Hans Czerny ist sichtlich im Stress. Er kommt gerade von draußen, möchte sich umziehen, muss aber noch eine Palette einfolieren und rauskarren, weil der Spediteur schon da ist… naja und ich bin auch schon da und das scheint im Czernyschen Selbstverständnis zu bedeuten, dass ich dringendst mit Wein versorgt werden sollte – gegenteilige Beteuerungen werden dezidiert ignoriert, auch wenn die Suche nach einem Glas und die Erklärung, dass der Frührote Veltliner im Wagram auf die Zeit des Limes zurückgeht, nochmals Zeit fressen. 11,5% ist dann jedenfalls genau die richtige Gradation, um in den Tag zu starten, die Lebendigkeit und Frische öffnen Augen und Geist, straffen das Rückgrat und korrespondieren zudem perfekt mit der Kälte im Keller.

2014-11-19 11.09.03Als Hans mit den eigentlich wichtigen Dingen des Winzerdaseins fertig ist, nehmen wir den Keller genauer unter die Lupe, was sich definitiv lohnt. Darin finden sich nämlich nicht nur Tanks und Flaschen, sondern auch ein paar Verweise auf seine Ideenwelten – und denen ein wenig auf den Grund zu gehen, ist allemal ein spannendes Unterfangen. So stoßen wir auf ein Gestell, von dem kleine Stücke Mangalitzaspeck herunterhängen – Teil eines Kreislaufs, der dem Konzept der Ganzheitlichkeit extrem nahe kommt. Oder auf ein Plakat, an dem sich verschiedenste Urkornsorten (Dinkel, Emmer, Einkorn und sibirischer Roggen, den kriegsgefangene Soldaten aus Russland mitbrachten und der wegen seine Kälteresistenz bestens in den Wagram passt) befinden, die in seinem Landwirtschaft (10ha) wachsen und die er von den Getreidepionieren im Waldviertler Meierhof verarbeiten lässt. Alles demeterzertifiziert übrigens, doch dazu später.

Im letzten Raum wird es dann önologischer. Dort steht eine Wanne, bedeckt von einer Plastikfolie unter der sich die Maische von Hans Czernys PUR befindet, einem maischevergorenen Veltliner, den wir (ich darf auch mal ran) ein paar Mal unterstoßen und mit dem auch eine feine Überleitung in Richtung Wein stattfindet. Hans erzählt, dass er schon immer mit Maischestandzeiten gearbeitet hat – wesentlich kürzeren als das heute oft der Fall ist, doch immerhin mit einer Dauer, die den Weinen Struktur und Gerbstoff mit auf den Weg gaben. Vor 10 Jahren war das alles andere als populär und en vogue und an Kritik mangelte es folglich nicht. Seine Weine – meinte man damals – müssten runder und üppiger ausfallen und auch wenn ihn das nicht wirklich überzeugte, zeitigten verständlicherweise einige dieser Beurteilungen Konsequenzen. Noch heute stellt er seine kräftigsten Weine als seine hochwertigsten dar, auch wenn er damit – zumindest meiner Ansicht nach – nicht immer richtig liegt. So hat er beispielsweise mit dem Veltliner vom Fumberg einen Basisveltliner, der vieles – eigentlich fast alles – was es in dieser Kategorie sonst so gibt, locker toppt. Warum auch nicht? Es wird spontan vergoren, nicht aufgebessert (was nicht verwundert), langsam und schonend gepresst, lange auf der Hefe ausgebaut, nicht filtriert und wenig geschwefelt. Das Traubenmaterial ist gesund – summiert man folglich all diese Komponenten, kommt man zu einem animierenden, saftigen, vitalen, mineralischen und einladenden Resultat.

Vitalität ist ein Schlagwort, das nicht nur auf seine Weine sondern auch auf seine Stöcke zutrifft. Die sind seit 2000 biologisch zertifiziert, seit 2006 biodynamisch. Durch Begrünung – Schafgarbe, Wicke, Roggen, Klee, Buchweizen, Salbei – durch den totalen Verzicht auf Pestizide und durch die sukzessive Stärkung der Reben durch diverse Präparate schafft er ein Umfeld, das sich nach Jahren konsequenter biodynamischer Bewirtschaftung in perfektem Gleichgewicht befindet. Entscheidend für die Umstellung auf biodynamischen Weinbau waren dabei aber nicht nur die Vorteile, die er sich von einer auf Präparate, Tees und Sprays basierenden Land- und Weinwirtschaft erwartete, sondern auch die 2006 verabschiedeten Kellerrichtlinien von DEMETER ÖSTERREICH. Die sind tatsächlich strenger als die internationalen Standards und sehen unter anderen den Gärstart des Weins mit wilden Hefen vor – die sieht er naheliegenderweise als elementarer Bestandteil eines Terroirs, das er  sukzessive auszuloten versucht.

Seine Böden basieren zwar vorwiegend auf Löss, doch gibt es immer wieder pedologische und geologische Terrassen, in denen Schotter oder aber auch Gneis eine kleine aber doch nicht unwesentliche Rolle spielen. Für den Grünen Veltliner aber auch für den Roten. Der spielt im Wagram zwar nur die zweite Geige, die dafür aber recht eindringlich: weich, rund, saftig und kraftvoll, mit Blütennoten ist er ein Erlebnis, dass vermutlich noch spektakulärer ausfallen würde, wenn noch mehr Druck und Säure (2014 wird das glücklicherweise kein Problem sein) da wäre – oder aber Gerbstoff. Ohne mich in irgendwelche Vinifikationsverfahren einmaischen (eigentlich sollte hier einmischen stehen aber manchmal sind solche Tippfehler zu freudianisch, um sie wieder zu löschen) zu wollen, glaube ich, dass notorisch säurearmen und aromatischen Sorten wie dem Traminer oder eben auch dem Roten Veltliner damit wirklich geholfen ist (das muss nicht gleich knallorange werden aber ein bisschen Schalenkontakt würde nicht schaden).

Wie auch immer. Hans macht das mit seinem Grünen Veltliner PUR und der zählt definitiv zu den besten maischevergorenen Weinen (& Veltlinern), die es derzeit zu trinken gibt – 2011 und 2012, zwei notorisch schwierige Veltlinerjahre (da zu warm und folglich zu alkoholisch und säurearm) leben durch die lange Mazeration nicht nur von Kraft und Dichte sondern auch von Geradlinigkeit und Bekömmlichkeit – kurzum von einem Gleichgewicht, dass sich sowohl durch die Weingärten wie auch durch die Weine von Hans Czerny zieht.