OLYMPUS DIGITAL CAMERAPaolo Babini kam gemeinsam mit seiner Frau Katia Api vor 25 Jahren nach Valpiana, in die Hügel um Brisighella und erstand dort Land, wo die Romagna nur noch einen Steinwurf von der Toskana entfernt ist. 35 Hektar gingen in seinen Besitz über, knapp 7 davon sind mit Wein bepflanzt – manche waren es bereits als die beiden dort ankamen, andere setzte er neu und den Bedingungen entsprechend aus. Dabei überließ nichts dem Zufall und ließ erstmal eine Studie über Böden und Klima anfertigen und als alles soweit fertig war, wählte er zum einen mit Bedacht und zum anderen unbedacht und dafür mit Leidenschaft (Syrah, Riesling) aus.

Anders als bis dahin üblich bestockte er nicht die Ebene um Valpiana sondern die Hänge und so ziehen sich heute seine Weingärten von 250 Höhenmetern auf über 500 Meter hinauf. Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, liegen auf der Hand: eine Vielzahl an unterschiedlichen Mikroklimata sorgen auf einer Vielzahl unterschiedlicher Böden für völlig unterschiedliche Verhältnisse, die von einer Vielzahl unterschiedlicher Rebsorten zusätzlich verstärkt werden. Zudem hat er den Rebsorten angepasste Erziehungssysteme (Sangiovese im albarello, den Rest fast durchwegs im Guyot) und Pflanzdichten (3000-5000 beim Albana, erstaunliche 8000 beim Sangiovese). Kurz: Paolo hat ein immenses Repertoire an stilistischen Möglichkeiten und nutzt das auch entsprechend.

Und der Rest? Der Rest sei auch noch kurz erzählt: Paolo ist seit 1994 biologisch zertifiziert, seit 2002 biodynamisch. Sangiovese (Poggio di Tura) und Albana (Monte del Rè) geben den Ton an – beide sind ziemlich kraftvolle Vertreter ihrer Sorte, die nicht zu knapp Geduld einfordern. Sein Riesling ist für Mitteleuropäer eine Herausforderung und so ganz konnte ich mich mit den romagnolischen Interpretation bisher noch nicht anfreunden, der Syrah ist dunkel wie die Nacht über Valpiana, der Pinot kühl, elegant und straff und die Malbo zeigt aufs Neue, dass sie zu den Rebsorten gehört, die man aufgrund ihrer Konzentration, Kraft und Aromen nach Fleisch, Teer und dunklen Beeren unbedingt ausprobieren sollte.

Vigne dei Boschi ist Mitglied der Bioviticultori

DIE WEINE

Paolo Babini hat sich ein ganzes Sammelsurium an Rebsorten in seine Hänge über Valpiano gesetzt, darunter so schräge Sachen wie Riesling (16 Anime) und Pinot Noir (Nero Selva). Während erstere ein wenig irritierend wirkt – relativ breit, konturlos und erstaunlich kräuterig – macht sich der Pinot blendend: Kühl, fleischig und erdig gibt er sich als veritabler Rebsortenvertreten zu erkennen (für diejenigen, die das interessiert) und gleichzeitig den Stil vor, der sich durch Paolos Rotweine zieht. Der Longrè, ein reinsortiger Syrah ist fleischig & erd… und dazu noch mit einer Ladung Pfeffer und viel dunkler Frucht ausgerüstet und der Sette Pievi, ein Malbo Gentile, dem noch ein paar alte autochthone Sorten assistieren, ist fleischi…. und hat ausserdem Gerbstoff, dass es kracht, in petto.

Bleibt der Poggio Tura, ein Sangiovese, über den man genauer berichten sollte…

Sangiovese Poggio Tura:

Dichtung: Leder, Blut und Efeu – kein Titel eines Italo-Western, vielmehr die erste Wahrnehmung, die der Poggio Tura in der Nase auslöst. Bohnen mit Speck würden vermutlich bestens dazupassen. Allerdings auch Steaks und Wild. Kraftvoll, saftig und kompakt geht es am Gaumen weiter, die Gerbstoffe packen zu, die Frucht ist dunkel und der Pfeffer schwarz, der Körper ist gewichtig aber nie fett, der lebendigen Säure sei Dank. Erst 1999 bestockt, kann man sich schon mal ausmalen, was in dreißig Jahren aus dem Poggio Tura kommen wird (wobei man sich dabei natürlich selbst mitdenken muss, was weniger lustig ist).

Wahrheit: Sangiovese, „das Blut Jupiters“, macht in Paolo Babinis Poggio Tura seinem Namen alle Ehre. Die Aromen sind intensiv und komplex, der Grund dafür liegt vor allem in einem sehr speziellen Terroir und einer erstaunlichen Klonvielfalt. Babinis Weingärten befinden sich auf 500 Meter, direkt über der kleinen mittelalterlichen Stadt Brisighella. Dass Sangiovese in der Romagna eine ähnliche historische Bedeutung hat wie in der Toskana, beweisen die 15 verschiedenen Sangioveseklone, die allesamt in der Romagna beheimatet, dicht an dicht (8000 Reben am Hektar) im Vigna del Roccolo wurzeln. Erzogen wird im traditionellen albarello-romagnolo-System, einer Niedrigstockerziehung, die Erträge pro Stock liegen bei ca. 700 Gramm. Gelesen wird, der Höhe des Weingartens wegen, erst Anfang Oktober, die darauffolgende Gärung findet in Holzbottichen statt, der Ausbau erfolgt über weitere 28 Monate in gebrauchten Barriques.

… und der MonteRè:

Manche Rebsorten brauchen Jahrzehnte und Jahrhunderte bis sie ihre wahrhaftige Legitimation finden: die Albana gehört definitiv in diesen Zirkel. Zuerst war sie über Jahrhunderte der trockene Schankwein der Romagna, der tagtägliche Tischwein zu Tortellini, Salami und Porcini. Dann entdeckte man seine süßen Vorzüge, die sich reichlich überzogen in der Erhöhung der Sorte und Region im DOCG-Status niederschlug. Vor ein paar Jahren dann hatten ein paar findige und experimentelle Winzer der Romagna die Idee, die Albana erstmal ein paar Tage zu mazerieren, bevor sie sie abpressten und siehe da, kaum eine andere Sorte in Italien scheint sich so sehr für eine alternative, orange Version zu eignen wie die Albana. Die Traubenhäute sind im Allgemeinen dick und der Gerbstoff gibt in Kombination mit tiefer Frucht dichte und kraftvolle Weine, die man definitiv zu den besten in den Hügeln der Romagna zählen kann (und dort gibt es in der Zwischenzeit einiges zu entdecken).

Einer der besten Albana ist der MonteRè (die anderen sind der Rigogolo von Andrea Bragagni und der Arcaica von Paolo Francesconi). 5 Tage verbringt Paolos Albana-Most auf den Schalen und nach einer langsamen Gärung wandert er für 12 Monate in gebrauchte Barriques und danach noch für einige Zeit in Flaschen, wo man ihn auch möglichst über ein paar Jahr lassen sollte.

Ich besuche fast alle Winzer mit dem Fahrrad und bin es gewohnt mich über Anstiege raufzuschinden, mit die Peitsche vor dem Zuckerbrot abzuholen und das völlig ohne religiöse Motive. Zu Emilio Placci allerdings werde ich nie mit dem Fahrrad aufbrechen, es gibt Grenzen und der Weg hinauf nach Il Pratello stellt eine solche dar antabuse tablets buy online. Als Emilio 1991, nach dem Tod seines Vaters, der Il Pratello eigentlich als Rückzugsort für Ferien und Wochenende gekauft hatte, auf über 600 Metern Höhe Sangiovesestöcke zwischen Kastanienbäumen und Weidewiesen auspflanzte, möchte ich nicht wissen, was die Nachbarn dachten. Er selbst war sich auch nicht so sicher, was er über sich denken sollte.

Il pratelloDoch Emilio war eben gelernter Önologe und wenn man einem Önologen ein Stück Land zur Verfügung stellt, dann pflanzt er keine Apfelbäume. Also wurde 1991 das Projekt Bergweinbau in den romagnolischen Hügeln gestartet und wenn man heute seine Sangiovese oder seinen Pinot probiert, dann weiß man, dass das Projekt von Erfolg gekrönt war und zwar von großem. Man mag vom Gambero Rosso, Italiens berühmtestem Weinführer, halten, was man will, drei rote Gläser muss man sich erst verdienen. Emilio Placci verdiente sie sich mehrmals.

Emilios großer Vorteil von der ersten Sekunde weg war, dass es auf seinen Wiesen und Hainen jahrzehntelang keinen Ackerbau gegeben hatte, also auch keine Kunstdünger oder Pestizide ausgebracht worden waren, biologischer Weinbau also in völlig unkontaminierter Umgebung stattfinden konnte; zudem waren seine Flächen gegenüber denen anderer Winzer durch weite Wiesen und Wälder voll Kastanien geschützt.

Sangiovese war Emilios erste Wahl. Zum einen ist die Sorte ohnehin in den Hügeln heimisch, zum anderen zieht sich durch die Gärten von Il Pratello Galestro, also der gleiche kalkige Untergrund wie er auch in den klassischen Sangiovese-Regionen der Toskana zu finden ist. Und für Sangiovese scheinen Emilios Hügel wie gemacht zu sein. Die Höhe betont nochmals zusätzlich Gerbstoff und Säure, die Frucht ist glasklar und nie welk, die Weine bersten vor steinigen Noten, kurz das Aromaprofil und die Struktur seiner drei Sangiovese könnte perfekter nicht sein. ilpratello3DassPinot Noir ebenfalls ins Spiel kommt, wäre vermutlich auch dann passiert, wenn Emilio kein Önologe gewesen wäre (ich kenne keinen Weinbauern, der die Rebsorte nicht gerne anpflanzen würde), die Kühle und der Kalk machten seine Pflanzung fast zur Verpflichtung. Malbo Gentile, dunkel und würzig, wächst ebenfalls blendend, ob Cabernet so eine gute Idee war, wage ich zu bezweifeln.

Die Weine landen nach spontaner Vergärung in kleinen und großen gebrauchten Holzfässern und bleiben dort auch für nicht zu kurze Zeit. Eingriffe physikalischer (abgesehen vom Umpumpen des Weins) oder chemischer Natur finden in dieser Zeit nicht statt, gefiltert, geklärt und geschönt wird nicht, geschwefelt schon aber nicht viel.

Über Emilios Philosophie sollte man auch noch ein paar Worte verlieren: in aller Kürze ist sie geprägt von einem Vertrauen in kleine Strukturen, in Traditionen und dem Bewusstsein, dass eine zunehmende Globalisierung der Diversität und Vielfalt der Weinwelt nicht allzu gut tut. Dass er allerdings keineswegs ein eigenbrötlerischer Passatist ist, beweisen seine stets willkommenen newsletter, die bisweilen eintreffen und dazu einladen, sich vielleicht doch mal in Auto zu setzen, um sich auf Il Pratello Steinpilze, Gnocchi, Würste, Wildschweine, Kastanien und vor allem Sangiovese vorsetzen zu lassen.

Zu Il Pratello gehört ein kleiner Agriturismo. Zudem ist Il Pratello eines der sechs Mitglieder der Bioviticultori.