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Michael Wenzel © Foto: Sonja Priller
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Michael Wenzel © Foto: Sonja Priller

Ein entscheidender kultureller Aspekt des Naturweins kommt der Pflege und Wahrung lokaler und marginalisierter Rebsorten zu. In einer Zeit als man in Österreich vor allem in Richtung Westen schaute und den hiesigen Rebsortenspiegel um internationale Sorten erweiterte, schaute Robert Wenzel von Rust aus über den Eisernen Vorhang nach Ungarn und in die ampelographische Vergangenheit des Burgenlands. Statt Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah brachte er1984 Furmintedelreiser mit nach Hause und setzte sie in die Ruster Weinberge (genauer in die Riede Vogelsang). Das führte zwar zu keiner Revolution, doch legte er immerhin das zarte Fundament für eine kleine Renaissance (10 ha insgesamt, die Wenzels bewirtschaften davon 2 ha), die von seinem Sohn Michael konsequent fortgesetzt wurde.

 15 Jahre lang brach Michael immer wieder ins Tokaji auf, um mit den dortigen Winzern über die Spezifika der Sorte und ihre Bedeutung für das Burgenland zu sprechen. Er suchte nach dem Ruster Urtypus der Sorte und wurde letztlich auch fündig. Die akribische Recherche und die dabei gewonnenen Freundschaften mit Tokajer Winzern führten letztlich dazu, dass Michael vor ein paar Jahren quasi eine Urversion des Furmints in einen seiner Weingärten setzen konnte und der bezeichnenderweise den Namen Eden trägt. Das genetische Material der dort  gepflanzten Furmintstöcke ist zwar nicht so alt wie die Bibel, reicht  aber immer auch 150 Jahre zurück.

 Gründe, warum die Rebsorte aus den Weingärten des Burgenlands verschwunden ist, gibt es übrigens mehrere. Keine davon hat mit der Qualität zu tun, die meisten dagegen mit der ereignisreichen Geschichte der letzten hundert Jahre und der Reblaus. Den finalen Schlag bekam der Furmint nach dem Ende des zweiten Weltkriegs versetzt, als der Eiserne Vorhang schwer auf die Region niederfiel und die Ruster Winzer von ihren etablierten Handelspartnern in Sopron trennte. Andere Rebsorten zogen in die Weingärten ein, identitätslos aber einträglicher.

Michael näherte sich der Rebsorte freilich nicht nur auf kultureller und historischer Ebene, sondern allen voran auf vitikultureller und önologischer Ebene. So pflanze er die Reben in einer in Österreich kaum bekannten Dichte aus (bis zu 10000 Reben am Hektar) und erzog sie in manchen Weingärten nicht am Draht sondern in Stockkultur. Furmint will Licht und die bekommt er auf diese Weise – zudem zieht der Wind bestens durch die Hänge und hält die Trauben frisch und gesund. Jeder Stock wurde dabei händisch und sternförmig in die Erde gelegt, eine Knochenarbeit, die den Wurzeln allerdings den nötigen Raum zur Entfaltung bietet. Andere Aspekte, die den Furmint zur prädestinierten Sorte des südlichen Neusiedlersees machen, sind seine späte Reife und die damit verbundenen oft erstaunlich niedrigen pH-Werte oder aber die Entwicklung diverser Säuren (Bernsteinsäure & Zitronensäure), die am Gaumen zusätzlich Dampf machen.

 Diese Faktoren begleiten dann auch das erste Glas voll Furmint, den zudem lebendige und saftige Frucht trägt und der trotz seiner unbeschwerten, filigranen und eleganten Textur saftig und substantiell wirkt. Das ganze Potenzial des Furmints wird dann einen Wein später mit dem Vogelsang 2013 ausgelotet. Dicht und tief bettet er ordentlich Würze in seine Struktur. Fokussiert, geradlinig, straff und druckvoll geht es weiter in Richtung Gaumen und weit darüber hinaus. Dass Furmint naheliegenderweise jahrgangsspezifische Unterschiede verdeutlicht liegt in der Natur der Sorte wie auch im Interesse des Winzers und folglich gibt sich der 2012 etwas weicher, wärmer und runder, wobei man weit davon entfernt ist, in barocken Dimensionen zu denken. 2009 war es ebenfalls warm aber abgesehen davon, dass der Wein das Jahr reflektiert, merkt man auch, dass sich die Aromenvielfalt nuanciert, sie vielschichtiger und komplexer wird und auch die Textur noch an Facetten zulegt. Was letztlich nur beweist, was Michael bereits davor angedeutet hat: Furmint reift und er reift blendend.

Voraussetzung dafür ist eine akribische und nachhaltige Bewirtschaftung der Weingärten. Die Wenzelschen Rieden werden biologisch-organisch bearbeitet (noch nicht zertifiziert), was prinzipiell nie ein Nachteil ist, doch kann man natürlich auch ein paar Schritte weiter gehen. Michael setzt statt auf Maschinen lieber auf die Wertschöpfung manueller Arbeit und ringt lieber auf natürliche Weise mit der Natur als sie zu bewässern. Ein dezent lehmiger Untergrund in den meisten Lagen hilft dabei, wobei die geologischen Unterschiede innerhalb der einzelnen Rieden viel größer sind als man bei der sanft hügeligen Topographie der Ruster Berge vermuten möchte.

 Exemplarisch dafür stehen zwei Pinot Noirs, die in ihren Eigenheiten zu den großen Beispielen des Burgenlands gehören und die doch zeigen, was für eine eminente Bedeutung dem Boden zukommt. Tendiert der Pinot Rusterberge dazu seine Glimmerschiefer und Gneisböden in eine dunkle  und würzige (burgenländische) Aromarichtung zu übersetzen, spricht der kalkbasierte und großartige Pinot Noir vom Kleinen Wald eine filigrane, rotbeerige und fundamental burgundische Sprache. 300 Meter liegen zwischen den beiden Lagen, die identisch vinifiziert (spontan vergoren, in meist gebrauchten Holzfässern ausgebaut, ungeschönt, ungefiltert und einmal spät geschwefelt – so ergeht es quasi alle seinen Weine) verdeutlichen wie unterschiedlich Terroir manifest werden kann.

 Bevor ein letzter Blick dem Furmint aus dem Garten Eden gewidmet sein wird, lohnt es sich auch kurz zu erwähnen, dass Michael ständiger Entwicklung und Experimenten den Vorzug vor kalkulierbaren Konzepten gibt. Was dazu geführt hat, dass sich auch drei maischevergorene Weine (Grauburgunder, Sauvignon Blanc und Furmint) in seinem Keller befinden (die meisten davon trinkt er selbst mit Sonja, auf deren Konto auch die brillanten Fotos seiner Website und die Etiketten gehen) und die allesamt darauf verweisen wie spannend es werden kann, wenn jemand die ausgetrampelten Pfade klassischer Vinifikation verlässt.

 Bleibt der Garten Eden und wenn Eva zwischen einem Apfel und diesem Furmint entscheiden hätte können, wer weiß, wohin die Reise gegangen wäre: leichte Holzaromen in der Nase verweisen zwar darauf, dass ihm ein wenig Zeit noch ganz gut tut, doch die sollte man ihm einfach gönnen. Denn was sich bereits gegenwärtig am Gaumen abspielt, ist gar nicht so einfach in Worte zu fassen: zwischen lebendigen und reifen Säurekicks macht sich packender Gripp breit, die Textur ist kompakt und doch unbeschwert, vital und kraftvoll, und irgendwie hat man das Gefühl als würde am Gaumen so viel Dampf und Druck gemacht als würde der FC Barcelona gerade mit 11 Messis Sturm laufen.

 PS: Blaufränkisch und Süßweine gibt es auch noch, doch kamen wir nicht mehr dazu. In Anbetracht dessen, dass Blaufränkisch und Rust ungefähr so gut zusammenpassen wie Tokaji und Furmint und Michael Wenzel ein sensibler, akribischer und bedachter Winzer ist, liegt die Vermutung nahe, dass es sich auch dabei um große Weine handeln könnte/sollte/dürfte.