Am Ende eines langen Verkostungstages weiß man oft nicht mehr so recht wohin. Der Bahnhof ist nah, der Zug noch nicht da und um die Kraft ist es schlecht bestellt. Dann entscheidet man (ich) oft ein wenig irrational, nach Etiketten, nach Gesichtern, nach Regionen, die einem wenig und Rebsorten, die einem gar nichts sagen. Bei Poggio al Gello fiel gleich alles zusammen. Die Gesichter waren sympathisch, die Etiketten originell im angenehmen Sinne, die Region in dem ihre Weingärten wurzeln, heißt Montecucco und abgesehen davon, dass es dort Sangiovese gibt, findet man auch Pugnitello, „die kleine Faust“, die wie Alda erklärt, einfach mit der Winzigkeit der Beeren zu tun hat. Giorgio, ihr Mann, hockt in der Zwischenzeit auf einem Schemel und scheint mit dem Tag ebenfalls abgeschlossen zu haben, gesellt sich aber nach ein paar Minuten zu uns und schiebt den Pugnitello erstmal auf die Seite. Zuerst geht es bei Poggio al Gello vor allem um Sangiovese und hier verfolgt man ein simples aber auch brillantes Projekt.

Die Idee dahinter ist demokratisch, denn jeder Traube wird die gleiche Aufmerksamkeit gewidmet. Sie werden biologisch bewirtschaftet, alle gemeinsam über ein paar Tage gelesen, zusammen vinifiziert, doch wandert danach die eine Hälfte in Stahltanks, die andere in gebrauchte Holzfässer. Und dann wartet man erstmal. Nach 18 Monaten, manchmal auch 2 Jahren – ganz abhängig vom Entwicklungsstadium der Weine – kommen sie dann mit einer dezenten Schwefelung kurz vorm Flaschenfüllen auf den Markt. Der Unterschied, der sich letztlich nur dem Gebinde verdankt, ist gewaltig. Zumindest sagen das die Weine des Jahrgangs 2009. Dass man im Stahltank mehr Frucht findet, liegt auf der Hand, doch ist der Wein (mit dem Namen Fosso del Nibbio) zudem weicher, charmanter, er wirkt leichter, wärmer und weniger ungestüm als sein holzaffiner Bruder, dem zusätzliche Reife definitiv noch guttut.

Alda und Giorgio wissen das natürlich längst und sind mit beiden sehr zufrieden, Alda zeigt deutlich mehr Enthusiasmus für die Stahltankversion, Giorgio ist mit staatsmännischer Miene unparteisch. Was beide jedoch betonen, ist die Tatsache, dass beide Weine mit unterschiedlichem Essen kombiniert werden sollten. Der Stahltanksangiovese, so Alda, eignet sich für Käse und sogar für Fisch, der Holzfasssangiovese sollte mit kräftigen Pastasaucen und hellem Fleisch kombiniert werden.

Bleibt „die kleinen Faust“, der Pugnitello. Im italienischen Rebsortenführer steht dazu, dass die Rebe 1981 plötzlich auftauchte und das vor allem in der Nähe von Grosseto, Aldas und Giorgios Heimat. Sie war natürlich schon immer irgendwie da, allerdings wurde sie nie wirklich katalogisiert (das geschah erst 2002). Die beiden, ihrer Heimat durchaus verbunden, pflanzten dann 2004 ihren eigenen Pugnitello-Weingarten und das Resultat gibt es zum Finale auch zu verkosten.

Pugnitello: Kirschen² und das von Anfang bis Ende, rund und sehr weich, sowohl was die Säure wie auch das Tannin betrifft, ein paar Kräuter aber letztlich doch ein einfach gestrickter Wein. Allerdings, laut Giorgio, bestens zu Schweinefleisch und Krustentieren geeignet (und der Mann weiß, was er sagt).

Rosso del Gello 2009: Tee, Kräuter und Veilchen in der Nase, später Kirschen, intensiv aber präzis, im Mund kräftig, strukturiert mit festen Tanninen und lebendiger Säure, schon jetzt ein Top-Wein, in ein paar Jahren dann wirklich groß.

 

 

 

 

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