Gelegentlich macht es Sinn sich den dramatischen Ereignissen gleich am Anfang zu widmen. Dann kann man sich den positiven Aspekten in aller Ruhe zuwenden – ohne wesentliche Brüche und in aller Ausführlichkeit. Das habe ich von Martin Lichtenberger und Adriana Gonzalez gelernt – dem famosen österreichisch-spanischem Gespann – die mich an einem idealen Breitenbrunner Novembernachmittag ins Auto gepackt und auf den Vorderberg gekarrt haben. Der gehört zu den großen unbekannten Weingärten Österreichs (dazu gleich) und bildet das Fundament für einen der besten Blaufränker, an den ich mich erinnern kann (dazu später).

Die bisweilen mehr als 50 Jahre alten Stöcke – erzählte Martin also gleich zu Beginn – hatten den lauen Winter, den heißen Mai und den Dauerregen seit August ohne gröbere Beeinträchtigungen überstanden und waren gerade im Stadium perfekter Reife als die 1000 Kilo Trauben Opfer einer Heerschar von Vögel wurde, die selbst Hitchcock Angst gemacht haben dürfte. 990 Kilo wurden laut Martin gefressen, 10 Kilo ließen sie aus Mitleid(?), Zynismus (?), Gehässigkeit (?) hängen. Der Schaden ist immens, zum einen, weil man bei gerade mal 4,5 Hektar und einem ertragsarmen Jahr wie 2014 ohnehin auf jede Traube angewiesen ist, zum anderen weil… wie gesagt… der Blaufränkisch vom Vorderberg zu den besten des Landes gehört. Die Gründe dafür sind vielfältig und liegen genauso im Gestein (Kalk/Schiefer), im Boden (Sandgranulat: oben karg/unten etwas tiefgründiger), der Neigung (oben steil/unten flach auslaufend), der Exposition (in die Sonne), dem Wind (beständig), den Trauben (oben kleiner/unten größer) vor allem aber in der Leidenschaft, Akribie und Philosophie der beiden Protagonisten begraben. Die Reihenfolge ist dabei ausnahmsweise nicht unbegründet: Leidenschaft spürt man in jedem Satz, den die beiden über ihre Methoden und Ideen erzählen, und das obwohl der kühle Novembernachmittag langsam zum kalten Abend wird und sich ein Schleier über den in der Ferne sichtbaren Neusiedlersee legt.

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Sie arbeiten nach biologischen Prinzipien, in die gelegentlich biodynamische Anleihen einfließen, ohne jedoch zertifiziert sein. Ob es auf Dauer Sinn macht, sich den Institutionen zu verweigern, wird man sehen; der ganze wesentliche Grund scheint mir dabei vor allem derjenige zu sein, dass man die ohnehin spärliche freie Zeit – beide arbeiten hauptberuflich als Kellermeister bei Birgit Braunstein (Adriana) und Gernot Heinrich (Martin) – lieber in den Weingärten als mit der stets anfallenden institutionellen Bürokratie verbringen will. Darüber kann man streiten, man kann es aber auch fürs erste einfach akzeptieren und verstehen.

Da wo im Frühling und Sommer Löwenzahn, Capsicum und Kamille stehen, wuchert es auch jetzt, wobei generell das wächst, was wachsen will. So ist das auch am Mitterberg, ihrem jüngsten Projekt, wo die beiden vor vier Jahren ebenfalls Blaufränkisch ausgepflanzt haben. Unterschiedliche Klone aus der Region (von Iby, Umathum und Triebaumer) sorgen für lokale Diversität. In Zukunft wollen sie eigene Klone aus dem Vorderberg ziehen und damit noch 2,5 ha brachliegende Flächen bestocken. Die insgesamt sieben Hektar haben sie übrigens von Martins heute 94-jährigem Opa bekommen, der im Nachkriegsösterreich von einer gemischten Landwirtschaft auf Weinbau umstellte und bis vor 10 Jahren auch noch selbst aktiv im Weingarten mitmischte. Der Fokus lag dabei immer auf Blaufränkisch und ein paar weißen Sorten, allen voran Neuburger, Grüner Veltliner und Weißburgunder, der im Edelgraben, Österreichs ultimativer Lage für diese Sorte wächst – die fällt zwar nur dezent ab, doch tun sich, laut Adriana auch hier eminente Unterschiede zwischen den einzelnen Abschnitten auf. Es ist vor allem der Schiefer unter den höher liegenden Rebstöcken, der den Weinen (es gibt auch eine alte Blaufränkisch-Anlage, die zum Leithaberg Rot beisteuert) eine rauchig-steinige Note auf den langen Weg in die Zukunft mitgibt.

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Der kurze Weg in Richtung Zukunft brachte uns in den Verkostungsraum, einem renovierten Kuhstall, in dem es erstmal den Weißwein vom Muschelkalk gab und dazu auch ein paar Erklärungen, die ganz generell Einiges über die Kellerphilosophie erzählten. Die feine Gerbstoffstruktur findet sich beispielsweise nicht nur im Muschelkalk (GV, Weißburgunder, Neuburger), sondern auch im Leithaberg (Neuburger: aromatisch, Kräuter, Kamille…) und hat ganz einfach damit zu tun, dass jeder Wein zumindest eine kurze Maischestandzeit mit auf den Weg bekommt. Allen Weinen gemein ist auch eine kompakte Straffheit, eine lebendige Struktur und eine erstaunliche Aromatiefe und Substanz – es wird durch die Bank spontan vergoren, in Holzfässern (gebraucht) auf Voll- und Feinhefe ausgebaut, relativ spät gefüllt, möglichst wenig geschwefelt und stets über Innovationen nachgedacht – und nach reiflicher Überlegung auch entsprechend experimentiert. Das zeitigt dann Weine, die man nie mehr missen möchte: wie gut auf den Schalen vergorener Traminer ist, weiß man dank Roland Tauss sensationeller Version in der Zwischenzeit, wie großartig sich Muskat Ottonel auf der Maische (mit Stengel, Kämmen und allem Drum und Dran) entwickelt, weiß ich dank Adriana und Martin jetzt ebenfalls. Der eher mühsame 4711-Duft, der der Sorte oberflächlich innezuwohnen scheint, ist einer Mischung aus Marzipan, Blüten und Laub gewichen (und wer weiß, was sich mit etwas mehr Zeit im Glas noch finden würde) – zudem haben sie die ganze Substanz der Sorte ausgelotet, der sie Kraft, Tiefe und Leben(digkeit) einhauchen.

Bevor wir uns die roten 2012 einschenkten, machten wir noch einen Sprung in den Keller; Fassproben sind ja meistens eine heikle Angelegenheit – unfertig und gelegentlich auch irreführend – und die weißen Versionen waren auch nicht einfach (da reduktiv – aber so ist das nun mal; die Zeit wird das sukzessive korrigieren).

Weshalb ich den Ausflug hinunter ins Gewölbe überhaupt erwähne, liegt darin begründet, dass ich das Glück hatte den Leithaberg BF 2013 (also schon aussagekräftiger) und den Vorderberg  Blaufränkisch probieren zu dürfen und was sich da – quasi pränatal – im Glas befand, würde einen Haufen Superlative rechtfertigen – solche Weine sollte man subskribieren dürfen.

Oben gab es dann die offiziellen Versionen und dass die Spaß machten, war dann nicht mehr wirklich überraschend. Abgesehen von den beiden großen Blaufränkern (fleischig, saftig, strukturiert, kompakt, kraftvoll….), gibt es übrigens auch hier eine Muschelkalk-Version, in die auch ein wenig Zweigelt fließt: harmonisch, dynamisch und vital, mit viel Zukunft – Attribute, die sich im Grunde auch ganz einfach auf Adriana und Martin übertragen lassen.