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Nach Michael Wenzels fulminanten Furmints nun also Hannes Schusters nicht minder beeindruckende Sankt Laurents und Blaufränkische, wobei sich der Sankt Laurent erstmal in den Fokus stellen darf. Davon gibt es zwar mehr als die 10 burgenländischen Furmint-Hektar, viel ist es allerdings ebenfalls nicht und die paar wenigen Winzer, die ihn wirklich ernst nehmen, kann man ziemlich genau an einer Hand abzählen (allen voran ein paar Golser, ein/zwei Winzer aus der Thermenregion und Josef Umathum, der sich intensiv um die Klonvielfalt des Sankt Laurents gekümmert hat).

Hannes Schuster kommt definitiv das Verdienst zu, ihn qualitativ auszuloten, was naheliegenderweise erstmal ein tiefes generelles Verständnis für die Rebsorte und seine natürlichen Dispositionen voraussetzt – und auch die Tatsache, dass der St. Laurent wenig bis gar keine Konzessionen an den Winzer macht (und der Winzer möglichst keine an den Konsumenten). Sankt Laurent ist sensibel, im Weingarten und am Gaumen und für viele Winzer & Konsumenten, die gerade in den letzten beiden Jahrzehnten auf Kraft, Opulenz und Alkohol gesetzt haben, muss(te) die Sorte definitiv irritierend wirken. 13% Alkohol selbst in den heißesten Jahren kontern dem Verlangen nach Überkonzentration und weniger als 12% in kühlen Jahren (bei trotz allem oft hohen pH-Werten) widersprechen an der Oberfläche dem Wunsch nach Tiefe und Substanz. Dass diese beim besten Willen nicht immer an Alkoholgradationen gekoppelt sein muss, beweisen allerdings gerade seine Weine.

„Sankt Laurent ist ein genetischer Sonderfall“, meint Hannes. „12,5% ist für gewöhnlich das Maximum.“ Die Farbe ist  auch nicht jedermanns Sache. Mehr als ein mittleres Rot  kommt selten hinaus. Da man Subtilität nicht immer versteht, zuckert(e) man Sankt Laurent ganz gerne auf, steck(e) ihn in getoastete Holzfässer oder versteckt(e) ihn in von Zweigelt dominierten Cuvées.

Hannes Schuster tut all das nicht und geht konsequent in die entgegengesetzte Richtung. Je subtiler, filigraner und nuancierter desto besser. Dafür dienen ihm vor allem alte Rebstöcke rund um Zagersdorf, die 70 Jahre und mehr auf dem Buckel haben können und ein paar jüngere Anlagen, die in den letzten zwanzig Jahren gepflanzt wurden und die das Fundament für seinen SANKT LAURENT Burgenland bilden. Dass die Lettern der Sorte auch auf seinem Etikett groß und deutlich zu lesen sind, hat den ganz einfachen Grund, dass sie jenseits des Neusiedlersees wenig bekannt und jenseits der Staatsgrenze völlig unbekannt ist.

Die Reben dafür wurzeln meist in schweren Lehmböden mit hohem Tonanteil, wobei sich auch dunkler Sand und Kalk dazumischen. In einer notorisch trockenen Ecke wie dem nördlichen Burgenland ist ein Boden mit gutem Wasserspeichervermögen alles andere als ein Nachteil, speziell dann, wenn es sich um junge Stöcke handelt. Ins Glas übersetzt und mit der Handschrift des Winzers versehen (idealer Lesezeitpunkt, um Frische und Substanz adäquat auszutarieren, großes Holz, spontane Gärung, relativ lange Ausbauzeiten) bedeutet das Aromen, die zwischen roten Beeren, Laub, Unterholz und Leder changieren und eine leise, filigrane, lebendige Textur, die sich ihren Weg durch die Zeit (im Mund) und Tiefe (Gaumen) bahnt. Kurz darüber nachgedacht, würde ich sagen, dass der SANKT LAURENT definitiv zu den drei besten roten Einstiegsweinen Österreichs zählt. Dass sein BLAUFRÄNKISCH da eigentlich auch dazugehört, sei ebenfalls kurz erwähnt: stilistisch ist die Richtung vorgegeben, wobei der Blaufränkisch am Gaumen dank seines Extras an Gerbstoff noch strenger wirkt und aromatisch dunklere Noten in den Vordergrund rückt.

Der Fokus auf zwei Sorten wurde erst in den letzten Jahren forciert, genauer ab 2005 als Hannes das Weingut übernahm. Sein Vater Franz, der gemeinsam mit Rosi, der Mutter das Weingut 1979 in St. Margarethen gründete, liebte Bordeaux, was sich irgendwann auch in der Ampelographie der Weingärten niederschlug. Cabernet & Merlot gibt es in der Zwischenzeit nicht mehr und mittlerweile ist (leider) auch ein Weißer Gemischter Satz aus dem Sortiment verschwunden.

Verbunden mit der Übernahme war auch eine zwar dezidierte aber lange nicht deklarierte Hinwendung zum biologischen Weinbau. Zertifiziert ist Hannes in der Zwischenzeit, obwohl sich am Etikett kein einziger Verweis darauf findet – das kann man ihm kaum verdenken, stehen doch die Regulative der europäischen Biozertifizierung – speziell im Keller – weit hinter dem zurück, was er selbst für sich und für die Authentizität seiner Weine als wesentlich betrachtet.

Generell kann man in wenigen Worten zusammenfassen, dass Hannes auf seinen 10 Hektar den Reben ein Umfeld geschaffen hat, dass mit der Monokultur des Weinbaus (zwecks Humusaufbau, ordentlicher Durchwurzelung, Abbau von Stresssymptomen) ordentlich aufräumt.

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Beide Fotos mit freundlicher Genehmigung von Hannes Schuster © Fotos: Steve Haider

Der extreme Aufwand, der sich in extrem niedrigen Erträgen niederschlägt, hat neben ethischen Aspekten, die ernsthaftem nachhaltigem Weinbau ohnehin immanent ist, vor allem das Ziel, seinen bisweilen sehr alten Stöcken die Möglichkeit zu geben noch älter zu werden, und seinen jungen Stöcken ein langes Leben zu gewähren. Die Lagen dafür ziehen sich von Donnerskirchen (sehr kühl → schnell im Schatten; erodierter Schiefer, mittlere Etage – ideal für BF – unterschiedlichste Kalkzusammensetzungen – teils extrem karg), Oslip, St. Margarethen (extreme Unterschiede zwischen warmen Tagen und kalten Nächten und in den Bodenzusammenstzungen, bis Zagersdorf (schwerer Lehm, hohe Tonanteile, teils dunkler Sand und Kalk) und in die Rusterberge (Schiefer – sandige Böden – Kalk – Blaufränkischterritory). Wobei er stets auf der Suche nach a. alten Weingärten, b. einst genutzten Weingärten ist (über das gemeinsam mit Roland Velich initiierte großartige JAGINI-PROJEKT wird es demnächst einen eigenen Artikel geben).

Dabei rückt die Idee der Herkunft immer stärker in den Vordergrund. Paradigmatisch steht dafür sein ZAGERSDORF (die großen Lettern sind auch hier Programm), bei dem er bezüglich des Bekanntheitsgrads des St. Laurent keine Kompromisse mehr eingeht. Die Stöcke wurden 1961 gesetzt, eine unterirdische Ader sorgt für ausreichend Wasser, Lehm, Sand und Kalk für das pedologische Fundament. Die Trauben sind locker, die Beeren klein, die Vinifikation ist puristisch (spontan, Holz, no filtering, no fining, ein wenig SO₂), der Wein ebenfalls.

Zagersdorf schmeckt im Idealfall nach Kräutern und kühlen Kirschen, wobei vor allem das Adjektiv betont werden sollte. Eingebettet sind die Aromen in eine dichte, lebendige, saftige und komplexe Textur. Gripp und Säure in perfekter Eintracht sorgen für Trinkfluss, Unbeschwertheit und Vitalität.

Wobei die Verkostungsnotiz im doppelten Sinne eine Momentaufnahme ist. Zum einen weil sich der Wein weiter entwickeln wird, zum anderen weil auch Hannes Schuster stets auf der Suche nach den entscheidenden Mosaiksteinen ist, die das Bild vom Terroir so ideal wie möglich wiedergeben. Nicht nur das Zagersdorfer sondern auch das der Rusterberge, in denen ein Blaufränkisch wurzelt, der auf ähnlich alten Rebstöcken basiert, und voller Zug und Spannung, Druck und Saftigkeit vor allem Pfeffer, Zimt und Gewürzen in seine puristische und elegante Struktur integriert.