Georg Schmelzer: Rösler Zauber des Verzichts 2012

Wahrheit: Rösler ist keine Sorte, die sich über zu viel Rampenlicht beklagen kann. Das hat seine Gründe. Auch wenn die interspezifische Kreuzung seit ihrem Entstehen im Klosterneuburger-Weinlabor (Zweigelt x Klosterneuburg 1189-9-77 (Seyve-Villard 18-402 x Blaufränkisch) offensiv propagiert wurde, gab es wenige Winzer, die sie aussetzten und noch weniger die versuchten, daraus einen ordentlichen Wein zu keltern. Georg Schmelzers Version ist definitiv und mit gehörigem Abstand die beste, die ich kenne.

Das liegt ganz wesentlich in der Tatsache begründet, dass er den Ertrag stark begrenzt und zudem nur gesundes Traubenmaterial liest. Klingt banal, ist aber so. Danach wird spontan vergoren (da dürfte er wohl auch der einzige sein) und danach geht es ins Holzfass und zwar für zwei Jahre. In dieser Zeit passiert nichts, der Wein ruht auf der Feinhefe und findet sukzessive sein Gleichgewicht. Vom Fass geht es naturgemäß weiter in die Flasche, wobei er weder schönt, filtert oder schwefelt. Folgt man dieser Rezeptur einigermaßen bekommt man zwar keine Prüfnummer (kann man auf diese Art einen sortenuntypischen Rösler produzieren) aber dafür einen exzellenten Wein, der mit den Jahren sicher nicht schlechter wird.

Dichtung: offen, animierend und eigentlich ein Gegenentwurf zu dem, was man sonst mit Rösler verbindet (nicht besonders viel, zugegebenermaßen). Nicht dass es hier an dunkler Impressionen fehlen würde – die Aromen sind schwarz (Erde, Pfeffer und dunkle Beeren) und die Farbe macht jeder Winternacht Konkurrenz. Doch fehlt dieser harte und erschlagende Ton, diese Mischung aus zuviel Gerbstoff und Alkohol. Vielmehr hat man es mit einer Version zu tun, die zwar dicht und konzentiert aber eben auch druckvoll und einladend wirkt. Und zudem dynamisch & fokussiert ist und Trinkfluss hat.

Hypothesen mögen erlaubt sein und meine ist die, dass der Verzicht auf Schwefel hier entscheidend zur Trinkbarkeit und Bekömmlichkeit des Weins beiträgt. Schwefel tendiert dazu einen Wein zusätzlich einzuschnüren, während der völlige Verzicht darauf (Voraussetzung sind naturgemäß völlig gesunde Trauben) Weine öffnet oder, wenn man so will, entfesselt.

Golser Experimente Teil 1 – Gernot Heinrich

Die Reputation von Gols fußt seit Jahren und Jahrzehnten auf Rotweinen. Salzberg & Co. genießen seit langem Kultstatus.  Das wird und sollte sich auf absehbare Zeit nicht ändern, doch erfährt die Gegend eine tiefgreifende Transformation im roten Sektor, zu der sich erfreulicherweise auch gleich noch eine Revolution in Weiß gesellt. Die Basis für die fundamentale Umgestaltung geht wie schon vor zwanzig Jahren  von einem Teil der Pannobile Winzer aus. Die sind gerade dabei, ihre etablierten Stile neu zu interpretieren, Rebsorten und neue Terroirs auszuloten und in unbekannte Welten aufzubrechen. Essentiell war dabei der Umstieg fast aller Winzer auf biologische Bewirtschaftung und in weiterer Folge auch eine minimalistischere Arbeitsweise im Keller. Damit einher ging zudem ein beständiger Blick über die Grenzen, unter anderem in die experimentellen Tiefe des Naturweins visit this website.

Da sich gleich ein halbes Dutzend Winzer aufmacht, die Grundfesten der Gegend ein wenig zu erschüttern, macht es Sinn das Beben in mehreren Teilen festzuhalten.

Teil eins beschäftigt sich mit den Experimenten, denen sich Gernot Heinrich seit einiger Zeit widmet und die (da sie wie alle Weine, die jenseits der Dogmen der Prüfkommissionen gekeltert werden, keine Prüfnummer erhalten und folglich mit Phantasienamen und ohne genaue Rebsortenangabe und Herkunftsnachweis bezeichnet werden müssen) bezeichnenderweise unter dem Signum der FREYHEIT fungieren. Es handelt sich um eine Trilogie marginalisierter Sorten, denen Gernot Heinrich durch a.) biodynamische Bewirtschaftung und b.) gezielter Extraktion durch Schalenkontakt, spontaner Vergärung, nicht kontrollierter Gärtemperatur, minimalen Schwefelungen usw. weit mehr als nur ein bisschen Leben einhaucht.

Dass dem Neuburger seine Freiheit richtig gut tut, konnte man nur vermuten, da er in der Form wie ihn Gernot keltert, bisher nicht existierte (Judith Beck bestätigt seit kurzem in ihrer phänomenalen Bambuleserie – in ein paar Tagen in der Experimentenserie nachzulesen – den Freiheitsanspruch des Neuburgers). Die Trauben dafür stammen zum einem vom Golser Kurzberg andererseits und vor allem aber auch vom anderen Ufer des Sees – genauer von den Kalkhängen des Leithagebirges. Die Vinifikation beginnt mit einer eintägigen Maischestandzeit inklusive  Kämmen und Stielen. Die Gärung setzt spontan ein, Enzyme, Nährstoffe & Co. sind tabu. Ausgebaut wird über Monate hinweg in gebrauchten Holzfässern und was dann letztendlich ins Glas kommt, hat handfeste Tannine, eine stringente Struktur, ordentlich Druck bis zum und über den Gaumen hinaus, viel Körper und ein unaufdringliches aber bleibendes Spektrum an Aromen. Den profunden und substantiellen Charakter findet man übrigens auch in der 2014er Fassprobe, was man bei 11% Alkohol zwar erhoffen aber eigentlich nicht erwarten würde.

Freiheit wurde auch dem Grauburgunder gewährt. 25 Tage lang blieb der Wein auf der Maische und was in diesen 25 Tagen geschah, wird zwar für immer ein Rätsel der Natur bleiben, das Resultat ist jedoch in mehrfacher Hinsicht erstaunlich. Die Farbe ist meilenweil weg vom gewohnten orangen Farbspektrum und changiert irgendwo zwischen Pinot Noir und Nebbiolo (näher am Nebbiolo). Die Aromen siedeln sich ebenfalls zwischen den beiden Rebsorten an, der Gaumen spricht jedoch eine andere Sprache. Frische, Lebendigkeit, Saftigkeit, Dichte, Gripp und Straffheit sind die sechs Grundpfeiler eines umwerfenden Experiments, das zurzeit leider auf 225 Liter beschränkt ist. Das wird glücklicherweise nicht so bleiben. Gernot Heinrich wird am Leithaberg weitere Parzellen Grauburgunder auspflanzen und damit die entgegengesetzte Richtung eines Trends einschlagen, der Grauburgunder zum Opfer von Veltliner (als würde es nicht genug davon geben), Zweigelt (als würde es…) oder Sauvignon (als wü…) macht. Das wird allerdings noch dauern und solange es nicht mehr gibt, sollte man schnell sein.

Eine Trilogie hat bekanntlich drei Teile und die Hauptrolle im letzten Part gehört vorbehaltslos Gernots Rotem Traminer. Sobald Traminer die Bühne erklimmt, können sich die übrigen Rebsorten im Allgemeinen verziehen. Traminer kleckert nicht lang rum, sondern klotzt von der ersten Sekunde weg mit einem Potpourri an Aromen, dass von Moschus bis Nivea reicht und manchmal eher Angst als Spaß macht. Vor allem dann, wenn dieser Überschuss nicht kompensiert wird. Und gerade hier liegt das Problem. Traminer hat von allem zuviel, an Säure mangelt es ihm allerdings fast immer. Einfallslose Winzer säuern einfach auf, einfallsreiche und experimentelle Winzer mazerieren. Der Gerbstoff, der dabei aus den Schalen gelaugt wird, puffert Körper und Alkohol und übernimmt quasi die Funktion der Säure. Das ist bei Roland Tauss sensationellem Roten Traminer so und bei Gernot Heinrichs gleichfalls exzellenter Version nicht anders.

Wer so viel Freyheit nicht aushält, dem bleiben unzählige andere Varianten. Kosten sollte man sie allerdings.

Die  Komparatistik setzt sich, wie der Name andeutet, vergleichend mit der Welt der Bücher auseinander. In der Önologie gibt es diese Fokussierung nicht, sollte man sich allerdings jemals dazu entschließen und mich fragen (beides ist unwahrscheinlich) ich würde Georg Schmelzer als Gastlektor vorschlagen. Georg ist ein Mann des Vergleichs, der Experimente und der Empirie. Lehrmeinungen hinterfragt er grundsätzlich, der Zeitgeist ist ihm egal. Beispiele dafür ziehen sich fast durch sein ganzes Winzerleben. Eine Ausnahme bildeten die Anfänge, als er als 17-Jähriger das Weingut an der Golser Ortsgrenze übernahm und erstmal versuchte, dem Hof wirtschaftlich eine solide Basis zu geben.

Anfänge lassen keine Zeit für Experimente – bilden aber oft Fundamente für künftige Projekte, denen er sich schon bald widmen sollte. 1987 war er einer der ersten, der sich ein paar Barriquefässer in den Keller legte und Cabernet Sauvignon auspflanzte – anders als die meisten Golser Winzer erwärmte er sich nie wirklich für die Filigranität und Subtilität, die synonym für das Burgund und Pinot Noir stehen. Georg Schmelzer ist ein Mann des Bordeaux, Cabernet Sauvignon ist seine Sorte, auch wenn er weiß, dass es alljährlich ein Pokerspiel ist, sie reif in die Flasche zu kriegen. Mehr als 3000 Kilo pro Hektar liest er davon selbst in den besten Jahren nicht. Die Affinitität für expressive Weine (die allerdings, das sei schon mal erwähnt, nie üppig oder ausladend ausfallen) mag auch ein Grund dafür gewesen sein, warum er einige Jahre später einen Teil seiner Parzellen mit Rösler (eine interspezifische Kreuzung aus Zweigelt x Klosterneuburger 1189-9-77) bestockte. Intensiv und dunkel, mit Gerbstoff² hat er durchaus stilistische Ähnlichkeiten mit Cabernet und eignet sich auch bestens für langjährigen Barriqueausbau. Parallel dazu kümmerte er sich um seine Zweigelt-Weingärten – bis heute seine wichtigste rote Sorte – und pflegt auch hier eine Meinung, die sich bestens für eine Diskussionsrunde mit Kollegen eigenen würde. Seiner Ansicht nach intensivieren Weine ihre Komplexität, wenn sie nicht von einer einzelnen Lage, sondern aus einer Vielzahl unterschiedlicher Weingärten stammen. Dazu passt auch die Feststellung, dass seine besten Weine generell in der Ebene wurzeln und nicht in den Hängen der Golser Geländekuppe. Das Bordeaux lässt grüßen.

Schmelzer 4Georg Schmelzers Welt ist allerdings nicht nur rot. 55% seiner Weine sind weiß und Georg wäre nicht Schmelzer würde er nicht auch hier seit Jahren und Jahrzehnten eigene Wege gehen – so lässt er seine Weine seit gut 25 Jahren für knapp einen Tag auf der Maische und keltert deshalb seit langem Weine mit einer feinen aber strukturgebenden Gerbstoffbasis.

Seit 2007 übrigens biodynamisch (Demeterzertifiziert seit 2011). 15 Hektar pflegt er mit biodynamischen Sprays und Tees und selbsthergestellten Hornkiesel (501)- und Hornmistpräparaten (500). Dabei ist er ausnahmsweise nicht allein. 10 Landwirte umfasst die Demeter-Arbeitsgruppe, in der sich u.a. auch Hans-Peter Harrer und Michael Andert befinden und die höchst aktiv nicht nur regen gegenseitigen Austausch pflegt, sondern auch immer wieder gemeinsame Fortbildungen organisiert. Zum Austausch trägt auch Georg Schmelzer bei. Im Zuge seiner komparatistischen Arbeiten hat er zwei Weingärten auserkoren, die er nur zur Hälfte mit Kupfer und Schwefel spritzt.

Spannend und innovativ geht es auch im Verkostungsraum weiter. Klammert man Grünen Veltliner, Welschriesling, Rosé und Zweigelt aus, die das ökonomische Gleichgewicht des Weinguts sichern, trifft man fortwährend auf Experimente und Vergleiche. Weißburgunder gibt es beispielsweise schwefelfrei und leicht geschwefelt, filtriert und unfiltriert (exzellent), mit langen und sehr langen Hefestandzeiten. Der Frührote Veltliner, ohnehin schon eine eigenwillige Ausnahmeerscheinung am Neusiedlersee wird auf der Maische vergoren und hat trotz kaum glaublicher 9,3% Alkohol durchaus Substanz. Am erstaunlichsten sind freilich die Unterschiede, die sich zwischen dem Rösler 2009 und der schwefelfreien Version aus dem Jahr 2012 auftun. Zwar mögen die üblichen Jahrgangsunterschiede eine gewisse Rolle spielen, allerdings dient das nur teilweise als Erklärung dafür, warum sich der 2012er wesentlich offener, transparenter, samtiger, saftiger und bekömmlicher trinken lässt. Die Gerbstoffe packen zwar zu (Rösler!), doch hat man, anders als beim 2009 das Gefühl, dass sie vollständig in den Wein integriert sind, dem Wein zusätzliches Leben verleihen und nicht jenseits des Weins ein Eigenleben führen.

Georg Schmelzers Weine reifen grundsätzlich lang (meist 2 Jahre in diversen Holzfässern). Für jemanden, der so tief in der Welt der Vergleiche steckt wie er, ist es allerdings nur naheliegend auch über einen beeindruckenden Fundus an gereiften Weinen zu verfügen. Bis in die späten neunziger Jahre liegen Weine im Keller und die sind glücklicherweise nicht nur dort um bestaunt zu werden. Wer beispielsweise verstehen will, was für ein großartiger Jahrgang 2004 war und wie komplex, dunkel und pfeffrig Zweigelt aus dem Jahr 2005 schmecken kann, sollte bei Georg Schmelzer vorbeischauen, kosten, trinken und sie mit den nicht minder spannenden Versionen aus den Jahren 10,11 und 12 vergleichen.