Gols war nie mein Ziel. Mitte der 2000er Jahre konnte ich die Euphorie um die Pannobiles und ihre Winzer nicht nachvollziehen, die Kultweine, die auf dem Salzberg und in seiner Umgebung gekeltert wurden, schmeckten mir nicht (Paul Achs war immer meine persönliche Ausnahme) und weil es ja nichts gemütlicheres gibt, als es sich auf seinen Urteilen so lange bequem zu machen bis sie dumpfe Vorurteile werden, schlug ich auch die Empfehlungen von Freunden in den Wind. Bis ich dann im Juni 2013 mit schlechtem Gewissen (da ich ja wusste, dass viele der Pannobiles Weinstil und Arbeitsweise – 7 sind in der Zwischenzeit bio – geändert hatten) in die Gumpendorfer Straße zur Pannobile Verkostung pilgerte und – wie könnte es anders sein – eines (viel) besseren belehrt wurde.

Gols wurde also zum Ziel. Vom Bahnhof ging es sukzessive flach bergauf, in der Goldberggasse bog ich nach links und 500 Meter später stand ich dann mitten in den Reben, aus denen einzig und allein Claus Preisingers dort geparktes Raumschiff herausragt. Das hat er sich 2009 zwecks Vinifikation seiner Weine zwischen Zweigelt und Blaufränkischstöcke gesetzt und zwar in einer Dimension, dass er selbst im Weltall damit auffallen würde. „10 Jahre habe ich auf engstem Raum gearbeitet und als sich dann endlich die Möglichkeit bot, neu zu bauen, habe ich die genutzt, um alles so funktional wie möglich zu machen.“ Also kann man jetzt mit Gabelstabeln zwischen Gärbottichen und Stahltanks herumdonnern, die Arbeitsprozesse sind an die Schwerkraft gekoppelt (alles fällt und man spart sich eine Menge Pumpen) und auch die Akustik ist bestens – der Wein wird mit Elektropop beschallt, was ihm definitiv nicht schadet.

Bevor wir nach Draußen verschwinden, zeigt Claus mir auch noch seinen selbstgebauten 400 Liter Teekocher, in dem beizeiten Ackerschachtelhalm oder Kamille gebraut werden, die er, den Steinerschen Prinzipien folgend, zur Pflanzenstärkung verwendet. Draußen im Freien rennen uns gleichmal ein paar Hühner vor die Beine („50% Ausfall durch Bussarde und wild gewordene Hunde“, meint er), die zwischen den Rebreihen und zwei im Garten liegenden Amphoren (leck) ansonsten ein recht beschauliches Leben führen. Die Rebreihen, das sind hinter dem Haus vor allem Zweigelt-Stöcke, deren Trauben kerngesund und schon recht süß von den Reben baumeln. Die notorische Überproduktion, die mit dem Zweigelt einhergeht, regelt er über eine gezielte Begrünung, die den Rebstöcken so viel Konkurrenz liefert, dass sie die Produktion von selbst minimieren. Die Begrünung selbst ist divers, besteht allerdings nur aus heimischen Pflanzen – der Sinn Leguminosen einzustreuen, die im Burgenland eigentlich nichts verloren haben, widerstrebte ihm naheliegenderweise. Die Folge sind erstaunlich niedrige Erträge (irgendwo zwischen 3000 und 4000 Kilo) und dafür auch entsprechend gesunde und extaktreiche Beeren. Die Bewirtschaftung ist größtenteils manuell und rigoros biodynamisch. Kupfer kommt minimal zum Einsatz und das auch nicht immer.

Zurück im Raumschiff machen wir es uns auf der Brücke bequem. Die Sicht ist leider grauverschleiert, doch irgendwo unter uns liegt der klimaregulierende Neusiedlersee, näher und gut sichtbar ziehen sich über eine sanft abfallende Kuppe die Hänge für einen Teil seiner Weine.  Die sind generell weit verstreut – sie beginnen kurz nach Neusiedl und enden hinter Mönchhof – und sind quasi durchwegs mit österreichischen Rebsorten bestockt: Zweigelt und Blaufränkisch machen den Löwenanteil seiner 19 Hektar aus, Pinot Noir, Merlot und St. Laurent ergänzen (wobei letzterer sein Terroir so perfekt interpretiert, dass er bei der Prüfstelle durchkrachte – nicht ausreichend sortentypisch – was man in der Zwischenzeit fast als Auszeichnung ansehen sollte). Weit über dem See, in Breitenbrunn am Leithagebirge hat er zudem vor kurzem einen Weißburgundergarten erworben, der sich zwar hinter dem grauen Schleier versteckt, dessen Resultat dafür im Glas schick zwischen dunkelgelb und sanftem orange wabert.

Wir halten uns in der folgende Stunde an seinen weißen Weinen fest (zu denen auch noch ein Veltliner und eine Chardonnay/Weißburgunder Cuvée zählen). Es sind doppelte Manifestationen: zum einen zeigen sie was für ein unglaubliches Potenzial in den Weißweinen am Leithagebirge steckt zum anderen sind sie Paradigmen (er selbst hat einen brillante Blaufränkisch/Merlot Cuvée, die diesen Namen trägt) für seine Philosophie. Die ist fundiert und basiert auf immer radikalerer Nichtintervention. Vom Veltliner zum Beispiel hat er nach dem Pressen komplett die Finger gelassen, der Wein ruhte für einige Monate (abhängig vom Jahrgang und dem sensorischen Gefühl das Claus beim Verkosten hat) in gebrauchten Holzfässern auf der Hefe und wurde danach ungefiltert, ungeschönt und gänzlich ohne SO₂ abgefüllt. Letzteres muss nicht immer der Fall sein, Claus möchte sich keinen Dogmen unterwerfen und wenn er meint, dass ein paar Milligramm SO₂ gut tun, dann kommen die auch dazu.

Der schon erwähnte Weißburgunder ist ein experimentelles Meisterwerk, das teilweise in der Amphore vergoren wurde, teilweise auf den Schalen im Holz, teilweise ohne Schalen. In ihm lässt sich neben unglaublich viel Viatlität und Qualität (der beste WB des Landes) auch viel über Claus P. sensorische Intentionen ablesen. Der Wein hat Kraft und Struktur, ist komplex und hochindividuell, elegant, lebendig und doch fokussiert und konzentriert. Ein Wein, den man aus Burgundergläsern trinkt, der bekömmlich ist und Spaß macht auf mehr und über den man schon auch mal ein wenig nachdenken darf. Das taten wir dann auch und leider etwas zu lang, so dass wir die Rotweine auf einen anderen Tag verschieben mussten, denn zum einen haben Winzer immer was zu tun, und zum anderen hatte ich noch das Glück mit Judith Beck verabredet zu sein.