Anfang Februar 2014. Strömender Regen im Collio. Der Isonzo ist prallgefüllt, der Wetterbericht elend, ein Ausflug zu Lorenzo Mocchiutti von Vignai da Duline der einzige Silberstreif am Horizont. Da er sich zum einen Vereinigungen rigoros verweigert, zum anderen es nie schafft auf Verkostungen zu erscheinen, kannten wir seine Weine nur aus Geschichten, allerdings aus guten. Lorenzos und Federicas (die leider keine Zeit hatte aber eine ähnlich elementare Rolle spielt) Weingut liegt in San Giovanni al Natisone, mitten in der Ebene; doch als wir aussteigen und uns in den trockenen Verkostungsraum abseilen wollen, überrollt uns Lorenzo mit der Idee in die Hügel aufzubrechen, in den Collio , zu seinen Parzellen, zurück in den Regen.OLYMPUS DIGITAL CAMERAWas im ersten Moment nur mäßig Freude bereitete, entwickelte sich in den folgenden 90 Minuten zu einer beeindruckenden Lektion über bewusste Weingartenarbeit. Die didaktischen Fähigkeiten, die Lorenzo an uns demonstrierte, beruhen zudem auf langjähriger Erfahrung, Schulklassen und Studenten sind stete Besucher seiner Weingärten.

Vier der sechs Hektar befinden sich am Ronco Pitotti, einer 1993 gepachteten Fläche, die noch immer von den eigentlichen Besitzern bewohnt wird. Zu ihren Füßen erstreckt sich eine einheitliche Weinbergsfläche, die als erste des Friauls biologisch zertifiziert wurde und über deren Eigenheiten und Spezifika Lorenzo detailliert Auskunft gibt. In wenigen Worten zusammengefasst liest sich das ungefähr so. Ziel ist es seit jeher, ein perfektes ökologisches Gleichgewicht herzustellen, wobei man von den Erfahrungen der Vergangenheit bestens lernen konnte. Auf den vier Hektar wurzeln in unterschiedlichsten Expositionen und oftmals in einem eigenen Mikroklima sieben verschiedene Rebsorten. Die Böden unterscheiden sich dagegen kaum, das 35 Kilometer entfernte Meer hinterlässt auch noch im Collio seine Spuren: viel Flysch, viel Kalk, karge Böden, über den eine 30 Zentimeter dicke Humusschicht liegt.  OLYMPUS DIGITAL CAMERAKeine der Rebsorten wurde von Lorenzo und Federica gesetzt, die ältesten sind 90 Jahre alt, die jüngsten 30. Pinot Nero, eine erstaunliche Ausnahme im Rebsortenspiegel des Collio, steht ganz unten, im Schatten eines Waldes, dort wo es am kühlsten ist. Pinot Grigio, in der kollektiven Wertschätzung ganz sicher am tiefsten positioniert, steht in der exponiertesten Lage, weil er dort am meisten Sonne abbekommt. Merlot friulano, der mit Bordelaiser Merlot eigentlich nur den Namen teilt, wurzelt in einer windigen Lage, um potenzieller Botrytis keine Entwicklungsmöglichkeit zu geben. Dazu kommen noch Chardonnay, Sauvignon Blanc und Refosco, allesamt steinalt und mit über Jahrhunderte akkumuliertem Wissen an die richtigen Stellen gepflanzt (in ihrem zweiten Weingarten, dem Duline, stehen zudem hundert Jahre alte Tokai Stöcke  und Schioppettino).

Lorenzo lebt vor, was es bedeutet, wenn Winzer meinen, ihr Wein würde im Weingarten entstehen. Zwar kann man im Februarmorast nur erahnen, dass sich hier im Frühjahr das prelle Leben abspielt, doch allein die Vielzahl an wildwachsenden Leguminosen  gibt Aufschluss darüber, wo die Intentionen und Prioritäten von Lorenzo liegen. OLYMPUS DIGITAL CAMERAIm Sommer schießen die Pflanzen bis zu einen Meter in die Höhe, erst dort beginnt die Traubenzone – Lorenzo meint, seine Trauben brauchen keine Bodenwärme (die Resultate geben ihm Recht). Gewipfelt wird ebenfalls nicht und auch das hat seine Gründe. „Verlieren Reben ihre Spitze, verlieren sie auch ihren Sensor“ – unkontrolliertes Wachstum ist die Folge, da der Rebstock dann quasi seinen Regulator verloren hat und alle anderen Triebenden das Kommando übernehmen wollen. Das klingt zwar demokratischer, geht aber, wie wir wissen, auch nicht immer gut. Die Lektion dauerte wie gesagt 90 Minuten, doch wer mehr wissen will, sollte vielleicht selbst mal einen Abstecher nach San Giovanni machen. Wir verzogen uns schließlich doch noch für ein paar Minuten in die Kantine, wo sich dann – schlechter Planung wegen – nur noch die Weißweine ausgingen. Die allerdings manifestieren ganz simpel das, was Lorenzo und seine Weingärten vorleben. Ungeheure Vitalität, Intensität und Kraft ohne dabei auch nur eine Sekunde alkoholisch zu wirken (wie auch, die meisten Weine kratzen nicht mal an den 13 Volumsprozent). Sie sind Kinder  ihrer Böden und ihres Klimas, sind salzig, glasklar (ungefiltert) und puristisch, saftiger als ein Steak und balsamischer als Sandelholz. Ausgebaut wird geduldig und ohne Eingriffe in großen und kleinen Holzfässern. Lorenzo und Federicas Weine  sind, ganz kurz gesagt und auf den Punkt gebracht, die mitunter besten Weißweine, die ich kenne.