Vanni Nizzolis Cinque Campi, seine fünf Felder liegen am Fuße des Apennins, nicht weit von Reggio Emilia entfernt, der Hochburg des Parmesans und noch einiger anderer köstlicher Sauereien. Gnocchi zum Beispiel sind hier und im Umkreis von ca. 50 Kilometern besser als irgendwo sonst auf der Welt, Steinpilze gibt es so viele, dass sie einem als Begleiter zu den Antipasti einfach glasweise auf den Tisch gestellt werden und Ravioli möchte man hier auch nicht missen und tut es auch nicht.  Und weil ich gerade dabei bin in meiner kulinarischen Vergangenheit  zu wühlen, sollte ich auch noch kurz das Valle di Cavalieri erwähnen, wo uns Emiliano im Agriturismo di Succiso drei Tage lang den ganzen Fundus reggio-emilianischer vorgekocht hat. Unmengen. Fantastisch. Unvergesslich.

Aber zurück zu Vanni. Der kommt uns mit violetten Händen entgegen, die Lese für den Tag ist gerade vorbei und die Mühen der Arbeit sind nicht spurlos an ihm vorübergegangen. „Grasparossa“, meint er mit einem Blick auf seine Hände. Grasparossa  ist eine Spielart des Lambrusco, der in der Emilia noch immer oberste Priorität hat, bei Vanni allerdings eher die zweite Geige spielt. Auch wenn er ihn ernst nimmt und auch gleich betont, dass er mit dem süßlichen Industriezeugs null Gemeinsamkeiten hat. Sein Lambrusco ist a. trocken b. tanninig c. filigran und elegant d. druckvoll und saftig und e. schwefelfrei und bio. Damit ist er beim besten Willen nicht der einzige in der Emilia und wenn die kleine Nische vielleicht doch irgendwann größer wird, darf man vielleicht auch die Reputation des Lambrusco revidieren. Solange bleibt es den Mutigen der Weinwelt überlassen, sich durch die verschiedenen Interpretationen von Mikroproduzenten wie Nanni zu kosten.

 

Vier Hektar Weingärten umfasst sein Gut, allesamt in Gehdistanz zu erreichen und wie an am Fuße eines Gebirges nicht anders zu erwarten, teilweise steil abfallend. Diese vier Hektar (allesamt biologisch bewirtschaftet, in einer sehr kargen Parzelle arbeitet er biodynamisch) weisen immer wieder unterschiedliche geologische Formationen auf, ganz wesentlich ist für Vanni allerdings das Alter der Rebstöcke. „Marzemino zum Beispiel ist in der Jugend banal und eigentlich sollte man in bestenfalls in kleinen Anteilen als Fruchtspender in Cuveés verwenden. Hat er erstmal 15 Jahre am Buckel verändert er sich, wird komplexer, eleganter und strukturierter.“ Bei Vanni bleibt er trotzdem im Cuveé, vor allem deswegen, weil er nicht viel davon hat. Dort assistiert er dem Malbo Gentile, Vannis wichtigster roter Rebsorte, aus der seit gut einem Jahrzehnt der Le Marcone, ein dichter, gehaltvoller, lebendiger Wein entsteht. „Früher dachte man, dass die Malbo eventuell ein italienischer Doppelgänger des Malbecs wäre“, doch obwohl sensorische Parallelen bestehen, bestätigte sich diese Annahme nicht. Geblieben sind also nur die ersten vier Buchstaben und ein paar  Hektar Rebfläche, die sich im Hinterland Reggio Emilias über die Hügel ziehen.

Unten im Keller probieren wir uns durch die Fässer, 800 Liter Eichenholz, wo konzentrierte dunkle Frucht und Pfeffer jetzt schon bestens harmonieren und einzig das Holz noch ein wenig besser eingebunden werden muss. Aber dafür ist Zeit, Vanni gönnt dem Le Marcone zwei Fassjahre und das lohnt sich (Verkostungsnotiz hier). Da wir – den blauen Händen Tribut zollend – mit dem Lambrusco begonnen haben, war der Schritt zum Malbo logisch, doch hat Vanni auch Weißes, den Bora Lunga, und deshalb machen wir nun eine Kehrwende zu einer Rebsorte, die in unseren Breiten ungefährt die gleiche Popularität wie die Malbo genießt: die Spergola. Die Spergola ist farblich schüchtern und selbst die fünftägige Mazeration gibt ihr lediglich einen feinen Gelbstich. Dafür spielt sich in Nase und Gaumen einiges ab. Auch hier bestand Verwechslungsgefahr, diesmal dachte man, es mit Sauvignon Blanc zu tun zu haben, was durchaus nachvollziehbar ist. Feine florale Noten und reife gelbe Äpfel dominieren, zumindest bei Vanni. Eine ebenfalls mazerierte Variante macht gerade eine Zweitgärung in der Flasche durch und wird in ein/zwei Monaten als Spumante das Licht der Welt erblicken.

Vanni setzt bei all seinen Weinen (toll auch der Trebbianc, eine steinig-frische nichtdegorgierte Spumantevariante) auf minimalste Intervention. Die Gärung startet spontan und wird auch in ihrem Verlauf nicht weiter unterstützt, der Ausbau erfolgt in durchwegs großen Holzfässern, die kleinen hat er in die Ecke gestellt (zu intensiv für seinen Geschmack). Filter sucht man im Keller genauso vergeblich wie Kieselgur oder Schläuche zur Temperaturkontrolle. Was man allerdings bei Gianni auch findet ist Aceto Balsamico. Der reift in unterschiedlichen aromagebenden Holzfässern – von Kirsche bis Wacholder – am Dachboden und wer je Lust und Muse hat, bei Cinque Campi stehenzubleiben und sich den Kofferraum mit Wein vollzubunkern, sollte unbedingt auch ein paar Flaschen Aceto mitnehmen.