Manchmal hilft auch Google nichts. Das beruhigt. Die Eingabe von Col Tamarìe hat zwar ganz exakt beeindruckende 123000 Resultate erbracht, davon sind aber nach Durchblättern der ersten paar Seiten 122999 Seiten völlig belanglos. Auf einer Seite finden sich allerdings ein paar Informationen. Der Col Tamarìe ist ein Frizzante (das wusste ich auch schon – ich hatte ihn im Glas) aus Vittorio Veneto (Kernzone Prosecco). Der Protagonist unter den Rebsorten ist Glera, allerdings unterstützt von gleich vier weiteren Sorten, die man gewöhnlich – wenn man Prosecco und somit Glera trinkt – nicht im Glas hat: Verdiso, Bianchetta, Boschera und Perera. Der Weingarten – seit 2013 bewirtschaftet von  Alberto Dalle Crode (er besitzt einen Hund und einen Traktor – das ist seinem Facebook-Profil zu entnehmen) –  ist 4,5 ha groß und liegt auf 450 Meter auf Moränenböden. Die Bewirtschaftung ist biologisch, die Lese findet im Oktober statt – das der Wein dann trotzdem nur 11,5% Alkohol und eine krachende Säure hat, lässt vermuten, dass er nicht mitten in die Sonne schaut.  Die Trauben bleiben zwei Tage lang in Kontakt mit der Maische und werden dann spontan vergoren. Es wird weder gefiltert noch geschönt auch zu keinem Zeitpunkt geschwefelt. Die Gärung wird in der Flasche zu Ende geführt, degorgiert wird nicht.

Das alles ergibt einen Wein, der die marginale Fraktion an Klasseprosecco um eine Interpretation verstärkt. Die Aromen liegen ganz eindeutig auf der fruchtig/zitronigen Seite, doch kommen auch noch steinige und hefige Aromen dazu. Erfreulich ist aber vor allem der Trinkfluss, die Säure, Lebhaftigkeit, Saftigkeit und sensorische Tiefe, die ihn definitiv zu einem der besten Frizzante aus dem Veneto macht.

Wer ins Veneto kommen sollte und Lust hat, ein paar Flaschen davon zu erstehen, für den gibt es zumindest eine Adresse samt Telefonnummer: Via Castagné 4, 31029 Vittorio Veneto, Tel: +39 393 2814800

Hoch oben in den Hügeln der Nordmaremma, ein paar hundert Meter über Suvereto, einem dieser unzähligen uralten Dörfer, die sich durch die Toskana ziehen, baut Maddalena Pasquetti auf ihrem Weingut I Mandorli eine Handvoll Rebsorten an. Cabernet Sauvignon und Franc im Vigna del Mare, der nicht umsonst diesen Namen trägt und von dem aus man bis nach Elba und weiter ins Meer hinaus sieht. Im Vigna del Sughero, dem Weingarten, der nach den omnipräsenten Steineichen der Umgebung benannt ist, steht ihr Sangiovese, einer der besten italienischen Rotweine südlich des Piemonts. Ein paar Zeilen gehören dem erst vor kurzem gepflanzten Aleatico, dessen erster Jahrgang sich noch im Fass befindet.

In einer kleinen Mulde am Hangfuß, den Blick in die Colli Metalliferi und somit nach Nordosten gerichtet, wächst Maddalenas Vermentino, den sie 2015 zum zweiten Mal gekeltert hat. Die Reben sind erst ein paar Jahre alt, seit jeher biodynamisch bewirtschaftet und auf dem besten Weg es ihrem Sangiovese gleichzutun. Die Aromenvielfalt scheint die sie umgebenden Vegetation miteinzufangen, Blütennoten und mediterrane Kräuter geben den Takt vor, ein paar Zitrusnoten unterstützen und wenn nichts Gröberes passiert, kann man davon ausgehen, dass die Stöcke in den nächsten Jahren immer gehaltvollere und dichtere Versionen ergeben werden. Wobei es schon jetzt dicht und fokussiert zugeht. Die Säure ist für einen Vermentino erstaunlich lebhaft, die Textur geradlinig, der Weg über den Gaumen lang und ohne Schlenker. Ausgebaut wird in Zement, vergoren wird spontan, gefiltert wird nicht, geschwefelt schon – allerdings nicht viel. Ein paar Flaschen davon wären optimal, denn zum einen hat der Wein jetzt schon große Klasse und es spricht absolut nichts dagegen, dass sich diese in den nächsten Jahren noch erhöhen wird.

Im deutschsprachigen Raum ist der Vermentino von I Mandorli bei vinifero in Wien erhältlich.

Das einzig Negative, was man über den Foglia Tonda von La Cerreta sagen kann, ist, dass er in 0,5 Liter Flaschen abgefüllt ist. Angeblich, weil es so wenig davon gibt. Das ist dann eigentlich auch der zweite Nachteil. Es gibt zu wenig davon. Nicht nur bei La Cerreta. Überhaupt überall. Zu wenig in der Toskana, von Italien und dem Rest der Welt ganz zu schweigen. Optimistischen Schätzungen zufolge waren es im Jahr 2000 42 Hektar, es können aber auch weniger gewesen sein.

Heute, also am 19.7.2016, sind es mit Sicherheit mehr. 50 vielleicht. Oder auch 51. Das hat einen ganz einfachen Grund – Foglia Tonda ist eine fantastische Sorte. Und das sehen auch einige wenige Winzer in der Toskana so. Angeblich mit Sangiovese verwandt, hat sie ähnlich wie der große Bruder ordentlich Säure und Gerbstoff, wobei bei der Foglia Tonda beides ein wenig runder und weicher wirkt – zumindest bei La Cerreta.

La Cerreta liegt nicht in der Kernzone der Foglia Tonda (das Chianti Classico) sondern in der nördlichen Maremma, in Sassetta und dort ist es definitiv heißer als in den Hügeln des Chianti Classico. Das schlägt sich auch im Wein nieder. Nicht unangenehm. Er wirkt nur warm, einladend, dicht und kraftvoll. Ausladend oder breit ist er allerdings nie. Dunkle Frucht, ein wenig Zimt, Tabak sind vorherrschende Aromen, alles bestens ausbalanciert und in sich harmonisch. Der Trinkfluss passt, der Wein hat Struktur und Lebendigkeit, wirkt offen und klar.

La Cerreta arbeitet biodynamisch, hat neben Wein auch Kühe, die ausnahmsweise nicht nur für den Mist verantwortlich sind, sondern auch exzellente Milch für noch besseren Käse ergeben.  Im Keller passiert wenig, der Foglia Tonda wird spontan vergoren, in gebrauchten Barrriques ausgebaut und ungefiltert und ungeschwefelt gefüllt. Der Kostenpunkt ab Hof liegt bei 15 Euro.

Weine von La Cerreta gibt es in Wien bei vinifero, ob sich allerdings auch der Foglia Tonda darunter befindet, weiß ich leider nicht.

Mehr über italienische Weine & Winzer findet sich auf vinoterra.com

In vielerlei Hinsicht ist Latium und mit ihm Rom und Umgebung eine der Wiegen des Weins. Plinius, Horaz, Ovid, Columella und ihre Worte und Werke zum Thema sind heute Legion. Man analysierte und studierte Wein, diskutierte und schrieb über ihn. Und dass im alten Rom nicht zu knapp Wein floss, ist ohnehin hinlänglich bekannt. Doch woher kam der? Aus der Region? Wenn ja, was ist seit damals passiert? Latium ist aus heutiger Sicht die vermutlich uninteressanteste Weinbauregion Italiens. Abgesehen von einer Enklave rund um den Lago di Bolsena (und den großartigen Weine von Le Coste) sind es vor allem Frascati, Est, Est, Est!!! und Orvieto, die man heute mit der Gegend um Rom, meist mit Schrecken, verbindet. Doch wie so oft in Italien lohnt es sich

Damiano Ciolli: Silene

Damiano Ciolli: Cirsium

La Visciola: I Vignali

La Visciola: Ju Quarto

La Visciola: Priore Mozzato

einfach weiter zu probieren und zu schauen, ob sich unter all den Trebbianos, Malvasias und was es sonst noch so in Latium gibt, nicht  auch eine Rebsorte befindet, die der Reputation der Region zuwiderläuft.

Erstmals auf Cesanese stieß ich im letzten Winter (2016) in Mailand anlässlich der Live Wine. Dort schenkte Damiano Ciolli seine beiden Versionen aus und ein. Den Silene, eine in Zement ausgebaute, kühl-fruchtig-mineralisch-erdige Version und den Cirsium, ein Meisterwerk aus 80-jährigen Rebstöcken, der zu den zuvor genannten Attributen noch zusätzliche Substanz, Dichte und orientalische Gewürznoten in die Waagschale warf und definitiv zu den großen Weine der Veranstaltung zählte. Gleichzeitig erfuhr ich auch erstmals ein wenig über die Sorte und wie so oft, wenn es sich um autochthone italienische Sorten dreht, ist die Geschichte kompliziert.

Denn 1. ist Cesanese natürlich nicht gleich Cesanese: es gibt zwischen Cesanese Comune und Cesanese d’Affile so große Differenzen, dass man nicht mal von zwei unterschiedlichen Biotypen sprechen kann. Das Problem ist, dass man nie weiß welcher Cesanese, wo drinnen ist. Damiano Ciolli beispielsweise setzt auf Cesanese d’Affile, die nicht nur er als die hochwertige der beiden Varianten ansieht. Den Etiketten ist das generell nicht zu entnehmen. 2. gesellen sich zu den zwei Cesanese-Typen auch noch drei unterschiedliche Cesanese DOCs, also Herkunftsbezeichnungen (Cesanese del Piglio hat sogar DOCG-Status, die anderen beiden heißen Cesanese di Olevano Romano – Damiano Ciollis beeindruckende Weine stammen von dort und Cesanese d’Affile, das sinnvollerweise den gleichen Namen wie die Sorte trägt, wo aber auch Cesanese Comune verwendet werden darf.) Insgesamt ist das außerordentlich verwirrend.

Jenseits seines breiten Aromaspektrums, dass bisweilen auch noch feine Blütennoten in sich trägt, hat Cesanese d’Affile (ganz großartig sind auch noch die drei Interpretationen von La Visciola – probiert bei der Vini Veri in Cerea 2016; Comune kenne ich nicht)  eine eher weiche und cremige Textur und die Säure ist zwar stützend aber nicht fordernd. Zu viel Holz bekommt der Sorte ungefähr so schlecht wie Pinot, da die Subtilität der Aromen darunter leidet und eine zu lange Mazeration scheint aus den gleichen Gründen ebenfalls kontraproduktiv zu sein.

Das letzte Wort gebührt wie so oft Ian d’Agata, der ultimativen Instanz in Sachen italienischer Rebsorten, der Cesanese als eine der großen Erfolgstories der letzten 10 Jahre bezeichnet. Bei 330 Hektar, die es davon insgesamt gibt, mag die Bezeichnung zwar etwas hochgegriffen sein, doch zum einen hat er vermutlich recht und zudem spricht auch nichts dagegen, dass sich die Qualität von Cesanese auch noch weiter rumspricht.

Ein paar erklärende Worte können manchmal nicht schaden. Vor allem dann, wenn man es mit einer Region wie dem Valpolicella zu tun hat, dessen Reputation zum einen bestenfalls durchschnittlich ist, zum anderen aber eben auch phänomenal, je nachdem ob man es mit Valpolicella (dem Wein) oder mit Amarone oder Ripasso zu tun hat. Vor allem aber auch deswegen, weil das Valpolicella in sich extrem komplex ist: Vier Rebsorten (Corvina, Corvinone, Rondinella & Molinara), die fast immer im Kollektiv in den Wein einfließen, dazu noch eine Bandbreite an autochthonen Sorten (Oseleta, Dindarella, Spigamonte, Forseleta… insgesamt knapp 30), denen in den letzten Jahren wieder zunehmend Aufmerksamkeit zu Teil wurde. Eine geographische Ausdehnung, die vor mehr als 5 Jahrzehnten die politischen Grenzen der Region verließ, und seit damals auch Hügel und Täler umfasst, die in einer fast 2000-jährigen Weingeschichte nie zum Valpolicella gehörten (die Kernzone wird heute als Valpolicella Classico bezeichnet). Ein Lagensammelsurium, das den wenigsten Weintrinkern jenseits der Region bewusst sein dürfte, das jedoch elementare geologische, topographische und klimatische Unterschiede aufweist. Und zu guter Letzt vier unterschiedliche Weinstile, die zudem von den Verwendung meist unterschiedlichster lokaler Holzarten zusätzlich geprägt ist.

Die Kernregion beginnt an der Peripherie Veronas und endet dort, wo die Hügel des Valpolicella langsam in die Monte Lessini übergehen. Im Westen trennt die Etsch die Region vom Bardolino, während im Osten das Valpolicella Classico in die erweiterte Zone des Valpolicella Orientale übergeht (dort gibt es ebenfalls eine Handvoll ordentlicher Winzer und Weine, doch davon eventuell ein andermal). Die Böden basieren in der Ebene auf Ton & Kalk, in den Hügeln und Hanglagen ist es neben Kalk vor allem Tuff. Entscheidend sind jenseits der geologischen Eigenheiten vor allem die Expositionen und die Höhenunterschiede. Verona liegt auf knapp hundert Meter, in Porta der neuen Lage von Monte dall’Ora – dem vielleicht besten Weingut der Region (ich kenne, so leid mir das tut, die Weine von Giuseppe Quintarelli nicht, was schlicht und einfach mit deren Preisen zu tun hat) befindet man sich bereits auf 550 Meter.

Abgesehen davon sind es allerdings vor allem die eigenwilligen Vinifizierungsmethoden, die dem Valpolicella eine Ausnahmeposition in Italien (und der Welt) garantieren. Nirgendwo sonst spielt man sich derart mit Trocknungsprozessen, nirgendwo sonst erzeugt man daraus eine derartige Vielfalt an unterschiedlichen Stilen. Dem klassischen Valpolicella kommt dabei die Rolle des frischen, leichten und lebendigen Weins zu, der leider viel zu selten ernst genommen wird und abgesehen von wenigen Ausnahmen (allen voran wiederum Monte dall’Ora mit dem Camporenzo, einer Einzellagenabfüllung aus den Hügeln um San Cariano) findet sich nicht viel erwähnenswertes. Generell verwendet man dafür die Trauben, die nicht in den Amarone fließen, wobei man davon ausgehen kann, dass so gut wie niemand Valpolicella produzieren würde, gebe es nicht eine alljährlich neu definierte Obergrenze für die Amaroneproduktion. Die Trauben für den Amarone (meist 60-80% Corvina und Corvinone, 15 % Rondinella und 5% einer anderen Sorte) werden stets vor dem Valpolicella und naheliegenderweise immer und ausnahmslos per Hand gelesen – verletzte Traubenschalen würden das appassimento, die Trocknung, verhindern).  Zum einen deswegen, weil man dadurch die besten Trauben aus den Weinbergen selektieren kann, zum anderen um durch entsprechende Säure und Finesse den Zucker zu puffern, der sich durch das zweimonatige Trocknen in den Beeren akkumuliert.

Die besten Winzer

Monte dall’Ora (BIO)
Novaia (BIO)
Monte Ragni (BIO)
Aldrighetti (BIO)
Monte Santoccio
Antolini
Begali

Die besten Weine aus dem Valpolicella Classico

Monte dall’Ora: Valpolicella Camporenzo
Monte dall’Ora: Valpolicella Ripasso Sausto
Monte dall’Ora: Amarone Stropa
Novaia: Valpolicella Classico Superiori I Cantoni
Novaia: Amarone Classico Corte Vaona
Novaia: Recioto „Vigneto Le Novaje“
Monte dei Ragni: Valpolicella Ripasso
Monte Santoccio: Valpolicella Ripasso
Monte Santoccio: Amarone
Antolini: Valpolicella Ripasso
Antolini: Amarone Moropio
Antolini: Recioto
Lorenzo Begali: Valpolicella Ripasso La Cengia
Lorenzo Begali: Amarone Ca‘ Bianca

Die Gärung startet im Allgemeinen Ende Dezember/Anfang Jänner, dauert für gewöhnlich einen Monat lang und endet dann, wenn die Hefen den kompletten Zucker in Alkohol verwandelt haben. Dass die Hefen dabei selbst 18% Alkohol wie nichts wegstecken, ist eine der erstaunlichen Phänomene des Amarone. Den Namen Amarone gibt es übrigens erst seit einem guten halben Jahrhundert, davor waren durchgegorene Weine aus getrockneten Trauben eher die Ausnahme und letztlich eines der vielen Nebenprodukte des Recioto – dem eigentlichen Klassiker aus der Region.

Recioto war der einst große Wein des Valpolicella und wenn man den Quellen glauben darf, kelterten schon die Römer einen Weinstil, der dem Recioto ganz ähnlich gewesen sein dürfte. Recioto beruht auf den gleichen Beeren wie Amarone, doch werden sie einen Monat länger getrocknet und letztlich als Süßwein auf den Markt gebracht. Er erinnert frappant an exzellente Vintage Ports, wobei die Säure meist noch einen Tick höher ist und Recioto nie aufgespritet wird. Ähnlich wie rote Schaumweine ist er außerhalb der Region unfassbar unpopulär, weshalb auch nur mikroskopische Mengen vinifiziert werden, die meistens bei Familienfesten in der Region getrunken werden und nebenbei den Weintrinkern vorbehalten bleibt, die sich auch für die Nischen der Weinwelt interessieren.

Die vierte Variante im stilistischen Potpourri des Valpolicella ist der Ripasso, der sich längst als die Nr.2 in der qualitativen Wahrnehmung der Winzer und Konsumenten etabliert hat. Wobei neben den zusätzlichen aromatischen Nuancen vor allem der Herstellungsprozess interessant ist. Nach der beendeten Gärung des Amarone oder Recioto und dem Umzug des Weins in Fässer bleibt der Trester der konzentrierten – weil getrockneten – Beeren im Tank zurück. Um dem klassischen Valpolicella mehr Substanz zu verleihen, lässt man einen Teil davon eine zweite und wesentliche kürzere Gärung mit den Trestern durchmachen und schlägt damit eine Brücke zwischen den leichten und fruchtbetonten Valpolicellainterpretationen und den oft mächtigen und intensiv würzigen Amaroneversionen.

Weißweine sucht man im Valpolicella übrigens vergebens, was jedoch nur bedingt traurig stimmen muss. Die Region ist sowohl im Osten (Soave, Gambellara, Monte Lessini) wie auch im Südwesten (Custoza, Lugana) von den mitunter spannendsten Weißweinenklaven Italiens umgeben.


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