OLYMPUS DIGITAL CAMERAVittorios Grazianos Lambrusco Fontana dei Boschi ist reinsortig Grasparossa, die am spätesten reifende Lambruscosorte, dunkel wie die Nacht, mit lebendigem Tannin, kräftiger schwarzer Frucht, erdigen Noten, Eisen und Blut. Dabei bleibt er doch leichtfüßig, belebend, und erfüllt vollends die Idee eines frischen Speisenbegleiters zur emilianischen Herzinfarktküche (Cotecchino, gefüllte Schweinsfüße & Co. – toll aber tödlich). Ein weiteres Meisterwerk Vittorios ist der Sassoscuro, der zu 80% aus Malbo Gentile und zu 20% aus sechs weiteren (teils unbekannten) Rebsorten besteht. Schwarz wie Kohle, mit Aromen, die sich von Kaffee bis Oliven und Lakritze ziehen, zählt er definitiv zu den großen Rotweinen der Region und eigentlich auch Italiens.

Die beiden roten Meisterwerken werden weiß und sprudelnd vom Ripa di Sopravento (Trebbiano und drei unbekannte weiße Sorten) ergänzt, leichtgewichtig und schlank und doch mit profunden Aromen. Die Säure dominiert die Struktur und vermittelt Lebendigkeit. Die stille Variante heißt Tarbianaaz, ist ein Trebbiano modenese und verbringt volle drei Wochen auf den Schalen, was ihm ordentlich Farbe und Gerbstoff, eine strenge Textur und eine primäre Schicht an Kräutern einbringt. Abgerundet wird das Sortiment durch den Smilzo, einen sprudelnden Rosè aus Grasparossa, den Vittorio selbst als simplen Nachmittagswein abtut (was prinzipiell auch kein Nachteil ist), der aber so belebend, bekömmlich, animierend und vital schmeckt, dass man ihn auch problemlos zum Frühstück und eventuell auch am Abend trinken kann.

Golser Experimente Teil 1 – Gernot Heinrich

Die Reputation von Gols fußt seit Jahren und Jahrzehnten auf Rotweinen. Salzberg & Co. genießen seit langem Kultstatus.  Das wird und sollte sich auf absehbare Zeit nicht ändern, doch erfährt die Gegend eine tiefgreifende Transformation im roten Sektor, zu der sich erfreulicherweise auch gleich noch eine Revolution in Weiß gesellt. Die Basis für die fundamentale Umgestaltung geht wie schon vor zwanzig Jahren  von einem Teil der Pannobile Winzer aus. Die sind gerade dabei, ihre etablierten Stile neu zu interpretieren, Rebsorten und neue Terroirs auszuloten und in unbekannte Welten aufzubrechen. Essentiell war dabei der Umstieg fast aller Winzer auf biologische Bewirtschaftung und in weiterer Folge auch eine minimalistischere Arbeitsweise im Keller. Damit einher ging zudem ein beständiger Blick über die Grenzen, unter anderem in die experimentellen Tiefe des Naturweins visit this website.

Da sich gleich ein halbes Dutzend Winzer aufmacht, die Grundfesten der Gegend ein wenig zu erschüttern, macht es Sinn das Beben in mehreren Teilen festzuhalten.

Teil eins beschäftigt sich mit den Experimenten, denen sich Gernot Heinrich seit einiger Zeit widmet und die (da sie wie alle Weine, die jenseits der Dogmen der Prüfkommissionen gekeltert werden, keine Prüfnummer erhalten und folglich mit Phantasienamen und ohne genaue Rebsortenangabe und Herkunftsnachweis bezeichnet werden müssen) bezeichnenderweise unter dem Signum der FREYHEIT fungieren. Es handelt sich um eine Trilogie marginalisierter Sorten, denen Gernot Heinrich durch a.) biodynamische Bewirtschaftung und b.) gezielter Extraktion durch Schalenkontakt, spontaner Vergärung, nicht kontrollierter Gärtemperatur, minimalen Schwefelungen usw. weit mehr als nur ein bisschen Leben einhaucht.

Dass dem Neuburger seine Freiheit richtig gut tut, konnte man nur vermuten, da er in der Form wie ihn Gernot keltert, bisher nicht existierte (Judith Beck bestätigt seit kurzem in ihrer phänomenalen Bambuleserie – in ein paar Tagen in der Experimentenserie nachzulesen – den Freiheitsanspruch des Neuburgers). Die Trauben dafür stammen zum einem vom Golser Kurzberg andererseits und vor allem aber auch vom anderen Ufer des Sees – genauer von den Kalkhängen des Leithagebirges. Die Vinifikation beginnt mit einer eintägigen Maischestandzeit inklusive  Kämmen und Stielen. Die Gärung setzt spontan ein, Enzyme, Nährstoffe & Co. sind tabu. Ausgebaut wird über Monate hinweg in gebrauchten Holzfässern und was dann letztendlich ins Glas kommt, hat handfeste Tannine, eine stringente Struktur, ordentlich Druck bis zum und über den Gaumen hinaus, viel Körper und ein unaufdringliches aber bleibendes Spektrum an Aromen. Den profunden und substantiellen Charakter findet man übrigens auch in der 2014er Fassprobe, was man bei 11% Alkohol zwar erhoffen aber eigentlich nicht erwarten würde.

Freiheit wurde auch dem Grauburgunder gewährt. 25 Tage lang blieb der Wein auf der Maische und was in diesen 25 Tagen geschah, wird zwar für immer ein Rätsel der Natur bleiben, das Resultat ist jedoch in mehrfacher Hinsicht erstaunlich. Die Farbe ist meilenweil weg vom gewohnten orangen Farbspektrum und changiert irgendwo zwischen Pinot Noir und Nebbiolo (näher am Nebbiolo). Die Aromen siedeln sich ebenfalls zwischen den beiden Rebsorten an, der Gaumen spricht jedoch eine andere Sprache. Frische, Lebendigkeit, Saftigkeit, Dichte, Gripp und Straffheit sind die sechs Grundpfeiler eines umwerfenden Experiments, das zurzeit leider auf 225 Liter beschränkt ist. Das wird glücklicherweise nicht so bleiben. Gernot Heinrich wird am Leithaberg weitere Parzellen Grauburgunder auspflanzen und damit die entgegengesetzte Richtung eines Trends einschlagen, der Grauburgunder zum Opfer von Veltliner (als würde es nicht genug davon geben), Zweigelt (als würde es…) oder Sauvignon (als wü…) macht. Das wird allerdings noch dauern und solange es nicht mehr gibt, sollte man schnell sein.

Eine Trilogie hat bekanntlich drei Teile und die Hauptrolle im letzten Part gehört vorbehaltslos Gernots Rotem Traminer. Sobald Traminer die Bühne erklimmt, können sich die übrigen Rebsorten im Allgemeinen verziehen. Traminer kleckert nicht lang rum, sondern klotzt von der ersten Sekunde weg mit einem Potpourri an Aromen, dass von Moschus bis Nivea reicht und manchmal eher Angst als Spaß macht. Vor allem dann, wenn dieser Überschuss nicht kompensiert wird. Und gerade hier liegt das Problem. Traminer hat von allem zuviel, an Säure mangelt es ihm allerdings fast immer. Einfallslose Winzer säuern einfach auf, einfallsreiche und experimentelle Winzer mazerieren. Der Gerbstoff, der dabei aus den Schalen gelaugt wird, puffert Körper und Alkohol und übernimmt quasi die Funktion der Säure. Das ist bei Roland Tauss sensationellem Roten Traminer so und bei Gernot Heinrichs gleichfalls exzellenter Version nicht anders.

Wer so viel Freyheit nicht aushält, dem bleiben unzählige andere Varianten. Kosten sollte man sie allerdings.

Bambule ist ein interessantes und vielseitiges Wort: 1. Ein Soziolekt aus der deutschen Kleinkriminellensprache, der das protestierende Trommeln auf allen möglichen Gegenständen innerhalb eines Gefängnisses bezeichnet. 2. Ein heute noch praktizierter Tanz auf Guadeloupe und in Louisiana mit afrikanischen Wurzeln. 3. Ein Form des Protests in Erziehungsheimen. 4. Ein Krawall. 5. Ein Fernsehfilm nach einem Drehbuch von Ulrike Meinhof. 6. ein Bauwagenplatz im St. Pauli der 70er Jahre. 7. Bestandteil eines Schlachtrufs der deutschen Protestkultur („Randale, Bambule, Frankfurter Schule“) 8. Das kollektive Teilen eines Joints (nur in der Schweiz). 9. Eine fulminante Serie an Naturweinen von Judith Beck.

Trotz dieser vielfältigen Deutungslage fügt sich doch irgendwie ein gemeinsamer Nenner zusammen, der irgendwo zwischen Verweigerung, Opposition und Anarchie anzusiedeln ist. So interessant es zwar wäre die Punkte 1, 2, 3 (5 ergibt sich ohnehin daraus) und 7 näher unter die Lupe zu nehmen, ist es doch Punkt 9 der völlig verdient im Mittelpunkt der folgenden Zeilen stehen wird. Judith Becks Bambule Serie gehört nämlich zu den spannendsten Projekten, über die sich Österreichs Weinwelt in den letzten Jahren freuen durfte oder sollte.

Der Original-Bambule kam meines Wissens 2011 erstmals in die Flasche. Ein von allen Ketten freigesprengter Chardonnay, auf Schotter gewachsen, von Hand gelesen, in gebrauchten Holzfässern ausgebaut, spontan und auf der Maische vergoren, auf der Hefe ausgebaut, mit Potenzial für Jahre und einem Spitzenwert auf meiner imaginären Punkteskala.Bambulen 3

Der Chardonnay hat allerdings nur den Weg gewiesen. In der Zwischenzeit gibt es neue Bambulen aus Rebsorten, von denen man bis vor kurzem kaum annehmen konnte, dass sie zu einer Bambule (1 & 4) fähig sind. Weißburgunder beispielsweise: (fast immer) konturlos rund und weich, ein Einschmeichler der eher unangenehmen Art, bekommt er nach 14 Tage Maischestandzeit plötzlich Charakter und Gripp, Ecken und Kanten, Aromen und Power. Und Neuburger, eine Sorte, die man ausreißt, um stattdessen Weißburgunder zu pflanzen, macht mit seinen satten, lebendigen, saftigen und roten Aromen ordentlich Bambule. Ob es nun die fünftägige Mazeration, das kaum vorhandene SO₂, die akribische Arbeit im Weingarten oder all das zusammen ist, Fakt ist, JB hat die Latte für andere Neuburgerversionen in völlig unangeahnte Höhen gelegt und gleichzeitig gezeigt, was möglich ist.

Die roten Bambulen stehen den weißen Bambulen um nichts nach. Auch hier regiert die Gefahr des Experiments und die Resultate sind so aufregend wie ein Tanz auf Guadeloupe. Der Zweigelt tritt nach all den phänomenalen Versuchen von Niki Moser, Sepp Muster, Karl Schnabel oder Michael Andert aufs Neue den Beweis an, dass man selbst den Schattenseiten der Ampelographie Positives abgewinnen kann („frei“ steht u.a. in meinem Notizbuch allerdings kann ich das nicht mehr richtig deuten – frei von penetranten Kirschnoten? Frei von unreifen, grünen und sperrigen Tanninen? oder eventuell „frei“, weil schwebend, ungebunden, fließend).

Den St. Laurent in einem intrazellulären Verfahren (maceration carbonique) zu vinifizieren, könnte zwar unter eingeschworenen Dogmatikern der Sorte eine Bambule verursachen, ist aber vermutlich wegweisend. Die intrazelluläre Gärung (findet ohne den Einfluss von Hefen und unter Sauerstoffausschluss statt und betont die natürlichen Aromen der Trauben) potenziert das Glycerin und die Farbstoffe und glättet das Tannin (das allerdings aufgrund der Tatsache, dass sich auch die Kämme im Tank befinden, trotzdem markant aber eben reif ist), sodass letztlich eine samtige, dichte, dunkle Textur die Aromen in, um und über den Gaumen transportiert.

Zu guter Letzt noch ein Wort zum Chardonnay Bambule, mit dem alles anfing und mit dem sich für dieses Mal der Kreis schließt. Der 2013er nähert sich der Idee des idealen Weins an. Alle relevanten Komponenten greifen ineinander, die Säure kann mit dem Alkohol, der Extrakt mit dem Gerbstoff, die Orangenaromen mit den Kamillennoten, die Substanz mit der Eleganz… alles total friedlich, relaxed – wie die BAMBULE NR.8 (aber nur in der Schweiz).