lange Maischestandzeit. Diese Weine, das sei nur kurz gesagt, können ebenfalls frisch und leicht sein, doch werden sie stets mehr Substanz, mehr Stoffigkeit, mehr Aromen und vor allem mehr Lebendigkeit und Farbe mit sich bringen.
Charakter, Originalität und Vitalität oder Fehltöne und Anomalien?
Das olfaktorische Spiel, der Geruch, ist vermutlich das Kriterium, wo sich die Geister der Befürworter und Gegner am meisten scheiden. Während die einen bereitwillig in Aromawelten eintauchen, die bisweilen über Generation verschollen waren und dort Originalität, Charakter, Vitalität, Boden, Terroir und Jahrgang wiedererkennen, stellen die anderen genauso bereitwillig eine Vielzahl dieser Komponenten in Frage und ersetzen Originalität & Co. durch Fehltöne, Sortenatypizität usw.
Wie bereits oben erwähnt, gibt es unter den Naturweine solche, die im ersten Moment eigenwillige (oft reduktive) Noten zeitigen, die man, und als Kritiker sucht man natürlich danach, durchaus als fehlerhaft bezeichnen könnte. Verziehen sich diese nicht nach einer gewissen Zeit, stellt das definitiv ein Problem dar, doch Zeit ist eben einer der grundsätzlichen Faktoren, die Weine oft brauchen und die sie besser machen. Nicht nur Naturweine.
Das Lied vom gereiften Bordeaux und den dreißig Jahre alten Baroli, die gehegt, gepflegt, bei 12°C im Keller gelagert, dekantiert und in Riesenschwenkern serviert werden, singen vor allem diejenigen, die ihre Nase zwei Sekunden in einen frisch geöffneten schwefelfreien Dolcetto oder Mourvedre hängen und danach kopfschüttelnd ihre Tiraden vom Stapel lassen. Schenkt man diesen Weinen die gleiche Aufmerksamkeit werden sich sehr oft (nicht immer: auch unter Naturweinen gibt es maue Weine, allerdings ist das Niveau generell eklatant höher) Aromawelten öffnen, die man im ersten Moment nicht für möglich gehalten hätte. Zeit spielt also eine wesentliche Rolle, Toleranz und Offenheit gegenüber neuen/alten Geruchserfahrungen ebenso.
Die Idee, dass Weine von einer tiefen Fruchtkomponente getragen werden müssen, ist ungefähr so alt wie das Aufkommen neuer Gärtechnologien und die Vinifizierung erster Weine mit Reinzuchthefen. Relativ zeitgleich etablierten sich die ersten großen Exportschlager aus der Neuen Welt – Sauvignon Blanc aus Neuseeland, Cabernet aus Kalifornien, später dann und bis heute der ganze Fruchtbrei aus Chile, Argentinien und Australien – das Aufkommen erster Brands und das dramatische Wachsen der Agroindustrie und ihrer Lobbys, die es sich zum Ziel machten, durch simple Fruchtnoten und weiche, runde, geschmeidige Weine, die auf Differenz, Originalität und Komplexität aufgebaute Weinszene zu infantilisieren. Was heute als große Demokratisierung der Weinwelt gefeiert wird, war letztlich nichts anderes als der beginnende Siegeszug einer globalen, kapitalistischen Weinindustrie über die lokalen, auf jahrhundertealten Traditionen fußenden Welt des Weinbauers. Von Demokratisierung keine Spur; dafür fanden sich immer öfter Weinkonzerne, die in manchen Weinbauregionen quasi monopolistische Strukturen entwickelten und somit auch den Weg vorgeben konnten.
Wie gelegen ihnen dabei das Erscheinen Robert Parkers kommen musste, kann man sich vorstellen. Ein integrer Konsumentenschützer, der seiner Leidenschaft für opulente, fruchtige, leicht süßliche Weine mit opulenten und süßlichen Metaphern Ausdruck verlieh, war besser als jeder noch so teure und perfekte Werbefeldzug. In seinem Windschatten etablierte sich ein System aus Önologen, Flying Wine Makers, Zeitschriften, Kritikern und Unternehmern, die der Weinwelt einen völlig neuen Stempel aufdrücken sollten und aus deren Würgegriff man sich immer schwerer befreien konnte. Tieffruchtige Weine waren da nur der Beginn. Plötzlich kam man auf die Idee, dass alle Weine auch noch nach Vanille, Schoko und die etwas anspruchsvolleren auch noch nach Röstaromen schmecken sollten. Goldene Zeiten für die Küferindustrie begannen. Und weil man aus immer substanzleereren Trauben (der Ertrag wurde immer höher geschraubt, der Agroindustrie sei Dank) immer substantieller Weine machen musste (Parker liebte es üppig) fanden sich in den Kellern plötzlich Osmosemaschinen, Konzentratoren und High-Tech-Tanks. Die Kritiker verklärten diese Banalisierung mit einem immer ausgeklügelterem Bewertungssystem, das den Geruch, die Frucht, die Intensität, die Simplifizierung der Aromen mit erstaunlicher Sprachgewalt (es gibt Weinbeschreibungen, in den man bis zu 10 verschiedene Fruchtnoten findet) wettmachte und die letztlich den viel zitierten Satz prägten, das „Wein noch nie so gut war wie heute“.
Gegen die „Schöne neue Weinwelt“ liefen schon früh einige wenige bravouröse Personen Sturm und zwar in Ländern, wo Revolutionen Tradition und Folgen haben. Jules Chauvet als Winzer, Berater und Professor tätig, setzte mit seinen schwefelfreien Weinen einen rhetorisch fundierten und qualitativ beeindruckenden Kontrapunkt zu den industriellen Massenweinen des Beaujolais, während in Italien der bis heute von links und rechts, konventionell und unkonventionell bewunderte Luigi Veronelli den Satz prägte, das ihm „der schlechteste Wein eines Bauern lieber sei als der beste Industriewein.“
Seit gut 15 Jahren formieren sich nun immer mehr Winzer, um die ursprünglichen Vorstellungen und Aromen ihrer Rebsorten, ihrer Böden und ihrer Vinifikationsmethoden wieder in ihren Weinen sprechen zu lassen. Das bedeutet nun nicht, dass Weine keine Frucht mehr haben dürfen – vielen Rebsorten sind Fruchtkomponenten immanent – doch oft wurde die ursprüngliche Frucht überdeckt durch penetrante Kaltgärnoten oder auch durch speziell gezüchtete Reinzuchthefen überhöht.
Das beste Beispiel liefert wie so oft der Sauvignon Blanc. In seiner artifiziellsten (neuseeländischen) Ausprägung liefert Sauvignon ein Potpourri aus exaltierter Exotik, zitroniger Säure, extrem grünen Aromen von Limetten bis Brennesseln und eine Intensität, die jede kulinarische Begleitung an ihr scheitern lässt. An dieser Version rackerten sich unzählige europäische Winzer ab (im Sancerre genauso wie in der Steiermark oder ihm Friaul) ohne eine idente Kopie in die Flasche zu kriegen. Dieses Unvermögen verkaufte man dann ganz gerne als regionsspezifisches Terroir, ein eminenter Unsinn, den oft die gleichen Winzer mit ihren Top-Weinen, die einer oft wesentlicher traditionelleren Herstellungsart (wenn auch kein biologischer und naturgemäßer) entstammten, selbst widersprachen. Die Exotik war plötzlich verschwunden, substituiert von reifen gelben Fruchtnoten und feine Kräutern, meist jedoch getragen – es waren ja die Top-Weine – von etwas zu viel Holz. Ähnliche Aromen lassen sich auch bei vielen handwerklich hergestellten Sauvignons entdecken, wobei hier die Maske des Holzes fällt und dafür ein Plus an Frische und Lebendigkeit hinzukommt. Die Aromen werden oft wesentlich subtiler, sind versteckter und nuancierter und lassen dafür in ihrer Zurückhaltung andere, sehr oft dem Boden geschuldete Noten hervortreten (die Kalknoten, die zum Beispiel bei den Sauvignons steirischer Naturweinwinzern spürbar werden, erweitern das Geruchsprofil und machen die Weine komplexer und vitaler).
Generell ist zu sagen, dass der fortschreitenden Banalisierung diverser Rebsorten durch konventionelle Weine mit dem Auftauchen der Naturweine ein Ende gesetzt wurde. Das man es zuweilen mit Aromen zu tun hat, die entweder ungewohnt sind oder in den letzten Jahren aus dem Kanon akzeptabler Aromen gestrichen wurde, sollte man als mündiger Weintrinker akzeptieren oder akzeptieren lernen. Tut man das, öffnen sich Geruchserfahrungen, die definitiv neue Horizonte öffnen und neue/alte Welten entdecken lassen. Dass man dabei zuweilen auch auf Aromen stößt, die einem weniger behagen, liegt in der Natur der Sache selbst. Doch ist es allemal besser sich der Originalität zuweilen komplexer Erfahrungen auszusetzen, als sich stets durch denselben, von Reinzuchthefen, Umkehrosmosen, Trockeneis, Mikrooxidationen und Kaltgärschlaufen manipulierten Einheitsbrei zu kämpfen.
Naturweine schmecken auch anders als viele konventionell hergestellte Weine. Sie sind bekömmlicher, oftmals frischer und nuancierter. Sie wirken weniger gewollt, sind dafür – mir ist die Tautologie bewusst – ganz einfach natürlicher. Sie transportieren die Eigenschaften der Rebsorten und des Terroirs authentischer und wirken oft wesentlicher lebendiger, weniger gefangen in ihrem Korsett aus Tanninen, Säuren, Holz, Körper, Alkohol usw. Sie sind meist offener, einladender, druckvoller und kompatibler, stellt man ihnen ein Essen dazu. Das trifft fraglos auch auf einige traditionell hergestellte konventionelle Weine zu, generell entdecke ich diese Texturen und Strukturen allerdings wesentlich öfter bei Weinen, die im Weingarten biologisch und im Keller behutsam und quasi interventionsfrei hergestellt wurden. Kurz: die besten Weine, die ich kenne (und diese von mir aufgezählten Eigenschaften sind natürlich höchst subjektive, wenn auch nachvollziehbare Kriterien) verkörpern diese Eigenschaften.
Woran liegt es, dass sich auch im Mund oft immense Unterschiede zwischen handwerklich hergestellten Weinen und konventionellen, oft industriell hergestellten Weinen ergeben. Die Antwort ist zum Teil dieselbe, die schon bei den olfaktorischen Unterschieden aufgezählt wurden. Doch habe ich das Gefühl (basierend auf einer Menge Erfahrung: die Wissenschaft der Sensorik hält sich in Punkto Differenzierung zwischen Natur- und konventionellem Wein leider zurück), dass der elementare Unterschied – so banal das klingen mag – die Gesundheit der Trauben ist. Rebstöcke, die pestizidfrei und stattdessen mit stärkenden Präparaten durch das Jahr gepflegt wurden, die, in einem lebendigen, biodiversen Boden wurzeln, dessen Unkraut mechanisch und nicht in Form von Herbiziden der Garaus gemacht wird, die in eher geringen Mengen am Stock hängen usw. liefern letzten Endes ganz einfach aromatischere, vitalere und harmonischere Beeren. Und das, denke ich, spürt man, bei jedem Schluck: in den Texturen, in den Balancen, im Geschmack. 
Doch ist die Gesundheit der Trauben und die Arbeit im Weingarten nur die eine Seite der Medaille. Die andere, mindestens so entscheidende Komponente ist die Arbeit im Keller, kurz, das was man im Weingarten an Beeren mitbekommen hat, auch adäquat in die Flasche zu bekommen. Wie oben bereits erwähnt und wie an andere Stelle auch detaillierter ausgeführt, sind die Manipulationsmöglichkeiten im Keller enorm. Die Konzessionen, die hier im Laufe der letzten Jahrzehnte an die Wein- und Agroindustrie gemacht wurden, sind haarsträubend und absolut nicht rechtfertigbar. Who the hell needs Polyvinylpolypyrrolidon oder etwas einfacher Ascorbinsäure? Worin besteht die Notwendigkeit dauernd intervenierend auf Wein einwirken zu wollen, wenn nicht darin, Fehler oder Schlampigkeiten, die einem im Weingarten unterlaufen sind, verschleiern zu wollen. Wer glaubt, dass diese ewigen Interventionen sich nicht auf die Struktur, die Textur und den Geschmack des Weins ausüben, sollte sich die Mühe machen, einmal vergleichend und parallel ein paar Naturweine mit konventionell hergestellten Weine zu probieren.  Die Unterschiede sind frappierend, selbst in den höheren Preisklassen.
Generell ist zu sagen, dass Naturweine am Gaumen sich oft auch schon kurz nach Flaschenfüllung relativ offen präsentieren und die Balancen (meiner Ansicht nach sind sie das wichtigste Kriterium in Weinen) auch schon in jungen Weinen meist sehr stimmig sind. Wobei dem Begriff JUNG bei Naturweinen eine völlig andere Dimension zukommt als bei konventionellen Weinen. Naturweinen wird prinzipiell viel Zeit gegönnt. Die Gärung dauert so lange sie eben dauert, danach geht es in Fässer und zwar bisweilen für Jahre: das gilt für weiße genauso wie für rote Weine. Sofern das notwendig ist, werden die Weine assembliert, um danach, zwecks entsprechender Ausbalancierung, wieder in die Fässer zu wandern. Danach wird gefüllt, was allerdings noch lange nicht bedeutet, dass die Weine dann auch gleich auf den Markt kommen. Viele Winzer warten und geben den Wein erst dann heraus, wenn er ihrer Ansicht nach Trinkreife hat.
Zwei weitere abschließende Faktoren, die fast auf alle Naturweinwinzer zutreffen, gilt es noch hervorzuheben. Zum einen ist es die Präferenz für Holzfässer. Edelstahl wird selten verwendet, Holz scheint den meisten das natürliche, traditionelle, kulturell entsprechend verankerte Ausbaugebinde zu sein. Allerdings verzichtet man ebenfalls fast immer auf kleine und vor allem auf neue Holzfässer. Vielmehr findet man oft 500-1000 Liter Fässer, die zumeist gebraucht und nicht immer aus Eiche sind. Den Traditionen entsprechend trifft man lokal auch auf Akazien-, Kirsch- oder Kastanienfässer.
Ein zweiter roter Faden ist der Ausbau auf der Fein- oder Vollhefe, der sich oft über Jahre ziehen kann und dessen Grundvoraussetzung extrem gesundes Traubenmaterial ist. Mit der Lagerung auf der Hefe zielt man vor allem darauf ab, den Weinen eine etwas dichtere aber auch lebendigere Textur mit auf den Weg zu geben, zum anderen dient die Hefe als Oxidationsschutz und zu guter Letzt erweitert sie – und diese Komponente sollte man nicht unterschätzen – das Aromaprofil.
Kurzes Plädoyer für mehr Respekt gegenüber Wein und Winzer und ein anderes Bewertungssystem
Da Naturweine, wie oben beschrieben, grundsätzlich anders produziert sind als konventionelle Weine (anderes Beerenmaterial da biologisch im Weingarten, spontan vergoren, oft ohne Temperaturkontrolle, mit kurzen oder längeren Maischestandzeiten, über lange Zeit auf der Hefe und ohne Additiva in großen Holzfässern ausgebaut, nicht geschönt, ungefiltert und oft mit gar keinen oder nur minimalen Schwefelbeigaben versehen) sollte man sie auch anders beurteilen. Es bringt nichts, sie in ein Punktesystem pressen zu wollen, in dem sich selbst gute handwerkliche, traditionell produzierte Weine nur schwer behaupten können.
Es gibt renommierte Verkoster, die von sich behaupten, dass sie an einem Tage 200 Weine probieren und beschreiben können. Das würde bedeuten, dass sie bei einem pausenfreien 10-stündigen Arbeitstag jedem Wein ganze drei Minuten widmen würden, um daraufhin mit calvinistischer Disziplin den Weinen die Zahl 89, 92 oder 17,5 umzuhängen und dann zum nächsten Wein überzugehen. Abgesehen davon, dass es absolut respektlos ist, die Arbeit eines Jahres (und viele Winzer pflegen ihre Weine noch Jahre weiter) in drei Minuten beurteilen zu wollen, kommen ganz simple physikalische und menschliche Faktoren dazu, die eine so rasche Beurteilung fragwürdig machen: Glas und Temperatur der Weine sind genauso entscheidend wie die physischen und psychischen Voraussetzungen, die Reihenfolge, das soziale Umfeld (kostet man alleine oder in Gruppen) usw. Zu viele Faktoren, scheint mir, um in aller Kürze dem Wein die Normativität einer simplen Zahl spüren zu lassen.
Und so eine simple Zahl kann schwer auf einem Wein lasten – die Parkerschen Bewertungen beispielsweise erdrückten ganze Weingüter, vor allem dann, wenn deren Wein leicht und spielerisch waren. Und auch wenn Parker & Co. teilweise exzellente Beschreibungen dazu verfassten und nur ein Schelm, Böses dachte, wenn er an der Objektivität dieser Beurteilungen zweifelte, war und ist es doch stets die Zahl, die im Gedächtnis blieb und bleibt.
Prinzipiell verstehe ich durchaus das Bedürfnis zu kategorisieren, zu klassifizieren und auch zu werten. Die diversen Bordelaiser Klassifikationen, zum Beispiel, halte ich durchaus für sinnvoll. Man mag ihnen zwar völlig zu Recht mangelnde Flexibilität vorwerfen aber immerhin wird und wurde da der Arbeit der Winzer über viele Jahrzehnte Tribut gezollt. Der Klassifikation der burgundischen Lagen kann man ebenfalls durchaus Positives abgewinnen, 1500 Jahre Weinbaugeschichte zeitigen irgendwann ein profundes Wissen über die besten Terroirs. Und eigentlich ist es auch so, dass fast jeder Winzer für sich selbst, seine bevorzugten Lagen hat, sei es nun im Burgund, im Burgenland oder der Basilicata. Und wenn man, wie es wein-plus angeblich tut, Weine über Tage verkostet, kann ich sogar den Punkteunsinn nachvollziehen. Prinzipiell allerdings sollte man Zahlen dieser Art nicht wirklich über den Weg trauen, so objektiv die Intention des Verkosters gewesen sein mag.