2014-11-22 11.19.23Pamhagen ist dort, wo Österreich aufhört und Ungarn anfängt; einer dieser Orte, die man nur dann kennenlernt, wenn einem das Benzin ausgeht, während man nach Fertöd zum Zahnarzt oder ins Schloss fährt oder Ornithologie zu seinen Passionen zählt. Würde ich also nicht so gerne Wein trinken (und darüber schreiben), Pamhagen hätte mich nie gesehen. Und ich hätte Michael Andert nicht kennengelernt. Ich hätte definitiv etwas verpasst.

Michael Andert ist ein exzellenter Winzer. Das sind andere fraglos auch. Was Michael Andert zudem so speziell macht ist sein Konzept, sind seine Ideen, seine Methoden, ist sein Weltbild – es ist etwas, was man – weiß man erst ein wenig darüber Bescheid, auch in seinen Weine schmecken kann, mag man es nun Originalität, Charakter, Vitalität oder Natürlichkeit nennen – oder alles zusammen.

Aber starten wir am Anfang: Im Innenhof des Weinguts geht es ordentlich rund. Hühner, auf der Flucht vor Frau Andert und/oder dem Hahn, machen Radau und der Hund bellt dazu. Michael ist die Ruhe selbst und nachdem er uns (Dominik P. von vinonudo ist mit von der Partie) erstmal die Gläser mit einer Zweigelt Vorlese eingeschenkt hat, erzählt er uns durch den Lärm von einigen seiner Grundintentionen, deren Fundament seit gut einem Jahrzehnt die Biodynamik bildet; so wie die immanente Bedeutung des Wortes Biodynamik Stillstand quasi generell ausschließt, so innovativ und engagiert ist auch Michael Anderts Ansatz konsequenter Weiterentwicklung – alles mit dem Ziel einen in sich geschlossenen und autonomen Kreislauf herzustellen.

2014-11-22 12.04.17Aufgewachsen auf einem gemischtbewirtschafteten Hof, weiß er um die Vorzüge einer variablen Landwirtschaft: Vieh wurde schon immer gehalten, Wein quasi ebenfalls und so macht er im Grunde dort weiter, wo die Vorgängergenerationen die Basis gelegt haben. Nur eben noch nachhaltiger. Pestizide haben in seinem Weingarten genauso wenig verloren, wie systemisch wirkende Behandlungsmittel oder Kunstdünger. Dafür kommen Tees und Sprays zum Einsatz und anstelle dumpfer monokultureller Weingartenpflege wird im besten Sinne multikulturell gearbeitet: es wächst, was wachsen will und damit er auch Bescheid weiß, was das alles ist, hat er zudem eine Ausbildung zum Kräuterpädagogen absolviert.

Nun ist es natürlich brillant über all die Unterschiede Bescheid zu wissen, der Pädagoge hinter den Kräutern wäre allerdings alleine auf dem Feld zwecklos: weshalb er seit nunmehr fünf Jahren gemeinsam mit den Schulkindern Pamhagens auch einen Garten pflegt, was laut Michaels Schilderungen, beiden Parteien immensen Spaß machen dürfte. Es wird kollektiv vorbereitet, gearbeitet, geerntet und gegessen und es wird diskutiert und gefragt – auf einer Ebene, wie er es von Erwachsenen nicht gewohnt ist. Die Essenz der Dinge wird ausgelotet, wie das eben nur Kinder können.

Wir versuchen es in der Zwischenzeit den Kindern so gut wie möglich gleichzutun und der elementaren Beschaffenheit von Michaels Zweigelt auf den Grund zu gehen und kommen zu dem schönen Fazit, dass sie definitiv mehr von Bach als von Wagner in sich haben. 10,6% Alkohol hätten bei Wagner nicht mal für eine Ouvertüre gereicht, bei Bach wäre sich damit wohltemperiert eine ganze Sonate ausgegangen. Das gilt auch für die Zweigelt Selektion, die zwar profunder, dunkler und saftiger daherkommt, allerdings auch nichts von einer Walküre in sich birgt.

Der dritte Rotwein ist Michael Bekenntnis zu einer Rebsorte, die ihm seit jeher am Herzen liegt und die er deshalb auf einem Schotterriegel ausgesetzt hat, genau dort, wo sie auch im Bordeaux stehen würde: Cabernet Sauvignon. Nach den Cabernet Franc Versionen von Christian Tschida der zweite burgenländische Beweis dafür, dass man die Winzersöhne und -töchter des Bordeaux statt nach Kalifornien besser ins Burgenland schicken würde.2014-11-22 12.29.39

Auf dem Weg in den Keller passieren wir einige Stationen anderer Andertscher Leidenschaften, u.a. den Garten, vor allem aber die Selchkammer, die man als ersten Verweis auf Michaels fleischhackerische Talente ausmachen kann. Der zweite hängt auf diversen Haken von der Kellerdecke herunter oder liegt einvakuumiert zwischen den Weinflaschen; oder aufgeschnitten vor uns, während wir seine Hauptwerke (zumindest aus meiner Sicht) ausprobieren. Zuerst saugt Michael ein wenig Ruländer aus den Tanks (allesamt gebrauchte Holzfässer) und wir kosten uns durch den Jahrgang 2014, der frisch und leicht, aber auch saftig, tiefgründig, präzis und vital wirkt. Danach geht es die Jahrgänge hinab und  drei essentielle Dinge bleiben bei der Reise in die Vergangenheit hängen: a. Ruländer alias Pinot Gris alias Pinot Grigio alias Sivi Pinot alias Grauburgunder ist in allen vier Sprachen eine phänomenale Rebsorte (wehe dem, der sie ausreißt), vor allem dann, wenn man sie reif liest und mazeriert b. Michael Andert ist ein Meister in Sachen Maischegärung und c. der Unterschied zwischen 5 Tage und 41 Tage Mazerationszeit ist nicht allzu dramatisch, was ganz einfach bedeutet, dass ein Großteil der Gerbstoffe bereits in den ersten Tagen ausgelaugt wird (genauere Verkostungsnotizen folgen, in aller Kürze und pauschal über den Kamm geschert und die Jahrgänge beurteilt, sind die Weine dicht, fokussiert, substantiell, bestens strukturiert, aromatisch (wenig Frucht, viel Kräuter) und lang. Das gilt auch für den Wein, der „eigentlich kein Wein sein dürfte“, nämlich ein ebenfalls maischevergorenen Weißwein (inkl. Stengel), der aus P…T M…..G und Österreichisch Weiß (die Rebsorte gibt es wirklich) besteht. Ein großer und großartiger Wein.

Über Michael Andert könnte man noch eine ganze Menge mehr erzählen und vermutlich würden die Leute, die bis hierher gelesen haben auch noch weiterlesen: über seinen St. Laurent (zu dem man am besten – um bei der Musik zu bleiben – Bobby Vintons Blue Velvet hören sollte), über sein eingelegtes Gemüse, vom dem wir neben Ruländer & Co. einen Sack voll nach Hause gekarrt habe, über seine Leidenschaft für Wild, seine Kräuterführungen für Erwachsene (unbedingt zu empfehlen) …  das Beste ist es aber ganz einfach einen seiner Weinen zu kaufen (wo auch immer) oder zu Konstantin Filippou oder ins Kussmaul aufzubrechen und seine Weine zu den mitunter besten Gerichten der Wiener Gastroszene zu probieren. Sie sind definitiv eine angemessene Begleitung.