Der Begriff der Ganzheitlichkeit ist ein wesentliches Konzept in der Gedankenwelt der Biodynamik. Nur wenige leben dieses Konzept in solcher Konsequenz wie Emilio Falcione auf seinem Gut La Busattina, hoch oben in den Hügeln der Maremma. Es ist ein karges Territorium, dass sich Emilio für sein landwirtschaftliches Projekt ausgesucht hat, doch auch eines, auf dem eine Umsetzung seiner Ideen perfekt möglich war. Als er die 25 Hektar 1990 erwarb, war der einstige landwirtschaftliche Betrieb längst verlassen, die Böden lagen brach, die Rebstöcke waren über die Jahre verwildert.

Ideales Terrain, um komplett neu anzufangen. Wein macht dabei nur knapp ein Fünftel der Fläche aus, der Rest ist mit Olivenbäumen und alten toskanischen Getreidesorten bepflanzt, auf der übrigen Fläche grast Vieh, ebenfalls alte Arten. Von Beginn kultivierte Emilio seine Flächen biologisch, getrieben von einem ethischen Prinzip, dass tief in die Vergangenheit blickt und tradiertes Wissen in die Gegenwart pflanzt. Eine der wesentlichsten Erkenntnisse war dabei die Gewissheit, dass auf einem Bauernhof alles mit allem in einer komplexen Beziehung steht, die perfekte Interdependenz allerdings auch völlige Autonomie ermöglicht. 1998 folgte die fast logische Umstellung auf Biodynamik.

Die Weingärten spielen in Emilios Konzept eine ganz wesentliche Rolle. Seinen Part sieht er dabei als Begleiter, aber doch eben als einer der lenkt, ohne dabei freilich allzu autoritär zu werden. Erzogen werden naheliegenderweise autochthone Sorten, die Sangiovese dominiert, allerdings im Kollektiv mit Ciliegiolo, dem Emilio eine der wenigen reinsortigen Interpretationen gönnt. Trebbiano, Malvasia und Ansonica decken das weiße Spektrum ab. Die klimatischen Voraussetzungen sind wild wie die Landschaft. Über die Hügelkuppen pfeift der Wind und bricht die Sonnenstrahlen, hier treffen mediterrane Wärme auf die Robustheit der Berge und heiße Tage auf frische Nächte.

Die Reifeperioden ziehen sich aufgrund der hochgelegenen Weingärten in die Länge und verleihen den Weinen eine kompakte Struktur, die Textur ist frisch und doch saftig. Es wird spontan vergoren, manuell untergetaucht (rot), mazeriert (weiß ein paar Tage, rot ein paar Wochen) und dann je nach Sorte im Stahl, Tonneaux oder Barriques (gebraucht) ausgebaut. Geschwefelt wird am Ende, gefiltert und geschönt wird schon seit einiger Zeit nicht mehr.

Bei all dem lässt sich Emilio Falcione Zeit, viel Zeit. Der jüngste seiner vier Weine ist die orange Cuvèe San Martino (2013) aus Trebbiano, Malvasia und Ansonica, die eine griffige Textur mit einem dichten Körper kombiniert und darin ein Aromaspektrum offeriert, das eigenartigerweise an gute Chenin Blancs von der Loire erinnert – Honig, Quitten und so weiter. Der Legnotorto, eine Cuvèe aus Sangiovese (85%) und Ciliegiolo (15%) stammt aus dem Jahr 2009 und setzt ohne wennundaber und trotz seines langen Ausbaus auf Frische und Lebendigkeit. Frucht frisch, Textur lebendig, Säure frisch, Abgang lebendig, total ok, und jeden Tag gerne.  Ein zweite Cuvèe mit identischer Rebsortenzusammensetzung hört auf den Namen TerreEteree und da ich vergessen habe zu fragen, verstehe ich die tiefere Bedeutung des Namens leider nicht. Fakt ist, dass es samtig und saftig zugeht und neben der roten Frucht vor allem auch Raum für florale und erdige Aromen da ist. Das Gleichgewicht passt, Säure und Gerbstoff sind bestens integriert in Textur und Körper – alles recht weich, sanft und fein.

Die Nummer vier in Emilios Sortiment ist eine Rarität, die es unbedingt öfter geben sollte. Der reinsortige Ciliegiolo verzichtet auf irgendwelche Fantasienamen und nennt sich selbstbewusst und deutlich CILIEGIOLO – Jahrgang 2008 bedeutet im Jahr 2015 ein gewisses Alter, das man dem Wein allerdings nicht anmerkt. Ciliegiolo ist eine jener großen Unbekannten im Rebsortensammelsurium Italiens, die es leider (oder nicht leider) nicht auf die Bühne der großen Weinwelt geschafft hat. Behauptet man, dass Ciliegiolo nach Kirschen schmeckt, verrät man nicht zuviel, schließlich bedeutet Ciliegia nichts anderes als Kirsche. Wobei Kirsche nicht gleich Kirsche ist – diejenige von La Busattina ist saftig, dunkelrot und süß (in einem positiven Sinne) und dabei nie auch nur eine Sekunde aufdringlich. Der Trinkfluss ist von der Zungenspitze bis in den Kehlkopfbereich (der Wein ist lang) tiptop, geradlinig und nie ausladend, zu den Fruchtaromen gesellt sich zudem eine feine kräuterige Note, die sich allerdings dezent unterordnet. Mangelnde Säure mag gelegentlich ein Problem darstellen, 2008 jedoch war ein kühles Jahr und folglich ideal für eine lebendige Textur. I like it a lot.

Einziger Nachteil für potenzielle Leser dieser Zeilen ist, dass la Busattina zurzeit weder in Germania noch in Austria erhältlich ist.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAPaolo Babini kam gemeinsam mit seiner Frau Katia Api vor 25 Jahren nach Valpiana, in die Hügel um Brisighella und erstand dort Land, wo die Romagna nur noch einen Steinwurf von der Toskana entfernt ist. 35 Hektar gingen in seinen Besitz über, knapp 7 davon sind mit Wein bepflanzt – manche waren es bereits als die beiden dort ankamen, andere setzte er neu und den Bedingungen entsprechend aus. Dabei überließ nichts dem Zufall und ließ erstmal eine Studie über Böden und Klima anfertigen und als alles soweit fertig war, wählte er zum einen mit Bedacht und zum anderen unbedacht und dafür mit Leidenschaft (Syrah, Riesling) aus.

Anders als bis dahin üblich bestockte er nicht die Ebene um Valpiana sondern die Hänge und so ziehen sich heute seine Weingärten von 250 Höhenmetern auf über 500 Meter hinauf. Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, liegen auf der Hand: eine Vielzahl an unterschiedlichen Mikroklimata sorgen auf einer Vielzahl unterschiedlicher Böden für völlig unterschiedliche Verhältnisse, die von einer Vielzahl unterschiedlicher Rebsorten zusätzlich verstärkt werden. Zudem hat er den Rebsorten angepasste Erziehungssysteme (Sangiovese im albarello, den Rest fast durchwegs im Guyot) und Pflanzdichten (3000-5000 beim Albana, erstaunliche 8000 beim Sangiovese). Kurz: Paolo hat ein immenses Repertoire an stilistischen Möglichkeiten und nutzt das auch entsprechend.

Und der Rest? Der Rest sei auch noch kurz erzählt: Paolo ist seit 1994 biologisch zertifiziert, seit 2002 biodynamisch. Sangiovese (Poggio di Tura) und Albana (Monte del Rè) geben den Ton an – beide sind ziemlich kraftvolle Vertreter ihrer Sorte, die nicht zu knapp Geduld einfordern. Sein Riesling ist für Mitteleuropäer eine Herausforderung und so ganz konnte ich mich mit den romagnolischen Interpretation bisher noch nicht anfreunden, der Syrah ist dunkel wie die Nacht über Valpiana, der Pinot kühl, elegant und straff und die Malbo zeigt aufs Neue, dass sie zu den Rebsorten gehört, die man aufgrund ihrer Konzentration, Kraft und Aromen nach Fleisch, Teer und dunklen Beeren unbedingt ausprobieren sollte.

Vigne dei Boschi ist Mitglied der Bioviticultori

DIE WEINE

Paolo Babini hat sich ein ganzes Sammelsurium an Rebsorten in seine Hänge über Valpiano gesetzt, darunter so schräge Sachen wie Riesling (16 Anime) und Pinot Noir (Nero Selva). Während erstere ein wenig irritierend wirkt – relativ breit, konturlos und erstaunlich kräuterig – macht sich der Pinot blendend: Kühl, fleischig und erdig gibt er sich als veritabler Rebsortenvertreten zu erkennen (für diejenigen, die das interessiert) und gleichzeitig den Stil vor, der sich durch Paolos Rotweine zieht. Der Longrè, ein reinsortiger Syrah ist fleischig & erd… und dazu noch mit einer Ladung Pfeffer und viel dunkler Frucht ausgerüstet und der Sette Pievi, ein Malbo Gentile, dem noch ein paar alte autochthone Sorten assistieren, ist fleischi…. und hat ausserdem Gerbstoff, dass es kracht, in petto.

Bleibt der Poggio Tura, ein Sangiovese, über den man genauer berichten sollte…

Sangiovese Poggio Tura:

Dichtung: Leder, Blut und Efeu – kein Titel eines Italo-Western, vielmehr die erste Wahrnehmung, die der Poggio Tura in der Nase auslöst. Bohnen mit Speck würden vermutlich bestens dazupassen. Allerdings auch Steaks und Wild. Kraftvoll, saftig und kompakt geht es am Gaumen weiter, die Gerbstoffe packen zu, die Frucht ist dunkel und der Pfeffer schwarz, der Körper ist gewichtig aber nie fett, der lebendigen Säure sei Dank. Erst 1999 bestockt, kann man sich schon mal ausmalen, was in dreißig Jahren aus dem Poggio Tura kommen wird (wobei man sich dabei natürlich selbst mitdenken muss, was weniger lustig ist).

Wahrheit: Sangiovese, „das Blut Jupiters“, macht in Paolo Babinis Poggio Tura seinem Namen alle Ehre. Die Aromen sind intensiv und komplex, der Grund dafür liegt vor allem in einem sehr speziellen Terroir und einer erstaunlichen Klonvielfalt. Babinis Weingärten befinden sich auf 500 Meter, direkt über der kleinen mittelalterlichen Stadt Brisighella. Dass Sangiovese in der Romagna eine ähnliche historische Bedeutung hat wie in der Toskana, beweisen die 15 verschiedenen Sangioveseklone, die allesamt in der Romagna beheimatet, dicht an dicht (8000 Reben am Hektar) im Vigna del Roccolo wurzeln. Erzogen wird im traditionellen albarello-romagnolo-System, einer Niedrigstockerziehung, die Erträge pro Stock liegen bei ca. 700 Gramm. Gelesen wird, der Höhe des Weingartens wegen, erst Anfang Oktober, die darauffolgende Gärung findet in Holzbottichen statt, der Ausbau erfolgt über weitere 28 Monate in gebrauchten Barriques.

… und der MonteRè:

Manche Rebsorten brauchen Jahrzehnte und Jahrhunderte bis sie ihre wahrhaftige Legitimation finden: die Albana gehört definitiv in diesen Zirkel. Zuerst war sie über Jahrhunderte der trockene Schankwein der Romagna, der tagtägliche Tischwein zu Tortellini, Salami und Porcini. Dann entdeckte man seine süßen Vorzüge, die sich reichlich überzogen in der Erhöhung der Sorte und Region im DOCG-Status niederschlug. Vor ein paar Jahren dann hatten ein paar findige und experimentelle Winzer der Romagna die Idee, die Albana erstmal ein paar Tage zu mazerieren, bevor sie sie abpressten und siehe da, kaum eine andere Sorte in Italien scheint sich so sehr für eine alternative, orange Version zu eignen wie die Albana. Die Traubenhäute sind im Allgemeinen dick und der Gerbstoff gibt in Kombination mit tiefer Frucht dichte und kraftvolle Weine, die man definitiv zu den besten in den Hügeln der Romagna zählen kann (und dort gibt es in der Zwischenzeit einiges zu entdecken).

Einer der besten Albana ist der MonteRè (die anderen sind der Rigogolo von Andrea Bragagni und der Arcaica von Paolo Francesconi). 5 Tage verbringt Paolos Albana-Most auf den Schalen und nach einer langsamen Gärung wandert er für 12 Monate in gebrauchte Barriques und danach noch für einige Zeit in Flaschen, wo man ihn auch möglichst über ein paar Jahr lassen sollte.

Welschriesling: Wenn schon ein frischer und im modernen Sinne klassischer Welschriesling, dann so einer (es gibt ja auch diejenigen, die versuchen, dem Wesen des Welschrieslings durch Maischegärung, langen Hefekontakt und Holzausbau auf die Spur zu kommen und das ganze Potenzial der Sorte aufzudecken – Judith Beck gehört dazu, genauso wie ein Mikroprojekt von Stefan Wellanschitz und Marinko Barisic (sehr empfehlenswert). HP Harrer hat andere Intentionen). Lebendig & leicht allerdings ohne Restzuckerkonzessionen an den Terrassenweintrinker. Ein Welschriesling mit der dezidierten Idee ein Sommerwein zu sein, doch einer, der animierend und geradlinig in Richtung Gaumen aufbricht und dort seine ganze Substanz und Vitalität preisgibt. Trocken, offen, saftig und präzis – wer danach sucht, findet vor allem Kräuter- und Apfelaromen. Spotan vergoren, Hefekontakt bis zur Füllung. Gemeinsam mit dem Rosè, der durch einen Filter läuft.

HP in der Langen Ohn

HP in der Langen Ohn

Roseefeld: Der Versuch, das eigene Idealbild eines Rosé in die Flasche zu bekommen, folglich: KEIN SAFTABZUG & KEIN RESTZUCKER, dafür spontane Vergärung früh gelesener und kurz mazerierter Pinot-Trauben. Feinheit & Filigranität geben die Richtung vor, florale Komponenten begleiten, die Struktur ist druckvoll, die Textur lebendig, der Abgang trocken und erfrischend. Mit Zeit und Luft finden sich zunehmend rote Beeren.

Riesling Seefeld: Wer noch einmal behauptet, dass gewisse Reben in gewissen Regionen nicht funktionieren, sollte erst probieren und dann urteilen. Pinot Noir in der Toskana. Concorì, Macea und Civettaja treten gleich im Trio den Beweis an. Steirischer Blaufränkisch. Karl Schnabel und Roland Tauss keltern die mitunter besten Beispiele der nördlichen Hemisphäre. Riesling im Burgenland … 40 Jahre alte Stöcke auf wenig Humus und viel Schotter am Seefeld liefern die Basis, gesunde Trauben, wilde Hefen und mehr Holz als Stahl den Rest. Kühle Kräuternoten geben sensorisch den Takt vor, doch ist es vor allem die Textur, die den Wein lenkt: stoffig, kompakt und mit ordentlich Gripp ebnet sie den Weg in Richtung Gaumen und Zukunft – denn Zeit und Geduld tun, wie so oft beim Riesling, gut, um den ganzen Facetten der Sorte auf die Spur zu kommen.

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OLD BUT GOLD

Riesling maischevergoren: Wenn schon, denn schon. Die maischevergorene Rieslingvariante ist 5-6 Wochen mit den Schalen in Kontakt und lotet aus, was in den Trauben steckt. Das Rebmaterial stammt wie schon beim klassischen Riesling vom Seefeld, ausgebaut wird es im Holz, geschwefelt wird gar nicht. Luft tut gut und hat der Riesling erstmal ausreichend davon, entwickeln sich Kräutertee und Orangenaromen, danach packt der Gerbstoff im Verbund mit der Säure zu. Bereichert jede Grillerei und passt perfekt zu fernöstlicher, arabischer und indischer Küche.

Chardonnay Weiße Lagen: 12 Stunden lang liegt der Chardonnaymost auf seiner Maische, ehe das, was nicht von selbst abgeflossen ist, händisch abgepresst wird. Danach verschwindet alles für ein Jahr und mehr ins gebrauchte Holzfass. Dort liegt der Wein auf der Feinhefe und entwickelt sukzessive eine Textur, die kompakt, straff und engmaschig wenig Platz für unnötiges Fett bietet. Aromatisch machen sich unaufdringlich und dezent rote Früchte, ein paar Nüsse und steinige Noten bemerkbar. Geschwefelt wird spät, gefiltert wird gar nicht, man hat es also mit einer jener Versionen, die Sorte und Terroir gerecht werden. 

Traminer Ried Froschau: GROSSER WEIN, der einmal mehr verdeutlicht, warum man beim Traminer zwingenden Maischekontakt in die Weingesetzgebung aufnehmen sollte. Ausgangspunkt für HPs Traminermonument ist die Riede Froschau, eine unspektakuläre Mulde, in der seit 90 Jahren Rebstöcke wurzeln – ich kenne in Österreich keine älteren Reben. Sie sorgen für ein Ausgangsmaterial, das kleinbeerig und konzentriert auf der Maische vergoren wird. Daraufhin wandert der Traminer ins gebrauchte Holzfass und wird ohne weitere Eingriffe (UNGESCHÖNT, UNGEFILTERT & UNGESCHWEFELT) vergoren und ein Jahr später gefüllt.

Im Keller

Im Keller

Rosen & Veilchen führen eine Brigade an Aromen an, die sich von reifen Pfirsichen bis zu getrockneten Orangenschalen zieht. Die Aromenvielfalt wird durch mächtigen Gerbstoff gepuffert, der Körper ist stoffig, die Textur saftig, das Potenzial groß.

Pinot Noir vom Kalk: Eine jene burgenländischen Pinot-Versionen, die man ganz leicht ins Burgund stecken könnte. Verantwortlich dafür sind die Kalkböden der Langen Ohn, einem Ausläufer des Leithagebirges. Die Rebstöcke sind alt und haben kleine und lockere Beeren. Vergoren wird wie immer spontan, ausgebaut wird in kleinen, gebrauchten Fässern und alles in allem ist das kühl, strukturiert, subtil und filigran und hat Charakter & Säure und ein Rückgrat, das ihn ruhig in die Zukunft schauen lässt.

Zweigelt Ried Seefeld: Gut 30 Jahre haben die Zweigeltstöcke im Seefeld auf dem Buckel und je älter sie werden desto spannender werden auch die Weine davon. Die Menge reguliert sich quasi von selbst, die Beeren sind konzentriert und auch die natürlichen Voraussetzungen spiegeln sich immer besser im Wein. Um die ganze Substanz aus den Trauben zu holen, liegen sie fünf Wochen auf der Maische und danach in gebrauchten Fässern. Die anfänglichen Kirschnoten weichen schnell dunklen Fruchtaromen, Pfeffer steuert seinen Teil bei, der Gerbstoff packt zu und lenkt den Wein fokussiert in Richtung Gaumen.

Blaufränkisch vom Kalk: Nomen est Omen. Nach ein paar Zentimetern Humus schimmert es weiß und je weiter man in die Tiefe vorstößt desto reiner wird es. Purer Kalk gibt also die Struktur vor, daneben prägt das kühle Mikroklima des oberen Teils der Langen Ohn. Addiert ergeben diese Faktoren eine geradlinige, fokussierte und gebündelte Textur, in die sich steinige und würzige Aromen mischen und eine fruchtige Saftigkeit, die den Wein ein gutes Stück über den Gaumen begleitet. Ausgebaut wird in gebrauchten Holzfässern, wobei HP den Weinen stets die Zeit gibt, die sie brauchen. Die Zeit im Fass läuft ohne jegliche Eingriffe ab, der Hefekontakt schützt vor Oxidation und sorgt dafür für zusätzlich Textur und Aromen.

Blaufränkisch Lange Ohn: Blaufränkisch präzis und ungeschminkt. Die Lange Ohn liefert das Fundament, der Rest sind kleine und gesunde Beeren und ein bisschen Winzerhandschrift – biodynamische Bewirtschaftung, rechtzeitige Lese, spontane Gärung, nicht zu langer Maischekontakt, gebrauchte Holzfässer, Ausbau auf der Hefe, keine Eingriffe, minimale Schwefelung. Klingt total langweilig und unspektaklär – machen halt die wenigsten so. In Summe ergibt das würzige Aromen und ein wenig rote Frucht, die sich in eine dynamische und lebhafte Textur betten. Der Körper ist kompakt und nie ausladend, die Säure lebendig und das Tannin animierend. Auch das klingt verhältnismäßig unspektakulär. Fakt ist, dass der Blaufränkisch von der Langen Ohn definitiv zu Österreichs Top 10 Roten zählt. Warten macht selten Spaß, doch lohnt es sich manchmal.

Leskorner: Der Name zollt den Leuten Tribut, die einst nach der Lese durch die Weingärten zogen, die letzten Trauben von den Reben pickten und daraus ihren Haustrunk herstellten. Die Leute sind verschwunden, die Idee ist geblieben. Und daraus wird ein Wein gekeltert, der in dieser Form ziemlich einzigartig sein dürfte. Extrem reifer Riesling wird eingestampft, der abfließende Most spontan vergoren und zwar möglichst so lange bis er trocken ist. Das Resultat ist eine burgenländische Variante des Manzanillo, salzig & mandelig, aber eben auch geprägt von Marillenaromen und getragen von einer intensiven Säure und nicht zu knapp Alkohol. Macht sich bestens als Aperitif und ist ein Kracher zu Innereien aller Art.

La Possas Weine bei einer Verkostung von Triple A im Castello di Lispida

La Possas Weine bei einer Verkostung von Triple A im Castello di Lispida

Heydi Samuele Bonanini liebt sein Land. Ohne jeden stumpfen Chauvinismus. Heydi ist jung und doch scheint es so, als würde er in seinen Erinnerungen in eine weit vergangen Zeit zurückblicken. Eine Zeit, in der die Bewohner seines Dorfes noch in die Steilhänge der Cinque Terre aufbrachen, um dort alte, fast vergessene Rebsorten zu pflegen, ihre Trauben in der Luft zu trocknen und daraus Sciacchetrà zu keltern. Die Gegenwart sieht anders aus. Längst hält der Massentourismus die Cinque Terre in seinem Würgegriff und bietet den meisten Dorfbewohnern alternative Möglichkeiten, ihr Leben zu gestalten.

Heydis Entscheidung ein Weingut zu gründen und alte Weingärten zu rekultivieren, konterte dem gegenwärtigen Trend, doch war sie, hört man ihm genauer zu, naheliegend und konsequent. Wein steht dabei im Mittelpunkt, doch wäre es viel zu kurz gegriffen, lediglich ein paar Worte über ein paar neue Weingärten zu verlieren. La Possa – der Name ist eine Referenz an das Possaitara, ein zum Meer hin abfallende Tal, in dem seine Rebflächen stehen – ist vor allem auch eine Hommage an die Vergangenheit der Cinque Terre und an die Personen, die an ihr beteiligt waren. Es ist eine Kulturleistung, ein Weckruf, ein Versuch, einer einst großen Weinbauregion wieder Leben einzuhauchen.

Man kann sich kaum spektakulärere Weingärten als diejenigen der Cinque Terre vorstellen: oben der Himmel, unten das Meer und dazwischen Klippen und Hänge, in denen sich – extrem dicht gepflanzt – abertausende Rebstöcke wiederfinden. Teils ist es überwuchertes, uraltes Rebmaterial, teils sind es aber auch in mühseliger Handarbeit freigelegte Mikroflächen, in denen Heydi wirtschaftet. Canaiolo ist dabei noch seine bekannteste Sorte. Gemeinsam mit der großartigen Bonamico (klingt nicht nur besser als Zweigelt) keltert er daraus den U Neigru, einen saftigen, erdigen & kräuterigen Rotwein, in dem sich am Gaumen erstmals das manifestiert, was seine Weine absolut einzigartig macht: Salz. Viel Salz.

Das Meer hinterlässt allerdings nicht nur im Rotwein seine Spuren, noch ausgeprägter findet es sich im Sciacchetrà, einem Süßwein aus im Wind und in der Sonne getrockneten Boscotrauben (ebenfalls eine alte autochthone Sorte), das fast alles, was es an Süßwein gibt in tiefsten Schatten stellt. Jenseits klassischer Trockenfruchtaromen macht sich aufs Neue das Meer im Mund breit und zwar für Minuten und Stunden – sollte man je in die Verlegenheit kommen einem Wein irgendein Punktemaximum geben zu müssen, der Sciacchetrà von La Possa würde sich anbieten.

Die Bewirtschaftung ist – das sei kurz noch erwähnt – biologisch und zertifiziert. Die Lese wird, aufgrund der Steilheit und Unwegsamkeit, teils mit einer Art Zahnradbahn abtransportiert. Früher, und das ist auch das finale Ziel Heydis – wurde sie in Boote und mit ihnen über das Meer in den Keller gebracht.

Die erste Lese fand 2004 statt und ergab exakt 450 Flaschen Weißwein und 65 Flaschen Sciacchetrà. Seither hat sich ein einiges getan, wobei das Terrain, trotz der dichten Bestockung (8000 Reben/ha) nur minimale Erträge zulässt. Hinzu kommt der durch das Trocknen der Trauben entstehende Saftverlust beim Sciacchetrà (2013: 425 Flaschen) und bei seinem zweiten Süßwein, dem nicht minder spektakulären, stockdunklen Rinascita, ebenfalls eine Cuvèe aus Bonamico und Canaiolo, die nach der Gärung noch 31 Tage auf der Maische liegt und alles, was sich noch an Gerbstoff, Säure und Aromen in den Schalen befindet in den Wein bündelt. Und das ist soviel, dass man am besten schweigt und genießt – oder sich darüber Gedanken macht, wie man schnellstmöglich an ein paar der insgesamt 356 produzierten Flaschen kommt (in Ö, CH und D gibt es nichts davon).

Ausgebaut wird die süße wie auch die trockene Canaiolo/Bonamico-Version im Holzfass, wobei bei der trockenen Version (U Neigru) neben Eiche auch noch Kastanie ins Spiel kommt. Vergoren wird alles spontan und abgesehen von einer Schwefelung am Ende, geschieht nicht allzu viel. Wer zu den 2 Millionen Touristen gehört, die alljährlich die Cinque Terre terrorisieren, sollte unbedingt die Gelegenheit nutzen und sich ein paar Flaschen mit nach Hause nehmen.

fabbrica di san martino 2Die Vermentinoparzellen von Giuseppe Ferrua sind biodynamisch bewirtschaftet und erstrecken sich vom Anwesen (wer in der Nähe von Lucca eine Unterkunft sucht, sollte unbedingt in der Fabbrica absteigen) bis hinunter an die Waldgrenze. Giuseppes Rebzeilen sind isoliert (weit und breit nur Wald und Oliven) und schauen direkt in die Sonne. Das – könnte man befürchten – hat keinen negativen Einfluss auf die Struktur des Weines: der Weingarten liegt relativ hoch und ist nebenbei bestens durchlüftet von Winden, die den Apennin runterpfeifen. Zwar findet sich der Vermentino in sandigem Untergrund, doch wurzeln die alten Stöcke tief und haben folglich kein Problem, Wasser und Nährstoffe aufzunehmen. Insgesamt resultiert das in einem Wein, der unaufgeregt und ruhig, Substanz und Tiefe mit Saftigkeit und einer cremigen Textur verbindet. Der Alkohol ist generell gemäßigt – auch bei seinen anderen Weinen. Gelbe Fruchtnoten und Kräuternoten komplettieren das Bild.

Ps: weitere zwei bis drei Jahre im Keller schaden nicht; dann sollte man langsam daran denken, den Bianco auch zu trinken.