Wer sich auf der Autobahn zwischen Venedig und Florenz befindet und zu früh dran ist oder doch keine Lust auf die Uffizien, David und Schlangestehen hat, der kann bei Bologna einen Schlenker in Richtung Osten machen, bei Faenza einmal rechts abbiegen und dann weiter hinein in die Colli Romagnoli fahren. Nach ein paar Kilometer kommt man nach Brisighella, was für sich schon eine Reise wert wäre und wer sich dann schon mit den romagnischen Hügeln angefreundet hat (sie gehen völlig nahtlos in die Toskana über), der sollte weiter zu Filippo Manetti fahren. Dem gehört das Anwesen Campiume und ganze 4 Hektar Wein, die sich durchwegs in Gehdistanz befinden. Anwesen ist eigentlich das falsche Wort: Campiume ist eine steinalte Kirche, die er über 15 Jahre soweit renoviert hat, dass das Kirchenschiff sein Wohnzimmer ist und die Küche wohl da steht, wo einst der Altar war. Alles freilich mit dem Segen der offiziellen Kirche gemacht und das noch dazu wunderschön. Wer das genauer inspizieren möchte, kann sich bei Filippo einmieten, es lohnt sich.

Filippo

Befindet man sich auf vinophiler Entdeckungsreise gibt es zudem viel zu entdecken. Filippo ist Mitglied der Bioviticultori, die es sich zum Ziel gesetzt hat mit nachhaltigen, dezidiert naturnahem Weinbau große Weine aus – zumeist – autochthonen Rebsorten zu produzieren. In Filippos Fall ist das vor allem Sangiovese, wobei er auch Merlot und Cabernet angepflanzt hat. War halt ein Trend in den Mitneunzigern.

Die Rebzeilen selbst beginnen auf knapp 200 Metern, es ist dort vor allem sandig und ziehen sich den Monte Bicocca hinauf auf knapp 350 Meter. Dort oben ist nicht nur das Mikroklima ein anderes auch der Boden hat sich verändert. Gipsartige Mineralien dominieren hier und mit ihnen der Sangiovese. Filippos Zugang ist dezidiert chemiefrei, er spritzt weder Herbizide noch Fungizide und setzt schwer auf die selbstregulierenden Fähigkeiten seiner Rebstöcke. Gelegentliche Gründüngungen sind zwar gezielte Eingriffe, doch dazu ist ein Winzer eben auch da. Im Keller geht es ähnlich weiter. Minimalstintervention ist das Grundprinzip, spontane Vergärung, keine Temperaturregulierung, wenig Schwefel und der spät, keine Filtrierung, viel Zeit im Fass – die Gebinde sind druchwegs Holz, mit Ausnahme seines Trebbianos, den er allerdings nur für den Hausgebrauch produziert und von dem ich dann glücklicherweise auch eine Flasche abbekommen habe.

Trebbiano 2011: Pfirsich und Blüten, saftig, erstaunlich druckvoll und doch schlank, mineralisch. Kein Sommrwein aber trotzdem perfekt für den Sommer.

Campiume 2006 (Sangiovese): intensiv von der ersten Sekunde weg. Veilchen und Kirschen zum Quadrat, zudem erdig und schon in der Nase mit der Aufforderung zumindest ein Bistecca dazu zu servieren, kompakt, dicht und saftig, druckvoll und üppig, doch bestens gepuffert von einer ordentlich Ladung Tannin und Säure.

San Lorenzo 2006 (Cabernet-Merlot): Kräuter, Tabak, Fleisch und Kirschen und danach eine durchaus kraftvolle Version ein Cabernet-Merlot Cuvée. Ähnliches wie für den Campiume gilt auch hier. Der Wein möchte begleitet werden. Am Gaumen strukturiert, straff und doch muskulös, nicht zu knapp Holz, lang, balsamisch und samtig.