OBEN: Über den Purbacher Teil des Leithagebirges bläst frischer Wind, während die Sonne den Boden wärmt und Birgit Braunstein ein paar unnötige Blätter von den Weinstöcken zupft. Hier oben herrscht eine gewisse Idylle, die sich noch verstärkt, wenn man den Blick über den See schweifen lässt und vermutlich irgendwo in der Ferne Ungarn sieht. Der See dominiert das Burgenland, den Wein, die Kultur, die Aussicht.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADoch sind dem See auch Kontrapunkte entgegengesetzt und einer davon ist das Leithagebirge, das den westlichen Teil des Burgenlandes prägt und den dort angebauten Weinen eine ganz andere Stilistik verleiht, als denen vom gegenüberliegenden Ufer, den Weinen aus Gols, Frauenkirchen oder Illmitz. Mehrere Schlagworte dienen dazu die Unterschiede zu verdeutlichen: Kalk ist das erste und nicht nur ein bisschen davon, sondern immense Schichten an Kalk, 20 Meter und tiefer, soviel das selbst das Burgund ein wenig eifersüchtig werden könnte. Die französische Vorzeigeregion in Sachen Eleganz könnte wiederum als zweites Schlagwort dienen: denn blickt man vom Leithagebirge hinunter nach Purbach tauchen gewisse Reminiszenzen an die Topografie des Burgund auf. Unter der Bundesstraße gibt es erste gefällige Anpflanzungen (Purbach basic; Bourgogne aoc); darüber ziehen sich dann erste, dezent geneigte Rebhänge den Hügel hoch (Purbacher Dorflagen; Bourgogne village) ehe sich dann in immer steiler ansteigenden Weingärten die Essenzen (Premier Cru) und Quintessenzen (Grand Cru) Purbachs befinden. Das endet in unserem Fall auf 320 Meter (St. Laurent, Premier Cru, würde ich sagen) womit wir bei Punkt drei im Schlagwortverzeichnis wären: die Höhe. 200 Meter hoch über dem See herrscht hier oben ein anderes Mikroklima als unten im Dorf oder etwa auf halber Höhe. Das ergibt fast zwangsläufig die Möglichkeit auf ein und demselben Hügel durchaus unterschiedliche Weine zu keltern (in bester burgundischer Tradition hat Birgit Braunstein zum Beispiel insgesamt 5 verschiedene Blaufränkisch). Diesen naturgegebenen Kriterien (Kalk, Topografie, Höhe, Klima) kann man als wesentlichsten Punkt dann auch noch die Winzerin selbst hinzufügen. Birgit Braunstein weiß, was sie tut, jeder Schritt ist bewusst gesetzt, wobei auch experimentelle  und mutige Schritte dabei sind. Stillstand bedeutet auch im Weinbau selten Gutes und so wurden in den letzten 10-15 Jahren eminente Entscheidungen gefällt. So stieg sie vor knapp einem Jahrzehnt auf biologischen Weinbau um und das sieht man den Weingärten an.

Am Goldberg, dort wo Birgits Zweigeltstöcke wurzeln, liegen riesige Komposthaufen aus Pferdemist (den Kuhmistkompost am Ortsrand musste sie aufgrund eines Gemeindebeschlusses aufgeben), die der Vitalisierung des Weingartenbodens dienen. Auf dem gedeihen hüfthoch eine Vielzahl diverser Pflanzen, die, zwar bewusst gesetzt, einer Wildnis gleichen und dem Schlagwort Biodiversität sofort Nachdruck verleihen. Einem jungen Weingarten (dem schönsten, den ich seit langem gesehen habe), der die Basis für den klassischen Zweigelt bildet, steht ein älterer zur Seite, dessen 60 jährige Trauben zum Zweigelt Goldberg verarbeitet werden.

Beim Weg hinunter ins Dorf kommt Birgit nochmals auf das Burgund zu sprechen, ohne es freilich zu erwähnen. Doch genau wie dort galt im Hügelland des Neusiedlersees das napoleonische Erbrecht, was in der Absicht egalitär zu wirken, zu einer völligen Zersplitterung der Rebflächen führte. 67 Parzellen auf 22 Hektar nennt Birgit ihr Eigen (ihr Mann Martin Pasler hat weitere 15 Hektar, doch davon ein andermal) und die sind neben Blaufränkisch, Zweigelt, St. Laurent auch noch mit Pinot, ein wenig Cabernet und Merlot bestockt. Und unter in der Ebene, passieren wir auch zwei Weingärten mit weißen Trauben, Chardonnay und Weißburgunder, Rebsorten, die bereits im 12. Jahrhundert von Zisterziensern ausgepflanzt wurden – die wiederum waren damals auch der tonangebende Orden im Burgund.

UNTEN: Purbach ist alt und schön, nicht ganz so bekannt wie Rust und weniger laut als Mörbisch. Wir nähern uns Birgit Braunsteins Hof von der Rückseite, der alten Scheunenstraße, deren Fassade bis heute erhalten blieb. In Birgits Scheune ist heute der Rotweinkeller und der ist größer als man im ersten Moment vermutet. Hier stehen Holzgärständer (für die Einzellagen) neben haufenweise Barriquefässern, 500 Liter Fässern und auch ein paar großen Stahltanks, in denen die Basisweine vergoren werden. Die Arbeit läuft, soweit das möglich ist, von oben nach unten ab, die Schwerkraft soll helfen, die Pumpeinsätze zu minimieren. Vergoren wird, ebenfalls wenn möglich – und das ist fast immer der Fall – spontan und was danach passiert, hängt von den jeweiligen Weinen ab.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADer Grundstil zielt auf Filigranität und Finesse, Präzision und Klarheit, die Wege dorthin können allerdings unterschiedlich sein, wobei die wetterbedingten Vorgaben stets eine Rolle spielen. So wird beizeiten die Hefe aufgerührt (2010) andere Mal nicht (2011), die Maischestandzeiten reichen von ein paar Tagen bis zu 5 Monaten (der Blaufränkisch Wedding, Experiment und Rarität zugleich), neues Holz (wenig) wechselt mit alten Fässern usw. Grundsätzlich lässt sich allerdings sagen, dass die Eingriffe sich in Grenzen halten und vor allem den Stil betreffen. Physikalische Verfahren kommen gar nicht, chemische Mittel nur in Form von sehr dezenten Schwefelungen zum Einsatz.

Und dann gibt es auch noch zwei Amphorenweine, deren Gefäße im Innenhof verbuddelt sind und deren Inhalt – einerseits Chardonnay andererseits Blaufränkisch – nicht einmal SO₂ abbekommt. Die Amphoren, so sieht es BB, sind ein weiterer Schritt  zu noch mehr Authentizität und Terroirrepräsentanz in ihren Weinen. Hier wird nicht mal mehr gepumpt, die Weine werden mit Eimern befüllt und mit Eimern geleert. Das Resultat zeitigte bereits im ersten Jahr extrem präzise, konturierte und elegante Weine – zudem meint Birgit, dass sie bei der Produktion der Amphorenweine „so viel über Wein gelernt habe wie nie zuvor.“ Die Amphoren stammen übrigens überraschendweise weder aus Georgien noch Spanien, sondern aus der Toskana und fassen 300 Liter, die Idee holte sie sich bei Ausflügen nach Kroatien (Kabola) und Italien (Radikon). Ganz egal, ob die Amphoren bei uns in Österreich Tradition haben oder nicht Birgit Braunstein zeigt, dass es jedenfalls Sinn macht, sie zu verwenden und ihre Eigentümlichkeiten verstehen zu lernen.