Gut Oggau

Lage/Böden: Kalk
Rebsorte: Grüner Veltliner
Mazeration: ja
Hefen: wilde
Gärung: ohne Temperaturkontrolle
Ausbau: in 500 Liter Holzfässern
Schönung: nein
SO₂ total: nein
Gefiltert: nein

Dichtung: Stoffig, engmaschig und konzentriert. Timotheus hat Tiefe, ist samtig und weich und doch fokussiert und geradlinig. Aromatisch dominieren saftige Steinobstnoten, denen zwar nicht zuviel Säure, dafür ausreichend Gerbstoff zur Seite steht, der sie bis zum Gaumen und darüber hinaus begleitet. Hinzu kommen salzige Noten, exotische Gewürze, Kamille und metaphysische Komponenten wie sie große Weine eben in sich tragen und die man nur schwer in Worte fassen kann. Manche bezeichnen das als Mineralität, andere attestieren Komplexität, Energie oder Charakter – Timotheus vereint alle vier Begrifflichkeiten.

Wahrheit: Timotheus ist der Bruder von Joschuari (Blaufränkisch: komplex und charismatisch, mit Ecken und Kanten) und Emmeram (einem exotischen und erstaunlich eleganten Traminer) und seineszeichen ein Paradebeispiel dafür wie großartig Veltliner vom Leithagebirge und seinen Ausläufern schmecken kann. Die Bewirtschaftung im – von Kalk geprägten – Weingarten ist biodynamisch, die Erträge der 40 Jahre alten Stöcken liegen generell unter 2000 Kilo, die Arbeit im Keller ist antiautoritär und begleitend. Bevor die Gärung spontan startet, wird erstmal der Most einer dezenten Oxidation ausgesetzt (die einer potenziellen späteren Oxidation des Weins positiv entgegenwirkt). Danach sorgt eine gewisse Maischestandzeit (je nach Jahr unterschiedlich lang) für die nötige Struktur ehe der Wein für ein knappes Jahr ins 500-Liter Fass wandert. Dort liegt in aller Ruhe auf der Hefe, die mitverantwortlich für die cremige Textur des Veliners ist. Es wird weder geschönt, gefiltert noch geschwefelt.

Bezug (Auswahl)

Österreich: weinskandal
Deutschland: Wein am Limit
Schweiz: Baur au Lac

Getrunken im September 2015. Hat also ein bisschen gedauert, die Eindrücke in den Computer zu klopfen. Aber zum einen gibt es davon in regulärem Fachhandel ohnehin nichts zu kaufen (keine Ahnung, wo man Jörgs Weine überhaupt kaufen kann) und zweitens definiert sich Zeit bei Jörg & seinen Weinen überhaupt anders.

Jörg ist ein Apologet der Langsamkeit. Die dabei gewonnene Zeit nutzt er bisweilen, um in Stein gemeißelte önologische Wahrheiten zu hinterfragen und wenn nötig zu demontieren. Das passiert auch nicht zwingend von einem Tag auf den anderen und manchmal lässt er auch 15 Jahre vergehen, um festgefahrene Dogmen nicht nur zu unterminieren sondern gleich wegzusprengen.

So geschehen eben in besagtem September. Eingeschenkt wurde eine reichlich goldene Flüssigkeit, was prinzipiell schon mal ganz spannend ist, richtig interessant wurde es allerdings als wir (drei Winzer, ein Händler & ich) die Nase reinhängten und so gewichtige Dinge wie lebendig, jung, sauber… ja schon, sauber, lebendig, saftig, frisch… hefig, Kräuter, offen… immer offener… kühl… schöne Spannung, macht ordentlich Dampf… krieg ich noch was, und was ist das… uswusw… von uns gaben. Jörg meinte kryptisch, dass es ein Wein wäre, den es eigentlich nicht geben dürfte, was unsere Aufgabe, draufzukommen, was wir da im Glas hatten, nicht zwingend erleichterte. Er lüftete letztlich selbst das Geheimnis und erklärte, dass wir es mit einem ungeschwefelten Weißburgunder aus dem Jahr 2000 zu tun hätten, der die Zeichen der Zeit so unbeschadet weggesteckt hatte wie Muhammed Ali die Schläge von George Foreman im Rumble in the Jungle (hier für alle, die mal wieder Lust darauf haben) So viel zu der Behauptung, dass ungeschwefelter Wein nicht reifen kann.

Da Experimente dann am spannendsten sind, wenn man sie vergleichen kann, öffnete er auch eine geschwefelte Version aus dem gleichen Jahr, die weniger animierend und auch nicht so offen und lebendig wirkte.

Neben einer ganzen Menge außergewöhnlicher Rotweine (davon eventuell ein andermal) gab es auch noch einen jungen Weißburgunder aus dem Jahr 2007, der sicher zu den besten Weißweinen zählt, die ich in diesem Jahr getrunken haben. Die Textur war cremig, samtig, geschmeidig und konzentriert, sodass man versucht war, den Wein einfach im Mund zu behalten, was irgendwann allerdings mühsam wurde – vor allem dann, wenn man versuchte sich darüber zu unterhalten. Andererseits vermittelte die darin eingebettete Säure auch einen ein eminenter Trinkfluss und verlangte nach mehr. Die Aromen waren nicht so wichtig und basierte vor allem auf Nüssen, reifen gelben Früchten, Honig und Kräutern. Ein toller Wein, der sicher auch gereift ein Ereignis darstellen wird.