IM GARTEN: Lässt man Soave und Monteforte d‘ Alpone hinter sich, so begibt man sich in önologisches Niemandsland. Gambellara stellt vermutlich selbst für die belesensten und erfahrensten Weintrinker ein großes Fragezeichen dar. Kurz sei also gesagt, dass man sich auf Vulkangestein bewegt und man unter Pergoladächern Garganega und Trebbiano di Soave beim Wachsen zuschaut. Parallelen tun sich auf, doch auch Unterschiede, die aber vor allem individuellen Konzeptionen geschuldet sind. Das liegt zu einem guten Teil an den Ideen und Initiativen von Angiolino Maule, die er auf La Biancara, seinem beeindruckenden Weingut in noch beeindruckenderen Weine verwirklicht.

Angiolino ist am Tag meines Besuchs irgendwo (ich sollte ihn von Elisabetta Foradori grüßen, bei der er er kurz vor mir war und mit der er einiges an Grundsätzen teilt), was weiter nicht verwundert, da er nicht nur Winzer sondern parallel dazu auch Gründer der vielleicht spektakulärsten Naturweinbewegung Italiens ist: die vinnatur ist nicht nur ein Zusammenschluss von ein paar engagiertet Bio-Winzern, vielmehr eine ernsthafte und umtriebige Vereinigung, die ihr Programm und die Naturweinszene auch quer durch Europa präsentiert (vom 14-15. November in Zürich, alljährlich zur Vinitaly auch in der Villa Favorita).

Also steht Francesco Maule an der Tür – einer von vier Söhnen Angiolinos – der sich stundenlang Zeit nimmt, obwohl eigentlich am Abend ein Fest anlässlich der Abwesenheit der Eltern ansteht. Francesco und sein Bruder Alessandro sind die linke und die rechte Hand des Meisters und ähnlich wie der Vater ein Quell an Ideen. Dafür habe sie insgesamt 9 Hektar zur Verfügung und ohne lang zu fackeln, geht es auch gleich in die Weingärten. Nicht alle Weingärten, die sich über dem Haus in die Hügel ziehen gehören den Maules, doch sind ihre meist leicht zu erkennen. Zwischen den Rebzeilen wachsen Gräser und Blumen und spezielle Leguminosen, die den Nährstoffgehalt im Boden perfekt ausnutzen. Die Erde auf denen sie wachsen ist schwarz, vulkanisch, mit einer minimalen Auflage Humus. Oben angelangt hat man die Gärten im Blick, die jungen im Guyot erzogen, der Rest alte Pergolen, 6-8 Trauben/Stock und allesamt wesentlich lockerer als in den umliegenden Weingärten. An der höchsten Stelle steht eine nach zwei Seiten offenes Gebäude, in denen sich die Geräte befinden und eine Menge Netze, riesigen Fischernetzen ähnlich, auf denen den Winter und Frühling über der Wind die Trauben für den Recioto trocknet. Daneben Kompost, um die Humusauflage für die Mikrofauna an der windigen Hügelkuppe aufrecht und den Stickstoffanteil im Boden stabil zu halten. All das permanent erklärt und kommentiert von Francesco, der auch einräumt, dass sie noch immer Kupfer gegen Peronospora verwenden, nicht gerne, aber ohne richtige Alternativen. Ansonsten jedoch wird komplett ökologisch gearbeitet, es werden Teepräparate verwendet und natürliche laktische Produkte gespritzt, jedoch stets mit einem offenen Auge für potenzielle Innovationen. Die neueste Entdeckung ist AQ 10 und was wie eine chemische Waffe klingt, ist tatsächlich eine biologische und dient der Bekämpfung von Oidium. Es ist ein Pilz der Pilze isst, in dem Fall den Falschen Mehltau, quasi ein kannibalischer Akt, jedoch einer der zeigt, dass die Welt der Naturweinmacher steten Experimenten Platz einräumt und nicht wie so oft vermutet, alles der Natur überlassen wird. Als sich Wolken zusammenbrauen, ziehen wir uns zurück, vorerst in den Keller und probieren ein paar erste Weine:

Masieri 2010 (80% Garganega, 20% Trebbianodi Soave): floral, Orangenzesten, Limetten, perfekte Säurestruktur, am Gaumen Kräuter und Orangennoten, straff und kompakt und lang

Sassaia 2009: wurde bis 2009 mazeriert, seit 2010 kürzere Maischstandzeit, damit mehr Klarheit und Struktur die Eigenschaften der Rebsorte nicht überdeckt: hefige und kräutrige Noten, ein bisschen Salbei, ein wenig Lorbeer. Orangen auch hier, sowohl in der Farbe wie auch in der Nase. Expressiv und mineralisch, gute Säure und dichter, kraftiger Körper, in Kombination harmonisch.

IM KELLER: Das große Naturweinprojekt, das Angiolino Maule oben in seinen Weingärten seit gut einem Jahrzehnt betreibt, zieht er auf ähnlich konsequente Weise auch in seinem Keller durch. Das klingt zwar logisch, ist aber keineswegs selbstverständlich, auch nicht unter biologisch arbeitenden Winzern. Im Prinzip ist es natürlich extrem begrüßenswert, wenn man sich im Garten organischen Prinzipien – welcher Art auch immer – unterwirft, umso erstaunlicher ist es dann, wenn man dann im Keller Hefen zusetzt, wild filtert, schönt oder schwefelt.

Dass diese konsequente Arbeit mit Rückschlägen verbunden ist, daraus machen die Maules kein Geheimnis. „Wir haben in den ersten Jahren nicht nur ein Fass Essig produziert, Lernprozesse, wie sie jedem aufgeschlossenen Winzer widerfahren können – nur das Angiolino eben nicht mit neuen Technologien und der breiten Palette an Hefen, Enzymen etc. experimentierte, sondern den umgekehrten Weg ging und mit so wenig Zusätzen wie möglich seine Weine produzierte. Darüber geben auch heute seine Rückenetiketten im Detail Auskunft. Sämtliche Werte sind da aufgeschlüsselt dargestellt und mitunter (nicht immer) auch die Tatsache, dass der Wein ohne Schwefel produziert ist – dort, wo das nicht der Fall ist bewegt man sich am absoluten Minimum. Die Temperatur wird nicht kontrolliert, bewegt sich aber im allgemeinen zwischen 22-24°C, das heißt, dass man aufdringliche Primäraromen lange suchen kann. Zudem sind stete Versuche auf der Suche nach dem ultimativen Wein im Gange. Mal wird mazeriert, mal mit den Schalen vergoren, mal Ganztraubenpressung ausprobiert, ein andermal unterschiedliche Hölzer. Maules Weine sind ein ständiger work in progress, dabei jedoch stets spektakulär und beeindruckend. Er gehört mit seinem Versuch, so minimalistisch wie möglich zu arbeiten sicher zu den großen Avantgardisten der gegenwärtigen Weißweinwelt. Ah, und nur zur Versicherung alljener Skeptiker, die die Naturwinzer gerne ins esoterische Eck schieben. Angiolino ist ein großer Analytiker seiner Weine, einer der seine Weine wissenschaftlich prüfen und chemisch untersuchen lässt. Einer der trotz seiner Lust die Dinge auszureizen auch eine ganz eindeutige Konzeption seiner Weine in sich trägt und dem es wichtig ist, dass sie, um mal wieder die Schweizer zu zitieren trinkig sind, also bekömmlich.

Und einer der die unterschiedlichen Ansätze im Bioweinbau honoriert: „Jedes Terroir hat eine unterschiedliches geologisches Fundament, unterschiedliche Bodenstrukturen, eine andere Exposition, mehr oder weniger Wind, und ein unterschiedliches mikrobisches Leben – also hat auch jeder Weingarten seine unterschiedlichen Rebstöcke, die entsprechend unterschiedliche leben und arbeiten. Nicht hoch genug zu honorieren, sind die restlichen 4 Weine, die ich auf La Biancara dann zur Nachmittagspasta probieren durfte:

Der Pico ist La Biancaras Hausberg, es gibt ihn v.a. in der klassischen Großlagenversion, zudem jedoch auch in Minimalmengen in drei Einzelllagenabfüllungen, die da wären:

Pico: reife Frucht, mehr gelb als orange diesmal, als reife Äpfel und Birnen, dazu reicht er aber auch glich noch Nüsse und Brotkrusten mit. Mineralisch sind sie eigentlich alle, kräftig und doch elegant, balsamisch und doch auch mit feinen Zitrusnoten. Lang und gut

Faldeo: extrem würzig, saftige Pfirsichnoten, elegant, frisch und doch mit fein nussigen Noten, einfach zu trinken und komplex in all dem, was dabei passiert.

Taibane: der mineralischste der Bande, salzig, dito Pfirsiche, kompakt und dicht, straff und druckvoll, Orangenzesten in der Nase, leicht tropisch am Gaumen, Pfeffer und lang, my personal Nr. 1

Monte di Mezzo: ein zurückhaltender Zeitgenosse, der eher von Andeutungen lebt, die vermulich im Laufe der Zeit ziemliche Wegweiser werden. Aber Verweise reichen ja auch – ecco: mineralisch, Orangen, Blüten, ein wenig Pfeffer, leicht, elegant, amazing grace, great

Recioto: es ist immer ein wenig langweilig die Süßen am besten bewertet zu sehen (vor allem, weil sie ohnehin niemand trinkt), nur man muss schon sagen, dass der Recioto von La Biancara einfach super ist: Schoko, Malagaeis, eine Palette gerösteter Nüsse mit Honig drüber und dann noch das ganze Trockenobst, die Säure scheppert und passt also und mit dem lokalen Gebäck (viel Mandeln) ein riesiger Spass.

Toll. Aber das sind eigentlich alle Weine von Angiolino Maule. Definitiv ein ganz größer Höhepunkt des Veneto. Und weil es doch auch nicht ganz uninteressant ist, La Biancaras Weine sind wirklich günstig.

Ps: irgendwann in nächster Zeit wird es dann auch einen Vin Santo von La Biancara geben und zudem warten da auch noch zwei oder drei Rotweine. Doch davon ein andermal.

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