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Karl und Fede

Ein Tag im Sommer 2013. Wir kommen aus dem Süden, von den Opokhügeln um Leutschach, wo Österreichs beste Sauvignons, Muskateller (es gibt wirklich gute) und Chardonnays ihre Heimat haben und steuern, keine 30 Kilometer entfernt, die Schieferwelt des Sausals an, eine Welt, in der sich die Steiermark plötzlich rot färbt – Karl Schnabel sei Dank. Seit einem guten Jahrzehnt sorgt der diplomierte Agrarökonom für eine Umwertung klassischer steirischer Werte und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Zum einen sind da die Rebsorten: so rot, dass man selbst im Burgenland neidisch werden könnte. Karl hat den Sausal um Pinot (brillant) und Blaufränkisch (exzellent) bereichert, Zweigelt gab es schon immer, aber den findet man glücklicherweise (!) ebenfalls in seinem Sortiment. Zum anderen, und das ist vermutlich entscheidender, pflegt Karl einen biologisch-dynamischen Ansatz, der weit über das hinausgeht, was man ansonsten mit biologischer Landwirtschaft und Nachhaltigkeit verbindet.

Als wir ankommen steht es allerdings schlecht um ihn. Eine Hornisse hat seine linke Gesichtshälfte verdoppelt, doch scheint das seiner Ambition uns durch Keller und Weingärten zu führen keinen Abbruch zu tun. Wir beginnen im Keller und bleiben dort geschlagene fünf Minuten, aus dem ganz einfachen Grund, weil es dort nichts zu sehen gibt: drei Dutzend Burgunderfässer ist alles, was Karl zu bieten hat. Die üblichen Stahltanks, Kühlschlangen, Pumpen, Filter, Hefe- und Bentonitsäcke und was es im Allgemeinen sonst noch so braucht, um aus Trauben Wein zu machen, kann man in seinem Keller lange suchen. Karl ist, zumindest meines Wissens, zudem der einzige österreichische Winzer, der bei all seinen Weinen komplett auf Sulfite verzichtet – auch die bekommen wir folglich nicht zu sehen. Die Idee dahinter allerdings präsentiert er uns: „Schwefel konserviert und je mieser das Traubenmaterial ist, desto mehr Schwefel braucht man.“ Er versucht folglich die Weichen im Weingarten zu stellen. OLYMPUS DIGITAL CAMERAPerfektes Traubenmaterial ist dabei Grundvoraussetzung für lebendige, energetische und – ganz wesentlich – nicht manipulierte Weine. Und genau das ist das Ziel: bekömmliche und puristische Weine zu keltern. Diese Radikalität ist zwar nicht zwingend revolutionärem französischem Gedankengut geschuldet, Einfluss übten die eineinhalb Jahre, die er im Burgund verbrachte trotzdem auf ihn aus. Die Burgunderfässer, der Pinot, die Biodynamik, die im Burgund seit langem praktiziert wird, prägten seine Methodik.

Noch spannender als das, was in seinem Keller nicht passiert, ist Karls methodologisches Konzept, die Philosophie, auf der seine Weine beruhen. Das hat natürlich ebenfalls mit der interventionsfreien Arbeit im Keller zu tun, findet seinen essentiellen Ausdruck allerdings im Weingarten. Bevor wir dorthin aufbrechen, probieren wir uns freilich noch durch seinen beiden exzellenten Weißweininterpretationen, mazerierte Versionen von Riesling und Morillon. Dabei offeriert er auch einige Einblicke in seine Gedankenwelt, die von einem transparenten, ganzheitlichen und zutiefst ethischen Ansatz geprägt sind. Vieles davon lässt sich auf seiner aufklärerischen Homepage nachlesen, manches sei hier kurz wiederholt: ausgehend von der Idee, dass Weinbauern für ihr Stück Land eine universelle Verantwortung tragen, sieht er eine zwingende Notwendigkeit darin, „mit meinem Stück Erde sorgsamst umzugehen und dieses Stück zum Wohl aller zu verwenden“, so auch zur Produktion gesunder Lebensmittel.

Den Schleier, den viele Winzer über die Herstellung ihrer Weine breiten, öffnet er bereitwillig, indem er sämtliche analytische Werte publik macht. Auch deswegen, um dem Spiel der Phrasen, das sich auf unzähligen Weinflaschen und Webseiten wiederfindet Paroli zu bieten – denn was bedeutet es wirklich, wenn Winzer von „naturnahen Weinbau“ sprechen? Die Nähe kann oft in ziemlich weiter Ferne liegen, und dass Wein in der Natur wächst, muss man als Argument nicht wirklich gelten lassen.

Karls Wein wächst ebenfalls im Freien, größtenteils und genauer am Hochegg, einem teils extrem steil abfallenden Gelände, das sich in Richtung Süden und Südosten öffnet. 550 Meter befinden wir uns über dem Meeresspiegel und auch wenn es an diesem späten Julitag warm und sonnig ist, bläst doch ein steter Wind durch die Stöcke. OLYMPUS DIGITAL CAMERAWir kämpfen uns den Hang hoch, und während Karl die Hand in die Erde steckt und neben Erde, verstepptem Gras und vermutlich ein paar Milliarden Mikroben ein Stück Silizium aus dem Boden zieht, erklärt er uns die Essenz seiner Weingärten: „Kalk kann man hier lange suchen, das Gestein ist älter und das Meer hat es bis hier rauf nicht geschafft.“ Echtes Urgestein also, das den Boden wärmt und so für ein perfektes Mikroklima unter den Pinot-Stöcken sorgt. Die werden einmal im Jahr gewipfelt, bewässert wird gar nicht, gesenst wird irgendwann im Frühjahr und dann auch nicht mehr. Für ausreichend Nährstoffe sorgt eine dünne Humusschicht, die Behandlung der Reben erfolgt größtenteils manuell, Traktoren würden den Boden nur unnötig belasten und verdichten. Größtenteils deswegen, weil sich Karl ein spezielles Gefährt zusammengeschustert hat, das dem Mondmobil der Apollomission nicht ganz unähnlich ist. Damit bringt er die Präparate aus, Ackerschachtelhalm, größtenteils aber Brennesselextrakte, die ihn sukzessive von der notorischen Kupferabhängigkeit befreien soll.

Die Laubwände sind luftig (die Luft darf nicht stehen), die Böden dafür natürlich und eher dicht bewachsen – was wachsen will, das wächst auch. Dazwischen spielt sich das pralle Leben ab, Karl erzählt von Schlangen und Mäusen und auch sie zu Gesicht zu bekommen, wissen wir, dass sie da sind. Dafür sehen wir einen Zeltplatz, auf dem Karl gelegentlich übernachtet – oftmals begleitet von seinem Sohn, der sich vermutlich kein besseres, wilderes und lebendigeres Territorium wünschen kann, um seiner Fantasie freien Lauf zu lassen.