Unter dem Himmel hängt eine tiefe Wolke. Theodora ist das egal. Mir auch. Ich habe gute Gesellschaft und die kompensiert potenzielle Wolkenbrüche. Theodora ist das jüngste Mitglied in Eduard Tscheppes und Stephanie Eselböcks fiktiver Familie, wobei sie das nicht gerne hört. Jugendlichkeit wird zu oft als oberflächliche Fassade abgetan, für das was noch kommen mag. Sie insistiert völlig zu Recht auf einer charakterlichen Tiefe, die in ihrem Alter ganz sicher nicht viele derart selbstbewusst vertreten, gewinnt danach aber schnell wieder ihre Unbeschwertheit zurück. Eduard Tscheppe, ihr spiritus rector, diagnostiziert rebellische Momente, was er aber gleichzeitig auch sympathisch findet und ihrer Lebenslust zuschreibt. Theodora wurde als Welschriesling geboren, in den Händen von Eduard und Stephanie allerdings sukzessive zu einer eigenständigen Persönlichkeit geformt.

Gut Oggau„Die Gegend um den Neusiedlersee definierte sich eigentlich nie über Lagen“, erzählt Eduard  auf dem Weg in den Keller. „Zwar gab es gute und weniger gute Weingärten, doch letztlich zählte einfach der Ort.“ In ihrem Fall ist das Oggau, eine kleine Gemeinde am Westrand des Sees, in dem schon die Römer Reben pflanzten. Die Freiheit sich nicht über Lagen definieren zu müssen, nutzten die beiden zu einem der originellsten und gleichzeitig intelligentesten Konzepte im gegenwärtigen österreichischen Weinbau.

Sie personifizierten ihre Weine. Verliehen ihnen erste Attribute, zu denen sich im Laufe der Jahre – Weine verändern sich – immer wieder neue dazuaddierten. Gaben ihren Schöpfungen Namen. Keine aus der Luft gegriffenen, sondern Namen, die in unterschiedlicher Weise mit dem Hof verbunden waren.

Stephanie und Eduard erwarben das Gut Oggau, dessen Mauern teils bis in das 17. Jahrhundert zurückverweisen, im Jahr 2007, von Mechthild Wimmer, einer heute 90-jährigen Frau („Dame“ – meint Eduard) und mit ihm Gerätschaften, Weingärten, alte Rebstöcke, eine noch ältere Baumpresse, Regale, Schubladen…. In einigen dieser Schubladen stießen sie auf Dokumente und Zettel, Rechnungen und Belege; darauf standen Namen von einstigen Käufern, Verwandten, Lieferanten  und Arbeitern, die sich heute auf den Etiketten der 11 Weine wiederfinden, die am Gut Oggau gekeltert werden.

Eigenwillige und längst vergessene Namen – Winifred oder Emmeram, Joschuari oder Athansius – wurden wieder zum Leben erweckt und auch wenn man über die ursprünglichen Geschichte der Personen meist nichts mehr weiß, erzählen doch zumindest die Weine neue Geschichten.  Winifred zum Beispiel ist laut Eduard „brav, charmant und umgänglich und dabei doch auch vielschichtig und individuell (wohin das letztlich führt, kann man sich denken). Sie ist anregend, unschuldig und jugendlich und die Schwester von Theodora.

Und sie ist doch offensichtlich ein Rosé. Mehr erfährt man nicht. Am Etikett findet sich genauso wenig ein Verweis auf die Rebsorte oder Lage, wie auf der Webseite. Und im Grunde braucht es auch nicht mehr. Ob man es nun mit St. Laurent, Blaufränkisch, Zweigelt oder Pinot Noir zu tun hat, ist in Eduards Konzeption nur bedingt interessant. Was zählt sind Charakter, Individualität, Temperament und Persönlichkeit.

Um diese entsprechend entwickeln zu können, werden ihre Weingärten biodynamisch (Demeter) kultiviert. Denn jenseits jeglicher Handschrift ist es vor allem der Boden, der zählt und der voll zum Ausdruck kommen soll. Egal ob die Stöcke in Oggau oder in Purbach wurzeln, wo man ebenfalls zwei Hektar bewirtschaftet. Die Erträge sind generell gering und naturgemäß in den ältesten Weingärten am tiefsten. Zwischen den Zeilen forciert man das Leben und die Biodiversität, begrünt beständig und was dann wächst, das wächst im Allgemeinen gut. 37 Parzellen, deren Böden, Klima und Expositionen trotz der Kleinräumigkeit der Gegend oft extrem unterschiedlich sind, liefern das Fundament für die Entwicklung eigenständiger Charaktere. Neben den jungen Weingärten und den kühlen Randlagen, aus denen neben Theodora und Winifred auch Athanasius (rot: offen, herzlich – allerdings mit ein paar Geheimnissen: u.a. demjenigen, dass er in einer fernen Zukunft ein Weltstar werden möchte) stammt, gibt es auch ein paar ältere, in denen die Elterngeneration der drei wurzeln. Athanasius beispielsweise ist laut Stammbaum der Sohn von Wiltrude und Joschuari. Letzterer vereint gleich acht Parzellen in sich – allesamt Hügellagen, inklusive mancher im Purbacher Kalk – was ihn zu einem komplexen, charismatischen Charakter macht, der seine Ecken und Kanten hat.

Trotzdem sympathisch, finde ich. Am besten habe ich mich allerdings mit Timotheus verstanden. Der ist zwar einen Tick weicher als sein Bruder (und im Gegensatz zu ihm weiß), dafür hat er eine Energie, die animiert und eine intensive Beschäftigung mit ihm unumgänglich macht. Eduard meint, dass er zudem einen mächtigen Charakter hat und mit beiden Beinen voll im Leben steht. Das Brüdertrio komplett macht Emmeram, ein 43 jähriger weltmännischer Dandy und Don Juan (ausnahmsweise sei hier kurz verraten, dass es sich bei ihm um einen Traminer handelt), der sich gerne ein wenig exotisch gibt, wobei er dann doch auch immer wieder vom Gaspedal steigt und lieber von Oggau aus den Kosmopoliten gibt. Bei Josephine würde er damit eher nicht punkten. Dass sie mollig sei, gründet eher auf der selbstkritischen Strenge des Winzers als auf Tatsachen. Fleischig und stoffig ist sie mit Sicherheit aber dann doch auch muskulös und kräftig.

Kein schwarzes Schaf dabei! Im Großen und Ganzen können Mechthild und Bertholdi, die beiden Oberhäupter mit ihrem Clan also absolut zufrieden sein. Wenn sie natürlich auch nicht immer einfach sind, die Enkel immer älter werden und immer größere Ansprüche stellen und sich bei den anderen jahrgangsbedingt immer wieder leichte Stimmungsschwankungen auftun. Für Nachkommen ist jedenfalls gesorgt, am Thron gerüttelt wird allerdings noch nicht.

Bertholdi gibt sich diesbezüglich ohnehin gelassen. Er kennt, laut Eduard, alle Tricks,  hat noch immer Esprit und Energie für drei, ist dabei aber gutmütig und sanft. Und sollte es dann doch mal an der Zeit sein, ein Machtwort zu sprechen überlässt er das Mechthild (eine Hommage an die „Dame“), die durchaus resolut und polarisierend sein kann. Das mag seinen Grund darin haben, dass sie mitsamt ihrer Kämme in 500 Liter Fässern über 2 Jahre auf der Vollhefe zu liegen hat. Gefiltert wird sie nicht, geschönt ebenfalls nicht (das hat sie auch trotz ihres Alters beim besten Willen nicht nötig) und das bisschen Schwefel tut nichts zur Sache. Ihre Kinder und Kindeskinder erfahren übrigens eine ganz ähnliche Behandlung.

Insgesamt würde man sich wünschen öfter mit einer so selbstbewussten und heterogenen Familie Bekanntschaft zu schließen.

Ps und nur zur Info: das Essen im Heurigen ist ebenfalls unglaublich gut (das wundert nicht wirklich, ist aber trotzdem die Erwähnung wert).

pps: nähere Beschreibungen zu Timotheus & Co. gibt es demnächst