Welschriesling: Wenn schon ein frischer und im modernen Sinne klassischer Welschriesling, dann so einer (es gibt ja auch diejenigen, die versuchen, dem Wesen des Welschrieslings durch Maischegärung, langen Hefekontakt und Holzausbau auf die Spur zu kommen und das ganze Potenzial der Sorte aufzudecken – Judith Beck gehört dazu, genauso wie ein Mikroprojekt von Stefan Wellanschitz und Marinko Barisic (sehr empfehlenswert). HP Harrer hat andere Intentionen). Lebendig & leicht allerdings ohne Restzuckerkonzessionen an den Terrassenweintrinker. Ein Welschriesling mit der dezidierten Idee ein Sommerwein zu sein, doch einer, der animierend und geradlinig in Richtung Gaumen aufbricht und dort seine ganze Substanz und Vitalität preisgibt. Trocken, offen, saftig und präzis – wer danach sucht, findet vor allem Kräuter- und Apfelaromen. Spotan vergoren, Hefekontakt bis zur Füllung. Gemeinsam mit dem Rosè, der durch einen Filter läuft.

HP in der Langen Ohn

HP in der Langen Ohn

Roseefeld: Der Versuch, das eigene Idealbild eines Rosé in die Flasche zu bekommen, folglich: KEIN SAFTABZUG & KEIN RESTZUCKER, dafür spontane Vergärung früh gelesener und kurz mazerierter Pinot-Trauben. Feinheit & Filigranität geben die Richtung vor, florale Komponenten begleiten, die Struktur ist druckvoll, die Textur lebendig, der Abgang trocken und erfrischend. Mit Zeit und Luft finden sich zunehmend rote Beeren.

Riesling Seefeld: Wer noch einmal behauptet, dass gewisse Reben in gewissen Regionen nicht funktionieren, sollte erst probieren und dann urteilen. Pinot Noir in der Toskana. Concorì, Macea und Civettaja treten gleich im Trio den Beweis an. Steirischer Blaufränkisch. Karl Schnabel und Roland Tauss keltern die mitunter besten Beispiele der nördlichen Hemisphäre. Riesling im Burgenland … 40 Jahre alte Stöcke auf wenig Humus und viel Schotter am Seefeld liefern die Basis, gesunde Trauben, wilde Hefen und mehr Holz als Stahl den Rest. Kühle Kräuternoten geben sensorisch den Takt vor, doch ist es vor allem die Textur, die den Wein lenkt: stoffig, kompakt und mit ordentlich Gripp ebnet sie den Weg in Richtung Gaumen und Zukunft – denn Zeit und Geduld tun, wie so oft beim Riesling, gut, um den ganzen Facetten der Sorte auf die Spur zu kommen.

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OLD BUT GOLD

Riesling maischevergoren: Wenn schon, denn schon. Die maischevergorene Rieslingvariante ist 5-6 Wochen mit den Schalen in Kontakt und lotet aus, was in den Trauben steckt. Das Rebmaterial stammt wie schon beim klassischen Riesling vom Seefeld, ausgebaut wird es im Holz, geschwefelt wird gar nicht. Luft tut gut und hat der Riesling erstmal ausreichend davon, entwickeln sich Kräutertee und Orangenaromen, danach packt der Gerbstoff im Verbund mit der Säure zu. Bereichert jede Grillerei und passt perfekt zu fernöstlicher, arabischer und indischer Küche.

Chardonnay Weiße Lagen: 12 Stunden lang liegt der Chardonnaymost auf seiner Maische, ehe das, was nicht von selbst abgeflossen ist, händisch abgepresst wird. Danach verschwindet alles für ein Jahr und mehr ins gebrauchte Holzfass. Dort liegt der Wein auf der Feinhefe und entwickelt sukzessive eine Textur, die kompakt, straff und engmaschig wenig Platz für unnötiges Fett bietet. Aromatisch machen sich unaufdringlich und dezent rote Früchte, ein paar Nüsse und steinige Noten bemerkbar. Geschwefelt wird spät, gefiltert wird gar nicht, man hat es also mit einer jener Versionen, die Sorte und Terroir gerecht werden. 

Traminer Ried Froschau: GROSSER WEIN, der einmal mehr verdeutlicht, warum man beim Traminer zwingenden Maischekontakt in die Weingesetzgebung aufnehmen sollte. Ausgangspunkt für HPs Traminermonument ist die Riede Froschau, eine unspektakuläre Mulde, in der seit 90 Jahren Rebstöcke wurzeln – ich kenne in Österreich keine älteren Reben. Sie sorgen für ein Ausgangsmaterial, das kleinbeerig und konzentriert auf der Maische vergoren wird. Daraufhin wandert der Traminer ins gebrauchte Holzfass und wird ohne weitere Eingriffe (UNGESCHÖNT, UNGEFILTERT & UNGESCHWEFELT) vergoren und ein Jahr später gefüllt.

Im Keller

Im Keller

Rosen & Veilchen führen eine Brigade an Aromen an, die sich von reifen Pfirsichen bis zu getrockneten Orangenschalen zieht. Die Aromenvielfalt wird durch mächtigen Gerbstoff gepuffert, der Körper ist stoffig, die Textur saftig, das Potenzial groß.

Pinot Noir vom Kalk: Eine jene burgenländischen Pinot-Versionen, die man ganz leicht ins Burgund stecken könnte. Verantwortlich dafür sind die Kalkböden der Langen Ohn, einem Ausläufer des Leithagebirges. Die Rebstöcke sind alt und haben kleine und lockere Beeren. Vergoren wird wie immer spontan, ausgebaut wird in kleinen, gebrauchten Fässern und alles in allem ist das kühl, strukturiert, subtil und filigran und hat Charakter & Säure und ein Rückgrat, das ihn ruhig in die Zukunft schauen lässt.

Zweigelt Ried Seefeld: Gut 30 Jahre haben die Zweigeltstöcke im Seefeld auf dem Buckel und je älter sie werden desto spannender werden auch die Weine davon. Die Menge reguliert sich quasi von selbst, die Beeren sind konzentriert und auch die natürlichen Voraussetzungen spiegeln sich immer besser im Wein. Um die ganze Substanz aus den Trauben zu holen, liegen sie fünf Wochen auf der Maische und danach in gebrauchten Fässern. Die anfänglichen Kirschnoten weichen schnell dunklen Fruchtaromen, Pfeffer steuert seinen Teil bei, der Gerbstoff packt zu und lenkt den Wein fokussiert in Richtung Gaumen.

Blaufränkisch vom Kalk: Nomen est Omen. Nach ein paar Zentimetern Humus schimmert es weiß und je weiter man in die Tiefe vorstößt desto reiner wird es. Purer Kalk gibt also die Struktur vor, daneben prägt das kühle Mikroklima des oberen Teils der Langen Ohn. Addiert ergeben diese Faktoren eine geradlinige, fokussierte und gebündelte Textur, in die sich steinige und würzige Aromen mischen und eine fruchtige Saftigkeit, die den Wein ein gutes Stück über den Gaumen begleitet. Ausgebaut wird in gebrauchten Holzfässern, wobei HP den Weinen stets die Zeit gibt, die sie brauchen. Die Zeit im Fass läuft ohne jegliche Eingriffe ab, der Hefekontakt schützt vor Oxidation und sorgt dafür für zusätzlich Textur und Aromen.

Blaufränkisch Lange Ohn: Blaufränkisch präzis und ungeschminkt. Die Lange Ohn liefert das Fundament, der Rest sind kleine und gesunde Beeren und ein bisschen Winzerhandschrift – biodynamische Bewirtschaftung, rechtzeitige Lese, spontane Gärung, nicht zu langer Maischekontakt, gebrauchte Holzfässer, Ausbau auf der Hefe, keine Eingriffe, minimale Schwefelung. Klingt total langweilig und unspektaklär – machen halt die wenigsten so. In Summe ergibt das würzige Aromen und ein wenig rote Frucht, die sich in eine dynamische und lebhafte Textur betten. Der Körper ist kompakt und nie ausladend, die Säure lebendig und das Tannin animierend. Auch das klingt verhältnismäßig unspektakulär. Fakt ist, dass der Blaufränkisch von der Langen Ohn definitiv zu Österreichs Top 10 Roten zählt. Warten macht selten Spaß, doch lohnt es sich manchmal.

Leskorner: Der Name zollt den Leuten Tribut, die einst nach der Lese durch die Weingärten zogen, die letzten Trauben von den Reben pickten und daraus ihren Haustrunk herstellten. Die Leute sind verschwunden, die Idee ist geblieben. Und daraus wird ein Wein gekeltert, der in dieser Form ziemlich einzigartig sein dürfte. Extrem reifer Riesling wird eingestampft, der abfließende Most spontan vergoren und zwar möglichst so lange bis er trocken ist. Das Resultat ist eine burgenländische Variante des Manzanillo, salzig & mandelig, aber eben auch geprägt von Marillenaromen und getragen von einer intensiven Säure und nicht zu knapp Alkohol. Macht sich bestens als Aperitif und ist ein Kracher zu Innereien aller Art.

Der Nachmittag war schon fortgeschritten, als ich bei Maria Strohmayer und Alex Koppitsch ankam: zu spät, um noch einen Blick in die Weingärten zu werfen – das war zwar schade, hatte aber den Vorteil, dass wir uns mehr Zeit zum Kosten nehmen konnten, was sich allemal lohnte. Die beiden machen zwar erst seit 2011 ihre eigenen Weine, doch ist die Palette dafür und trotz der wenigen Hektar nicht gerade klein – und sie wird bei all den Experimenten, die entweder langsam Form annehmen oder noch in Planung sind, sicher nicht kleiner werden.

Bevor Alex anfing, die alten Stöcke seiner Eltern weiterzupflegen und neue auszupflanzen, war er bei Gerhard Pittnauer Kellermeister. Von dort nahm er fast zwangsläufig eine Affinität für Pinot Noir und vor allem St. Laurent mit, zudem aber auch die Erkenntnis, dass Weine vor allem dann profund und subtil von ihrem Terroir erzählen, wenn sie in lebendigen Böden wachsen. Also wirtschaftet Alex draußen biodynamisch – das allerdings unzertifiziert.

Die Weingärten: das sind vor allem das Seefeld und der Neuberg, wobei im ersteren vor allem Schotter und Lehm den Ton angeben, während man unter den Neuberger Reben hauptsächlich Kalk findet. Hinter dem Haus geht zudem die Lage Prädium langsam in die Parndorfer Platte über, wo das humusreiche Terroir vor allem Platz für Zweigelt bietet. Die meisten Reben pflanzte der Vater in den 70er und 80er Jahren, es gibt aber auch richtig alte Stöcke, die 60 Jahre und mehr auf dem Buckel haben (Chardonnay Neuberg). Wobei das Spektrum an Reben beim besten Willen nicht nur rote Trauben beinhaltet.

Der Grüne Veltliner in unseren Gläsern ist dafür nur ein erstes Beispiel. Der stammt vom Seefeld und bietet geologisch quasi einen Kontrapunkt zu den Veltlinerklassikern, die 100 Kilometer weiter im Norden in Urgestein wurzeln: präzis, würzig, saftig und puristisch ist die Kopppitsche Variante allerdings ebenfalls. Während wir uns in Richtung Weissburgunder aufmachen, erläutern die beiden erstmal ihre Herangehensweise im Keller. Sämtliche Weine werden spontan vergoren, nahezu alle machen – sofern sie denn wollen – einen biologischen Säureabbau durch – was ihnen über die Jahre zusätzlich Substanz und Komplexität verleiht. Die Weine gären solange sie eben brauchen und das kann im Falle des Weissburgunders Neuberg auch mal ein Jahr dauern. Das tut er im gebrauchten Barrique, wo sich im Laufe der Zeit neben einer dichten Textur, erdige und steinige Noten zu den rauchig-fruchtigen Aromen gesellt haben. Gefiltert wird selten und wenn dann grob, geschwefelt wird wenig und einzig und allein einmal vor der Füllung. Die Zeit davor schützt die Fein- und bisweilen die Vollhefe, ein weiterer Puzzleteil im Aroma- und Texturspektrum der Weine. Wie ungern Alex eingreift, beweist auch die Tatsache, dass die weißen 2014er allesamt ein wenig Restzucker haben – er forciert keine unnatürlichen Prozesse und so passiert es eben auch mal, dass ein Wein mit ein paar Gramm Restzucker abgefüllt wird. Bei der generell hohen Säure des Jahrgangs 2014 war das zum einen kein Problem, zum anderen ergab sich daraus ein spannendes süß-saures Ping Pong.

Schmeckbar auch im Sauvignon Blanc vom Seefeld, dem 9 Gramm Restzucker, 7,3 ‰ Säure gegenüberstehen. Wie bei allen guten Sauvignons dominieren vor allem gelbfruchtigen Aromen, während die Kräuternoten nur begleiten. Der Sauvignon Blanc stammt übrigens aus einer Zeit, als er noch Muskat-Sylvaner hieß, der Chardonnay vom Neuberg ist jüngeren Datums, dafür so dicht bepflanzt, dass man mit keinem Traktor der Welt durchkommt. Ist zwar mühsam aber dafür baut man durch die manuelle Arbeit auch eine intensivere Beziehung zu den einzelnen Rebstöcken auf. Direkte Auswirkungen auf den Wein sind zwar nicht nachweisbar, schmecken tut er allerdings und zwar vor allem würzig, saftig und lebendig, eingebettet in einer cremigen Textur.

Rechtzeitig zu den Roten gibt es ein paar Spezereien von der “Alten Maut” und wer die nicht kennt, sollte die Schweinereien, die dort fabriziert werden, mit einem Besuch bei Alex und Maria verbinden. Und dort wiederum den Pinot probieren. Und die Zweigelt(!) Reserve. Vor allem aber den St. Laurent vom Neuberg, ganz subjektiv gesehen, das Meisterwerk im Hause Koppitsch. Den gab es glücklicherweise aus zwei Jahrgängen, wobei der 2012er elegant, samtig, dicht, tief, filigran, komplex, leichten Fußes und balsamisch (aus dem Notizbuch zitiert – ein bisschen viel, aber eigentlich ganz korrekt) daherkommt, der 2011er dagegen dichter, dunkler und stoffiger wirkt. Beide brilliant. Ausgebaut wird in meist gebrauchten Barriques, die Erträge am Hektar belaufen sich auf mickrigen 2000 Litern und diese akribische Selektion steht den Weinen gut.

Erstaunlich offen, weich, saftig, rund, pfeffrig, unaufgeregt und würzig (Zimt & so) ist dann der Blaufränkisch vom Neuberg, eine Lage, die man sich unbedingt merken sollte. Beide Weine (SL und BF) befinden sich in perfekter Balance und auch wenn der Syrah vom Neuberg eine kaum zu erwartende burgundische Note in sich trägt (alles andere als ein Nachteil), kann man das gleiche auch von ihm behaupten.

Alex und Maria geben den Weinen Zeit – wie schon erwähnt während der Gärung aber auch später im Fass und – wenn es denn sein muss – auch noch in der Flasche. Der Rest liegt dann in der Verantwortung des Konsumenten – wer die Weine (vor allem die Roten) jung trinken will (das ist eher relativ zu sehen, zur Zeit 2011 und 2012) wird seinen Spaß haben, wer noch ein paar Jahre warten kann, wird gerade bei den drei letzterwähnten Weinen ganz sicher noch auf zusätzliche Nuancen stoßen.

Selbst die größten Lagenfetischisten innerhalb der österreichischen Weinszene dürften Schwierigkeiten haben die Lange Ohn zu orten. Hinter Jois gelegen, fällt sie relativ sanft in Richtung Neusiedl ab, wobei „das Lange“ im Namen in den ausgedehnten Rebzeilen seine Rechtfertigung findet, während das „Ohn“ vermutlich auf den „Atem verweist, den man braucht, um die Riede hinaufzuwandern“.

„Oben“, meint Hans Peter Harrer, „ist es karger, die Wurzeln treffen früher auf den Kalk“, und auch wenn der Höhenunterschied marginal scheint, ist es ein Tick kühler und windiger. In guten Jahren zollt HP diesen Feinheiten Tribut. Dann gibt es neben dem Blaufränkisch Lange Ohn, einem puristischen, schlanken und vielschichtigen  Wein, auch noch den Blaufränkisch vom Kalk von den obersten Reihen der Riede. Kühl, komplex, druckvoll und lebendig ist er eine dieser erstaunlichen Blaufränkisch-Interpretationen, die sich zwar nicht oft aber doch immer wieder den Leithaberg hinunter bis nach Rust ziehen.

Die Lange Ohn ist Harrers Herzenslage und schon deshalb ein Grund, der Hitze zu trotzen und mit ihm die Rebzeilen zu erkunden. Neben Blaufränkisch sind es auch noch alte Welschrieslingstöcke (zurzeit die Basis für einen saftigen und glasklaren Sommerwein, der ohne Restzuckerkonzessionen an die Terrassenweintrinker auskommt und demnächst auch noch das Material für eine maischevergorene Version bildet) und Pinot Noir (den man problemlos auch im Burgund verkaufen könnte und  der sich folglich vor allem durch eine strenge und geradlinige Kühle, kein Gramm Fett und subtile Frucht- und Terroiraromen definiert), die teils seit Jahrzehnten in der Langen Ohn wurzeln.

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HP Harrers Weingarten

Zwischen den Rebreihen dagegen spiegeln sich HPs Anschauungen wieder, die genauso dezidiert wie vernünftig wirken. Dort wachsen trotz der Trockenheit und Hitze einträchtig wilde Karotten, Malven, Käsepappel, Spitzwegerich, Löwenzahn, wilder Amaranth, Pfeilkresse (bestens für Salate geeignet) und Schafgarben nebeneinander. (Trocken-)Stress scheinen sie keinen zu verursachen, dafür brechen sie die Monokultur. Die Schafgarben verwendet der seit 2012 demeterzertifizierte Weinbauer übrigens gleich zur Herstellung von Präparaten.

Mit wenigen Ausnahmen sind die Weingärten alt. HP pachtet lieber alt und rekultiviert als neu auszusetzen, wobei ein Neuburger die Regel bricht und demnächst auch noch ein Furmint diese Ausnahme bestätigen soll; die Reben wurzeln folglich tief und kommen selbst im wüstenartigen Sommer 2015 ohne Bewässerung aus.

Würde man beispielsweise den Wurzeln seines Traminers auf den Grund gehen wollen, müsste man sich durch eine ganze Menge Kalk und  Erde graben. Der Weingarten in der Riede Froschau gehört seiner Tante, die die 90 Jahre alten Stöcke eigentlich roden wollte. Harrer verhinderte das und rettete derart genetisches Material, das um den See herum (und in der Welt) vermutlich einzigartig ist und zudem das Fundament für einen Wein ergibt, der auf den Schalen vergoren, die Möglichkeiten der Rebsorte bis ins letzte Detail auslotet. Harrer ist übrigens davon überzeugt, dass man „erst durch Maischegärungen dem ganzen Potenzial einer Rebsorte auf die Spur kommt“, weshalb es jenseits des Traminers auch noch eine maischevergorene Riesling gibt.

„Riesling? Am Neusiedlersee?“ „Sicher“, meint HP, „unten am Seefeld. 40 Jahre alte Stöcke. Auf Schotter und Lehm. Dort würde heute kein Mensch mehr Riesling aussetzen.“ Tut er auch nicht. Allerdings rekultiviert und pflegt er sie und vinifiziert daraus zwei Versionen (zum maischevergorenen auch noch einen klassischen), die zeigen, dass in akribischen Winzerhänden nichts unmöglich ist.

Während wir auf der Sauerbrunn (what a name) durch einen Blaufränkisch-Weingarten stapfen, gibt HP ein paar klimatische Einblicke in seine unmittelbare Umgebung: „Neusiedl liegt gerade noch im Einflussbereich des Leithagebirges. Der Wind vom Westen streift durch seine Weingärten und sorgt dafür, dass die Seethermik nicht überhand nimmt und die Weine geradlinig, straff und elegant bleiben.

Problematisch ist dagegen bisweilen die Trockenheit, die trotz der zunehmenden Unkalkulierbarkeit des Wetters rund um Neusiedl extrem ausfallen kann. Weshalb dann wiederum alte Weingärten mit ihren tiefen Wurzeln Sinn machen.

Nicht nur hier schließt sich der Kreis. Seine Umstellung auf biodynamische Bewirtschaftung ist ein weiterer elementarer Faktor in seiner Weingartenphilosophie, die interessanterweise nicht nur durch ethische oder qualitative Aspekte begründet wird. Harrer will verstehen, den Dingen auf den Grund gehen, „wissen warum etwas ist, wie es ist“ und das funktioniert naturgemäß besser, wenn man mit den natürlichen Voraussetzungen arbeitet.   Durch dieses Verständnis wiederum möchte er den zunehmenden Authentizitätsverlust kompensieren, den er bisweilen im Weinbau wie auch bei Handwerkern diagnostiziert.

Es wundert wenig, dass sich HPs Vorgehensweise im Keller 1:1 mit seiner Denkart im Weingarten deckt. Er setzt auf eine bewusste Mostoxidation, eine alte, manuell betriebene Vaslin-Presse, spontan startende Gärprozesse, lange Hefestandzeiten, biologischen Säureabbau (sofern er denn stattfinden will), lange Hefestandzeiten, 200, 300 und 500 Liter Holzfässer (Akazie/Eiche) viel Ruhe und wenig SO₂ – manchmal auch gar keinem. Damit das alles mit rechten Dingen über die Bühne geht, schaut ihm Che Guevara auf die Finger, dessen Portrait  über der Presse hängt und den Weinkeller überblickt – das Überbleibsel eines kubanischen Festes, erzählt HP.

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Im Keller mit dem Che

Experimentiert wird dabei fortwährend, seien es nun kurze oder längere Maischestandzeiten, Ganztraubengärung oder das gelegentliche Einstampfen mit Füßen. Die Stilistiken orientieren sich an keinen modernen Typizitäten (weshalb er auch oft keine Prüfnummer bekommt) und machen keine Konzessionen: warum auch. HP Harrers Weine beinhalten alles, was man sich als Weintrinker wünschen kann und repräsentieren dabei doch ihre ganz eigenen Charakteristika: der Pinot Rosé beispielsweise ist saftig, lebendig und filigran, hat feine Beerenaromen und ordentlich Säure, der Chardonnay Weisse Lagen ist stringent, lang, offen und vital, wobei sich HP noch mehr Geradlinigkeit wünscht, der Traminer dagegen ist  ein Ausbund an Rosen und Veilchen, denen allerdings ordentlich Gerbstoff eine Struktur verpasst, die mehr von Wladimir Klitschko als von Helmut Kohl hat und die man der Rebsorte immer wünschen würde. Gemein ist ihnen lediglich ein stets moderater Alkohol (zwischen 12-13%).

Zwei Weine runden das beeindruckende Sortiment ab: zum einen der Kekfrankos (ein ungeschwefelter Blaufränkisch, der sich des ungarischen Synonyms bedient, da er prüfnummernfrei den geläufigen Namen nicht am Etikett tragen darf), offen, würzig, lebendig und so animierend, dass man gleich die ganze Flasche runterkippen möchte und der Leskorner, ein Tribut an die Tradition – und doch völlig neu interpretiert. „Früher“, erklärt HP, „gingen die Industriearbeiter nach der Lese durch die Weingärten und pickten die übriggebliebenen Trauben von den Reben, um daraus einen Haustrunk zu machen.“ Heute geht HP selbst ein paar Wochen nach der Lese durch die Rebzeilen und sammelt die Beeren ein – gesunde wie auch mit Botrytis befallene. Die werden spontan und so weit wie möglich durchgegoren, wobei der extreme Zuckergehalt auch zu einer extreme Alkoholgradation (16,5% – unerreicht mit wilden Hefen in Ö) führt. Das Resultat ist ein Wein, der einem trockenen Sherry nicht unähnlich (ein bisschen mehr Frucht und Süße) sowohl als Aperitif herhält, wie auch alle möglichen Schweinereien mit Innereien radikal aufwertet. Doch das ist eine andere Geschichte.

 

In einer Zeit als man in Österreich vor allem in Richtung Westen schaute und den hiesigen Rebsortenspiegel um internationale Sorten erweiterte, schaute Robert Wenzel von Rust aus über den Eisernen Vorhang nach Ungarn und in die ampelographische Vergangenheit des Burgenlands. Statt Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah brachte er 1984 Furmintedelreiser mit nach Hause und setzte sie in die Ruster Weinberge (genauer in die Riede Vogelsang). Das führte zwar zu keiner Revolution, doch legte er immerhin das zarte Fundament für eine kleine Renaissance (10 ha insgesamt, die Wenzels bewirtschaften davon 2 ha), die von seinem Sohn Michael konsequent fortgesetzt wird.

15 Jahre lang brach Michael immer wieder ins Tokaji auf, um mit den dortigen Winzern über die Spezifika der Sorte und ihre Bedeutung für das Burgenland zu sprechen. Er suchte nach dem Ruster Urtypus der Sorte und wurde letztlich auch fündig. Die akribische Recherche und die dabei gewonnenen Freundschaften mit Tokajer Winzern führten letztlich dazu, dass Michael vor ein paar Jahren quasi eine Urversion des Furmints in einen seiner Weingärten setzen konnte und der bezeichnenderweise den Namen Eden trägt. Das genetische Material der dort  gepflanzten Furmintstöcke ist zwar nicht so alt wie die Bibel, reicht  aber immer auch 150 Jahre zurück.

Michael näherte sich der Rebsorte freilich nicht nur auf kultureller und historischer Ebene, sondern allen voran auf vitikultureller und önologischer Ebene. So pflanze er die Reben in einer in Österreich kaum bekannten Dichte aus (bis zu 10000 Reben am Hektar) und erzog sie in manchen Weingärten nicht am Draht sondern in Stockkultur. Furmint will Licht und die bekommt er auf diese Weise – zudem zieht der Wind bestens durch die Hänge und hält die Trauben frisch und gesund. Jeder Stock wurde dabei händisch und sternförmig in die Erde gelegt, eine Knochenarbeit, die den Wurzeln allerdings den nötigen Raum zur Entfaltung bietet. Andere Aspekte, die den Furmint zur prädestinierten Sorte des südlichen Neusiedlersees machen, sind seine späte Reife und die damit verbundenen oft erstaunlich niedrigen pH-Werte oder aber die Entwicklung diverser Säuren (Bernsteinsäure & Zitronensäure), die am Gaumen zusätzlich Dampf machen.

Furmint gibt es dann auch gleich in fünf verschiedenen Varianten, wobei das ganze Potenzial des Furmints schon die Version von der Vogelsang  auslotet. Dass Furmint naheliegenderweise jahrgangsspezifische Unterschiede verdeutlicht liegt in der Natur der Sorte wie auch im Interesse des Winzers und folglich gibt sich der 2012 etwas weicher, wärmer und runder, wobei man weit davon entfernt ist, in barocken Dimensionen zu denken. Richtig spektakulär geht es dann freilich bei seiner maischevergorenen Version und vor allem bei seinem Furmintmonument „Garten Eden“ zu, wobei der paradiesische Verweis ganz einfach durch die historische Namensgebung der Lage erklärt ist.

Voraussetzung für die detaillierte Wiedergabe des gesamten Furmintpotenzials ist eine akribische und nachhaltige Bewirtschaftung der Weingärten. Die Wenzelschen Rieden werden biologisch-organisch bearbeitet (noch nicht zertifiziert), was prinzipiell nie ein Nachteil ist, doch kann man natürlich auch ein paar Schritte weiter gehen. Michael setzt statt auf Maschinen lieber auf die Wertschöpfung manueller Arbeit und ringt lieber auf natürliche Weise mit der Natur als sie zu bewässern. Ein dezent lehmiger Untergrund in den meisten Lagen hilft dabei, wobei die geologischen Unterschiede innerhalb der einzelnen Rieden viel größer sind als man bei der sanft hügeligen Topographie der Ruster Berge vermuten möchte.

Exemplarisch dafür stehen zwei Pinot Noirs, die in ihren Eigenheiten zu den großen Beispielen des Burgenlands gehören und die doch zeigen, was für eine eminente Bedeutung dem Boden zukommt. Tendiert der Pinot Rusterberge dazu seine Glimmerschiefer und Gneisböden in eine dunkle  und würzige (burgenländische) Aromarichtung zu übersetzen, spricht der kalkbasierte und großartige Pinot Noir vom Kleinen Wald eine filigrane, rotbeerige und fundamental burgundische Sprache. 300 Meter liegen zwischen den beiden Lagen, die identisch vinifiziert (spontan vergoren, in meist gebrauchten Holzfässern ausgebaut, ungeschönt, ungefiltert und einmal spät geschwefelt – so ergeht es quasi alle seinen Weine) verdeutlichen wie unterschiedlich Terroir manifest werden kann.

Abgesehen davon, dass Michael auch Süßweine und Blaufränkisch in exzellenten Qualitäten keltert, lohnt es sich auch kurz zu erwähnen, dass Michael ständiger Entwicklung und Experimenten den Vorzug vor kalkulierbaren Konzepten gibt. Was dazu geführt hat, dass sich auch drei maischevergorene Weine (Grauburgunder, Sauvignon Blanc und Furmint) in seinem Keller befinden  und die allesamt darauf verweisen wie spannend es werden kann, wenn jemand die ausgetrampelten Pfade klassischer Vinifikation verlässt.

Rust an einem der heißesten Tage im August. Die Uhr zeigt 12:00 Mittags, über der Straße flimmert die Luft. Ein paar letzte Gelsen hat die Sonne weggebrannt. Die Photovoltaikanlage auf dem Dach des Weinguts akkumuliert auf Hochtouren. In der Ferne bewegt sich ein Schatten und wenig später schießt Herbert Triebaumer in seinem Elektromobil aus dem Flimmern und spricht den unvergessenen ersten Satz: „Servas, schauen wir in die Weingärten.“

Puuuh. Der faule Vorschlag in den Weinkeller zu schauen wird mit einem ganz einfachen „später“ abgeschmettert. Die nächsten drei Stunden gehören den Weinbergen über dem Neusiedlersee, obwohl es so heiß ist, dass sich nicht einmal eine Knoblauchkröte geschweige denn eine Würfelnatter raustrauen würde. Dass es die rund um den Neusiedlersee gibt, könnte ich von Herbert wissen: denn, und da kommen wir langsam aber sicher zum Wein und seinen natürlichen Grundvoraussetzungen, Herbert kennt die komplexen Zusammenhänge und Wechselbeziehungen innerhalb seiner Weinberge und versucht sie mir in den nächsten Stunden verständlich zu machen.

An vorderster Stelle steht dabei das Ziel, den in den letzten Jahrzehnten geöffneten Kreis wieder zu schließen und die Ökologisierung seiner Weingärten voranzutreiben. Was mit einer Ökologisierung genau gemeint ist, beginnt er mir in der Riede Vogelsang, zwischen Sauvignon Blanc Rebstöcken und einem guten Dutzend Schafen, die uns zwischen den Füßen rumrennen und die Sonne anblöken, zu erklären. „Vorausschauendes Arbeiten“, meint Herbert, „ist ein entscheidender Aspekt. Unsere Ressourcen sind endlich“, weshalb er versucht Arbeitsgänge zusammenzulegen und derart immer seltener mit dem Traktor durch die Gegend fahren zu müssen. Der gelernte Elektriker setzt zudem auf selbstkonstruierte, energiefreundlichere Geräte. „Der Traktor schluckt nicht nur Sprit, er verdichtet auch den Boden und zwar nicht nur für ein paar Wochen oder Monate, sondern über Generationen hinweg“, meint HT. Und über Generationen ist das Projekt Triebaumer aufgebaut. Die Familie ist groß, doch partizipiert jeder auf seine Art an der Entwicklung (und Ökologisierung des Weinguts) und das soll auch in Zukunft so bleiben.

Der Boden, da ist sich Herbert sicher, stellt die Existenzgrundlage für jeden Winzer (und Rebstock) dar. Das wusste auch schon sein Vater Ernst, der vor gut 30 Jahren mit dem Blaufränkisch vom Mariental die österreichische Rotweinszene aufmischte und nur einmal, 1971, Kunstdünger ausbrachte. Herbizide spritzte er nie, und auch wenn er sich den zunehmenden Avancen der Agrarindustrie nicht völlig entzog, verließ er sich doch auch oft auf seine Intuition. „Rainfarn und Wermut haben wir schon vor Jahren gegen den Pilzdruck gespritzt“, erzählt Herbert  – ein Ergebnis gezielter Beobachtung, die er bis heute als elementaren Wegweiser durch ihre Weingartenarbeit sieht. Neben den Lehrstunden, die die Natur bietet, holen sich die Triebaumers ihre Informationen auch aus Kursen und Büchern – wo sie genau auf Terra preta stießen, habe ich vergessen zu fragen, entscheidend ist jedoch, dass sie das Konzept der Pflanzenkohle verinnerlicht haben und dezidiert in ihren Weingärten umsetzen. Dabei wird natürliches Material (Äste, Laub, Pflanzen) verbrannt und ihre Glut für ein paar Tage in der Erde verbuddelt, wo sie langsam abkühlt. Danach wird sie mit dem Kompost vermengt und an nährstoffarmen Stellen im Weingarten ausgebracht. „Pflanzenkohle ist kein Dünger allerdings speichert sie Wasser, bindet Kohlenstoff (die Landwirschaft als Klimastabilisator!), fördert die Bodenbakterien, forciert die Bildung von Mikroorganismen und erhöht das Nährstoffpotenzial und Resistenz für die Reben“.  Nebenbei belebt sie auch noch die übrigen Pflanzen zwischen den Rebzeilen, von denen, obwohl in der Zwischenzeit ein Teil vertrocknet ist, sich noch immer eine stattliche Menge im Weingarten befindet – HT kennt sie alle, weiß über ihre Funktionen Bescheid und wie man sie weiterverwenden kann (nicht wenige Kräuter und Pflanzen landen in den Kochtöpfen und Einmachgläsern der Familie Triebaumer).

Im Elektromobil erklärt Herbert sein Konzept einer Ökologisierung weiter. So setzt er in Weingärten, Bäume und Hecken, die sich im Laufe der Jahre zu Lebensräume für Vögel, Reptilien und Insekten verwandelt haben. „Das macht die Landschaft krisensicherer und variabler“, meint er, zudem baut er sich dadurch ein Umfeld auf, in dem es ihm, der Familie und den Arbeitern Spaß macht ihre Tage zu verbringen. Die kategorische Trennung von Freizeit und Arbeit hält er übrigens für einen der Gründe, warum sich die Arbeitswelt und die Landwirtschaft im Speziellen in einer Krise befinden.

Keine Krise zu orten gibt es in der Plachen, einer Riede, die sanft in Richtung Neusiedlersee abfällt und auf Quarz, Schiefer & Gneis baut. Die Reben sind über 60 Jahre alt, locker und gesund und bilden die Basis für das Urwerk, seinen ungeschwefelten Blaufränkisch. Es ist der gegenwärtig letzte Versuch, das ganze Potenzial einer Rebsorte auszuloten, mit denen die Triebaumers in den letzten Jahrzehnten die österreichische Rotweinwelt verändert haben.

Oberer Wald und Mariental sind dann auch die nächsten Stationen, auf unsere Reise durch die Rieden. Getrennt lediglich von einem kleinen Weg stehen die beiden Lagen für zwei völlig unterschiedliche Weinstilistiken.

Den Grund vermutet er in unterschiedlichen Sonneneinstrahlungswinkeln, die den Trauben des Mariental mehr Intensität und Kraft mitgeben und dem Oberen Wald dagegen mit Eleganz, Geradlinigkeit und Kühle ausstatten (letzterer gehört sicher zu den idealsten Interpretationen von Blaufränkisch). Oder aber mit dem Alter der Rebstöcke. Der Obere Wald wurde 1947 bepflanzt, während die Reben seit durchschnittlich 35 Jahren im Mariental wurzeln. Der Rest ist da wie dort Kalk. Stetiger Wind pfeift durch die Rieden und über die Böden, die seit Jahren mit Begrünung und selbstproduziertem Kompost aufgebaut werden.

Der ökologische Kreis schließt sich in einem Weingarten unten in der Ebene, wo recht unspektakulär Welschriesling wächst. Zwischen den Reben blöken Schafe und fressen sich durch die paar wenigen grünen Gräser, die ihnen geblieben sind. An die relativ hoch gezogenen Trauben kommen sie nicht ran, haben aber doch ganz entscheidend mit ihnen zu tun. „Bevor es hier drinnen Schafe gab“, erzählt Herbert, „stiegen die Gradationen nie über 14 KMW (ca. 10% potenzieller Alk).“

Die Familie trug sich mit dem Gedanken die Stöcke auszureißen, beschloss dann aber stattdessen, Schafe reinzutreiben und zu schauen, ob dadurch Veränderungen eintreten würden. Die Resultate waren dramatisch: schon im ersten Jahr erhöhten sich die Gradation um ein Drittel auf 20 KMW (ca. 13% Alk.) ohne, dass dadurch Mengen eingebüßt wurden. Seit acht Jahren läuft das Spiel nun so und in der Zwischenzeit hat sich der Weingarten zu einem verlässlichen Lieferant exzellenter Trauben entwickelt. Warum das so ist, fällt auch Herbert schwer zu erklären.

Er führt es auf veränderte Energien im Boden zurück, ist sich aber bewusst, dass er damit schwer an esoterischem Gedankengut kratzt. Fakt ist, dass sich durch die fortwährende natürliche Düngung einiges getan hat – wobei sich die Schafe nebenbei noch als rigorose Stammputzer hervortun und nebenbei auch noch unter den Reben ordentlich aufräumen. Herbert dankt es ihnen, indem er möglichst wenig Kupfer spritzt und ihnen ein lebendiges und diverses Umfeld bietet. Wie überzeugt er von seinen tierischen Arbeitskollegen ist, zeigt die Tatsache, dass bereits 50 Schafe durch seine Weingärten streifen.

Dass sich all diese Maßnahmen letztlich auch auf die Qualität der Weine auswirken, liegt auf der Hand, wobei gerade der Erfolg des Blaufränkisch Marientals darauf verweist, dass der Zugang seit jeher vom Versuch geprägt war, respektvoll mit dem vorhandenen Material umzugehen. Die Gärung startet durch die Bank spontan, der Ausbau erfolgt größtenteils im Holz, ansonsten setzt man auf Entschleunigung und forciert stattdessen eine langsame und vitale Entwicklung. Die Weißweine werden größtenteils gefiltert, wobei man auch hier bisweilen auf die Zeit und natürliche Klärprozesse setzt (und auf eine Preisstruktur, die mehr als fair ist). Allen voran beim Sauvignon Blanc Urwerk, einem dichten, intensiven, griffigen Wein, der strukturiert und lebendig alle möglichen Aromen vereint, außer den klassisch grünen, die man sonst mit der Rebsorte assoziiert. Die Urwerk-Palette wird von einem Blaufränkisch ergänzt, der ungeschwefelt und ungefiltert, erstmal offen, lebendig und saftig ist, ehe sich dann sukzessive leicht reduktive, fleischige und würzige Aromen auf den Weg in Richtung Gaumen machen. Kantiger und kühler, doch von einem ähnlichen Aromaprofil gezeichnet ist der Obere Wald, der in all seiner schlichten Eleganz – wie schon erwähnt –  einen blaufränkischen Idealtypus verkörpert. Die Palette der Triebaumerischen Weine ist breit, doch lohnt es sich allemal, sich in langsamen Schritten sukzessive durch die ganze Bandbreite zu kosten.