Ewald Tscheppe und seine sensationelle EX VERO-Serie

Ewald Tscheppe

Anders als sein Bruder hat Ewald Tscheppe seine 9 Hektar Weingärten quasi komplett rund um seinen Hof. Das gibt uns dann auch gleich die Möglichkeit wieder bergauf (in Richtung Andreas) zu stapfen – unter blauem Himmel und bewaffnet mit einem Spaten, um dem biodynamischen Bodenleben auf die Spur zu kommen. Der Boden hat an sich elementare Bedeutung im Weinbau, bei den fünf Winzern nimmt das Wort, die Substanz, ihre Struktur, das Leben darin, allerdings nochmals eine neue Dimension an.

„Bodenbeobachtung ist alles“, meint dann auch Ewald, „man kann im Boden lesen und irgendwann weiß man dann auch über ihn Bescheid. Über seine Bruchstellen, seine Struktur, die Verdichtungshorizonte, seine Durchwurzelung. Das verlangt freilich Übung und als Ewald den Spaten in die Erde steckt und ein Stück Humus aushebt, liest er, während ich ihm wie ein Analphabet gegenübersitze, zuhöre, schaue und an Erde rieche, die mir Ewald unter die Nase hält. Erde eben, könnte man meinen, doch mit der Leidenschaft und analytischen Fähigkeit mit der Ewald darüber erzählt, wird einem schnell klar, dass man besser aufpasst und zuhört: „Du musst den Boden in seiner Gesamtheit, als Organismus betrachtet – und wie jeder Organismus braucht er Balancen.“ Wir sind in der Zwischenzeit mitten in die Biodynamik angekommen, wo genau diese Gesamtheit ein grundlegendes Prinzip bildet. „Und um diese Balancen zu schaffen, musst du fein steuern, den Boden, dort, wo er es braucht ein wenig füttern, beobachten was passiert, wie er reagiert,“ fährt er fort. Ewald Tscheppe verwendet zwei biodynamische Präparate, er kompostiert schon lange nicht, lässt im Weingarten natürliche Konkurrenz zu und irgendwann, „läuft das System dann von selbst“.

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Die genaue Bodenbeobachtung führte letztlich auch dazu, dass ihm die Herkunftsidee wesentlich näher ist als der Sortengedanke. Dass er sich dabei auf dünnem Eis bewegt, ist ihm durchaus bewusst. „In Österreich ist das Sortendenken absolut dominant. Kunden wollen die Rebsorte, der Rest spielt eine untergeordnete Rolle,“ weiß Tscheppe und macht es dann erst recht ganz anders. Seine Weine sind sämtlich Cuvées, wobei die genaue Zusammensetzung nirgendwo am Etikett zu finden ist. Dort stehen die Namen Ex Vero 1 bis Ex Vero 3, Tscheppes persönliche Aufteilung. Sie stehen für die Lagen – die sich durchwegs am Langegg befinden – ihre Exposition, ihre Steilheit, ihre Struktur. Während man sich beim Ex Vero 1 zum Beispiel am Hangende und ganz oben befindet und erst nach einem halben Meter Braunerde auf Fels stößt, ist Ex Vero 3 im mittleren Teil und die Wurzeln der Rebstöcke von Anfang an direkt im Fels.

Während wir absteigen, erzählt Ewald weiter. Darüber, dass er froh ist abgekapselt am Talende zu wohnen, in seiner kleinen Oase, wo ihn niemand schief anschaut, wenn er nicht mäht. Oder über die drei Stufen, die eine Sache für gewöhnlich durchläuft, wenn jemand etwas Neues beginnt: „am Anfang macht einer eine Sache und die wird ignoriert. Dann macht er sie noch immer und dann gibt es plötzlich Gegenwind, und wenn er das noch immer besteht, dann heißt es, das haben wir immer schon gesagt.“ Er jedenfalls möchte nicht mehr anders arbeiten, meint er und wenn man seine mächtigen, alten aber robusten Stöcke ansieht, dann weiß man auch warum.

Was die hergeben und inwieweit sich die Unterschiede der Lagen sensorisch wahrnehmen lassen, versuchen wir ein wenig später in Ewalds Verkostungsraum herauszufinden. Dabei ist schon seine erste Handbewegung wegweisend. Die geht in Richtung Burgundergläser, mächtigen Pokale, in denen normalerweise nur Rotweine Platz finden – und Ewalds komplette Ex Vero Palette.

Wir fangen mit Ex Vero 1 an, und während der Wein sich die notwendige Luft im Glas holt, kommen wir gleichmal auf das Thema Schwefel zu sprechen, eine der heißesten Kartoffeln in der gegenwärtigen Weinwelt, kontroversiell diskutiert und oft missverstanden. Tscheppe hat dazu seine eigene Meinung: „Schwefel“, glaubt er, „zerstört keineswegs die Lebenskraft des Weins. Zuviel Schwefel, zu früh allerdings bringt ihn völlig aus dem Gleichgewicht. Mit der Beigabe von Schwefel erhältst du junge, frische Aromen im Wein. Wesentlich ist aber, was die Zeit mit dem Wein macht. Komplexe Strukturen, die sich im Weingarten gebildet haben, müssen über die Jahre aufgebrochen werden – gleichzeitig müssen sich im Wein lange Aromaketten bilden und die entstehen nicht von heute auf morgen. Aromen müssen beweglich bleiben, Schwefel allerdings fixiert.“ Kurz: nur über den Faktor Zeit kommt man an das komplexe Produkt Wein ran.

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Komplexität ist dann auch definitiv ein Schlagwort, das die Weine von Ewald Tscheppe charakterisiert. Und zwar vom Ex Vero 1 weg, der immer hauptanteilig Chardonnay ist. Würze dominiert da quer durch die Jahrgänge (wobei sie nach Jahren der Reife interessanterweise an Frucht gewinnen), dezente nussige Noten wechseln mit filigraner Kräuternoten. Eingebettet ist das alles in ein perfektes Gefüge aus Säure und Körper, die Weine sind dicht, saftig und lang, harmonisch und ausbalanciert und das, obwohl sie oftmals schon tagelang offen sind. Die Vinifizierung ist ähnlich wie die seines Bruders, die Weine machen durch die Bank einen biologische Säurebabbau und landen ausnahmslos in unterschiedlich großen Holzfässern unterschiedlicher Provenienz und unterschiedlichen Alters.

Als Ewald 2004 das väterliche Weingut übernahm stellte er keineswegs – wie das so oft passiert – alles schlagartig um, drei Entscheidungen traf er allerdings sofort. Er meldete den Betrieb bei Demeter an, kaufte Holzfässer und beschloss sämtliche Weine als Cuvées abzufüllen. Allesamt mutige Maßnahmen, die definitiv zu diesem Zeitpunkt keinem Trend folgten, für die er allerdings plausible Erklärungen hat: „Ich habe überhaupt kein Problem mit Holz. Allerdings ist Holz nicht gleich Holz.“

Und so verwendete er anfangs ähnlich viel Zeit für die richtige Wahl, wie andere für die Auswahl der richtigen Aromahefen. „Holz muss das gleiche können wie der Wein, der sich darin befindet, es muss sich so integrieren, dass man die Manipulation nicht merkt und den Wein vor allem runder und weicher machen. Wenn das gelingt, dann gewinnt der Wein auch an Vielschichtigkeit und Langlebigkeit,“ erzählt er. Und damit es zu auch keine unliebsamen Überraschungen kam, begab er sich zudem auf eine wochenlange Suche nach dem richtigen Küfer.

Der hat seine Sache jedenfalls gut gemacht. Der jüngste Ex Vero 2 (2008) der immer ein wenig Sauvignon geprägt ist, wirkt ein wenig stoffiger, saftiger und druckvoller als die 1. Version, der Kalk kommt stärker durch, wird jedoch dann nochmals vom 2007 getoppt. Der scheint sich gerade auf einem Höhepunkt zu befinden („meine Weine verändern sich und das ist auch wichtig und gut so“), die Aromen sind ausgeprägt, Kräuterwürze dominiert anfangs, wird dann allerdings von Beerennoten abgelöst und endet mit fast exotischen Aromen. Ewald meint der Wein sei wie gebündeltes Licht. Das muss man nicht verstehen, es fällt allerdings auch nicht wirklich schwer es nachzuvollziehen. Der Wein wirkt offen, hell, kraftvoll – und vom Holz merkt man nichts. Und auch nicht von irgendwelchen grünen Sauvignonaromen. Das liegt zum einen am Ausbau anderseits auch daran, dass mit Chardonnay ein kongenialer Partner zur Verfügung steht. Beide werden zwar getrennt gelesen, vergoren und ausgebaut, nach einem Jahr wird dann verschnitten und dann reifen der Wein nochmals ein Jahr, um eine perfekte Balance zu finden. „Die Weine beginnen quasi nochmals neu reifen“, erklärt Tscheppe, „deshalb brauchen Cuvées auch länger, bis sie fertig sind.“ Das klingt alles einfach, doch erfordern all diese Maßnahmen extremes Durchhaltevermögen – denn Zeit ist, auch für Winzer, Geld. Zeit ist aber auch ein elementarer Qualitätsfaktor. Tscheppe hat sich für letzteres entschieden.

Am deutlichsten wird das beim Ex Vero 3. Der landet erstmal für ein Jahr im Barrique und reift dann in großen Fässern weiter. Die Weine sind, egal ob sie drei oder sechs Jahre alt sind, jung – auch wenn man bei manchen erste feine balsamisch-ätherische Anklänge schmecken kann – voller Spannung und Kraft. Ewald ist stolz auf seine Weine, und das völlig zurecht. Sie mögen zwar einen Tick anders sein, weniger fruchtsüss und aromatisch, dafür sind sie komplex, originell und langlebig – sie sind, in aller Kürze, Weine mit Charakter.