Der Tipp kam von Enrico, meinem Metzger, während er mir die Vorzüge weiblicher Kälberherzen („zwar nicht so geschmacksintensiv dafür weicher“ – Frauenherzen eben) auseinandersetzte. „Wenn du in Cerea bist, musst du zu Massa Vecchia. Du musst!“ Eigentlich muss Enrico nicht insistieren, ich traue seinem Urteil vorbehaltlos immer. Abgesehen davon, dass er der beste Metzger Ferraras ist (und der beste, den zumindest ich jemals kennengelernt habe), kennt er sich nämlich auch in der italienischen Naturweinszene fabelhaft aus.

Angekommen bei der Naturweinmesse in Cerea bin ich also zielstrebig zu Tisch Nr. 93 gesteuert und habe gleich mit einem der großen Höhepunkte der Vino Vino, dem alljährlichen Weinfest der Vini Veri begonnen. Massa Vecchia ist seit Anbeginn in der Organisation vertreten, was wenig überrascht, wenn man weiß, dass Fabrizio Niccolaini, nicht nur der Gründervater von Massa Vecchia (1983) ist sondern auch der von Vini Veri. Wusste ich aber nicht, wurde mir aber gleichmal von Francesca, Fabrizios Tochter erklärt und daraufhin auch noch vieles mehr.

Kurz gefasst liest sich das dann so: Fabrizio hat die Regie des Weinguts an Francesca abgegeben, die an der eingeschlagenen Philosophie nicht rütteln will. Diese Philosophie hat ein ethisches Fundament, einen biodynamisch gepflegten Sockel aus Kalk, wenn man so will, denn darauf stehen die 15000 Rebstöcke von Massa Vecchia. Dabei haben die einheimischen Rebsorten immer mehr Spielraum. Sangiovese dominiert, doch gesellen sich auch noch Aleatico (reinsortig als Passito), Alicante, Malvasia Nera (allesamt rot) Vermentino, Ansonica und Malvasia di Candia (weiß) hinzu. Nebenbei gibt es auch noch Cabernet und Merlot (die sollen allerdings nur noch Nebenrollen einnehmen, was prinzipiell nicht besonders schade wäre, hätte nicht gerade auch die Assemblage mit den beiden Rebsorten (Berace) wirklich Klasse).

Die Herangehensweise erinnert – um beim Bild der Filme zu bleiben – an die dänische Dogma Bewegung: puristisch, langsam, mit Blick und Zeit für das Detail, experimentell und doch traditionell, ein Spiegel – und da weichen wir jetzt mal ab – der Herkunft und des Jahres.

Oberstes Ziel ist es, Weine von allerhöchster Qualität zu machen, doch ohne dabei Kompromisse einzugehen – d.h. Wenn das Jahr eben keinen ordentlichen Wein hergibt, dann gibt es eben auch keinen Wein, so geschehen 2008, wo von 30000 potenziellen Flaschen ganze 2000 übrigblieben. Die Hälfte davon war Rosé, doch wer glaubt, dass man es hier mit dem üblichen leichten Sommerzeugs zu tun hat, liegt gewaltig daneben.

Massa Vecchias Rosato 2007 toppt quasi alles bisher in diesem Genre dagewesene (einzig bei Franz Strohmeier habe ich kürzlich ein ähnliches Erlebnis gehabt), er ist ein Produkt aus klassischem Saftabzug und hat floral-aromatische Noten, eine feine Ledrigkeit kombiniert mit Himbeeren und erinnert nicht nur in seinen Aromen an Pinot, vielmehr hat er auch den Körper eines kräftigen Burgunders. Francesca tut ihn zwar als Sommerwein ab, doch ist das definitiv zu viel an Understatement.

Andererseits durfte ich davor schon den Bianco probieren, dem vielleicht noch mehr Superlative gebühren. 10 Tage Maischestandzeit verwandeln Vermentino (40%) Malvasia (40%) und Ansonica (20%) in eine Cuvée, die floral und fruchtig, vor allem aber saftig, kompakt, kraft- und druckvoll war und so lang am Gaumen hing, dass mir Francesca in der Zwischenzeit die Vorteile von Kastanienholz (besserer Luftaustausch) gegenüber der Eiche erklären konnte. Manchmal kommt auch noch etwas Kirsche ins Spiel (Tradition in der Gegend), zumeist gebraucht, manchmal freilich neu, denn zuerst muss man ein Fass ja auch mal verwenden, bis es gebraucht ist. Das, wie auch die gesamte Weingartenarbeit, wird extrem sensibel gemacht. Fast jeder Schritt wird dabei händisch ausgeführt. Den Traktor lässt man vorzugsweise in der Garage, da fortwährendes Befahren den Boden des Weingartens stetig verdichtet und somit zu einer schlechten Wasserdurchlässigkeit führt.

Jeder Schritt im Weingarten – und ich erwähne hier nur die größten – wird genau durchdacht und bemessen und gleiches gilt auch für den Keller. Wenn möglich wird dort so gut wie nichts unternommen, Schwefel wird nur im äußersten Notfall beigegeben und dann auch nur in mikroskopischen Mengen. Den Weinen selbst scheint dies nur gut zu tun. Und so ist denn auch der Querciola (von der gleichnamigen Einzellage – 80% Sangiovese/20% Alicante) ein letzter Höhepunkt einer völlig fulminanten Serie von Weinen.

Wer auch immer sich an der toskanischen Küste bewegt (und meint es reicht auch mal mit Ornellaia und Solaia) sollte einen kurzen Abstecher nach Massa Marittima machen und zumindest ein paar Flaschen Rosato, Bianco und Rosso mit nach Hause nehmen.

 

Bianco 2009: Melone, floral, griffig, feines Tannin, Orangenzesten, reife saftige Frucht, leicht kalkige Noten, fantastisch

 

Rosato 2007: floral, mineralisch, Himbeeren im Einklang mit Leder, dicht, intensiv, hält sich nicht mit seinen Vorzügen zurück, elegant, lang

 

Berace 2009: fleischig, Veilchen, weich, kompakt, süffig, strukturiert, der einfachste Wein, Trinkspass von der 1 bis zur 100 Sekunde, denn lang ist auch die simpelste Variante

 

Querciola 2008: Liebstöckl in meiner Nase aber vermutlich Garrigue in französischen und Ginster in italienischen, Kräuter, anfangs verhalten, dann erdige Waldbeernoten, robust, mit Ecken und Kanten, doch druckvoll, saftig, kraftvoll, der Wein mit dem größten Potenzial.

 

Massa Vecchia

Loc Massa Vecchia

58024 Massa Marittima

tel: 3493027714

www.massa-vecchia.com

 

kein Vertrieb bei uns

 

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