Sensorik und Sprache war das Thema meiner Abschlussarbeit an der Weinakademie. Wer Zeit hat und wen das Thema interessiert, kann sich gerne durch die paar Essays ackern, die mir bisher zu dem Thema eingefallen sind
2014-11-02 16.10.08
Dennz Bini & seine Schaumweine
2014-11-02 12.36.14
Weine verkosten ist nicht so leicht, wie man allgemein annimmt, doch darüber zu sprechen, ist oft noch viel schwerer. Trotzdem sind Sensorik und Sprache in der Beurteilung von und Kommunikation über Wein untrennbar miteinander verknüpft. Doch gerade wenn es um Geschmacks- und Geruchsempfindungen geht, stößt unsere Sprache an ihre Grenzen. Definitorische Probleme werden nicht selten metaphorisch gelöst. Skepsis und Unverständnis begleiten vielfach Weinbeschreibungen, und selbst in der Fachwelt herrscht zuweilen darüber Uneinigkeit, was nun erlaubt ist und was nicht. Das Vokabular jedenfalls scheint immer umfangreicher, der Jargon immer ausgefallener zu werden. Die Sprache des Weins ist dabei, wie die Sprache an sich, in einem steten Fluss begriffen und ständigen Metamorphosen und Innovationen unterworfen. Das hat fraglos mit einer Demokratisierung der Weinkultur und damit einhergehend einer Verbreiterung der weintrinkenden Klassen zu tun, andererseits aber auch mit einer forcierten Kommerzialisierung der Weinwelt. Und obwohl sich seit einigen Jahrzehnten einige wissenschaftliche Institutionen um größere Einheitlichkeit und Präzision einer Weinsprache bemühen1, scheinen einer exakten Diktion verschiedene Aspekte im Weg zu stehen, auf die im Verlauf dieser Arbeit genauer eingegangen wird… weiterlesen

 

 Erschienen im Spektrum der Presse im November 2009
Abgang? Bukett? Ach was! Jetzt müssen schon der „Geruch gestoßener Steine“ her oder „engwabige Säureskelette“, will man als Connaisseur durchgehen. Der Wein und die Weinkritiker: über die Kunst, das Unsagbare in Worte zu fassen.
Auf der Homepage von Robert Parker, dem Kritikerpapst der Weinwelt, findet man unter dem Schlagwort Chateau Latour 2008 folgenden Eintrag: „Ein grandioses Baby mit tintiger, purpurner Farbe und außergewöhnlichen Crème-de-Cassis-Aromen, dem Geruch von zerstoßenen Steinen und Blumen.“ Große Worte – zumindest für diejenigen, die mit der Welt des Weins und seinem speziellen Sprachkosmos vertraut sind. Lyrisch, leichtfüßig – und doch mit der autoritären Gewichtigkeit, die in der Literatur ihren Gegenpart in deutschsprachigen Landen höchstens in der Stimme Marcel Reich-Ranickis findet. Ein Superlativ sollte in derartigen Weinbeschreibungen nicht fehlen und auch nicht die Extravaganz, den Duft „zerstoßener Steine“ auszumachen. Für die Geschichte, die der Wein erzählt, sind die geeigneten Worte aus dem Munde eines Kritikerkönigs von ebenso großer Bedeutung wie sein Lesezeitpunkt, seine schonende Verarbeitung oder sein akribischer Ausbau im Holzfass.
Über Wein wird gesprochen, seit die Menschheit sesshaft geworden ist. Athenäus lobte die Vorzüge des Falerners im antiken Rom, und über die diskussionsbelebenden Qualitäten griechischen Weins wusste schon Plato ein Lied zu singen. War Wein damals mehr Mittel zum Zweck stimulierender Gespräche, so scheint seit einiger Zeit das Trinken des Weins mit dem Sprechen darüber oftmals synchron zu verlaufen. Doch warum sprechen Menschen über Wein? Warum und vor allem wie versuchen sie, jedes ausgetrunkene Glas mit Bedeutung zu füllen?… weiterlesen
Der Strohhalm, an dem sich viele Kritiker der Naturweinszene festhalten, ist die sensorische Qualität der Naturweine. Da es immer schwerer wird gegenüber den positiven Aspekten biologischer oder biodynamischer Bewirtschaftung die Nutzung von Herbiziden, Pestiziden usw., zu rechtfertigen und man abgesehen vom Thema Sicherheit keine qualitativen Gründe anführen kann, warum man z.B. Reinzuchthefen zum Gärstart einsetzen sollte, geschweige denn weiterführend Enzyme, Hefenährstoffe, Ammoniumsulfat, Ammoniumhydrongensulfit, Ascorbinsäure, Stickstoff, Casein, Gelatine, Cellulose, Hausenblase, Zitronensäure, Chitosan, Gummi Arabicum oder Polyvinylpolypyrrolidon (kein Schmäh) und was es sonst noch so gibt, versucht man sich über einen, in den letzten drei Jahrzehnten etablierten sensorischen Rahmen zu retten, der für sich genommen schon extrem fragwürdig ist und zur Beurteilung von natürlich hergestellten Weinen wenig taugt. Zu ihrer Verunglimpfung ist er freilich ganz gut geeignet…. weiterlesen