Weinverkostungen im größeren Rahmen machen selten viel Spaß. Meistens ist es wahnsinnig voll, was prinzipiell natürlich gut ist, eng, laut und heiß und die Lust, sich durch die unzähligen spannenden Sachen durchzuprobieren, sinkt mit jedem Schweißtropfen, der ins Glas fällt.

Die LIVE WINE in Mailand bildet eine großartige Ausnahme, was vor allem am Veranstaltungsort liegt: der alte Eispalast, eine in den 20 Jahren gebaute Konstruktion im Libertystil gibt nicht nur ästhetisch eine Menge her, er ist auch riesig, was letztlich wiederum den Winzern wie Weintrinkern zu Gute kommt. Man trinkt und unterhält sich in Ruhe und hat alle Möglichkeiten neuen Weinen, Rebsorten, Regionen und Winzern auf die Spur zu kommen.

Daniele Ricci: Timorasso

Daniele Ricci: Timorasso

Daniele Ricci keltert beispielsweise fünf verschiedene Timorasso in den Colli Tortonesi: kompromisslose Interpretation, die dem Wesen der Sorte wie auch der Böden auf den Grund gehen, wobei beides – wie es bei großen Weinen meistens der Fall ist – Hand in Hand gehen. Timorasso ist in mehrfacher Hinsicht keine einfache Sorte: die Winzer kämpfen mit ihr, da sie aufgrund unterschiedlichster Beerengrößen unregelmäßig reift und ihre Haut dünn und folglich nicht allzu widerstandsfähig gegenüber die Machenschaften des Wetters und der Pilze sind. Daneben stellt sie auch den Konsumenten vor eine Herausforderung, die man aber – gerade, wenn es um Daniele Riccis Versionen geht – unbedingt annehmen sollte. Die Säure ist hoch, der Körper schlank und elegant, die Textur delikat und die Aromen zurückhaltend. Sowohl beim San Leto wie auch beim Terre di Timorasso prägen vor allem weiße Blüten, Kräuter und ein wenig Steinobst, während reifere Varianten erstaunlicherweise auch noch Petrolnoten an den Tag legen. Wer Danieles Weine mit Riesling verwechselt, macht keinen Fehler, wobei die Art der Säure eine andere und die Frucht zurückhaltender ist. Das Reifepotenzial scheint dagegen ähnlich zu sein und wer irgendwann in die Gegend um Alessandria kommt, sollte unbedingt einen Abstecher in die Colli Tortonesi machen und sich mit ein paar Exemplaren versorgen. Daniele keltert übrigens auch noch einen exzellenten reinsortigen Croatina, kräuterig, rotbeerig, erdig, saftig, kompakt und druckvoll, der – weil wir gerade bei Vergleichen sind – erstaunlich an die besten Cabernet Franc Versionen von der Loire erinnern.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Die Kmetija Stekar braucht keinen Timorasso, sie hat Riesling. Das ist in der slowenischen Brda zwar ungewöhnlich aber wenn man ihn so macht wie Tamara Lukman und Jakob Stekar kein Nachteil. Die beiden wissen um die klimatischen Unterschiede zu den Rieslingepizentren in Deutschland und Österreich, weshalb sie erst gar nicht probieren, deren Stilistik zu kopieren. Ihr Riesling wird auf der Maische vergoren, direkt nach der Gärung abgepresst und danach verschwindet er für drei Jahre im Akazienfass und in der Flasche. Gefiltert wird genausowenig wie geschönt. Das SO2 liegt bei 13mg/l. Das Resultat ist zutiefst beeindruckend, weil voller reifer roter Beeren, Laub- und Kräuteraromen, kompakter Säure, lebendigem Gerbstoff, saftiger Konsistenz und bestem Trinkfluss. Jahrgang 2009 übrigens – Petrol sucht man vergebens. Pinot Draga (19 Tage auf der Maische, 36 Monate in Eichenfässern, Grauburgunder – ebenfalls rotbeerig, etwas ausladender und weicher) und  Rebula (26 Tage auf der Maische, 36 Monate in Akazienfässern: druckvoll, geradlinig, kompakt, präzis, Blüten, nussig) sollte man – wenn man denn irgendwie an die Flaschen kommt – auch unbedingt ausprobieren antabuse online canada.

Dva Duby - Tschechien

Dva Duby – Tschechien

Grünen Veltliner gab es in Mailand auch. Der war total beeindruckend, kraftvoll, strukturiert & dynamisch und erstaunlicherweise weder aus Österreich noch aus Südtirol sondern aus Tschechien, genauer aus Kolni Dounice, nahe Brünn. Dort betreibt Jiri Sebela sein Weingut Dva Duby und was er dort anbaut, hat zwar alles einen intensiven Bezug zu Österreich, ist aber auch schon lange in Tschechien beheimatet: neben dem absolut außergewöhnlichen Veltliner – der nach zwei Tagen Maischekontakt für zwei Jahre ins Holzfass wandert und dort in die dichte Struktur ein Spektrum an steinig-würzigen Aromen einbettet, die nie aufdringlich dafür subtil und vielschichtig daherkommen – sind das noch ein eleganter, erstaunlich weicher, samtiger und lebendiger Blaufränkisch und ein einigermaßen ungestümer, straffer, geradliniger und noch zu junger aber mit ordentlich Potenzial ausgestatteter St. Laurent. Alles toll, vor allem aber der Veltliner.

Der Rest war Italien und allen voran das Piemont. Im Monferrato passieren zurzeit wohl die spannendsten Sachen. Als Paradebeispiel dafür, was dort gerade los ist, kann bestens Auriel herhalten, das Weingut von Felice Cappa und Marta Peloso. Die beiden pflanzten ihre drei Hektar vor gerade einmal sieben Jahren aus und setzten dabei auf die Klassiker der Region, Grignolino und Barbera. Gearbeitet wurde von Anfang an biodynamisch, die Vinifikation startet mit wilden Hefen und ist auch ansonsten von einem Hands-Off-Motto geprägt. Ausgebaut wird über ein halbes Jahr in großen Holzfässern, die restliche Zeit (weitere zwei Jahre) reifen die Wein in der Flasche. Der Barbera entwickelt dabei ein Aromaspektrum, dass von Waldbeeren und Kirschen bis zu Pfeffer und Lakritze reicht. Der Körper ist saftig, kompakt und dicht, die Textur lebendig, die Säure – wie immer beim Barbera – animierend. Der Grignoloino ist noch einen Tick eleganter, die Aromen tendieren in eine florale Richtung, haben allerdings ebenfalls eine rotbeerige Basis. Ein Barbera Superiore fällt naheliegenderweise gewichtiger aus, wobei auch hier Trinkfluss und Vitalität im Vordergrund stehen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Die Weine von Guido Zampaglione (Tenuta Grillo) waren zwar kein Neuland, doch ist es immer wieder spannend seine kompromisslosen Dolcetto- und Barberaversionen zu probieren. Wer Angst vor Tanninen hat, sollte eventuell einen Bogen um seine Weine machen, wer allerdings wissen will, wie Wein schmeckt, wenn man alles aus seinen Beeren und Schalen rausextrahiert, sollte sich Pratoasciutto & Co. einfach mal vorknöpfen. Seine Rotweine haben, bevor sie das Licht des Marktes erblicken, mindestens 10 Kellerjahre hinter sich und sind trotzdem noch jung, frisch und fordernd wie am ersten Tag. Absolut beeindruckend und am zugänglichsten war der Pecoranera 2004 („das schwarze Schaf“). Die Rebsorte ist Freisa und was sich darin an Blütenaromen, Pfeffer und erdigen Noten findet, kann man ruhig als Antwort des Monferrato auf die großen Weine des Barolo akzeptieren.

Noch weniger Entdeckung dafür Bestätigung waren die Weine von Emidio Pepe, allen voran sein Pecorino, der seit 2013 das weiße Sortiment erweitert. Pecorino ist ein Klassiker der Abruzzen mit einer Säure, die jedem Riesling gut stehen würde. Ein dichter Körper fängt sie auf und zwischen diesem Ping Pong finden sich steinige und kräuterige Aromen, die sich bis zum Gaumen und ziemlich weit darüber hinaus ziehen. Pepes Weine sind generell Konzeptionen für die Zukunft, weshalb man gespannt sein kann, wie sich das alles entwickelt. Sein Montepulciano 2001 – stoffig, vital, komplex, erstaunlich aromatisch, weich, samtig und ebenfalls sehr lang – jedenfalls zeigte, dass 15 Jahre vermutlich genau die richtige Zeitspanne darstellen, um mit seinen Rotweinen so richtig Freude zu haben. Das strapaziert zwar die Geduld, ist aber jede Sekunde des Wartens wert.

Die Weine von Daniele Ricci, Stekar und Dva Duby gibt es zurzeit leider nirgendwo in Österreich oder Deutschland zu kaufen. Für Wiener ist Dva Duby immerhin in knapp einer Stunde mit dem Auto zu erreichen, für Kärntner ist Stekar um die Ecke.

Emidio Pepe gibt es in Österreich bei vinonudo und raw-selections, die Tenuta Grillo gibt es bei vinonudo.

Italien ist gebirgiger als man gelegentlich denkt und zwar nicht nur im Norden. Fährt man von Parma in Richtung Pastorello und also nach Süden geht es nach kurzer Zeit in Serpentinen immer höher und steiler den Apennin hinauf und gerade dann, wenn man die Adresse kontrollieren will, weil man sich sicher ist, dass Weinbau unter diesen Bedingungen nicht mehr möglich ist, landet man bei Crocizia.

Alles hier wirkt alpin. Der Schnee am Straßenrand genauso wie der Kiefernwald, die Schihüttenarchitektur und zu guter letzt Marco Rizzardi, der in dickem Pullover und Haube tagtäglich Weingärten bearbeitet, die karg und isoliert, die Basis für eine erstaunliche Batterie an Schaumweinen bildet.

„50 Jahre lang war der Hof hier oben verlassen, ehe ihn mein Vater vor 20 Jahren erwarb“, erzählt Marco. Weinbau spielte anfangs keine Rolle. Vielmehr ging es darum die maroden und zugewachsenen Flächen zu rekultivieren und erst als man damit fertig war, entschied man sich dafür dort Reben reinzusetzen.

„Früher gab es hier oben viel Weinbau, doch dann wurden im Zuge von Mussolinis Battaglia del Grano die Reben durch Getreide ersetzt und danach nicht wieder ausgesetzt. Außerdem zogen viele Menschen weg in die Städte, sodass – bis heute – viele alte Gärten brachliegen oder verwildert sind.“

Direkt hinter dem Hof steht Marcos jüngste Anlage. Auf die Frage, warum er sein ansonsten autochthones Rebenrepertoire gerade um Sauvignon Blanc erweitert hat, erklärt er, dass die Sorte schon vor über 200 Jahren im Zuge der französischen Okkupation Parmas von Soldaten in die Hügel gebracht wurde und dort bestens gedeiht. Ein paar Meter weiter öffnet sich dann eine Lichtung, die an drei Seiten von Wald umrandet, den Blick auf Marcos größten Weingarten eröffnet und über die Baumwipfel hinweg das Bergpanorama des Apennins präsentiert.

In Mergel und Kalk wurzeln hier die Klassiker der Region. Neben Malvasia di Candia, aus dem er einen maischevergorenen Frizzante keltert, sind das Barbera, Bonarda und Croatina, abgesehen vom Barbera also Sorten, die einzig auf lokaler Ebene eine Rolle spielen (Croatina gibt es sporadisch auch noch in der Lombardei und im Piemont). Die Bewirtschaftung ist seit jeher biologisch und alles, was auf den knapp 1,5 Hektar passiert, wird per Hand erledigt.

Der, den Garten umgebenden Wald schützt vor gröberen Winden, birgt dafür allerdings andere Gefahren. „Rehe, fressen die Triebe und Beeren“, erzählt Marco, weshalb er in den letzten Jahren alles eingezäunt hat. Außerdem treiben sich immer mehr Wölfe in der Gegend herum, das Resultat eines etwas aus den Fugen geratenen Projekts ihrer Repopulation im Apennin. Die fressen zwar keine Trauben, dafür mussten, laut Marco, schon einige Hunde in der näheren Umgebung dran glauben.

Drinnen im Haus wird der äußerliche Eindruck aufrechterhalten. Ausgegraben Rebstöcke – die Rebkrankheit Flavescenza fordert auch hier oben ihren Tribut – liefern die Basis für ein offenes Feuer. Schwarz-weiße Fotos hängen an der Wand. Ein paar Flaschen Wein stehen am Tisch, meist mit Etiketten versehen, deren Namen dem lokalen Dialekt entlehnt sind. Der otòbbor, der Oktober, ist ein sprudelnder Barbera, dunkel in Farbe und Frucht, geradlinig, kühl, pfeffrig und druckvoll. Wie bei all den anderen Weine auch, wird anfangs minimal geschwefelt und dann erst spontan vergoren – danach bleiben die Weine bis im Frühjahr im Stahltank auf der Hefe, ehe es ohne weitere Eingriffe zur Zweitgärung (eingeleitet durch die Beigabe von Most) in die Flasche geht. Degorgiert wird nicht. Die Stilistik ist vor allem Entscheidungen während der ersten Gärung zu verdanken. So wird der besiosa, ein reinsortiger Malvasia di Candia zehn Tage lang auf der Maische belassen, was ihm neben Trockenfrüchten und Kräuteraromen auch nicht zu knapp Gerbstoff mit auf den Weg gibt. Daneben gibt es auch noch den znèstra, eine etwas einfachere und lebendigere Version der gleichen Sorte, allerdings mit nur zwei Tagen Maischekontakt. Elegant, steinig und rotbeerig ist der balos, ein Pinot Noir-Experiment, das in der Höhe bestens funktioniert. Zu guter Letzt steuert Marco auch noch seinen Beitrag zu den immer spannender Lambruscointerpretation der Emilia bei, wobei der marc aurelio vor allem auf der Sorte Maestri basiert, die fordernd, saftig, kraftvoll und dicht einen Kontrapunkt zu den Lambruscovarianten der Ebene um Modena und Reggio Emilia setzt.

Wer Crocizias Weine probieren will, muss sich unter Wölfe begeben. Marcos Weine gibt es weder in A noch in D.

Im Frühling jagt ein Verkostungs-Highlight den nächsten und auch wenn man nicht in der unmittelbaren Umgebung der Veranstaltungsorte wohnt, kann man zumindest darauf hinweisen. Letztlich wiederholen sich die Ereignisse Jahr für Jahr und wer es also dieses Jahr nicht schafft nach Mailand, Cerea, Vicenza oder Piacenza zu reisen, kann ja eventuell für das nächste Jahr entsprechend planen. Den Anfang macht von 20-22. Februar die Sorgente del Vino und wer Lust hat, die Peripherie der italienischen Weinwelt zu erforschen, ist dort bestens aufgehoben.

Abgesehen von ein paar Klassikern der alternativen italienischen Weinszene wie Ezio Trinchero, Ar.Pe.Pe., Denis Montanar oder Il Paradiso di Manfredi sind gut und gerne Mikrobetriebe anwesend, die die lokale und handwerkliche Seite Italiens in den Mittelpunkt rücken. Mehr als 100 Winzer (fast alle bio, biodynamisch, in Umstellung) schenken ein und leuchten die Vielfalt italienischer Terroirs und Rebsorten aus.

Ca de nociDie Emilia gehört ganz sicher zu den spannendsten Weinbauregionen, durch die man sich derzeit in Italien trinken kann. Dutzende Winzer treten seit ein paar Jahren den Beweis an, dass sich eine Region, der im Würgegriff der globalen Lambruscoindustrie zunehmend ihre Identität verloren ging, durch individuellen Widerstand neu positionieren kann. Abgesehen davon, dass es in der Zwischenzeit ein gutes Dutzend Winzer gibt, die den Lambrusco qualitativ neu definieren, sind es vor allem auch Neu-Interpretation alter Sorten und Traditionen, die zur Renaissance der Region beitragen.

Alberto & Giovanni Masini gehören, wenn man so will, zur klassischen Avantgarde der Emilia. Sie opponieren seit 1993, dem Jahr, in dem sie das Weingut von ihrem Vater übernommen und es auf Bio umgestellt haben (Zertifizierung 1997). Seitdem vinifizieren sie auch ihre Trauben selbst und zwar zu Weinen, die keinen Platz für Kompromisse lassen, doch dafür auch die Geschichte ihrer Herkunft auf den Punkt bringen.

Cà de Noci ist mitten ins Nichts gebaut, 25 Kilometer südlich von Reggio Emilia, dort wo der Apennin langsam in die Ebene übergeht. Walnussbäume an der Einfahrt verweisen auf den etymologischen Ursprung ihres Weinguts. Hinter dem Haus tut sich ein erster von insgesamt fünf Hektar Weingärten auf, bestockt mit alten Spergolareben, einer kaum bekannten Sorte, die es nur in den Hügeln zwischen Modena und Reggio Emilia gibt. „Spergola“, meint Alberto, „hat eine natürliche Säure, die sie für Schaumweine prädestiniert.“ Die beiden Brüder keltern zwei Versionen, den vitalen, frischen und puristischen Querciole, der jeden Prosecco alt aussehen lässt. Und die Riserva dei Fratelli, ein Spumantemonument, das nach dreijährigem Ausbau in der Flasche Struktur, Kraft und Frucht kombiniert und Wege weist, was man mit Spergola alles anstellen kann – wobei sich zwar die Säure während der Mazeration ein wenig senkt, jedoch durch den Schalenkontakt entsprechend kompensiert wird. Und mazeriert wird immer.

Spergola

Spergola

Das hat zwei ganz entscheidende Gründe. Zum einen geht es den beiden ganz pragmatisch darum, ihre Weine ohne den Einfluss von Chemikalien stabil zu halten. Gerbstoff spielt dabei eine essentielle Rolle. Der andere Aspekt ist sensorischer Natur: Gerbstoffe schützen den Wein nicht nur, sie strukturieren ihn, geben ihm Rückgrat & Substanz. Zudem löst man aus den Traubenhäuten Aromen, die sich gerade dann, wenn man den Weinen etwas Zeit gibt (und das sollte man fast tun) vielfältig bemerkbar machen. Wobei Alberto & Giovanni die Mazerationsdauer in den letzten Jahren verkürzt haben, um die Leichtigkeit, Lebendigkeit und letztlich auch den Typizität der Weine in den Vordergrund zu rücken.

Und sonst? Dank eines relativ warmen Mikroklimas startet und endet die Lese alljährlich extrem früh. Man beginnt generell Ende August und macht Mitte September schon wieder Schluss. 15 Freunde sorgen dafür, dass bis Mittag alles einfahren ist, da es danach zu heiß wird. Gelesen wird in 10 Kilo Kisten, danach wird gequetscht, mazeriert und spontan vergoren. Die Temperatur wird nicht reguliert, wobei es im Keller stets stabile 15°C hat, was auch der Gärung zu Gute kommt. Die Weine landen, je nach Intention in verschiedenen Gebinden, wobei Stahl, Zement und Holz zur Auswahl stehen. Das war es dann auch, die Zeit erledigt den Rest.

Neben den beiden Spergolaspumante gibt es bei Ca de Noci auch den Sottobosco, eine rote Schaumweinversion, die zwar nicht unter der offiziellen Begrifflichkeit Lambrusco deklariert aber genau in diesem Sinne gekeltert ist – wobei man in der Art der Produktion auf manuelle Herangehensweisen setzt und dem Wein derart entscheidend mehr Individualität und Charakter auf den Weg gibt. Die Basis bilden zwei Lambruscospielarten, Grasparossa und Montericco, dazu kommen mit Malbo Gentile und Sgavetta, zwei weitere Rebsorten, die es nur in ihrem lokalen Umfeld gibt. Der erste Ausbau findet – anders als man es in der Ecke gewohnt ist – in Stahl oder Zement statt, die Zweitgärung in der Flasche. Weitere gravierende Unterschiede zu gängigen Lambruscovarianten sind der geringe Ertrag/Hektar (4000 statt 15000 Kilo), die konsequent biologisch Bewirtschaftung, die akribische Handlese, der Verzicht auf jegliche Additiva – kurz die Intention aus ihren Beeren nicht irgendein schäbiges Billigprodukt für deutsche Pizzerien zu keltern, sondern einen Wein, der Trinkfluss und Charakter kombiniert. Restzuckerkonzessionen werden keine gemacht.

Notte di Luna

Notte di Luna

Ca de Noci gibt es aber auch still. Der Gheppio war lange Zeit eine dunkelbeerige, kraftvolle, saftige aber doch elegante Cuvée aus Cabernet, Malbo gentile und Sgavetta, bis vor kurzem die amerikanische Rebzikade (ein mikroskopisch kleines Insekt, das die ständig wärmeren Wintertemperaturen nutzt, um in den Weingärten Italien Unheil zu stiften) dem Cabernet den Garaus machte. Dunkel & saftig ist der Wein jedoch weiterhin (dem Malbo Genile sei Dank), ausgebaut wird er über drei Jahre in alten Holzfässern.

Und auch der weiße Notte di Luna, eine Cuvée aus Spergola, Mavasia und Moscato MUSS noch erwähnt werden. Schon deswegen, weil Alberto eine Flasche aus dem Jahr 2005 kappte, was bei schwefelfreien Weinen – die angeblich kaum langfristige Überlebenschancen haben – immer interessant ist. Außerdem hält sich meine Erfahrung mit mehr als 10-Jahre gereiften maischevergorenen Weinen in Grenzen. Wenn jede so ist wie der Notte di Luna ist das zutiefst bedauerlich aber immerhin ein Versprechen für die Zukunft: Tee und Kräuter geben den Takt vor, die Säure ist frisch und lebendig und hält den Wein jugendlich. Die Textur ist dicht und saftig, der Gerbstoff strukturiert und der Körper ist kraftvoll und dynamisch.

Ca de Noci setzt Maßstäbe und zeigt, was man in der Emilia alles entdecken kann, wenn man gewillt ist, sich abseits der Pfade zu begeben.

Wer gerade keine Zeit hat, in Richtung Reggio Emilia auszubrechen, kriegt die Weine in Wien bei VINONUDO- Westbahnstraße 30

Niki+IsabelleWahrheit: Der Name ist Programm. Interventionen befinden sich bei Niki Mosers quintessentiellem Veltliner auf einem absoluten Minimum, wobei das nicht bedeutet, dass hinter seiner Vinifizierung nicht eine Menge Arbeit und Intentionen stecken. Letztlich legt er freilich Zeugnis davon ab, was passiert, wenn man der konsequent biodynamischen Arbeitsweise im Weingarten (Schnabel/Löss) auch eine Vinifikation folgen lässt, die vor allem die Traube zu Wort kommen lässt und derart der Essenz der Rebsorte (und auch des Ortes) auf den Grund geht. Spontane Vergärung, keine Temperaturkontrolle, weder Enzyme noch Hefenährstoffe, keine Schwefelungen (weder im Most noch im Wein), keine physikalischen Interventionen (Mikrooxidation, Osmosen etc.), keine Schönungen, keine Filterung; was dagegen ganz wesentlich benötigt wird, sind gesunde Trauben, kleine gebrauchte Holzfässer und Zeit. Die sollte man auch vom Weintrinker einfordern. Erfahrungsgemäß entwickelt sich der Minimal stetig aber sicher über ein gutes Jahrzehnt und öffnet Jahr für Jahr neue Nuancen, Aromen und Texturen. Wer keinen Nerv hat, den Wein über Jahre im Keller zu verstauen sollte ihn möglichst  für einige Zeit dekantieren und ihm Rotweingläser gönnen.

Dichtung: Eben erst wieder getrunken (31.1.2016). Die Kurve zeigt steil nach oben, auch wenn der Wein aus einem der schwierigeren Jahrgänge des letzten Jahrzehnts stammt und die meisten seiner Zeitgenossen die Zeit seit 2011 nicht allzu gut weggesteckt haben. Dass der Wein ungeschwefelt ist, kann man in diesem Zusammenhang schon mal erwähnen. Und im Grunde auch, dass er mit jedem Jahr kompromissloser am Idealbild eines sortentypischen Veltliner kratzt. Wobei es sich lohnt, ausnahmsweise mit der Textur, dem Trinkfluss & der Struktur anzufangen, die sich bei gewichtigen Veltlinern in letzter Zeit nicht selten im Weg stehen. Der Minimal ist profund und konzentriert, der Körper druckvoll und kompakt, die Säure macht Dampf und wird von ein wenig Gerbstoff gestützt. Sensorisch geben Würze und Zitrusaromen den Takt vor, am Gaumen wird es steinig, würzig bleibt es trotzdem. Kräuter erweitert das Spektrum, ansonsten steht aromatische Zurückhaltung im Vordergrund. Steht im Moment ziemlich perfekt da und hat auch noch ein paar Jahre vor sich.


1 2 3 4 5 6 11