In vielerlei Hinsicht ist Latium und mit ihm Rom und Umgebung eine der Wiegen des Weins. Plinius, Horaz, Ovid, Columella und ihre Worte und Werke zum Thema sind heute Legion. Man analysierte und studierte Wein, diskutierte und schrieb über ihn. Und dass im alten Rom nicht zu knapp Wein floss, ist ohnehin hinlänglich bekannt. Doch woher kam der? Aus der Region? Wenn ja, was ist seit damals passiert? Latium ist aus heutiger Sicht die vermutlich uninteressanteste Weinbauregion Italiens. Abgesehen von einer Enklave rund um den Lago di Bolsena (und den großartigen Weine von Le Coste) sind es vor allem Frascati, Est, Est, Est!!! und Orvieto, die man heute mit der Gegend um Rom, meist mit Schrecken, verbindet. Doch wie so oft in Italien lohnt es sich

Damiano Ciolli: Silene

Damiano Ciolli: Cirsium

La Visciola: I Vignali

La Visciola: Ju Quarto

La Visciola: Priore Mozzato

einfach weiter zu probieren und zu schauen, ob sich unter all den Trebbianos, Malvasias und was es sonst noch so in Latium gibt, nicht  auch eine Rebsorte befindet, die der Reputation der Region zuwiderläuft.

Erstmals auf Cesanese stieß ich im letzten Winter (2016) in Mailand anlässlich der Live Wine. Dort schenkte Damiano Ciolli seine beiden Versionen aus und ein. Den Silene, eine in Zement ausgebaute, kühl-fruchtig-mineralisch-erdige Version und den Cirsium, ein Meisterwerk aus 80-jährigen Rebstöcken, der zu den zuvor genannten Attributen noch zusätzliche Substanz, Dichte und orientalische Gewürznoten in die Waagschale warf und definitiv zu den großen Weine der Veranstaltung zählte. Gleichzeitig erfuhr ich auch erstmals ein wenig über die Sorte und wie so oft, wenn es sich um autochthone italienische Sorten dreht, ist die Geschichte kompliziert.

Denn 1. ist Cesanese natürlich nicht gleich Cesanese: es gibt zwischen Cesanese Comune und Cesanese d’Affile so große Differenzen, dass man nicht mal von zwei unterschiedlichen Biotypen sprechen kann. Das Problem ist, dass man nie weiß welcher Cesanese, wo drinnen ist. Damiano Ciolli beispielsweise setzt auf Cesanese d’Affile, die nicht nur er als die hochwertige der beiden Varianten ansieht. Den Etiketten ist das generell nicht zu entnehmen. 2. gesellen sich zu den zwei Cesanese-Typen auch noch drei unterschiedliche Cesanese DOCs, also Herkunftsbezeichnungen (Cesanese del Piglio hat sogar DOCG-Status, die anderen beiden heißen Cesanese di Olevano Romano – Damiano Ciollis beeindruckende Weine stammen von dort und Cesanese d’Affile, das sinnvollerweise den gleichen Namen wie die Sorte trägt, wo aber auch Cesanese Comune verwendet werden darf.) Insgesamt ist das außerordentlich verwirrend.

Jenseits seines breiten Aromaspektrums, dass bisweilen auch noch feine Blütennoten in sich trägt, hat Cesanese d’Affile (ganz großartig sind auch noch die drei Interpretationen von La Visciola – probiert bei der Vini Veri in Cerea 2016; Comune kenne ich nicht)  eine eher weiche und cremige Textur und die Säure ist zwar stützend aber nicht fordernd. Zu viel Holz bekommt der Sorte ungefähr so schlecht wie Pinot, da die Subtilität der Aromen darunter leidet und eine zu lange Mazeration scheint aus den gleichen Gründen ebenfalls kontraproduktiv zu sein.

Das letzte Wort gebührt wie so oft Ian d’Agata, der ultimativen Instanz in Sachen italienischer Rebsorten, der Cesanese als eine der großen Erfolgstories der letzten 10 Jahre bezeichnet. Bei 330 Hektar, die es davon insgesamt gibt, mag die Bezeichnung zwar etwas hochgegriffen sein, doch zum einen hat er vermutlich recht und zudem spricht auch nichts dagegen, dass sich die Qualität von Cesanese auch noch weiter rumspricht.

Hätte sich Robert Parker 1982 Grignolino statt Chateau Latour eingeschenkt, die Weinwelt wäre heute eine andere. Er wäre vermutlich Jurist geblieben und hätte als letzte vinophile Handlung beim Konsumtenschutzverband des Alto Monferrato eine Petition mit der Aufforderung eingereicht, die Sorte entweder ausreißen zu lassen oder zumindest zweimal durch eine Osmosemaschine durchzujagen.

Man mag sich gar nicht vorstellen, was die wenigen Produzenten, die auch in den finsteren Zeiten der 1990er und frühen 2000er Jahre stur auf die Sorte setzten, an Schmähungen durchmachen mussten. Grignolino personifiziert ziemlich exakt das Gegenteil von dem, was damals (und heute: lassen wir die Kirche im Dorf) als elementar für große Rotweine erachtet wurde. Statt ebenholzschwarz, geschmeidig und samtig zu sein, war ihr selbst nach monatelanger Mazeration nicht mehr als ein leicht angedunkeltes Rosa zu entlocken. Mit neuem Holz brauchte man gar nicht erst anrücken und die Aromen deckten ein Spektrum ab, das lieber Blüten und weißen Pfeffer in den Vordergrund rückte als Heidelbeeren, Brombeeren, Schokolade, Zigarrenkisten und Vanilleschoten aus Madagaskar.

BEST OF GRIGNOLINO

Auriel (absolut brillant)
Cascina Tavjin (—-„—–)
Trinchero (—-„—–)
Tenuta Migliavacca (—-„—–)
Cantina Valpane
Tommaso Gallina
Cavalotto
Carussin

Rebfläche: 900ha

Anbaugebiet: Piemont, 2 DOC: Grignolino d’Asti, Grignolino del Monferrato

Tatsächlich hielt man die Sorte aufgrund all dieser Attribute für die Mutation einer weißen Sorte, was sich aber letztlich doch als PR-Gag des 19. Jahrhunderts erwies, als man Struktur, Trinkfluss und Finesse noch etwas abgewinnen konnte. Luigi Veronelli, der größte unter den vielen großen Kritikern Italiens, meinte sie wäre anarchistisch & individaulistisch. Als wäre das noch nicht genug, haben zudem findige Linguisten eruiert, dass sich Grignolino vom piemontesischen Dialektausdruck grignolè ableitet, was sich – eine onomatopoetische Referenz an die bisweilen knirschende Säure und krachenden Tannine – mit das Gesicht verziehen und mit den Zähne knirschen übersetzen lässt.

aurielUnd doch gibt es Leute, die Grignolino nicht nur mögen, sondern sie für eine der großen Unbekannten im italienischen Rebsortenuniversum halten; mich zum Beispiel, vor allem aber Ian d’Agata, dessen fulminantem Buch Native Wine Grapes of Italy essentielle Informationen zur Sorte entnommen sind.
Darin liest man beispielsweise, dass Grignolino im 13. Jahrhundert erstmals erwähnt wurde und damals auf der gleichen Stufe wie Nebbiolo stand, also ziemlich hoch oben. Im Laufe der Jahrhunderte räumte sie freilich ihren Platz im Olymp, was der Rebsorte insofern schlecht bekam, da sie einzig in exzellenten Lagen zeigt, was in ihr steckt. Die allerdings nahmen zunehmend andere Sorten ein und während Nebbiolo sukzessive zum Wein der Könige aufstieg, trat Grignolino zur gleichen Zeit den sozialen Abstieg in die Bauernhütten des Monferrato an. Dass man trotzdem an ihr festhielt, beweist gleich mehreres: zum einen, dass lokale Identitäten eine fundamentale Rolle im Weltbild italienischer Winzer spielen, zum anderen, dass vielen Winzern das Potenzial der Sorte bewusst war.  Zu guter Letzt passt Grignolino auch bestens zur lokalen Küche – vor allem Fisch, der im Piemont eine wesentliche wichtigere Rolle spielt als man gelegentlich annimmt.

Von einer Renaissance des Grignolino in den letzten 10 Jahren zu sprechen, wäre dennoch stark übertrieben, doch fällt auf, dass sich immer mehr exzellente Winzer mit der Sorte beschäftigen. In den richtigen Händen, vor allem jedoch in den richtigen Lagen (zu denen natürlich die richtigen Hände und Köpfe gehören, die sie dort hinsetzen) entwickelt Grignolino eine subtile, ausgewogene Textur, dessen feiner Körper unbeschwert und spielerisch Säure und Tannin integriert und neben Blütenaromen und Pfeffer, vor allem rote Beeren und je nach Terroir, steinige, kühle, erdige und salzige Details offeriert. Der Alkohol ist auch bei späten Lesen generell niedrig, das Reifepotenzial guter Grignolinos ist enorm.
Grignolino steht auch heute noch in deutlicher Opposition zu den üblichen Erwartungen, die an Rotweine gestellt werden. Sie bedarf erklärender Worte und manchmal auch einen Fürsprecher mit gewichtiger Stimme. Und so hilft die Tatsache, dass Jorge Bergoglio alias Papst Franziskus Grignolino zu seinen Lieblingssorten zählt, ganz sicher dessen Reputation zu steigern. Und das hoffentlich nicht nur in Argentinien und Polen.