Andreas traf ich das erste Mal am Bahnhof von Ehrenhausen. Seiner Ansicht nach der perfekte Ausgangspunkt, um in die Weinwelt der Steiermark einzutauchen und nachdem ich noch nie da unten – quasi an der slowenischen Grenze – war, schlugen wir nicht den direkten Weg nach Leutschach ein, sondern wählten die Hügel, die Weinstraße, die Strecke vorbei an Grenzpflöcken und Rebstöcken. Wir passierten ein paarmal die slowenisch-steirisch-slowenisch-steirische Grenze und während wir uns als physische Grenzgänger erwiesen, erzählte mir Andreas über das Leben als Grenzgänger zwischen den hiesigen Weinwelten.

„Eigentlich hatte ich ja die Weingärten vom Vater auf der Riegersburg. Aber da hat dann einiges nicht gepasst und eigentlich wollte ich sowieso etwas bei mir machen. Dann ist erstmal einiges schiefgegangen und kurz bevor ich alles hingeschmissen habe, dachte ich mir, jetzt starte ich nochmal so richtig durch.“

Wie er das gemacht hat, kann man am besten am Krebskogel, einem eigentlich steinalten aber brachliegenden Weinberg ablesen, den er seit letztem Jahr wieder aufbaut. Ein bürokratischer Spießrutenlauf sei es gewesen, die Rebpflanzrechte zu bekommen, erzählt er, aber letztlich hatte er ein paar Aktenordner voll mit Dokumenten und obenauf die Bewilligung. Also setzte er sich in seinen Bagger („ich bin ja ein leidenschaftlicher Baggerfahrer“) und legte los, terrassierte den Krebskogel von oben nach unten und pflanzte auf den hochgelegenen Flächen Sauvignon Blanc, der unten in Chardonnay übergeht.

Anhand dieser Neuanpflanzung kann man nicht nur das Engagement von Andreas Tscheppe ablesen, sie steht eigentlich paradigmatisch für eine Gruppe von Winzern, die es sich zwar nicht zum Ziel gesetzt hat den steierischen Weinbau zu revolutionieren (dazu fehlt ihnen der missionarische Eifer), dafür umso konsequenter ihre eigene Vorstellung von hochqualitativem, terroirgetriebenem und wirklich nachhaltigem Weinbau umsetzt. Tscheppes Konzept ist ausgefeilt, durchdacht und mit beeindruckender Leidenschaft umgesetzt.

So passt er zum Beispiel die Terrassen dem Gelände an. Er planiert die Flächen also nicht gerade in den Berg hinein, sondern geht mit mit dem Hang („sonst hätte ich den halben Berg wegsprengen müssen“) der sich zudem der Sonne in diversen Expositionen öffnet und nebenbei – zumindest für urbanes Volk – eine ästhetische Dimension öffnet.

Die Pflanzdichte ist hoch, der Weinberg ebenso: 580 Meter auf seiner Kuppe: „von da oben kannst du bis nach Ungarn rüberschauen.“ Von dort kommt auch das warme pannonische Klima und trocknet das nachts feucht gewordene Laub. Zudem ist der Krebskogel von einem Kastanienwald geschützt.

Schutz ist dann auch ein weiteres Schlagwort, dass sich durch die Ideenwelt der Gruppe zieht – in Tscheppes Fall dreht es sich um den Schutz vor Mitmenschen, konventionell arbeitenden Winzern. Er arbeitet, wie die anderen der Gruppe auch, dezidiert biodynamisch und das bringt vor allem dann etwas, wenn um einen herum nicht mehrfach im Jahr mit allem, was die systemische Industrie so hergibt, das Bodenleben totgespritzt wird.

Vielmehr begrüßt und fördert Andreas eine vitale Weingartenkultur. Hier oben am Krebskogel wächst ein Kräutermeer zwischen den Rebstöcken, die Wiese wird nur im Frühjahr einmal gemäht, Pfirsichbäume brechen die Rebreihen auf und eigentlich geht es ihm darum, „die Monokultur, die der Weinbau nun einmal ist, auszubremsen.“

Er deutet auf den Fuß des Krebskogels, der von einem mächtigen Birnbaum dominiert wird. „Ich versuche den Baum unbedingt zu erhalten. Der ist 80 Jahre alt, der hat hier oben über Generationen gestanden, warum soll ich ihn wegräumen.“ Außerdem, und hier wird es komplizierter, „hat jeder Baum eine gewisse Energie.“ Worin die steckt, werde ich im Laufe der nächsten zwei Tage erfahren. Fürs erste machen wir uns auf den Weg hinüber zu Andreas Hof oben am Langegg. Wir stapfen durchs Laub und während wir in der Weite den Czamillonberg und andere klassische steierische Lagen ausmachen, erzählt mir Tscheppe auch von den Problemen, mit denen er sich seit der Gründung seines kleines Weinguts 2004 herumzuschlagen hatte.

„2008 hatte ich die größten Probleme mit den Rehen“, erzählt er. „Die fressen vor allem meine Trauben, weil sie ihnen besser schmecken, als das restliche Zeug hier.“ Er lacht, die Absurdität der Situation verlangt danach, aber eigentlich muss es ein ziemlicher Schock gewesen sein, als er 2008 seinen Goldmuskateller ernten wollte. Den hatte er von einem befreundeten Winzer aus Südtirol eingeführt und als er seine erste Lese einfahren wollte, stand er vor einem bereits abgeernteten Weingarten, weggefressen von den Rehen. 27 Kilo blieben ihm, die er auf der Maische in einem Glasballon vinifizierte. 2009 hagelte es ihm alles weg, 2010 war schwierig und erst 2011 konnte er ihn so lesen und verarbeiten, wie er das von Anfang an beabsichtigt hatte: superreif und im Holzfass ausgebaut.

Andreas Tscheppes Leben spielt sich vor allem oben ab. Auf Kogeln und Kuppen. Ganz oben steht auch sein Hof, an dessen Eingang auch ein Schild mit dem Bild eines seiner – zumindest in einem kleinen Kreis – berühmten Etiketten steht. Ein Hirschkäfer ist darauf abgebildet, anatomisch präzis dargestellt, und nur ein Verweis darauf, was sich so an Getier in seinem Weingarten bewegen darf. Vom Langegg, das fast durchwegs mit den Rebstöcken des Bruders bepflanzt ist, schauen wir in die Ferne, und auf einen Teil der vier Hektar, die Tscheppe bewirtschaftet. Er weiß, dass das nicht viel ist, aber „man kann auch nicht gleicht von Null auf Hundert. Also kauft er zu, manchmal auch von konventionellen Winzern, meistens jedoch vom Bruder, der ebenfalls Mitglied der Gruppe ist.

Die Gruppe: das sind Andreas und Ewald, die Brüder, Roland Tauss, Sepp Muster und geographisch ein wenig entlegen, programmatisch jedoch ganz auf Linie (und vielleicht der experimentellste von allen) Franz Strohmeier. Sie fungieren im Kollektiv unter dem Namen Schmecke das Leben und liest man sich durch ihr Manifest, stößt man unter anderem auf folgende Sentenzen: Schmecke das Leben ist eine Wertegemeinschaft von fünf steierischen Winzern… Ihr gemeinsamer Weg eines gemeinsamen Naturverständnisses führt sie zu einem neuen Lebensstil – einem neuen Weinstil…

Der Keller, in dem Andreas Tscheppe seine Weine vergärt, ist am Fuße des Langeggs, am Hof seines Bruders. Seine Weine befinden sich allerdings heroben und so beginnen wir gemeinsam mit der Erkundung dieses neuen Weinstils (zum Lebensstil kommen wir auch noch). Wir fackeln nicht lange und fangen mit einem seiner fast schon legendären (geht das in so kurzer Zeit?) Erdfassweine an. Dabei verbuddelt Andreas ein Fass in der Erde, um dem darin befindlichen Wein einen möglichst ruhigen und stabilen Ausbau zu ermöglichen.

Ausgebuddelt und abgefüllt, reicht und schmeckt der reinsortige Sauvignon Blanc erstmal nach Kräuter und Orangen, die Körper ist dicht und doch straff. Drei Wochen Maischestandzeit sorgen für feines Tannin, die Malolaktik spürt man nicht direkt, sie macht den Wein lediglich ein wenig runder und balancierter. Die Eingriffe, die sich schon im Weingarten auf das wesentlichste beschränken, nehmen im Keller nochmals ab. Das Pressen ist schonend und langsam, die Schwefelung minimal, die Temperatur wird nicht reguliert, die Vergärung ist spontan. Die Weine bleiben über Wochen, Monate und Jahre im Fass und auf der Hefe und erst wenn sie nach Andreas Befinden fertig sind, wird abgefüllt. Das kann Jahre dauern und so kommt es, dass wir nun vor dem SB 2007 sitzen, der Grünen Libelle, die alles mögliche, nur keine Primärfrucht offeriert: Kamille, Kräuter und Blüten dominieren, der Wein hat Druck und Zug in Richtung Gaumen, ein Maischetag gibt ihm einen zusätzlichen Kick. Die Weine sind kompromisslos und bieten einen völlig anderen Zugang zu steierischem Sauvignon Blanc. Sie sind ein Gegenpol, ein beeindruckender Alternativentwurf und hinterfragen in ihrer Natürlichkeit zugleich die standardisierte Typologie der Rebsorte. Hier ist man Lichtjahre entfernt von Maracuja- und Stachelbeernoten, vom grünen Paprika und den Holundernoten, Aromen, die normalerweise dem SB ihren Stempel aufdrücken. Gleiches gilt für die Blaue Libelle, die mit ihren Graphit- und Kräuternoten mehr an das Chablis erinnert als an die Steirische Klassik, und was dann noch mehr überrascht ist der Muskateller, der zwar aromatischer erscheint, jedoch auch griffig, fest und kompakt ist, ein Wein mit Power und Struktur.

Wir lehnen uns zufrieden zurück und beschließen dann runter zum Bruder zu fahren, vorbei an alten Rebstöcken, die in einem alten steierischen Reberziehungssystem gehalten, schon zu Ewalds Weingärten gehören.

 

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