Über ein paar Geländekuppen, kreuz und quer durch kreuz und quer angelegte Weingärten geht nach Großriedenthal, zu den Diwalds, von denen kürzlich ein Winzer meinte, dass Hans, der ältere Diwald, der Che Guevara des österreichischen Bioweinbaus ist. Und das war definitiv bewundernd gemeint. Der junge Diwald hat zumindest schon mal die Haare des jungen Che. Und seine Energie. Bevor wir ins Auto springen, um in die Weinberge zu fahren, geht es deshalb erstmal hinters Haus. Dort verläuft eine der wenigen Scheunenstraßen Österreichs – riesige alte Scheunen stehen dort, deren Fassade, geschützt durch das Denkmalamt – auch für zukünftige Generationen unverändert bleiben muss. „Die Diwaldsche Scheune stammt aus den 1930er Jahren“, erzählt Martin und „die Konstruktion ist für die Ewigkeit gedacht.“ Zwei 23 Meter lange durchgehende Balken tragen das Dach, unter dem sich seit kurzem Diwald Presshaus und Keller befindet. Viel Stahl blitzt hier von den Tanks, doch liegen dazwischen auch ein paar 500 Liter Tonneaus, die er mit der kommenden Ernte auch für Weißweine nutzen wird.

Der wächst ein paar hundert Meter vom Gut entfährt, am Goldberg und am Eisenhut. Und wieder geht es ums Burgund. Ähnlich wie dort, erklärt Martin, liegt das Herzstück, der Wagram Grand Cru quasi, in der Mitte des Hangs. Weingärten direkt über dem Hügel werden vom Wind ausgeblasen und kriegen es im Frühjahr schnell auch mal mit Windfrost zu tun, während ganz unten ständige Erosion die Winzer zum Schwitzen bringt. Am Goldberg ist das Herz grün; locker und gesund hängen die Veltlinertrauben an den Stöcken, am Eisenhut ein paar Meter weiter ist das Herzstück dem Riesling zugedacht, aus dem Martin künftig eine eigene Reserve keltern will. Die Zukunft kreist permanent in Martins Kopf und deshalb schauen wir auch noch zu seinem Experimentierweingarten. Dort steht wuchernd Sauvignon Blanc, der minimal geschnitten sich selbst regulieren darf, um einen leichten frischen aber physiologisch reifen Wein zu geben.

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Das schaut zwar ein bisschen wild aus, macht aber Sinn. Tonnenweise Trauben machen sich den Stock streitig, was zu einer Ernteverzögerung von zwei Wochen führt – und darin liegt dann auch der Vorteil. Martin liest die Trauben erst Ende Oktober, nutzt die kühlen Nächte in immer wärmer werdenden Jahren und kriegt sie mit ordentlicher Säure, niedriger Gradation und doch eben auch reif in den Keller.

Im Innenhof des Weinguts probieren wir dann die Resultate, während Martin seine persönlichen Weinwelten und Ideen zusammenfasst. „Hier ist alles Löss, streicht er ein wesentliches Charakteristikum heraus. „Lösslösslöss. Ist cool aber auch ein bisschen fad.“ Deshalb freut er sich über die Eiseneinsprengsel am Eisenhut, wo sein Riesling wächst. Die geben ihm eine zusätzliche Dimension – eine mineralische, die Steinobst und Blüten ergänzt.

Seine Lagenweine sind spontan vergoren, bei den Temperaturen scheiden sich ein wenig die Geister, Martin mag es, wenn die Weine lange gären, die Temperaturen also ein wenig niedriger sind, sein Vater Hans, der dazu gestoßen ist, hält höhere Temperaturen für besser. Der Kompromiss sind die Reserven und Lagenweine, von denen wir den 2008 Riesling ins Glas bekommen. Während sich Kräuternoten und steinige Aromen breitmachen, erzählt Hans von den Anfängen.

Sich 1980 zum Bioweinbau zu bekennen, kam in der Blütezeit der Technologiegläubigkeit einem Austritt aus der Dorfkirche gleich. Wäre er eingebettet gewesen in die klassische Dorfkultur – freiwillige Feuerwehr, Jägerschaft, Blasmusik – hätte er es wohl nie geschafft. Es war auch so nicht leicht. „Es gab keine Zertifizierungen, keine Richtlinien, keine Rückendeckung“, erzählt er – nur eine Handvoll Gleichgesinnte, die schon damals erkannten, dass der eingeschlagene Weg der Weinindustrie für sie selbst eine Sackgasse ist. Dazu kam auch eine Portion Sturheit und die Erkenntnis, dass es „ein erhebendes Gefühl ist, in einer verfolgten Minderheit zu leiden.“

Heute ist das alles anders. Hört man sich im Wagram um, wird Hans Diwald größter Respekt entgegengebracht. Prophet, Revolutionär, Querkopf sind nur ein paar Komplimente, die man ihm umhängt.

Martin steigt also in große Fußstapfen, doch trägt er diese Bürde mit großer Gelassenheit. Und macht vor allem gute Weine. Eine Retrospektive seiner Goldberg-Variationen schließt den Diwaldschen Besuch ab und zeichnet gleichzeitig Martins Geschichte als Vinifizierungs-Verantwortlicher nach. Seit 2006 keltert er und vieles was er gemacht hat, lohnt sich allemal. Die Tendenz und Intention der Weine ist elegant, saftig und kompakt, dicht und doch nie ausladend. Und sie erzählen die Geschichte ihrer Herkunft.