Manchmal drängt die Zeit (weil man zu lange mit anderen Winzern herumgehockt ist). Dann ist es gelegentlich das Beste direkt in den Keller aufzubrechen (vor allem dann, wenn das Wetter elend ist und der Winzer Lust hat – im Grunde mutet man ihnen schon einiges zu). Internationale Gäste mögen sich diesbezüglich etwas zieren, haben doch österreichische Keller generell nicht die beste Reputation aber letztlich ist natürlich alles eine Frage der Keller. Einer der empfehlenswertesten (und nicht nur deshalb, weil er ebenerdig ist) steht in Illmitz und gehört Christian Tschida.

OLYMPUS DIGITAL CAMERASchon der Weg dahin macht Spaß und lässt einen das Sauwetter kurz verdrängen. Am Fuß einer Treppe steht ein Griller, der hinauf auf eine Terrasse führt, wo 60 Leute feiern können (man kann sie mieten) und das im Sommer auch tun. Zukünftige Projektionen (Sommer, Terrasse, Domkapitel) werden dann hinter der Kellertür konsequent weitergedacht: wie zum Beispiel wird sich die Cuvée aus Muskateller, Muskat Ottonel und Scheurebe (ein Rebsorten-Trio, das einem bei anderen Winzern schon mal den Schweiß auf die Stirn treiben kann) weiterentwickeln? Muss sie sich überhaupt noch entwickeln? Wäre es nicht einfach das Beste in das Fass zu springen und mit offenem Mund einfach durchzutauchen. Man würde dabei definitiv einige Trauben zu schlucken bekommen, liegt der Wein doch noch immer auf der Maische (im dritten Monat); aber abgesehen davon würde es ein vitalisierendes Bad werden, straff und mit einer lebendigen Säure, saftig und doch federleicht. Zivilisatorische Hemmnisse halten einen dann doch davon ab, stattdessen erzählt Christian über seine Methoden drinnen im Keller und draußen im Garten: der Ansatz ist da wie dort radikal auf Verzicht gepolt. Elementare Eingriffe finden primär gedanklich statt, ihre Umsetzung ist durchdacht und behutsam, jedwede Art von Chemikalien ist seit langem aus dem Garten verbannt. Prinzipiell geht es ihm darum, den Reben alle Freiheiten zu lassen, sie zu beobachten und nur im äußersten Notfall zu intervenieren – wer sich kurz die Zeit nimmt, die paar Absätze auf seiner Website über Laissez-Fair (auch der Name von einem seiner Weine) und Erziehung im Allgemeinen zu lesen, wird seine Methoden und Ideen schlagartig bestens verstehen.

Vieles wird über bewusste Begrünung, Humus und die Laubwand reguliert, wobei er nicht wipfelt, da das zum einen den Rebstock irritiert zum anderen ganz wesentlich für entsprechend niedrige Alkoholwerte im späteren Wein verantwortlich ist. Was man – und das denke ich wird noch immer ganz gerne getan – nicht mit Substanzlosigkeit gleichsetzen sollte. Im Gegenteil: die große Kunst großer Winzer ist es, Tiefe, Extrakt und Körper in einen Wein zu orten, der gleichzeitig das – jahrgangsbedingte – alkoholische Minimum auslotet. Ich verweise ja eher selten auf das Bordeaux der 40er Jahre aber zum einen gelten die Weine als die besten jemals gekelterten, zum anderen hatten sie zwischen 11,5% und 12% Alk. – und weil wir gerade dabei sind – geschwefelt wurde wenig, Reinzuchthefen waren so fern wie der Mond, Enzyme ebenfalls uswusf… und die Weine sind, glaubt man den paar Leuten, die sowas noch immer trinken, immer noch für 100 Punkte gut – das muss mir mal jemand erklären. Egal.

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Christian Tschida stecke ich jetzt einfach in die Schublade-Bordeaux 40er Jahre, wobei ihm das vermutlich nicht passen würde. Denn anders als die vignerons damals verwendet er möglichst keinen Kupfer mehr und hat seit kurzem auch dem Schwefel (im Weingarten, im Keller sowieso) den Kampf angesagt. Er arbeitet primär mit Ölen (Fenchel & Co.) und auch wenn das quantitativ in diesem Jahr eher heikel war, ist das was übrigblieb perfekt.

Womit wir wieder im Bordeaux und genauer bei Christian Tschidas Cabernet Franc wären. Den pflanzte sein Vater versehentlich statt Merlot, ein Zufall, den man möglichst mit einer Flasche Domkapitel (100% CF) feiern sollte. Der schmeckt heute ungefähr so, wie vermutlich ein Cheval Blanc 1947 im Jahr 1951 geschmeckt haben dürfte. Filigran. Subtil. Saftig. Vital. Druckvoll. Lang. Natürlich! Umwerfend.  Eigentlich steht der/das Kapitel (sein Zweitwein) dem Domkapitel kaum nach. Die Struktur geht in eine ähnliche Richtung, die Aromen nicht – wobei es ohnehin wenig Sinn macht bei Fassproben irgendwelche Aromaanalysen durchzuführen.

Der Keller, das sei noch gesagt, ist genauso Experimentierfeld in Sachen Verzicht wie die Weingärten. Verwendet wird nur der freiablaufende Most, ausgebaut wird in gebrauchten und unterschiedlich großen Holzfässern. Geschwefelt wird, wenn möglich, gar nicht, gefiltert, geschönt oder anderweitig getrickst erst recht nicht. Das Fazit (fürs erste – der Besuch war zu kurz, die Terrasse zu einladend) ist eine Fassprobenserie, die jedem, der meint, dass 2014 ein mauer Jahrgang wäre, die Argumentationsgrundlage entzieht.  

ps: Apropos Keller: Chrstian Tschidas Weine befinden sich u.a. auch im Keller des NOMA, dem zur Zeit besten Lokal der Welt (laut Restaurant magazine).