Bambule ist ein interessantes und vielseitiges Wort: 1. Ein Soziolekt aus der deutschen Kleinkriminellensprache, der das protestierende Trommeln auf allen möglichen Gegenständen innerhalb eines Gefängnisses bezeichnet. 2. Ein heute noch praktizierter Tanz auf Guadeloupe und in Louisiana mit afrikanischen Wurzeln. 3. Ein Form des Protests in Erziehungsheimen. 4. Ein Krawall. 5. Ein Fernsehfilm nach einem Drehbuch von Ulrike Meinhof. 6. ein Bauwagenplatz im St. Pauli der 70er Jahre. 7. Bestandteil eines Schlachtrufs der deutschen Protestkultur („Randale, Bambule, Frankfurter Schule“) 8. Das kollektive Teilen eines Joints (nur in der Schweiz). 9. Eine fulminante Serie an Naturweinen von Judith Beck.

Trotz dieser vielfältigen Deutungslage fügt sich doch irgendwie ein gemeinsamer Nenner zusammen, der irgendwo zwischen Verweigerung, Opposition und Anarchie anzusiedeln ist. So interessant es zwar wäre die Punkte 1, 2, 3 (5 ergibt sich ohnehin daraus) und 7 näher unter die Lupe zu nehmen, ist es doch Punkt 9 der völlig verdient im Mittelpunkt der folgenden Zeilen stehen wird. Judith Becks Bambule Serie gehört nämlich zu den spannendsten Projekten, über die sich Österreichs Weinwelt in den letzten Jahren freuen durfte oder sollte.

Der Original-Bambule kam meines Wissens 2011 erstmals in die Flasche. Ein von allen Ketten freigesprengter Chardonnay, auf Schotter gewachsen, von Hand gelesen, in gebrauchten Holzfässern ausgebaut, spontan und auf der Maische vergoren, auf der Hefe ausgebaut, mit Potenzial für Jahre und einem Spitzenwert auf meiner imaginären Punkteskala.Bambulen 3

Der Chardonnay hat allerdings nur den Weg gewiesen. In der Zwischenzeit gibt es neue Bambulen aus Rebsorten, von denen man bis vor kurzem kaum annehmen konnte, dass sie zu einer Bambule (1 & 4) fähig sind. Weißburgunder beispielsweise: (fast immer) konturlos rund und weich, ein Einschmeichler der eher unangenehmen Art, bekommt er nach 14 Tage Maischestandzeit plötzlich Charakter und Gripp, Ecken und Kanten, Aromen und Power. Und Neuburger, eine Sorte, die man ausreißt, um stattdessen Weißburgunder zu pflanzen, macht mit seinen satten, lebendigen, saftigen und roten Aromen ordentlich Bambule. Ob es nun die fünftägige Mazeration, das kaum vorhandene SO₂, die akribische Arbeit im Weingarten oder all das zusammen ist, Fakt ist, JB hat die Latte für andere Neuburgerversionen in völlig unangeahnte Höhen gelegt und gleichzeitig gezeigt, was möglich ist.

Die roten Bambulen stehen den weißen Bambulen um nichts nach. Auch hier regiert die Gefahr des Experiments und die Resultate sind so aufregend wie ein Tanz auf Guadeloupe. Der Zweigelt tritt nach all den phänomenalen Versuchen von Niki Moser, Sepp Muster, Karl Schnabel oder Michael Andert aufs Neue den Beweis an, dass man selbst den Schattenseiten der Ampelographie Positives abgewinnen kann („frei“ steht u.a. in meinem Notizbuch allerdings kann ich das nicht mehr richtig deuten – frei von penetranten Kirschnoten? Frei von unreifen, grünen und sperrigen Tanninen? oder eventuell „frei“, weil schwebend, ungebunden, fließend).

Den St. Laurent in einem intrazellulären Verfahren (maceration carbonique) zu vinifizieren, könnte zwar unter eingeschworenen Dogmatikern der Sorte eine Bambule verursachen, ist aber vermutlich wegweisend. Die intrazelluläre Gärung (findet ohne den Einfluss von Hefen und unter Sauerstoffausschluss statt und betont die natürlichen Aromen der Trauben) potenziert das Glycerin und die Farbstoffe und glättet das Tannin (das allerdings aufgrund der Tatsache, dass sich auch die Kämme im Tank befinden, trotzdem markant aber eben reif ist), sodass letztlich eine samtige, dichte, dunkle Textur die Aromen in, um und über den Gaumen transportiert.

Zu guter Letzt noch ein Wort zum Chardonnay Bambule, mit dem alles anfing und mit dem sich für dieses Mal der Kreis schließt. Der 2013er nähert sich der Idee des idealen Weins an. Alle relevanten Komponenten greifen ineinander, die Säure kann mit dem Alkohol, der Extrakt mit dem Gerbstoff, die Orangenaromen mit den Kamillennoten, die Substanz mit der Eleganz… alles total friedlich, relaxed – wie die BAMBULE NR.8 (aber nur in der Schweiz).

In einer Zeit als man in Österreich vor allem in Richtung Westen schaute und den hiesigen Rebsortenspiegel um internationale Sorten erweiterte, schaute Robert Wenzel von Rust aus über den Eisernen Vorhang nach Ungarn und in die ampelographische Vergangenheit des Burgenlands. Statt Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah brachte er 1984 Furmintedelreiser mit nach Hause und setzte sie in die Ruster Weinberge (genauer in die Riede Vogelsang). Das führte zwar zu keiner Revolution, doch legte er immerhin das zarte Fundament für eine kleine Renaissance (10 ha insgesamt, die Wenzels bewirtschaften davon 2 ha), die von seinem Sohn Michael konsequent fortgesetzt wird.

15 Jahre lang brach Michael immer wieder ins Tokaji auf, um mit den dortigen Winzern über die Spezifika der Sorte und ihre Bedeutung für das Burgenland zu sprechen. Er suchte nach dem Ruster Urtypus der Sorte und wurde letztlich auch fündig. Die akribische Recherche und die dabei gewonnenen Freundschaften mit Tokajer Winzern führten letztlich dazu, dass Michael vor ein paar Jahren quasi eine Urversion des Furmints in einen seiner Weingärten setzen konnte und der bezeichnenderweise den Namen Eden trägt. Das genetische Material der dort  gepflanzten Furmintstöcke ist zwar nicht so alt wie die Bibel, reicht  aber immer auch 150 Jahre zurück.

Michael näherte sich der Rebsorte freilich nicht nur auf kultureller und historischer Ebene, sondern allen voran auf vitikultureller und önologischer Ebene. So pflanze er die Reben in einer in Österreich kaum bekannten Dichte aus (bis zu 10000 Reben am Hektar) und erzog sie in manchen Weingärten nicht am Draht sondern in Stockkultur. Furmint will Licht und die bekommt er auf diese Weise – zudem zieht der Wind bestens durch die Hänge und hält die Trauben frisch und gesund. Jeder Stock wurde dabei händisch und sternförmig in die Erde gelegt, eine Knochenarbeit, die den Wurzeln allerdings den nötigen Raum zur Entfaltung bietet. Andere Aspekte, die den Furmint zur prädestinierten Sorte des südlichen Neusiedlersees machen, sind seine späte Reife und die damit verbundenen oft erstaunlich niedrigen pH-Werte oder aber die Entwicklung diverser Säuren (Bernsteinsäure & Zitronensäure), die am Gaumen zusätzlich Dampf machen.

Furmint gibt es dann auch gleich in fünf verschiedenen Varianten, wobei das ganze Potenzial des Furmints schon die Version von der Vogelsang  auslotet. Dass Furmint naheliegenderweise jahrgangsspezifische Unterschiede verdeutlicht liegt in der Natur der Sorte wie auch im Interesse des Winzers und folglich gibt sich der 2012 etwas weicher, wärmer und runder, wobei man weit davon entfernt ist, in barocken Dimensionen zu denken. Richtig spektakulär geht es dann freilich bei seiner maischevergorenen Version und vor allem bei seinem Furmintmonument „Garten Eden“ zu, wobei der paradiesische Verweis ganz einfach durch die historische Namensgebung der Lage erklärt ist.

Voraussetzung für die detaillierte Wiedergabe des gesamten Furmintpotenzials ist eine akribische und nachhaltige Bewirtschaftung der Weingärten. Die Wenzelschen Rieden werden biologisch-organisch bearbeitet (noch nicht zertifiziert), was prinzipiell nie ein Nachteil ist, doch kann man natürlich auch ein paar Schritte weiter gehen. Michael setzt statt auf Maschinen lieber auf die Wertschöpfung manueller Arbeit und ringt lieber auf natürliche Weise mit der Natur als sie zu bewässern. Ein dezent lehmiger Untergrund in den meisten Lagen hilft dabei, wobei die geologischen Unterschiede innerhalb der einzelnen Rieden viel größer sind als man bei der sanft hügeligen Topographie der Ruster Berge vermuten möchte.

Exemplarisch dafür stehen zwei Pinot Noirs, die in ihren Eigenheiten zu den großen Beispielen des Burgenlands gehören und die doch zeigen, was für eine eminente Bedeutung dem Boden zukommt. Tendiert der Pinot Rusterberge dazu seine Glimmerschiefer und Gneisböden in eine dunkle  und würzige (burgenländische) Aromarichtung zu übersetzen, spricht der kalkbasierte und großartige Pinot Noir vom Kleinen Wald eine filigrane, rotbeerige und fundamental burgundische Sprache. 300 Meter liegen zwischen den beiden Lagen, die identisch vinifiziert (spontan vergoren, in meist gebrauchten Holzfässern ausgebaut, ungeschönt, ungefiltert und einmal spät geschwefelt – so ergeht es quasi alle seinen Weine) verdeutlichen wie unterschiedlich Terroir manifest werden kann.

Abgesehen davon, dass Michael auch Süßweine und Blaufränkisch in exzellenten Qualitäten keltert, lohnt es sich auch kurz zu erwähnen, dass Michael ständiger Entwicklung und Experimenten den Vorzug vor kalkulierbaren Konzepten gibt. Was dazu geführt hat, dass sich auch drei maischevergorene Weine (Grauburgunder, Sauvignon Blanc und Furmint) in seinem Keller befinden  und die allesamt darauf verweisen wie spannend es werden kann, wenn jemand die ausgetrampelten Pfade klassischer Vinifikation verlässt.

Unter dem Himmel hängt eine tiefe Wolke. Theodora ist das egal. Mir auch. Ich habe gute Gesellschaft und die kompensiert potenzielle Wolkenbrüche. Theodora ist das jüngste Mitglied in Eduard Tscheppes und Stephanie Eselböcks fiktiver Familie, wobei sie das nicht gerne hört. Jugendlichkeit wird zu oft als oberflächliche Fassade abgetan, für das was noch kommen mag. Sie insistiert völlig zu Recht auf einer charakterlichen Tiefe, die in ihrem Alter ganz sicher nicht viele derart selbstbewusst vertreten, gewinnt danach aber schnell wieder ihre Unbeschwertheit zurück. Eduard Tscheppe, ihr spiritus rector, diagnostiziert rebellische Momente, was er aber gleichzeitig auch sympathisch findet und ihrer Lebenslust zuschreibt. Theodora wurde als Welschriesling geboren, in den Händen von Eduard und Stephanie allerdings sukzessive zu einer eigenständigen Persönlichkeit geformt.

Gut Oggau„Die Gegend um den Neusiedlersee definierte sich eigentlich nie über Lagen“, erzählt Eduard  auf dem Weg in den Keller. „Zwar gab es gute und weniger gute Weingärten, doch letztlich zählte einfach der Ort.“ In ihrem Fall ist das Oggau, eine kleine Gemeinde am Westrand des Sees, in dem schon die Römer Reben pflanzten. Die Freiheit sich nicht über Lagen definieren zu müssen, nutzten die beiden zu einem der originellsten und gleichzeitig intelligentesten Konzepte im gegenwärtigen österreichischen Weinbau.

Sie personifizierten ihre Weine. Verliehen ihnen erste Attribute, zu denen sich im Laufe der Jahre – Weine verändern sich – immer wieder neue dazuaddierten. Gaben ihren Schöpfungen Namen. Keine aus der Luft gegriffenen, sondern Namen, die in unterschiedlicher Weise mit dem Hof verbunden waren.

Stephanie und Eduard erwarben das Gut Oggau, dessen Mauern teils bis in das 17. Jahrhundert zurückverweisen, im Jahr 2007, von Mechthild Wimmer, einer heute 90-jährigen Frau („Dame“ – meint Eduard) und mit ihm Gerätschaften, Weingärten, alte Rebstöcke, eine noch ältere Baumpresse, Regale, Schubladen…. In einigen dieser Schubladen stießen sie auf Dokumente und Zettel, Rechnungen und Belege; darauf standen Namen von einstigen Käufern, Verwandten, Lieferanten  und Arbeitern, die sich heute auf den Etiketten der 11 Weine wiederfinden, die am Gut Oggau gekeltert werden.

Eigenwillige und längst vergessene Namen – Winifred oder Emmeram, Joschuari oder Athansius – wurden wieder zum Leben erweckt und auch wenn man über die ursprünglichen Geschichte der Personen meist nichts mehr weiß, erzählen doch zumindest die Weine neue Geschichten.  Winifred zum Beispiel ist laut Eduard „brav, charmant und umgänglich und dabei doch auch vielschichtig und individuell (wohin das letztlich führt, kann man sich denken). Sie ist anregend, unschuldig und jugendlich und die Schwester von Theodora.

Und sie ist doch offensichtlich ein Rosé. Mehr erfährt man nicht. Am Etikett findet sich genauso wenig ein Verweis auf die Rebsorte oder Lage, wie auf der Webseite. Und im Grunde braucht es auch nicht mehr. Ob man es nun mit St. Laurent, Blaufränkisch, Zweigelt oder Pinot Noir zu tun hat, ist in Eduards Konzeption nur bedingt interessant. Was zählt sind Charakter, Individualität, Temperament und Persönlichkeit.

Um diese entsprechend entwickeln zu können, werden ihre Weingärten biodynamisch (Demeter) kultiviert. Denn jenseits jeglicher Handschrift ist es vor allem der Boden, der zählt und der voll zum Ausdruck kommen soll. Egal ob die Stöcke in Oggau oder in Purbach wurzeln, wo man ebenfalls zwei Hektar bewirtschaftet. Die Erträge sind generell gering und naturgemäß in den ältesten Weingärten am tiefsten. Zwischen den Zeilen forciert man das Leben und die Biodiversität, begrünt beständig und was dann wächst, das wächst im Allgemeinen gut. 37 Parzellen, deren Böden, Klima und Expositionen trotz der Kleinräumigkeit der Gegend oft extrem unterschiedlich sind, liefern das Fundament für die Entwicklung eigenständiger Charaktere. Neben den jungen Weingärten und den kühlen Randlagen, aus denen neben Theodora und Winifred auch Athanasius (rot: offen, herzlich – allerdings mit ein paar Geheimnissen: u.a. demjenigen, dass er in einer fernen Zukunft ein Weltstar werden möchte) stammt, gibt es auch ein paar ältere, in denen die Elterngeneration der drei wurzeln. Athanasius beispielsweise ist laut Stammbaum der Sohn von Wiltrude und Joschuari. Letzterer vereint gleich acht Parzellen in sich – allesamt Hügellagen, inklusive mancher im Purbacher Kalk – was ihn zu einem komplexen, charismatischen Charakter macht, der seine Ecken und Kanten hat.

Trotzdem sympathisch, finde ich. Am besten habe ich mich allerdings mit Timotheus verstanden. Der ist zwar einen Tick weicher als sein Bruder (und im Gegensatz zu ihm weiß), dafür hat er eine Energie, die animiert und eine intensive Beschäftigung mit ihm unumgänglich macht. Eduard meint, dass er zudem einen mächtigen Charakter hat und mit beiden Beinen voll im Leben steht. Das Brüdertrio komplett macht Emmeram, ein 43 jähriger weltmännischer Dandy und Don Juan (ausnahmsweise sei hier kurz verraten, dass es sich bei ihm um einen Traminer handelt), der sich gerne ein wenig exotisch gibt, wobei er dann doch auch immer wieder vom Gaspedal steigt und lieber von Oggau aus den Kosmopoliten gibt. Bei Josephine würde er damit eher nicht punkten. Dass sie mollig sei, gründet eher auf der selbstkritischen Strenge des Winzers als auf Tatsachen. Fleischig und stoffig ist sie mit Sicherheit aber dann doch auch muskulös und kräftig.

Kein schwarzes Schaf dabei! Im Großen und Ganzen können Mechthild und Bertholdi, die beiden Oberhäupter mit ihrem Clan also absolut zufrieden sein. Wenn sie natürlich auch nicht immer einfach sind, die Enkel immer älter werden und immer größere Ansprüche stellen und sich bei den anderen jahrgangsbedingt immer wieder leichte Stimmungsschwankungen auftun. Für Nachkommen ist jedenfalls gesorgt, am Thron gerüttelt wird allerdings noch nicht.

Bertholdi gibt sich diesbezüglich ohnehin gelassen. Er kennt, laut Eduard, alle Tricks,  hat noch immer Esprit und Energie für drei, ist dabei aber gutmütig und sanft. Und sollte es dann doch mal an der Zeit sein, ein Machtwort zu sprechen überlässt er das Mechthild (eine Hommage an die „Dame“), die durchaus resolut und polarisierend sein kann. Das mag seinen Grund darin haben, dass sie mitsamt ihrer Kämme in 500 Liter Fässern über 2 Jahre auf der Vollhefe zu liegen hat. Gefiltert wird sie nicht, geschönt ebenfalls nicht (das hat sie auch trotz ihres Alters beim besten Willen nicht nötig) und das bisschen Schwefel tut nichts zur Sache. Ihre Kinder und Kindeskinder erfahren übrigens eine ganz ähnliche Behandlung.

Insgesamt würde man sich wünschen öfter mit einer so selbstbewussten und heterogenen Familie Bekanntschaft zu schließen.

Ps und nur zur Info: das Essen im Heurigen ist ebenfalls unglaublich gut (das wundert nicht wirklich, ist aber trotzdem die Erwähnung wert).

Respekt vor Respekt. Gleichzeitig mit der Erweiterung des 15-köpfigen Stamms auf jetzt 19 Winzer, gab es einen Relaunch der respekt-Richtlinien und eine neue Webseite, die wenig Fragen offenlässt (und zudem extrem gut gemacht ist) – www.respekt.or.at

DruckDas ist insofern erfreulich, da Transparenz im Weinbau generell eher tabuisiert wird und es schon Sinn macht, wenn Winzer ihre Handlungen im Weingarten und Keller ausführlich, detailliert und nachvollziehbar offenlegen.

Zudem ist es schon auch spannend zu erfahren, warum Winzer im Weingarten mit Fenchel- und Orangenöl, Birkenblättern, Backpulver oder Algenextrakten hantieren – praktikable und richtungsweisende Alternativen zu den Chemikalien, mit denen konventionelle Betriebe ihre Rebstöcke bearbeiten (dürfen).

Neu sind zudem die qualitätsspezifischen Punkte, die sich unter dem prophetischen Link „Der ideale Wein“ wiederfinden. Kellerrichtlinien fehlten bisher im Regelwerk von „respekt“ und mit der Auflistung diverser Interventionen/NICHT-Interventionen  ist die Lücke geschlossen und außerdem auch gleich vorgezeichnet, wohin die Reise gehen soll – der „ideale Wein“ ist übrigens, laut respekt, der in keiner Weise veränderte Wein.

Generell setzt man auf spontane Gärungen durch natürliche Hefepopulationen (Grundvoraussetzung für die Authentizität herkunftsspezifischer Weine). Ausnahmen bilden – um eine zuverlässige Endgärung zu ermöglichen – trockene Weißweine  (wobei mir nicht ganz klar ist, warum sie bei Weißweinen weniger zuverlässig sein soll als bei Rotweinen) und selbst das ist nur bei dokumentierten Problemen zulässig. Schwefel darf beigefügt werden, wobei man versucht sich immer näher an entsprechende Minima (je nach Weinstil) heranzutasten (es gibt auch schwefelfreie Interpretationen im Fundus der respekt-Weine).

Schönungen werden möglichst nicht und wenn dann nur zu Stabilisationszwecken durchgeführt. Da die meisten Weine ohnehin relativ lange auf der Hefe bleiben, sollte bei den  wenigsten von ihnen eine Schönung notwendig sein – Ausnahmen, denke ich, sind vor allem die paar wenigen Jungweine, die sich da und dort finden. Kollektive Einigkeit herrscht zudem bei dem Wunsch nach moderaten Alkoholgradationen. Der Rest beruht auf individuellen Handschriften, die jedem Winzer und jedem Terroir zugestanden werden. Passt auch.

Den Grundsätzen und Ideen ihrer biodynamischen Bewirtschaftungsweise wurden außerdem einige fundamentale Aspekte zur Seite gestellt, über die man sicher öfter reden sollte und die definitiv einen Weg in die önologische Zukunft weisen. So machte man sich beispielsweise Gedanken über nachhaltige Veranstaltungskonzepte (Abfallvermeidung, Empfehlung zertifizierter Hotels, CO₂-Kompensation der gesamten Veranstaltung, Mehrweg-Geschirr etc.). Sympathisch sind zudem die Kurzportraits  und Zitate der Winzer, wobei unter dem Menüpunkt auch die vier neuen Betriebe zu finden sind – Clemens Busch, Hansjörg Rebholz, Steffen Christmann und Philipp Wittmann, allesamt deutsche Betriebe und alle mit nicht zu wenig Riesling in ihren Kellern –  die ohnehin hohe Qualität der respekt-Gruppe wird durch die vier sicher nicht gesenkt.

Womit einer Internationalisierung der respekt-Gruppe zumindest die Tür geöffnet wurde. Wer eintritt, ist den derzeitigen Winzern vorbehalten, die jedes Jahr ein neues Mitglied vorschlagen können.

Rust an einem der heißesten Tage im August. Die Uhr zeigt 12:00 Mittags, über der Straße flimmert die Luft. Ein paar letzte Gelsen hat die Sonne weggebrannt. Die Photovoltaikanlage auf dem Dach des Weinguts akkumuliert auf Hochtouren. In der Ferne bewegt sich ein Schatten und wenig später schießt Herbert Triebaumer in seinem Elektromobil aus dem Flimmern und spricht den unvergessenen ersten Satz: „Servas, schauen wir in die Weingärten.“

Puuuh. Der faule Vorschlag in den Weinkeller zu schauen wird mit einem ganz einfachen „später“ abgeschmettert. Die nächsten drei Stunden gehören den Weinbergen über dem Neusiedlersee, obwohl es so heiß ist, dass sich nicht einmal eine Knoblauchkröte geschweige denn eine Würfelnatter raustrauen würde. Dass es die rund um den Neusiedlersee gibt, könnte ich von Herbert wissen: denn, und da kommen wir langsam aber sicher zum Wein und seinen natürlichen Grundvoraussetzungen, Herbert kennt die komplexen Zusammenhänge und Wechselbeziehungen innerhalb seiner Weinberge und versucht sie mir in den nächsten Stunden verständlich zu machen.

An vorderster Stelle steht dabei das Ziel, den in den letzten Jahrzehnten geöffneten Kreis wieder zu schließen und die Ökologisierung seiner Weingärten voranzutreiben. Was mit einer Ökologisierung genau gemeint ist, beginnt er mir in der Riede Vogelsang, zwischen Sauvignon Blanc Rebstöcken und einem guten Dutzend Schafen, die uns zwischen den Füßen rumrennen und die Sonne anblöken, zu erklären. „Vorausschauendes Arbeiten“, meint Herbert, „ist ein entscheidender Aspekt. Unsere Ressourcen sind endlich“, weshalb er versucht Arbeitsgänge zusammenzulegen und derart immer seltener mit dem Traktor durch die Gegend fahren zu müssen. Der gelernte Elektriker setzt zudem auf selbstkonstruierte, energiefreundlichere Geräte. „Der Traktor schluckt nicht nur Sprit, er verdichtet auch den Boden und zwar nicht nur für ein paar Wochen oder Monate, sondern über Generationen hinweg“, meint HT. Und über Generationen ist das Projekt Triebaumer aufgebaut. Die Familie ist groß, doch partizipiert jeder auf seine Art an der Entwicklung (und Ökologisierung des Weinguts) und das soll auch in Zukunft so bleiben.

Der Boden, da ist sich Herbert sicher, stellt die Existenzgrundlage für jeden Winzer (und Rebstock) dar. Das wusste auch schon sein Vater Ernst, der vor gut 30 Jahren mit dem Blaufränkisch vom Mariental die österreichische Rotweinszene aufmischte und nur einmal, 1971, Kunstdünger ausbrachte. Herbizide spritzte er nie, und auch wenn er sich den zunehmenden Avancen der Agrarindustrie nicht völlig entzog, verließ er sich doch auch oft auf seine Intuition. „Rainfarn und Wermut haben wir schon vor Jahren gegen den Pilzdruck gespritzt“, erzählt Herbert  – ein Ergebnis gezielter Beobachtung, die er bis heute als elementaren Wegweiser durch ihre Weingartenarbeit sieht. Neben den Lehrstunden, die die Natur bietet, holen sich die Triebaumers ihre Informationen auch aus Kursen und Büchern – wo sie genau auf Terra preta stießen, habe ich vergessen zu fragen, entscheidend ist jedoch, dass sie das Konzept der Pflanzenkohle verinnerlicht haben und dezidiert in ihren Weingärten umsetzen. Dabei wird natürliches Material (Äste, Laub, Pflanzen) verbrannt und ihre Glut für ein paar Tage in der Erde verbuddelt, wo sie langsam abkühlt. Danach wird sie mit dem Kompost vermengt und an nährstoffarmen Stellen im Weingarten ausgebracht. „Pflanzenkohle ist kein Dünger allerdings speichert sie Wasser, bindet Kohlenstoff (die Landwirschaft als Klimastabilisator!), fördert die Bodenbakterien, forciert die Bildung von Mikroorganismen und erhöht das Nährstoffpotenzial und Resistenz für die Reben“.  Nebenbei belebt sie auch noch die übrigen Pflanzen zwischen den Rebzeilen, von denen, obwohl in der Zwischenzeit ein Teil vertrocknet ist, sich noch immer eine stattliche Menge im Weingarten befindet – HT kennt sie alle, weiß über ihre Funktionen Bescheid und wie man sie weiterverwenden kann (nicht wenige Kräuter und Pflanzen landen in den Kochtöpfen und Einmachgläsern der Familie Triebaumer).

Im Elektromobil erklärt Herbert sein Konzept einer Ökologisierung weiter. So setzt er in Weingärten, Bäume und Hecken, die sich im Laufe der Jahre zu Lebensräume für Vögel, Reptilien und Insekten verwandelt haben. „Das macht die Landschaft krisensicherer und variabler“, meint er, zudem baut er sich dadurch ein Umfeld auf, in dem es ihm, der Familie und den Arbeitern Spaß macht ihre Tage zu verbringen. Die kategorische Trennung von Freizeit und Arbeit hält er übrigens für einen der Gründe, warum sich die Arbeitswelt und die Landwirtschaft im Speziellen in einer Krise befinden.

Keine Krise zu orten gibt es in der Plachen, einer Riede, die sanft in Richtung Neusiedlersee abfällt und auf Quarz, Schiefer & Gneis baut. Die Reben sind über 60 Jahre alt, locker und gesund und bilden die Basis für das Urwerk, seinen ungeschwefelten Blaufränkisch. Es ist der gegenwärtig letzte Versuch, das ganze Potenzial einer Rebsorte auszuloten, mit denen die Triebaumers in den letzten Jahrzehnten die österreichische Rotweinwelt verändert haben.

Oberer Wald und Mariental sind dann auch die nächsten Stationen, auf unsere Reise durch die Rieden. Getrennt lediglich von einem kleinen Weg stehen die beiden Lagen für zwei völlig unterschiedliche Weinstilistiken.

Den Grund vermutet er in unterschiedlichen Sonneneinstrahlungswinkeln, die den Trauben des Mariental mehr Intensität und Kraft mitgeben und dem Oberen Wald dagegen mit Eleganz, Geradlinigkeit und Kühle ausstatten (letzterer gehört sicher zu den idealsten Interpretationen von Blaufränkisch). Oder aber mit dem Alter der Rebstöcke. Der Obere Wald wurde 1947 bepflanzt, während die Reben seit durchschnittlich 35 Jahren im Mariental wurzeln. Der Rest ist da wie dort Kalk. Stetiger Wind pfeift durch die Rieden und über die Böden, die seit Jahren mit Begrünung und selbstproduziertem Kompost aufgebaut werden.

Der ökologische Kreis schließt sich in einem Weingarten unten in der Ebene, wo recht unspektakulär Welschriesling wächst. Zwischen den Reben blöken Schafe und fressen sich durch die paar wenigen grünen Gräser, die ihnen geblieben sind. An die relativ hoch gezogenen Trauben kommen sie nicht ran, haben aber doch ganz entscheidend mit ihnen zu tun. „Bevor es hier drinnen Schafe gab“, erzählt Herbert, „stiegen die Gradationen nie über 14 KMW (ca. 10% potenzieller Alk).“

Die Familie trug sich mit dem Gedanken die Stöcke auszureißen, beschloss dann aber stattdessen, Schafe reinzutreiben und zu schauen, ob dadurch Veränderungen eintreten würden. Die Resultate waren dramatisch: schon im ersten Jahr erhöhten sich die Gradation um ein Drittel auf 20 KMW (ca. 13% Alk.) ohne, dass dadurch Mengen eingebüßt wurden. Seit acht Jahren läuft das Spiel nun so und in der Zwischenzeit hat sich der Weingarten zu einem verlässlichen Lieferant exzellenter Trauben entwickelt. Warum das so ist, fällt auch Herbert schwer zu erklären.

Er führt es auf veränderte Energien im Boden zurück, ist sich aber bewusst, dass er damit schwer an esoterischem Gedankengut kratzt. Fakt ist, dass sich durch die fortwährende natürliche Düngung einiges getan hat – wobei sich die Schafe nebenbei noch als rigorose Stammputzer hervortun und nebenbei auch noch unter den Reben ordentlich aufräumen. Herbert dankt es ihnen, indem er möglichst wenig Kupfer spritzt und ihnen ein lebendiges und diverses Umfeld bietet. Wie überzeugt er von seinen tierischen Arbeitskollegen ist, zeigt die Tatsache, dass bereits 50 Schafe durch seine Weingärten streifen.

Dass sich all diese Maßnahmen letztlich auch auf die Qualität der Weine auswirken, liegt auf der Hand, wobei gerade der Erfolg des Blaufränkisch Marientals darauf verweist, dass der Zugang seit jeher vom Versuch geprägt war, respektvoll mit dem vorhandenen Material umzugehen. Die Gärung startet durch die Bank spontan, der Ausbau erfolgt größtenteils im Holz, ansonsten setzt man auf Entschleunigung und forciert stattdessen eine langsame und vitale Entwicklung. Die Weißweine werden größtenteils gefiltert, wobei man auch hier bisweilen auf die Zeit und natürliche Klärprozesse setzt (und auf eine Preisstruktur, die mehr als fair ist). Allen voran beim Sauvignon Blanc Urwerk, einem dichten, intensiven, griffigen Wein, der strukturiert und lebendig alle möglichen Aromen vereint, außer den klassisch grünen, die man sonst mit der Rebsorte assoziiert. Die Urwerk-Palette wird von einem Blaufränkisch ergänzt, der ungeschwefelt und ungefiltert, erstmal offen, lebendig und saftig ist, ehe sich dann sukzessive leicht reduktive, fleischige und würzige Aromen auf den Weg in Richtung Gaumen machen. Kantiger und kühler, doch von einem ähnlichen Aromaprofil gezeichnet ist der Obere Wald, der in all seiner schlichten Eleganz – wie schon erwähnt –  einen blaufränkischen Idealtypus verkörpert. Die Palette der Triebaumerischen Weine ist breit, doch lohnt es sich allemal, sich in langsamen Schritten sukzessive durch die ganze Bandbreite zu kosten.


1 7 8 9 10