Gsellmann 1
Gsellmann 2

„Für diese beiden Weine hätte ich beinahe eigene Etiketten entworfen“, erzählt Andreas, der Sohn in der Genealogie des Weingut Gsellmanns. „Ach geh“, erwidert Hans, der Vater, „wir hatten eine laute Diskussion.“ Die Weine, die beinahe zum Etiketten-Schisma geführt hätte, waren zwei Blaufränkisch vom Rosenberg und vom Spiegel.  Andreas Gsellmann wollte sie unbedingt und ungefiltert und ungeschwefelt in die Flasche entlassen, Hans Gsellmann wollte das nicht unbedingt. Der Wille zum Experiment war letztlich größer als der ihn zu verhindern und so hat man heute glücklicherweise die Möglichkeit, diese Experimente zu kosten. In leicht modifizierter Form (10mg Schwefel vor der Füllung) stellen die beiden Weine den Zenit im persönlichen Qualititätsranking der Gsellmannschen Weinproduktion dar. Übrigens nicht nur in meinem: Vater Hans sieht die Sache ziemlich ähnlich und kann zu Recht mindestens so stolz auf seine sensorische Toleranz sein wie Andreas auf seine Kompromisslosigkeit. Dieses Ping-Pong an Meinungen dürfte sich übrigens seit Jahren so dahinziehen, ohne dass es dem Verhältnis der beiden sichtbar geschadet hätte. Die Freude mit der Hans seinen maischevergorenen Traminer im Glas schwenkt, spricht auch ohne Worte Bände.

 Zehn Jahre ist es her seit Andreas in das Weingut eingestiegen ist und ihm sukzessive und mit dem Sanctus seiner Eltern seine Philosophie übergestülpt hat. Das Auslandspraktikum beim Grafen Neipperg im Bordeaux dürfte dazu eher wenig beigetragen haben, die Aufbruchsstimmung in Gols dagegen einiges mehr. 2006 kann man durchaus als Zäsur im Weinverständnis der einst dezidierten Rotweingemeinde betrachten. Innerhalb der Pannobile-Fraktion, der auch die Gsellmanns angehören, ging es damals um eine Definition, wie eine zukünftige Entwicklung aussehen sollte und die Brüche konnten – auch wenn sie leise von statten gingen – kaum radikaler sein.

Kurz zusammengefasst war es drei – allerdings prägnante – Schritte, die man ging: so beschloss man, die Pannobile Weine nur noch mit autochthonen Sorten zu keltern, den Schwerpunkt  also von den damals omnipräsenten Sorten Cabernet & Merlot hin zu St. Laurent, Zweigelt und in immer größerem Maße Blaufränkisch zu verlagern. Indem man den Blick auch über die Golser Ortsgrenzen und in Richtung Leithagebirge lenkte, setzte auch eine zunehmende Beschäftigung mit weißen Rebsorten ein, die reziprok wiederum Gols erfasste und zu völlig neuen und immens spannenden Interpretation führte (Schuld daran trägt sicher auch die obsessive Arbeit von Moritz Herzog, der mit dem Import der umwerfenden Weine von Matassa zeigte, wohin die Reise gehen könnte). Der dritte und vermutlich wichtigste Aspekt war jedoch ein kollektiv besuchtes Seminar von Andrew Lorant, der die Gruppe und auch die Gsellmanns akribisch in die Welten des biodynamischen Weinbaus einführte.

Weitere Schritte waren zumeist individuell, doch kann man auch hier diverse gemeinsame Nenner ausmachen, die man auch auf die Weine der beiden Gsellmänner übertragen kann. Das neue und vor allem kleine Holz wurde zunehmend reduziert, die Kulturhefen wurden zugunsten kulturell wertvollerer wilder Hefen aus dem Keller verbannt, die Schwefelmengen wurden reduziert – vor allem wurde jedoch die Weingartenarbeit Prinzipien unterworfen, die sich letztlich in der Gründung der respekt-Truppe niederschlug.

Der gehören auch Andreas & Hans an. Die Idee immer herkunftsspezifischer zu arbeiten, ein Abbild der Lage bzw. der Jahrgangsspezifika  ins Glas zu kriegen, ist dabei erklärtes Ziel und  das merkt man auch, wenn man sich durch die Weine trinkt. Der weiße Pannobile 2012 (ein Weissburgunder) ist beispielsweise weich und rund, üppig, reif und kraftvoll, was angesichts von sommerlichen Temperaturen bis zu 40°C und einem langen, warmen Herbst nicht ganz unlogisch ist. Gebändigt wird die Mächtigkeit durch die verhältnismäßig kühlen Bedingungen am Goldberg und seine schottrige, leicht kalkige Grundkonstellation. Der Dichte wird folglich mit Struktur gekontert – noch besser gelingt das beim Chardonnay Exempel, der nach 14 tägigem Kontakt mit seinen Schalen zwar fürchterlich hell im Glas daherkommt (shiiit, ein gelber Oräntschwein, wat nu?), sich dafür in Sachen Spannung und Druck am Gaumen nicht zurückhält. Ausgangspunkt für den Chardonnay ist abermals der Goldberg, den der Zwisckelacker oben auf der Parndorfer Platte zusätzlich um ein paar kühle Noten ergänzt. Im weißen petto befindet sich dann auch noch ein wirklich oranger Traminer, der das kleine aber feine Repertoire an großen maischevergorenen Traminern auf ein Trio erweitert (Gernot Heinrich & Roland Tauss sind die Autoren der anderen beiden, die mir einfallen, aber vermutlich gibt es eh noch mehr). 14 Tage auf der Maische haben der Rebsorte ihre intensive Aromatik zwar nicht ausgetrieben allerdings haben sie ihre Nuancen verschoben.  Tee, Orangen & Kräuter statt Litschis & Rosen – but who cares. Wichtiger ist, dass der notorischen Laschheit des Traminers (Ausnahmen finden sich dort, wo es wirklich kühl oder hoch wird) durch eine Strukturgerüst Form mit auf den Weg mitgegeben wird.

Bezüglich ihres Rebsortenspiegels sind die beiden Gsellmänner ausgesprochen demokratisch – zwar liegt die Quote noch immer bei einem Anteil von 60% Rotwein, doch das ist in einer roten Gemeinde wie Gols eher ungewöhnlich. Noch paritätischer ging es kurzfristig beim roten Pannobile zu, wo sich noch 2011  Zweigelt und Blaufränkisch die Waage hielten und eine Koalition eingingen, von der man auf anderen Bühnen nur träumen kann. Frucht wurde diskussionslos von Pfeffer ergänzt, Straffheit mit Konzentration gepolstert, der Rest war kollektive Saftigkeit und Vitalität, die mein Bild vom Jahr 2011 ziemlich auf den Kopf stellte (das passierte im Laufe des Giro del Burgenland noch ein paar Mal). Vergoren wird der Pannobile spontan in Holzgärständern, gelagert in gebrauchten 500 Litern Fässern, die Trauben dafür stammen von einem Sammelsurium an Lagen, die man nicht selten mit den Top-Weinen der Gegend gleichsetzt: Salzberg & Gabarinza lieferten Zweigelt, Ungerberg & Goldberg steuerten Blaufränkisch (2012 hat der Blaufränkisch den demokratischen Konsens gebrochen und die absolute Mehrheit in der Cuvèe übernommen) bei.

Mit Blaufränkisch schließt sich auch der Kreis (der biodynamische Kreis ist in der Zwischenzeit ebenfalls rund, rennen doch mittlerweile auch Hühner und Schweine am Hof herum). Rosenberg und Spiegel sind dabei zwei Versionen, die zeigen, wohin die Reise geht. Laute Diskussionen darüber dürften sich erübrigt haben: denn beiden wohnt eine Offenheit, Klarheit, Kompaktheit, Intensität und Lebendigkeit inne, die man momentan zwar immer öfter im Burgenland findet aber immer wieder gerne.