Respekt vor Respekt. Gleichzeitig mit der Erweiterung des 15-köpfigen Stamms auf jetzt 19 Winzer, gab es einen Relaunch der respekt-Richtlinien und eine neue Webseite, die wenig Fragen offenlässt (und zudem extrem gut gemacht ist) – www.respekt.or.at

DruckDas ist insofern erfreulich, da Transparenz im Weinbau generell eher tabuisiert wird und es schon Sinn macht, wenn Winzer ihre Handlungen im Weingarten und Keller ausführlich, detailliert und nachvollziehbar offenlegen.

Zudem ist es schon auch spannend zu erfahren, warum Winzer im Weingarten mit Fenchel- und Orangenöl, Birkenblättern, Backpulver oder Algenextrakten hantieren – praktikable und richtungsweisende Alternativen zu den Chemikalien, mit denen konventionelle Betriebe ihre Rebstöcke bearbeiten (dürfen).

Neu sind zudem die qualitätsspezifischen Punkte, die sich unter dem prophetischen Link „Der ideale Wein“ wiederfinden. Kellerrichtlinien fehlten bisher im Regelwerk von „respekt“ und mit der Auflistung diverser Interventionen/NICHT-Interventionen  ist die Lücke geschlossen und außerdem auch gleich vorgezeichnet, wohin die Reise gehen soll – der „ideale Wein“ ist übrigens, laut respekt, der in keiner Weise veränderte Wein.

Generell setzt man auf spontane Gärungen durch natürliche Hefepopulationen (Grundvoraussetzung für die Authentizität herkunftsspezifischer Weine). Ausnahmen bilden – um eine zuverlässige Endgärung zu ermöglichen – trockene Weißweine  (wobei mir nicht ganz klar ist, warum sie bei Weißweinen weniger zuverlässig sein soll als bei Rotweinen) und selbst das ist nur bei dokumentierten Problemen zulässig. Schwefel darf beigefügt werden, wobei man versucht sich immer näher an entsprechende Minima (je nach Weinstil) heranzutasten (es gibt auch schwefelfreie Interpretationen im Fundus der respekt-Weine).

Schönungen werden möglichst nicht und wenn dann nur zu Stabilisationszwecken durchgeführt. Da die meisten Weine ohnehin relativ lange auf der Hefe bleiben, sollte bei den  wenigsten von ihnen eine Schönung notwendig sein – Ausnahmen, denke ich, sind vor allem die paar wenigen Jungweine, die sich da und dort finden. Kollektive Einigkeit herrscht zudem bei dem Wunsch nach moderaten Alkoholgradationen. Der Rest beruht auf individuellen Handschriften, die jedem Winzer und jedem Terroir zugestanden werden. Passt auch.

Den Grundsätzen und Ideen ihrer biodynamischen Bewirtschaftungsweise wurden außerdem einige fundamentale Aspekte zur Seite gestellt, über die man sicher öfter reden sollte und die definitiv einen Weg in die önologische Zukunft weisen. So machte man sich beispielsweise Gedanken über nachhaltige Veranstaltungskonzepte (Abfallvermeidung, Empfehlung zertifizierter Hotels, CO₂-Kompensation der gesamten Veranstaltung, Mehrweg-Geschirr etc.). Sympathisch sind zudem die Kurzportraits  und Zitate der Winzer, wobei unter dem Menüpunkt auch die vier neuen Betriebe zu finden sind – Clemens Busch, Hansjörg Rebholz, Steffen Christmann und Philipp Wittmann, allesamt deutsche Betriebe und alle mit nicht zu wenig Riesling in ihren Kellern –  die ohnehin hohe Qualität der respekt-Gruppe wird durch die vier sicher nicht gesenkt.

Womit einer Internationalisierung der respekt-Gruppe zumindest die Tür geöffnet wurde. Wer eintritt, ist den derzeitigen Winzern vorbehalten, die jedes Jahr ein neues Mitglied vorschlagen können.

Rust an einem der heißesten Tage im August. Die Uhr zeigt 12:00 Mittags, über der Straße flimmert die Luft. Ein paar letzte Gelsen hat die Sonne weggebrannt. Die Photovoltaikanlage auf dem Dach des Weinguts akkumuliert auf Hochtouren. In der Ferne bewegt sich ein Schatten und wenig später schießt Herbert Triebaumer in seinem Elektromobil aus dem Flimmern und spricht den unvergessenen ersten Satz: „Servas, schauen wir in die Weingärten.“

Puuuh. Der faule Vorschlag in den Weinkeller zu schauen wird mit einem ganz einfachen „später“ abgeschmettert. Die nächsten drei Stunden gehören den Weinbergen über dem Neusiedlersee, obwohl es so heiß ist, dass sich nicht einmal eine Knoblauchkröte geschweige denn eine Würfelnatter raustrauen würde. Dass es die rund um den Neusiedlersee gibt, könnte ich von Herbert wissen: denn, und da kommen wir langsam aber sicher zum Wein und seinen natürlichen Grundvoraussetzungen, Herbert kennt die komplexen Zusammenhänge und Wechselbeziehungen innerhalb seiner Weinberge und versucht sie mir in den nächsten Stunden verständlich zu machen.

An vorderster Stelle steht dabei das Ziel, den in den letzten Jahrzehnten geöffneten Kreis wieder zu schließen und die Ökologisierung seiner Weingärten voranzutreiben. Was mit einer Ökologisierung genau gemeint ist, beginnt er mir in der Riede Vogelsang, zwischen Sauvignon Blanc Rebstöcken und einem guten Dutzend Schafen, die uns zwischen den Füßen rumrennen und die Sonne anblöken, zu erklären. „Vorausschauendes Arbeiten“, meint Herbert, „ist ein entscheidender Aspekt. Unsere Ressourcen sind endlich“, weshalb er versucht Arbeitsgänge zusammenzulegen und derart immer seltener mit dem Traktor durch die Gegend fahren zu müssen. Der gelernte Elektriker setzt zudem auf selbstkonstruierte, energiefreundlichere Geräte. „Der Traktor schluckt nicht nur Sprit, er verdichtet auch den Boden und zwar nicht nur für ein paar Wochen oder Monate, sondern über Generationen hinweg“, meint HT. Und über Generationen ist das Projekt Triebaumer aufgebaut. Die Familie ist groß, doch partizipiert jeder auf seine Art an der Entwicklung (und Ökologisierung des Weinguts) und das soll auch in Zukunft so bleiben.

Der Boden, da ist sich Herbert sicher, stellt die Existenzgrundlage für jeden Winzer (und Rebstock) dar. Das wusste auch schon sein Vater Ernst, der vor gut 30 Jahren mit dem Blaufränkisch vom Mariental die österreichische Rotweinszene aufmischte und nur einmal, 1971, Kunstdünger ausbrachte. Herbizide spritzte er nie, und auch wenn er sich den zunehmenden Avancen der Agrarindustrie nicht völlig entzog, verließ er sich doch auch oft auf seine Intuition. „Rainfarn und Wermut haben wir schon vor Jahren gegen den Pilzdruck gespritzt“, erzählt Herbert  – ein Ergebnis gezielter Beobachtung, die er bis heute als elementaren Wegweiser durch ihre Weingartenarbeit sieht. Neben den Lehrstunden, die die Natur bietet, holen sich die Triebaumers ihre Informationen auch aus Kursen und Büchern – wo sie genau auf Terra preta stießen, habe ich vergessen zu fragen, entscheidend ist jedoch, dass sie das Konzept der Pflanzenkohle verinnerlicht haben und dezidiert in ihren Weingärten umsetzen. Dabei wird natürliches Material (Äste, Laub, Pflanzen) verbrannt und ihre Glut für ein paar Tage in der Erde verbuddelt, wo sie langsam abkühlt. Danach wird sie mit dem Kompost vermengt und an nährstoffarmen Stellen im Weingarten ausgebracht. „Pflanzenkohle ist kein Dünger allerdings speichert sie Wasser, bindet Kohlenstoff (die Landwirschaft als Klimastabilisator!), fördert die Bodenbakterien, forciert die Bildung von Mikroorganismen und erhöht das Nährstoffpotenzial und Resistenz für die Reben“.  Nebenbei belebt sie auch noch die übrigen Pflanzen zwischen den Rebzeilen, von denen, obwohl in der Zwischenzeit ein Teil vertrocknet ist, sich noch immer eine stattliche Menge im Weingarten befindet – HT kennt sie alle, weiß über ihre Funktionen Bescheid und wie man sie weiterverwenden kann (nicht wenige Kräuter und Pflanzen landen in den Kochtöpfen und Einmachgläsern der Familie Triebaumer).

Im Elektromobil erklärt Herbert sein Konzept einer Ökologisierung weiter. So setzt er in Weingärten, Bäume und Hecken, die sich im Laufe der Jahre zu Lebensräume für Vögel, Reptilien und Insekten verwandelt haben. „Das macht die Landschaft krisensicherer und variabler“, meint er, zudem baut er sich dadurch ein Umfeld auf, in dem es ihm, der Familie und den Arbeitern Spaß macht ihre Tage zu verbringen. Die kategorische Trennung von Freizeit und Arbeit hält er übrigens für einen der Gründe, warum sich die Arbeitswelt und die Landwirtschaft im Speziellen in einer Krise befinden.

Keine Krise zu orten gibt es in der Plachen, einer Riede, die sanft in Richtung Neusiedlersee abfällt und auf Quarz, Schiefer & Gneis baut. Die Reben sind über 60 Jahre alt, locker und gesund und bilden die Basis für das Urwerk, seinen ungeschwefelten Blaufränkisch. Es ist der gegenwärtig letzte Versuch, das ganze Potenzial einer Rebsorte auszuloten, mit denen die Triebaumers in den letzten Jahrzehnten die österreichische Rotweinwelt verändert haben.

Oberer Wald und Mariental sind dann auch die nächsten Stationen, auf unsere Reise durch die Rieden. Getrennt lediglich von einem kleinen Weg stehen die beiden Lagen für zwei völlig unterschiedliche Weinstilistiken.

Den Grund vermutet er in unterschiedlichen Sonneneinstrahlungswinkeln, die den Trauben des Mariental mehr Intensität und Kraft mitgeben und dem Oberen Wald dagegen mit Eleganz, Geradlinigkeit und Kühle ausstatten (letzterer gehört sicher zu den idealsten Interpretationen von Blaufränkisch). Oder aber mit dem Alter der Rebstöcke. Der Obere Wald wurde 1947 bepflanzt, während die Reben seit durchschnittlich 35 Jahren im Mariental wurzeln. Der Rest ist da wie dort Kalk. Stetiger Wind pfeift durch die Rieden und über die Böden, die seit Jahren mit Begrünung und selbstproduziertem Kompost aufgebaut werden.

Der ökologische Kreis schließt sich in einem Weingarten unten in der Ebene, wo recht unspektakulär Welschriesling wächst. Zwischen den Reben blöken Schafe und fressen sich durch die paar wenigen grünen Gräser, die ihnen geblieben sind. An die relativ hoch gezogenen Trauben kommen sie nicht ran, haben aber doch ganz entscheidend mit ihnen zu tun. „Bevor es hier drinnen Schafe gab“, erzählt Herbert, „stiegen die Gradationen nie über 14 KMW (ca. 10% potenzieller Alk).“

Die Familie trug sich mit dem Gedanken die Stöcke auszureißen, beschloss dann aber stattdessen, Schafe reinzutreiben und zu schauen, ob dadurch Veränderungen eintreten würden. Die Resultate waren dramatisch: schon im ersten Jahr erhöhten sich die Gradation um ein Drittel auf 20 KMW (ca. 13% Alk.) ohne, dass dadurch Mengen eingebüßt wurden. Seit acht Jahren läuft das Spiel nun so und in der Zwischenzeit hat sich der Weingarten zu einem verlässlichen Lieferant exzellenter Trauben entwickelt. Warum das so ist, fällt auch Herbert schwer zu erklären.

Er führt es auf veränderte Energien im Boden zurück, ist sich aber bewusst, dass er damit schwer an esoterischem Gedankengut kratzt. Fakt ist, dass sich durch die fortwährende natürliche Düngung einiges getan hat – wobei sich die Schafe nebenbei noch als rigorose Stammputzer hervortun und nebenbei auch noch unter den Reben ordentlich aufräumen. Herbert dankt es ihnen, indem er möglichst wenig Kupfer spritzt und ihnen ein lebendiges und diverses Umfeld bietet. Wie überzeugt er von seinen tierischen Arbeitskollegen ist, zeigt die Tatsache, dass bereits 50 Schafe durch seine Weingärten streifen.

Dass sich all diese Maßnahmen letztlich auch auf die Qualität der Weine auswirken, liegt auf der Hand, wobei gerade der Erfolg des Blaufränkisch Marientals darauf verweist, dass der Zugang seit jeher vom Versuch geprägt war, respektvoll mit dem vorhandenen Material umzugehen. Die Gärung startet durch die Bank spontan, der Ausbau erfolgt größtenteils im Holz, ansonsten setzt man auf Entschleunigung und forciert stattdessen eine langsame und vitale Entwicklung. Die Weißweine werden größtenteils gefiltert, wobei man auch hier bisweilen auf die Zeit und natürliche Klärprozesse setzt (und auf eine Preisstruktur, die mehr als fair ist). Allen voran beim Sauvignon Blanc Urwerk, einem dichten, intensiven, griffigen Wein, der strukturiert und lebendig alle möglichen Aromen vereint, außer den klassisch grünen, die man sonst mit der Rebsorte assoziiert. Die Urwerk-Palette wird von einem Blaufränkisch ergänzt, der ungeschwefelt und ungefiltert, erstmal offen, lebendig und saftig ist, ehe sich dann sukzessive leicht reduktive, fleischige und würzige Aromen auf den Weg in Richtung Gaumen machen. Kantiger und kühler, doch von einem ähnlichen Aromaprofil gezeichnet ist der Obere Wald, der in all seiner schlichten Eleganz – wie schon erwähnt –  einen blaufränkischen Idealtypus verkörpert. Die Palette der Triebaumerischen Weine ist breit, doch lohnt es sich allemal, sich in langsamen Schritten sukzessive durch die ganze Bandbreite zu kosten.


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