Italien ist gebirgiger als man gelegentlich denkt und zwar nicht nur im Norden. Fährt man von Parma in Richtung Pastorello und also nach Süden geht es nach kurzer Zeit in Serpentinen immer höher und steiler den Apennin hinauf und gerade dann, wenn man die Adresse kontrollieren will, weil man sich sicher ist, dass Weinbau unter diesen Bedingungen nicht mehr möglich ist, landet man bei Crocizia.

Alles hier wirkt alpin. Der Schnee am Straßenrand genauso wie der Kiefernwald, die Schihüttenarchitektur und zu guter letzt Marco Rizzardi, der in dickem Pullover und Haube tagtäglich Weingärten bearbeitet, die karg und isoliert, die Basis für eine erstaunliche Batterie an Schaumweinen bildet.

„50 Jahre lang war der Hof hier oben verlassen, ehe ihn mein Vater vor 20 Jahren erwarb“, erzählt Marco. Weinbau spielte anfangs keine Rolle. Vielmehr ging es darum die maroden und zugewachsenen Flächen zu rekultivieren und erst als man damit fertig war, entschied man sich dafür dort Reben reinzusetzen.

„Früher gab es hier oben viel Weinbau, doch dann wurden im Zuge von Mussolinis Battaglia del Grano die Reben durch Getreide ersetzt und danach nicht wieder ausgesetzt. Außerdem zogen viele Menschen weg in die Städte, sodass – bis heute – viele alte Gärten brachliegen oder verwildert sind.“

Direkt hinter dem Hof steht Marcos jüngste Anlage. Auf die Frage, warum er sein ansonsten autochthones Rebenrepertoire gerade um Sauvignon Blanc erweitert hat, erklärt er, dass die Sorte schon vor über 200 Jahren im Zuge der französischen Okkupation Parmas von Soldaten in die Hügel gebracht wurde und dort bestens gedeiht. Ein paar Meter weiter öffnet sich dann eine Lichtung, die an drei Seiten von Wald umrandet, den Blick auf Marcos größten Weingarten eröffnet und über die Baumwipfel hinweg das Bergpanorama des Apennins präsentiert.

In Mergel und Kalk wurzeln hier die Klassiker der Region. Neben Malvasia di Candia, aus dem er einen maischevergorenen Frizzante keltert, sind das Barbera, Bonarda und Croatina, abgesehen vom Barbera also Sorten, die einzig auf lokaler Ebene eine Rolle spielen (Croatina gibt es sporadisch auch noch in der Lombardei und im Piemont). Die Bewirtschaftung ist seit jeher biologisch und alles, was auf den knapp 1,5 Hektar passiert, wird per Hand erledigt.

Der, den Garten umgebenden Wald schützt vor gröberen Winden, birgt dafür allerdings andere Gefahren. „Rehe, fressen die Triebe und Beeren“, erzählt Marco, weshalb er in den letzten Jahren alles eingezäunt hat. Außerdem treiben sich immer mehr Wölfe in der Gegend herum, das Resultat eines etwas aus den Fugen geratenen Projekts ihrer Repopulation im Apennin. Die fressen zwar keine Trauben, dafür mussten, laut Marco, schon einige Hunde in der näheren Umgebung dran glauben.

Drinnen im Haus wird der äußerliche Eindruck aufrechterhalten. Ausgegraben Rebstöcke – die Rebkrankheit Flavescenza fordert auch hier oben ihren Tribut – liefern die Basis für ein offenes Feuer. Schwarz-weiße Fotos hängen an der Wand. Ein paar Flaschen Wein stehen am Tisch, meist mit Etiketten versehen, deren Namen dem lokalen Dialekt entlehnt sind. Der otòbbor, der Oktober, ist ein sprudelnder Barbera, dunkel in Farbe und Frucht, geradlinig, kühl, pfeffrig und druckvoll. Wie bei all den anderen Weine auch, wird anfangs minimal geschwefelt und dann erst spontan vergoren – danach bleiben die Weine bis im Frühjahr im Stahltank auf der Hefe, ehe es ohne weitere Eingriffe zur Zweitgärung (eingeleitet durch die Beigabe von Most) in die Flasche geht. Degorgiert wird nicht. Die Stilistik ist vor allem Entscheidungen während der ersten Gärung zu verdanken. So wird der besiosa, ein reinsortiger Malvasia di Candia zehn Tage lang auf der Maische belassen, was ihm neben Trockenfrüchten und Kräuteraromen auch nicht zu knapp Gerbstoff mit auf den Weg gibt. Daneben gibt es auch noch den znèstra, eine etwas einfachere und lebendigere Version der gleichen Sorte, allerdings mit nur zwei Tagen Maischekontakt. Elegant, steinig und rotbeerig ist der balos, ein Pinot Noir-Experiment, das in der Höhe bestens funktioniert. Zu guter Letzt steuert Marco auch noch seinen Beitrag zu den immer spannender Lambruscointerpretation der Emilia bei, wobei der marc aurelio vor allem auf der Sorte Maestri basiert, die fordernd, saftig, kraftvoll und dicht einen Kontrapunkt zu den Lambruscovarianten der Ebene um Modena und Reggio Emilia setzt.

Wer Crocizias Weine probieren will, muss sich unter Wölfe begeben. Marcos Weine gibt es weder in A noch in D.

Ca de nociDie Emilia gehört ganz sicher zu den spannendsten Weinbauregionen, durch die man sich derzeit in Italien trinken kann. Dutzende Winzer treten seit ein paar Jahren den Beweis an, dass sich eine Region, der im Würgegriff der globalen Lambruscoindustrie zunehmend ihre Identität verloren ging, durch individuellen Widerstand neu positionieren kann. Abgesehen davon, dass es in der Zwischenzeit ein gutes Dutzend Winzer gibt, die den Lambrusco qualitativ neu definieren, sind es vor allem auch Neu-Interpretation alter Sorten und Traditionen, die zur Renaissance der Region beitragen.

Alberto & Giovanni Masini gehören, wenn man so will, zur klassischen Avantgarde der Emilia. Sie opponieren seit 1993, dem Jahr, in dem sie das Weingut von ihrem Vater übernommen und es auf Bio umgestellt haben (Zertifizierung 1997). Seitdem vinifizieren sie auch ihre Trauben selbst und zwar zu Weinen, die keinen Platz für Kompromisse lassen, doch dafür auch die Geschichte ihrer Herkunft auf den Punkt bringen.

Cà de Noci ist mitten ins Nichts gebaut, 25 Kilometer südlich von Reggio Emilia, dort wo der Apennin langsam in die Ebene übergeht. Walnussbäume an der Einfahrt verweisen auf den etymologischen Ursprung ihres Weinguts. Hinter dem Haus tut sich ein erster von insgesamt fünf Hektar Weingärten auf, bestockt mit alten Spergolareben, einer kaum bekannten Sorte, die es nur in den Hügeln zwischen Modena und Reggio Emilia gibt. „Spergola“, meint Alberto, „hat eine natürliche Säure, die sie für Schaumweine prädestiniert.“ Die beiden Brüder keltern zwei Versionen, den vitalen, frischen und puristischen Querciole, der jeden Prosecco alt aussehen lässt. Und die Riserva dei Fratelli, ein Spumantemonument, das nach dreijährigem Ausbau in der Flasche Struktur, Kraft und Frucht kombiniert und Wege weist, was man mit Spergola alles anstellen kann – wobei sich zwar die Säure während der Mazeration ein wenig senkt, jedoch durch den Schalenkontakt entsprechend kompensiert wird. Und mazeriert wird immer.

Spergola

Spergola

Das hat zwei ganz entscheidende Gründe. Zum einen geht es den beiden ganz pragmatisch darum, ihre Weine ohne den Einfluss von Chemikalien stabil zu halten. Gerbstoff spielt dabei eine essentielle Rolle. Der andere Aspekt ist sensorischer Natur: Gerbstoffe schützen den Wein nicht nur, sie strukturieren ihn, geben ihm Rückgrat & Substanz. Zudem löst man aus den Traubenhäuten Aromen, die sich gerade dann, wenn man den Weinen etwas Zeit gibt (und das sollte man fast tun) vielfältig bemerkbar machen. Wobei Alberto & Giovanni die Mazerationsdauer in den letzten Jahren verkürzt haben, um die Leichtigkeit, Lebendigkeit und letztlich auch den Typizität der Weine in den Vordergrund zu rücken.

Und sonst? Dank eines relativ warmen Mikroklimas startet und endet die Lese alljährlich extrem früh. Man beginnt generell Ende August und macht Mitte September schon wieder Schluss. 15 Freunde sorgen dafür, dass bis Mittag alles einfahren ist, da es danach zu heiß wird. Gelesen wird in 10 Kilo Kisten, danach wird gequetscht, mazeriert und spontan vergoren. Die Temperatur wird nicht reguliert, wobei es im Keller stets stabile 15°C hat, was auch der Gärung zu Gute kommt. Die Weine landen, je nach Intention in verschiedenen Gebinden, wobei Stahl, Zement und Holz zur Auswahl stehen. Das war es dann auch, die Zeit erledigt den Rest.

Neben den beiden Spergolaspumante gibt es bei Ca de Noci auch den Sottobosco, eine rote Schaumweinversion, die zwar nicht unter der offiziellen Begrifflichkeit Lambrusco deklariert aber genau in diesem Sinne gekeltert ist – wobei man in der Art der Produktion auf manuelle Herangehensweisen setzt und dem Wein derart entscheidend mehr Individualität und Charakter auf den Weg gibt. Die Basis bilden zwei Lambruscospielarten, Grasparossa und Montericco, dazu kommen mit Malbo Gentile und Sgavetta, zwei weitere Rebsorten, die es nur in ihrem lokalen Umfeld gibt. Der erste Ausbau findet – anders als man es in der Ecke gewohnt ist – in Stahl oder Zement statt, die Zweitgärung in der Flasche. Weitere gravierende Unterschiede zu gängigen Lambruscovarianten sind der geringe Ertrag/Hektar (4000 statt 15000 Kilo), die konsequent biologisch Bewirtschaftung, die akribische Handlese, der Verzicht auf jegliche Additiva – kurz die Intention aus ihren Beeren nicht irgendein schäbiges Billigprodukt für deutsche Pizzerien zu keltern, sondern einen Wein, der Trinkfluss und Charakter kombiniert. Restzuckerkonzessionen werden keine gemacht.

Notte di Luna

Notte di Luna

Ca de Noci gibt es aber auch still. Der Gheppio war lange Zeit eine dunkelbeerige, kraftvolle, saftige aber doch elegante Cuvée aus Cabernet, Malbo gentile und Sgavetta, bis vor kurzem die amerikanische Rebzikade (ein mikroskopisch kleines Insekt, das die ständig wärmeren Wintertemperaturen nutzt, um in den Weingärten Italien Unheil zu stiften) dem Cabernet den Garaus machte. Dunkel & saftig ist der Wein jedoch weiterhin (dem Malbo Genile sei Dank), ausgebaut wird er über drei Jahre in alten Holzfässern.

Und auch der weiße Notte di Luna, eine Cuvée aus Spergola, Mavasia und Moscato MUSS noch erwähnt werden. Schon deswegen, weil Alberto eine Flasche aus dem Jahr 2005 kappte, was bei schwefelfreien Weinen – die angeblich kaum langfristige Überlebenschancen haben – immer interessant ist. Außerdem hält sich meine Erfahrung mit mehr als 10-Jahre gereiften maischevergorenen Weinen in Grenzen. Wenn jede so ist wie der Notte di Luna ist das zutiefst bedauerlich aber immerhin ein Versprechen für die Zukunft: Tee und Kräuter geben den Takt vor, die Säure ist frisch und lebendig und hält den Wein jugendlich. Die Textur ist dicht und saftig, der Gerbstoff strukturiert und der Körper ist kraftvoll und dynamisch.

Ca de Noci setzt Maßstäbe und zeigt, was man in der Emilia alles entdecken kann, wenn man gewillt ist, sich abseits der Pfade zu begeben.

Wer gerade keine Zeit hat, in Richtung Reggio Emilia auszubrechen, kriegt die Weine in Wien bei VINONUDO- Westbahnstraße 30

Die Colli Berici sind eine vergessene Ecke des nördlichen Italiens. Hier steht vieles verlassen und zuweilen sind das auch Villen, in denen vor ein paar hundert Jahren die Venezianischen Dogen und ihre Gefolgschaft abgestiegen sind. Und weil die Dogen Erholung in blühender Natur suchten, sind die Colli Berici eigentlich wunderschön – auch wenn das eben kaum jemand weiß. Daniele Portinari kennt sich hier freilich bestens aus, seine Stöcke wurzeln in den leicht geschwungenen Hängen der Hügelkette.

Hier ist vieles anders im Vergleich zu den nur wenige Kilometer entfernten Weinbergen des Soave. Der Untergrund ist nicht mehr vulkanisch, vielmehr graben sich die Reben ihren Weg durch ein Ton-Kalkgemisch. Das funktioniert zwar auch gut bei weißen Reben, doch haben die Bauern der Hügel stets roten Rebsorten den Vorzug gegeben. Die größten Carmenere-Anpflanzungen Europas befinden sich in den Colli Berici (Inama hat hier einen spektakulären Weingarten). Daniele allerdings setzt seinen größten Hoffnungen auf eine Sorte namens Tai Rosso, die früher als Tokai Rosso, in der Toskana als Alicante, in Sardinien als Cannonau und in Frankreich als Grenache usw. bekannt ist. Und er tut das völlig zurecht. Die Weine sind – macht man alles richtig – filigran, elegant, rotbeerig und mit feiner Säure und saftigem Tannin ausgestattet. Lange Zeit belieferten die Portinaris die örtlichen Genossenschaften, erst vor ein paar Jahren begann man selbst zu füllen. Und auch gleich alles komplett auf biologischen Weinbau umzustellen. Daniele holte sich das nötige Wissen dafür bei Angiolino Maule, Gründer von vinnatur und verwendet im Weingarten lediglich Schwefel und ein wenig Kupfer. Die Vinifizierung läuft ebenfalls minimalistisch ab, die Vergärung ist spontan, die Weine sind unfiltriert, ungeschönt etc., kurz sie wurden in Ruhe gelassen.

Das spiegelt sich dann in einer schlanken, druckvollen, mineralischen Grundstilistik wider, wobei das rote Spektrum noch von einer fruchtigen Cabernet/Merlot-Cuvée ergänzt wird. Da wo es einen Tai Rosso gibt, findet man dann auch einen Tai Bianco, der gemeinsam mit Pinot Bianco den weißen Part im Sortiment übernimmt.

Azienda Agricola Daniele Portinari
Via Colombello, 36045 Alonte (VI)
Tel: 0039 0444 830182
http://www.viniportinari.it
daniele.portinari@gmail.com

TaiRosso

 

Pietrobianco

Dichtung: Reife Apfelnoten, steinig, Kräuter, frisch, saftig, leicht, druckvoll, extrem animierend, bündig und kompakt mit dezentem aber reifem Gerbstoff, nachhaltig am Gaumen; mit Muscheln ein Fest.

Wahrheit: Danieles Cuvée ist ein erstaunlicher Wein. Pinot Bianco und Tokai quasi unplugged. Kein Schwefel, kein Filtern, spontan vergoren, Ganztraubenpressung usw., im Stahltank auf der Feinhefe ausgebaut und alles in allem sensorisch extrem befriedigend, ein toller, leichter, eleganter Repräsentant totaler Nichtintervention. Und weil er nicht viel getan hat, außer akribisch zu beobachten, gibt es nicht viel zu sagen, außer dass er einer der drei Weine unseres Hochzeitsfest war und nichts, aber auch kein Schluck, für spätere Gelegenheiten übrig blieb.

Tai Rosso

Dichtung: Kirschen bestimmen den ersten Eindruck, Zimt und Rosen gesellen sich dazu. Am Gaumen ist der Tai frisch, saftig, spielerisch, der perfekte Weine für die kühleren Nächte der warmen Jahreszeiten, nicht komplex aber nie banal, leicht gekühlt (14°C) am allerbesten, in all der Frische doch auch persistent und lang.

Wahrheit: Die Ungarn haben mit ihrem Beharren den Namen Tokaji und alle gleichklingende Wörter (Homonym) für sich zu vereinnahmen, die Winzer Norditaliens und Sloweniens in gröbere Not gebracht. Die Friulaner und Slowenen nennen ihren Tokaj jetzt gelegentlich Jakot (Palindrom), die Winzer der Colli Berici haben aus Tokai Rosso und Bianco, die Akronyme Tai Rosso/TaiBianco gemacht. Tokai/Tai Rosso ist gleichbedeutend (Synonym) übrigens mit dem sardischen Cannonau, der wiederum die gleiche DNA wie Grenache hat usw.

Daniele Portinaris ist ein Verfechter der Mikrointervention und deswegen sieht sein Tai Rosso im Weingarten lediglich ein wenig Schwefel und Kupfer, im Keller nur altes Holz, wilde Hefen und ganz zum Schluss 16mg/l Sulfite.

Getrunken im September 2015. Hat also ein bisschen gedauert, die Eindrücke in den Computer zu klopfen. Aber zum einen gibt es davon in regulärem Fachhandel ohnehin nichts zu kaufen (keine Ahnung, wo man Jörgs Weine überhaupt kaufen kann) und zweitens definiert sich Zeit bei Jörg & seinen Weinen überhaupt anders.

Jörg ist ein Apologet der Langsamkeit. Die dabei gewonnene Zeit nutzt er bisweilen, um in Stein gemeißelte önologische Wahrheiten zu hinterfragen und wenn nötig zu demontieren. Das passiert auch nicht zwingend von einem Tag auf den anderen und manchmal lässt er auch 15 Jahre vergehen, um festgefahrene Dogmen nicht nur zu unterminieren sondern gleich wegzusprengen.

So geschehen eben in besagtem September. Eingeschenkt wurde eine reichlich goldene Flüssigkeit, was prinzipiell schon mal ganz spannend ist, richtig interessant wurde es allerdings als wir (drei Winzer, ein Händler & ich) die Nase reinhängten und so gewichtige Dinge wie lebendig, jung, sauber… ja schon, sauber, lebendig, saftig, frisch… hefig, Kräuter, offen… immer offener… kühl… schöne Spannung, macht ordentlich Dampf… krieg ich noch was, und was ist das… uswusw… von uns gaben. Jörg meinte kryptisch, dass es ein Wein wäre, den es eigentlich nicht geben dürfte, was unsere Aufgabe, draufzukommen, was wir da im Glas hatten, nicht zwingend erleichterte. Er lüftete letztlich selbst das Geheimnis und erklärte, dass wir es mit einem ungeschwefelten Weißburgunder aus dem Jahr 2000 zu tun hätten, der die Zeichen der Zeit so unbeschadet weggesteckt hatte wie Muhammed Ali die Schläge von George Foreman im Rumble in the Jungle (hier für alle, die mal wieder Lust darauf haben) So viel zu der Behauptung, dass ungeschwefelter Wein nicht reifen kann.

Da Experimente dann am spannendsten sind, wenn man sie vergleichen kann, öffnete er auch eine geschwefelte Version aus dem gleichen Jahr, die weniger animierend und auch nicht so offen und lebendig wirkte.

Neben einer ganzen Menge außergewöhnlicher Rotweine (davon eventuell ein andermal) gab es auch noch einen jungen Weißburgunder aus dem Jahr 2007, der sicher zu den besten Weißweinen zählt, die ich in diesem Jahr getrunken haben. Die Textur war cremig, samtig, geschmeidig und konzentriert, sodass man versucht war, den Wein einfach im Mund zu behalten, was irgendwann allerdings mühsam wurde – vor allem dann, wenn man versuchte sich darüber zu unterhalten. Andererseits vermittelte die darin eingebettete Säure auch einen ein eminenter Trinkfluss und verlangte nach mehr. Die Aromen waren nicht so wichtig und basierte vor allem auf Nüssen, reifen gelben Früchten, Honig und Kräutern. Ein toller Wein, der sicher auch gereift ein Ereignis darstellen wird.

Der Nachmittag war schon fortgeschritten, als ich bei Maria Strohmayer und Alex Koppitsch ankam: zu spät, um noch einen Blick in die Weingärten zu werfen – das war zwar schade, hatte aber den Vorteil, dass wir uns mehr Zeit zum Kosten nehmen konnten, was sich allemal lohnte. Die beiden machen zwar erst seit 2011 ihre eigenen Weine, doch ist die Palette dafür und trotz der wenigen Hektar nicht gerade klein – und sie wird bei all den Experimenten, die entweder langsam Form annehmen oder noch in Planung sind, sicher nicht kleiner werden.

Bevor Alex anfing, die alten Stöcke seiner Eltern weiterzupflegen und neue auszupflanzen, war er bei Gerhard Pittnauer Kellermeister. Von dort nahm er fast zwangsläufig eine Affinität für Pinot Noir und vor allem St. Laurent mit, zudem aber auch die Erkenntnis, dass Weine vor allem dann profund und subtil von ihrem Terroir erzählen, wenn sie in lebendigen Böden wachsen. Also wirtschaftet Alex draußen biodynamisch – das allerdings unzertifiziert.

Die Weingärten: das sind vor allem das Seefeld und der Neuberg, wobei im ersteren vor allem Schotter und Lehm den Ton angeben, während man unter den Neuberger Reben hauptsächlich Kalk findet. Hinter dem Haus geht zudem die Lage Prädium langsam in die Parndorfer Platte über, wo das humusreiche Terroir vor allem Platz für Zweigelt bietet. Die meisten Reben pflanzte der Vater in den 70er und 80er Jahren, es gibt aber auch richtig alte Stöcke, die 60 Jahre und mehr auf dem Buckel haben (Chardonnay Neuberg). Wobei das Spektrum an Reben beim besten Willen nicht nur rote Trauben beinhaltet.

Der Grüne Veltliner in unseren Gläsern ist dafür nur ein erstes Beispiel. Der stammt vom Seefeld und bietet geologisch quasi einen Kontrapunkt zu den Veltlinerklassikern, die 100 Kilometer weiter im Norden in Urgestein wurzeln: präzis, würzig, saftig und puristisch ist die Kopppitsche Variante allerdings ebenfalls. Während wir uns in Richtung Weissburgunder aufmachen, erläutern die beiden erstmal ihre Herangehensweise im Keller. Sämtliche Weine werden spontan vergoren, nahezu alle machen – sofern sie denn wollen – einen biologischen Säureabbau durch – was ihnen über die Jahre zusätzlich Substanz und Komplexität verleiht. Die Weine gären solange sie eben brauchen und das kann im Falle des Weissburgunders Neuberg auch mal ein Jahr dauern. Das tut er im gebrauchten Barrique, wo sich im Laufe der Zeit neben einer dichten Textur, erdige und steinige Noten zu den rauchig-fruchtigen Aromen gesellt haben. Gefiltert wird selten und wenn dann grob, geschwefelt wird wenig und einzig und allein einmal vor der Füllung. Die Zeit davor schützt die Fein- und bisweilen die Vollhefe, ein weiterer Puzzleteil im Aroma- und Texturspektrum der Weine. Wie ungern Alex eingreift, beweist auch die Tatsache, dass die weißen 2014er allesamt ein wenig Restzucker haben – er forciert keine unnatürlichen Prozesse und so passiert es eben auch mal, dass ein Wein mit ein paar Gramm Restzucker abgefüllt wird. Bei der generell hohen Säure des Jahrgangs 2014 war das zum einen kein Problem, zum anderen ergab sich daraus ein spannendes süß-saures Ping Pong.

Schmeckbar auch im Sauvignon Blanc vom Seefeld, dem 9 Gramm Restzucker, 7,3 ‰ Säure gegenüberstehen. Wie bei allen guten Sauvignons dominieren vor allem gelbfruchtigen Aromen, während die Kräuternoten nur begleiten. Der Sauvignon Blanc stammt übrigens aus einer Zeit, als er noch Muskat-Sylvaner hieß, der Chardonnay vom Neuberg ist jüngeren Datums, dafür so dicht bepflanzt, dass man mit keinem Traktor der Welt durchkommt. Ist zwar mühsam aber dafür baut man durch die manuelle Arbeit auch eine intensivere Beziehung zu den einzelnen Rebstöcken auf. Direkte Auswirkungen auf den Wein sind zwar nicht nachweisbar, schmecken tut er allerdings und zwar vor allem würzig, saftig und lebendig, eingebettet in einer cremigen Textur.

Rechtzeitig zu den Roten gibt es ein paar Spezereien von der “Alten Maut” und wer die nicht kennt, sollte die Schweinereien, die dort fabriziert werden, mit einem Besuch bei Alex und Maria verbinden. Und dort wiederum den Pinot probieren. Und die Zweigelt(!) Reserve. Vor allem aber den St. Laurent vom Neuberg, ganz subjektiv gesehen, das Meisterwerk im Hause Koppitsch. Den gab es glücklicherweise aus zwei Jahrgängen, wobei der 2012er elegant, samtig, dicht, tief, filigran, komplex, leichten Fußes und balsamisch (aus dem Notizbuch zitiert – ein bisschen viel, aber eigentlich ganz korrekt) daherkommt, der 2011er dagegen dichter, dunkler und stoffiger wirkt. Beide brilliant. Ausgebaut wird in meist gebrauchten Barriques, die Erträge am Hektar belaufen sich auf mickrigen 2000 Litern und diese akribische Selektion steht den Weinen gut.

Erstaunlich offen, weich, saftig, rund, pfeffrig, unaufgeregt und würzig (Zimt & so) ist dann der Blaufränkisch vom Neuberg, eine Lage, die man sich unbedingt merken sollte. Beide Weine (SL und BF) befinden sich in perfekter Balance und auch wenn der Syrah vom Neuberg eine kaum zu erwartende burgundische Note in sich trägt (alles andere als ein Nachteil), kann man das gleiche auch von ihm behaupten.

Alex und Maria geben den Weinen Zeit – wie schon erwähnt während der Gärung aber auch später im Fass und – wenn es denn sein muss – auch noch in der Flasche. Der Rest liegt dann in der Verantwortung des Konsumenten – wer die Weine (vor allem die Roten) jung trinken will (das ist eher relativ zu sehen, zur Zeit 2011 und 2012) wird seinen Spaß haben, wer noch ein paar Jahre warten kann, wird gerade bei den drei letzterwähnten Weinen ganz sicher noch auf zusätzliche Nuancen stoßen.


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