Gabriele da Prato kommt nicht nur das Verdienst zu, exzellente Weine zu keltern, er hat gleichzeitig eine Region zum Leben erweckt, von der man im Laufe der nächsten Jahre immer wieder hören wird.

concori_35-1024x732Die Garfagnana wurde nach dem zweiten Weltkrieg sukzessive verlassen – die Landwirtschaft auf ein Minimum reduziert, da man in der Ebene billiger und mehr produzieren konnte.

Als Gabriele 1998 mit der Podere Concori anfing war die Garfagnana, zumindest in weinbaulicher Hinsicht tot (und auch sonst war nicht viel los). Um ihn herum gabe es kein einziges Weingut mehr, kaum Erinnerungen an die einst höchstgelegenen Weinberge der Toskana.

Damit eine Sache tot ist, muss sie aber erstmal gelebt haben und auch wenn in der Garfagnana meist nur Weinbau für den eigenen Durst betrieben wurde, gab es doch Traditionen, Techniken und Rebsorten, die ihr eine eigene, besondere Identität verliehen. So fanden sich noch ein paar alte Weingärten, bestockt mit Ciliegiolo, Carrarese und Marracina, Rebsorten, die Gabriele rekultivierte (gerade die beiden letztgenannten dürften dort, wo die Garfagnana endet, völlig unbekannt sein.)

Jenseits lokaler Traditionen richtete Gabriele seinen Blick auch über den Apennin, die Alpi Apuane und weiter über die Grenzen nach Frankreich und ortete dort klimatische Bedingungen, die denen der Garfagnana nicht unähnlich waren. Er pflanze Syrah, Chenin Blanc, Pinot Blanc, Traminer und Pinot Noir und hatte dabei Hintergedanken, die sich von der Loire über die Nordrhone bis ins Burgund und ins Elsass spannten.

Steil abfallende Hänge, deren sandige Böden immer wieder mit von Schiefer durchsetzt sind bilden das topographische und geologische Fundament, kühle Winde, die Höhe und der Serchio – der Fluss, der das Tal hinunterfließt, bilden die Klimabasis für Gabriele und seine Rebflächen.

Die haben sich in der Zwischenzeit auf 3,5 Hektar ausgeweitet und werden seit 2000 ausnahmslos biodynamisch bewirtschaftet, definitiv keine leichte Aufgabe, da die Garfagnana Niederschlagsmengen aufweist, die mit der Steiermark vergleichbar sind.

Im Keller (siehe Weine) wird vorwiegend auf in der Zwischenzeit gebrauchte Holzfässer zurückgegriffen, die Gärung startet spontan, der Rest obliegt der Zeit. Die trägt letztlich mit dazu bei, dass sich sukzessive auch das Terroir in den Weinen manifestiert und neben einer saftigen und lebendigen Textur und einem straffen und kühlen Körper auch erdige und steinige Noten zum Vorschein kommen.

Gabrieles Erfolg führte dazu, dass die Garfagnana in den letzten Jahren wieder zu einem Ziel, vor allem für die Ambitionen junger Winzer wurde (Land ist billig), die immer spannendere, herkunftsbezogene Weine keltern und die gerade dabei sind Pinot Nero in die Weinlandkarte der Toskana zu integrieren.

Die Weine:

Die Wahl der Rebsorten ist definitiv einzigartig in der Toskana – kein Sangiovese und kein Vermentino, dafür Syrah, Pinot Nero, Traminer, Pinot & Chenin Blanc und ein paar steinalte lokale Rebsorten, die in keinem einzigen mir bekannten Rebsortenbuch Erwähnung finden. Letztlich zollt Gabriele damit einfach nur den natürlichen Voraussetzungen Tribut, die in der Garfagnana wesentlich kühler ausfallen als im Rest der Toskana und ihn veranlasst haben, in den Norden und über die Grenze zu blicken.

Im Keller fällte er schon früh einige Entscheidungen, die auf alle Weine angewendet werden. Er vergärt spontan, schönt und filtert nicht, gibt den Weinen Zeit und erst zum Schluss ein wenig Schwefel. Der „Bianco“ basiert auf Pinot Bianco und Chenin Blanc und wurzelt in den höchsten und kühlsten Weingärten in einer Mischung aus Sand und Schiefer. Die Textur ist elegant und geradlinig, die Aromen sind vor allem von Kräutern und Steinen getragen, auf Trinkfluss wird größten Wert gelegt und das merkt man auch. Der zweite Weißwein ist eine der spannendsten Traminerversionen, die ich kenne – der intensiven Blüten- und Fruchtwelt steht eine Säure gegenüber, die man für gewöhnlich lange in einem Traminer suchen kann und hebt in dadurch in eine Dimension, die nicht nur nach einem Schluck sondern nach einer Flasche verlangt. Beide Weißweine werden im Stahl ausgebaut.

Der Melograno, einer von drei Rotweinen, basiert größtenteils auf Syrah, unterstützt von Ciliegiolo, Carrarese und Marracino, alten Rebstöcken, die ganz sicher ihren Beitrag zur Textur und Aromatik des Weins beitragen. Der Melograno ist erstaunlich rotbeerig (für so viel Syrah), klassischer wirken da schon die erdigen und pfeffrigen Noten, die sich langsam einstellen.

Syrah erfährt durch den Vigna Piezza, einer zum Serchio abfallenden Einzellage, noch eine Steigerung, die allerdings nicht jedes Jahr produziert wird. Abgesehen von den schiefrigen Sandböden kommt dabei dem Fluss entscheidende Bedeutung zu, der immer wieder für Abkühlung sorgt und ganz wesentlich für die stringente und auch strenge Struktur des Weins verantwortlich ist. Die Aromen sind präzis und erdig, der Abgang lang, das Potenzial enorm (hier lohnt es sich definitiv solange zu warten, bis einem die Geduld ausgeht).

Bleibt Gabrieles Pinot Nero, den er selbst Pinot Noir nennt, womit die Stoßrichtung vorgegeben ist. Das Burgund ist das Vorbild, wobei die Reben nicht in Kalk sondern in Schiefer wurzeln. Die Exposition zieht sich nach Norden, die Lese ist spät und extrem selektiv. Kühle Kirschnoten und Unterholz bilden die Aromabasis. Die Säure packt angenehm zu, die Tannine sind fein und präsent, die Textur ist, wie auch schon bei seinen anderen Weinen, elegant und dynamisch.

Ausgebaut wird über 10 Monate in 225 Liter-Fässern. Geduld tut auch hier gut go to this website.

Welschriesling: Wenn schon ein frischer und im modernen Sinne klassischer Welschriesling, dann so einer (es gibt ja auch diejenigen, die versuchen, dem Wesen des Welschrieslings durch Maischegärung, langen Hefekontakt und Holzausbau auf die Spur zu kommen und das ganze Potenzial der Sorte aufzudecken – Judith Beck gehört dazu, genauso wie ein Mikroprojekt von Stefan Wellanschitz und Marinko Barisic (sehr empfehlenswert). HP Harrer hat andere Intentionen). Lebendig & leicht allerdings ohne Restzuckerkonzessionen an den Terrassenweintrinker. Ein Welschriesling mit der dezidierten Idee ein Sommerwein zu sein, doch einer, der animierend und geradlinig in Richtung Gaumen aufbricht und dort seine ganze Substanz und Vitalität preisgibt. Trocken, offen, saftig und präzis – wer danach sucht, findet vor allem Kräuter- und Apfelaromen. Spotan vergoren, Hefekontakt bis zur Füllung. Gemeinsam mit dem Rosè, der durch einen Filter läuft.

HP in der Langen Ohn

HP in der Langen Ohn

Roseefeld: Der Versuch, das eigene Idealbild eines Rosé in die Flasche zu bekommen, folglich: KEIN SAFTABZUG & KEIN RESTZUCKER, dafür spontane Vergärung früh gelesener und kurz mazerierter Pinot-Trauben. Feinheit & Filigranität geben die Richtung vor, florale Komponenten begleiten, die Struktur ist druckvoll, die Textur lebendig, der Abgang trocken und erfrischend. Mit Zeit und Luft finden sich zunehmend rote Beeren.

Riesling Seefeld: Wer noch einmal behauptet, dass gewisse Reben in gewissen Regionen nicht funktionieren, sollte erst probieren und dann urteilen. Pinot Noir in der Toskana. Concorì, Macea und Civettaja treten gleich im Trio den Beweis an. Steirischer Blaufränkisch. Karl Schnabel und Roland Tauss keltern die mitunter besten Beispiele der nördlichen Hemisphäre. Riesling im Burgenland … 40 Jahre alte Stöcke auf wenig Humus und viel Schotter am Seefeld liefern die Basis, gesunde Trauben, wilde Hefen und mehr Holz als Stahl den Rest. Kühle Kräuternoten geben sensorisch den Takt vor, doch ist es vor allem die Textur, die den Wein lenkt: stoffig, kompakt und mit ordentlich Gripp ebnet sie den Weg in Richtung Gaumen und Zukunft – denn Zeit und Geduld tun, wie so oft beim Riesling, gut, um den ganzen Facetten der Sorte auf die Spur zu kommen.

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OLD BUT GOLD

Riesling maischevergoren: Wenn schon, denn schon. Die maischevergorene Rieslingvariante ist 5-6 Wochen mit den Schalen in Kontakt und lotet aus, was in den Trauben steckt. Das Rebmaterial stammt wie schon beim klassischen Riesling vom Seefeld, ausgebaut wird es im Holz, geschwefelt wird gar nicht. Luft tut gut und hat der Riesling erstmal ausreichend davon, entwickeln sich Kräutertee und Orangenaromen, danach packt der Gerbstoff im Verbund mit der Säure zu. Bereichert jede Grillerei und passt perfekt zu fernöstlicher, arabischer und indischer Küche.

Chardonnay Weiße Lagen: 12 Stunden lang liegt der Chardonnaymost auf seiner Maische, ehe das, was nicht von selbst abgeflossen ist, händisch abgepresst wird. Danach verschwindet alles für ein Jahr und mehr ins gebrauchte Holzfass. Dort liegt der Wein auf der Feinhefe und entwickelt sukzessive eine Textur, die kompakt, straff und engmaschig wenig Platz für unnötiges Fett bietet. Aromatisch machen sich unaufdringlich und dezent rote Früchte, ein paar Nüsse und steinige Noten bemerkbar. Geschwefelt wird spät, gefiltert wird gar nicht, man hat es also mit einer jener Versionen, die Sorte und Terroir gerecht werden. 

Traminer Ried Froschau: GROSSER WEIN, der einmal mehr verdeutlicht, warum man beim Traminer zwingenden Maischekontakt in die Weingesetzgebung aufnehmen sollte. Ausgangspunkt für HPs Traminermonument ist die Riede Froschau, eine unspektakuläre Mulde, in der seit 90 Jahren Rebstöcke wurzeln – ich kenne in Österreich keine älteren Reben. Sie sorgen für ein Ausgangsmaterial, das kleinbeerig und konzentriert auf der Maische vergoren wird. Daraufhin wandert der Traminer ins gebrauchte Holzfass und wird ohne weitere Eingriffe (UNGESCHÖNT, UNGEFILTERT & UNGESCHWEFELT) vergoren und ein Jahr später gefüllt.

Im Keller

Im Keller

Rosen & Veilchen führen eine Brigade an Aromen an, die sich von reifen Pfirsichen bis zu getrockneten Orangenschalen zieht. Die Aromenvielfalt wird durch mächtigen Gerbstoff gepuffert, der Körper ist stoffig, die Textur saftig, das Potenzial groß.

Pinot Noir vom Kalk: Eine jene burgenländischen Pinot-Versionen, die man ganz leicht ins Burgund stecken könnte. Verantwortlich dafür sind die Kalkböden der Langen Ohn, einem Ausläufer des Leithagebirges. Die Rebstöcke sind alt und haben kleine und lockere Beeren. Vergoren wird wie immer spontan, ausgebaut wird in kleinen, gebrauchten Fässern und alles in allem ist das kühl, strukturiert, subtil und filigran und hat Charakter & Säure und ein Rückgrat, das ihn ruhig in die Zukunft schauen lässt.

Zweigelt Ried Seefeld: Gut 30 Jahre haben die Zweigeltstöcke im Seefeld auf dem Buckel und je älter sie werden desto spannender werden auch die Weine davon. Die Menge reguliert sich quasi von selbst, die Beeren sind konzentriert und auch die natürlichen Voraussetzungen spiegeln sich immer besser im Wein. Um die ganze Substanz aus den Trauben zu holen, liegen sie fünf Wochen auf der Maische und danach in gebrauchten Fässern. Die anfänglichen Kirschnoten weichen schnell dunklen Fruchtaromen, Pfeffer steuert seinen Teil bei, der Gerbstoff packt zu und lenkt den Wein fokussiert in Richtung Gaumen.

Blaufränkisch vom Kalk: Nomen est Omen. Nach ein paar Zentimetern Humus schimmert es weiß und je weiter man in die Tiefe vorstößt desto reiner wird es. Purer Kalk gibt also die Struktur vor, daneben prägt das kühle Mikroklima des oberen Teils der Langen Ohn. Addiert ergeben diese Faktoren eine geradlinige, fokussierte und gebündelte Textur, in die sich steinige und würzige Aromen mischen und eine fruchtige Saftigkeit, die den Wein ein gutes Stück über den Gaumen begleitet. Ausgebaut wird in gebrauchten Holzfässern, wobei HP den Weinen stets die Zeit gibt, die sie brauchen. Die Zeit im Fass läuft ohne jegliche Eingriffe ab, der Hefekontakt schützt vor Oxidation und sorgt dafür für zusätzlich Textur und Aromen.

Blaufränkisch Lange Ohn: Blaufränkisch präzis und ungeschminkt. Die Lange Ohn liefert das Fundament, der Rest sind kleine und gesunde Beeren und ein bisschen Winzerhandschrift – biodynamische Bewirtschaftung, rechtzeitige Lese, spontane Gärung, nicht zu langer Maischekontakt, gebrauchte Holzfässer, Ausbau auf der Hefe, keine Eingriffe, minimale Schwefelung. Klingt total langweilig und unspektaklär – machen halt die wenigsten so. In Summe ergibt das würzige Aromen und ein wenig rote Frucht, die sich in eine dynamische und lebhafte Textur betten. Der Körper ist kompakt und nie ausladend, die Säure lebendig und das Tannin animierend. Auch das klingt verhältnismäßig unspektakulär. Fakt ist, dass der Blaufränkisch von der Langen Ohn definitiv zu Österreichs Top 10 Roten zählt. Warten macht selten Spaß, doch lohnt es sich manchmal.

Leskorner: Der Name zollt den Leuten Tribut, die einst nach der Lese durch die Weingärten zogen, die letzten Trauben von den Reben pickten und daraus ihren Haustrunk herstellten. Die Leute sind verschwunden, die Idee ist geblieben. Und daraus wird ein Wein gekeltert, der in dieser Form ziemlich einzigartig sein dürfte. Extrem reifer Riesling wird eingestampft, der abfließende Most spontan vergoren und zwar möglichst so lange bis er trocken ist. Das Resultat ist eine burgenländische Variante des Manzanillo, salzig & mandelig, aber eben auch geprägt von Marillenaromen und getragen von einer intensiven Säure und nicht zu knapp Alkohol. Macht sich bestens als Aperitif und ist ein Kracher zu Innereien aller Art.

Selbst die größten Lagenfetischisten innerhalb der österreichischen Weinszene dürften Schwierigkeiten haben die Lange Ohn zu orten. Hinter Jois gelegen, fällt sie relativ sanft in Richtung Neusiedl ab, wobei „das Lange“ im Namen in den ausgedehnten Rebzeilen seine Rechtfertigung findet, während das „Ohn“ vermutlich auf den „Atem verweist, den man braucht, um die Riede hinaufzuwandern“.

„Oben“, meint Hans Peter Harrer, „ist es karger, die Wurzeln treffen früher auf den Kalk“, und auch wenn der Höhenunterschied marginal scheint, ist es ein Tick kühler und windiger. In guten Jahren zollt HP diesen Feinheiten Tribut. Dann gibt es neben dem Blaufränkisch Lange Ohn, einem puristischen, schlanken und vielschichtigen  Wein, auch noch den Blaufränkisch vom Kalk von den obersten Reihen der Riede. Kühl, komplex, druckvoll und lebendig ist er eine dieser erstaunlichen Blaufränkisch-Interpretationen, die sich zwar nicht oft aber doch immer wieder den Leithaberg hinunter bis nach Rust ziehen.

Die Lange Ohn ist Harrers Herzenslage und schon deshalb ein Grund, der Hitze zu trotzen und mit ihm die Rebzeilen zu erkunden. Neben Blaufränkisch sind es auch noch alte Welschrieslingstöcke (zurzeit die Basis für einen saftigen und glasklaren Sommerwein, der ohne Restzuckerkonzessionen an die Terrassenweintrinker auskommt und demnächst auch noch das Material für eine maischevergorene Version bildet) und Pinot Noir (den man problemlos auch im Burgund verkaufen könnte und  der sich folglich vor allem durch eine strenge und geradlinige Kühle, kein Gramm Fett und subtile Frucht- und Terroiraromen definiert), die teils seit Jahrzehnten in der Langen Ohn wurzeln.

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HP Harrers Weingarten

Zwischen den Rebreihen dagegen spiegeln sich HPs Anschauungen wieder, die genauso dezidiert wie vernünftig wirken. Dort wachsen trotz der Trockenheit und Hitze einträchtig wilde Karotten, Malven, Käsepappel, Spitzwegerich, Löwenzahn, wilder Amaranth, Pfeilkresse (bestens für Salate geeignet) und Schafgarben nebeneinander. (Trocken-)Stress scheinen sie keinen zu verursachen, dafür brechen sie die Monokultur. Die Schafgarben verwendet der seit 2012 demeterzertifizierte Weinbauer übrigens gleich zur Herstellung von Präparaten.

Mit wenigen Ausnahmen sind die Weingärten alt. HP pachtet lieber alt und rekultiviert als neu auszusetzen, wobei ein Neuburger die Regel bricht und demnächst auch noch ein Furmint diese Ausnahme bestätigen soll; die Reben wurzeln folglich tief und kommen selbst im wüstenartigen Sommer 2015 ohne Bewässerung aus.

Würde man beispielsweise den Wurzeln seines Traminers auf den Grund gehen wollen, müsste man sich durch eine ganze Menge Kalk und  Erde graben. Der Weingarten in der Riede Froschau gehört seiner Tante, die die 90 Jahre alten Stöcke eigentlich roden wollte. Harrer verhinderte das und rettete derart genetisches Material, das um den See herum (und in der Welt) vermutlich einzigartig ist und zudem das Fundament für einen Wein ergibt, der auf den Schalen vergoren, die Möglichkeiten der Rebsorte bis ins letzte Detail auslotet. Harrer ist übrigens davon überzeugt, dass man „erst durch Maischegärungen dem ganzen Potenzial einer Rebsorte auf die Spur kommt“, weshalb es jenseits des Traminers auch noch eine maischevergorene Riesling gibt.

„Riesling? Am Neusiedlersee?“ „Sicher“, meint HP, „unten am Seefeld. 40 Jahre alte Stöcke. Auf Schotter und Lehm. Dort würde heute kein Mensch mehr Riesling aussetzen.“ Tut er auch nicht. Allerdings rekultiviert und pflegt er sie und vinifiziert daraus zwei Versionen (zum maischevergorenen auch noch einen klassischen), die zeigen, dass in akribischen Winzerhänden nichts unmöglich ist.

Während wir auf der Sauerbrunn (what a name) durch einen Blaufränkisch-Weingarten stapfen, gibt HP ein paar klimatische Einblicke in seine unmittelbare Umgebung: „Neusiedl liegt gerade noch im Einflussbereich des Leithagebirges. Der Wind vom Westen streift durch seine Weingärten und sorgt dafür, dass die Seethermik nicht überhand nimmt und die Weine geradlinig, straff und elegant bleiben.

Problematisch ist dagegen bisweilen die Trockenheit, die trotz der zunehmenden Unkalkulierbarkeit des Wetters rund um Neusiedl extrem ausfallen kann. Weshalb dann wiederum alte Weingärten mit ihren tiefen Wurzeln Sinn machen.

Nicht nur hier schließt sich der Kreis. Seine Umstellung auf biodynamische Bewirtschaftung ist ein weiterer elementarer Faktor in seiner Weingartenphilosophie, die interessanterweise nicht nur durch ethische oder qualitative Aspekte begründet wird. Harrer will verstehen, den Dingen auf den Grund gehen, „wissen warum etwas ist, wie es ist“ und das funktioniert naturgemäß besser, wenn man mit den natürlichen Voraussetzungen arbeitet.   Durch dieses Verständnis wiederum möchte er den zunehmenden Authentizitätsverlust kompensieren, den er bisweilen im Weinbau wie auch bei Handwerkern diagnostiziert.

Es wundert wenig, dass sich HPs Vorgehensweise im Keller 1:1 mit seiner Denkart im Weingarten deckt. Er setzt auf eine bewusste Mostoxidation, eine alte, manuell betriebene Vaslin-Presse, spontan startende Gärprozesse, lange Hefestandzeiten, biologischen Säureabbau (sofern er denn stattfinden will), lange Hefestandzeiten, 200, 300 und 500 Liter Holzfässer (Akazie/Eiche) viel Ruhe und wenig SO₂ – manchmal auch gar keinem. Damit das alles mit rechten Dingen über die Bühne geht, schaut ihm Che Guevara auf die Finger, dessen Portrait  über der Presse hängt und den Weinkeller überblickt – das Überbleibsel eines kubanischen Festes, erzählt HP.

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Im Keller mit dem Che

Experimentiert wird dabei fortwährend, seien es nun kurze oder längere Maischestandzeiten, Ganztraubengärung oder das gelegentliche Einstampfen mit Füßen. Die Stilistiken orientieren sich an keinen modernen Typizitäten (weshalb er auch oft keine Prüfnummer bekommt) und machen keine Konzessionen: warum auch. HP Harrers Weine beinhalten alles, was man sich als Weintrinker wünschen kann und repräsentieren dabei doch ihre ganz eigenen Charakteristika: der Pinot Rosé beispielsweise ist saftig, lebendig und filigran, hat feine Beerenaromen und ordentlich Säure, der Chardonnay Weisse Lagen ist stringent, lang, offen und vital, wobei sich HP noch mehr Geradlinigkeit wünscht, der Traminer dagegen ist  ein Ausbund an Rosen und Veilchen, denen allerdings ordentlich Gerbstoff eine Struktur verpasst, die mehr von Wladimir Klitschko als von Helmut Kohl hat und die man der Rebsorte immer wünschen würde. Gemein ist ihnen lediglich ein stets moderater Alkohol (zwischen 12-13%).

Zwei Weine runden das beeindruckende Sortiment ab: zum einen der Kekfrankos (ein ungeschwefelter Blaufränkisch, der sich des ungarischen Synonyms bedient, da er prüfnummernfrei den geläufigen Namen nicht am Etikett tragen darf), offen, würzig, lebendig und so animierend, dass man gleich die ganze Flasche runterkippen möchte und der Leskorner, ein Tribut an die Tradition – und doch völlig neu interpretiert. „Früher“, erklärt HP, „gingen die Industriearbeiter nach der Lese durch die Weingärten und pickten die übriggebliebenen Trauben von den Reben, um daraus einen Haustrunk zu machen.“ Heute geht HP selbst ein paar Wochen nach der Lese durch die Rebzeilen und sammelt die Beeren ein – gesunde wie auch mit Botrytis befallene. Die werden spontan und so weit wie möglich durchgegoren, wobei der extreme Zuckergehalt auch zu einer extreme Alkoholgradation (16,5% – unerreicht mit wilden Hefen in Ö) führt. Das Resultat ist ein Wein, der einem trockenen Sherry nicht unähnlich (ein bisschen mehr Frucht und Süße) sowohl als Aperitif herhält, wie auch alle möglichen Schweinereien mit Innereien radikal aufwertet. Doch das ist eine andere Geschichte.

 

In einer Zeit als man in Österreich vor allem in Richtung Westen schaute und den hiesigen Rebsortenspiegel um internationale Sorten erweiterte, schaute Robert Wenzel von Rust aus über den Eisernen Vorhang nach Ungarn und in die ampelographische Vergangenheit des Burgenlands. Statt Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah brachte er 1984 Furmintedelreiser mit nach Hause und setzte sie in die Ruster Weinberge (genauer in die Riede Vogelsang). Das führte zwar zu keiner Revolution, doch legte er immerhin das zarte Fundament für eine kleine Renaissance (10 ha insgesamt, die Wenzels bewirtschaften davon 2 ha), die von seinem Sohn Michael konsequent fortgesetzt wird.

15 Jahre lang brach Michael immer wieder ins Tokaji auf, um mit den dortigen Winzern über die Spezifika der Sorte und ihre Bedeutung für das Burgenland zu sprechen. Er suchte nach dem Ruster Urtypus der Sorte und wurde letztlich auch fündig. Die akribische Recherche und die dabei gewonnenen Freundschaften mit Tokajer Winzern führten letztlich dazu, dass Michael vor ein paar Jahren quasi eine Urversion des Furmints in einen seiner Weingärten setzen konnte und der bezeichnenderweise den Namen Eden trägt. Das genetische Material der dort  gepflanzten Furmintstöcke ist zwar nicht so alt wie die Bibel, reicht  aber immer auch 150 Jahre zurück.

Michael näherte sich der Rebsorte freilich nicht nur auf kultureller und historischer Ebene, sondern allen voran auf vitikultureller und önologischer Ebene. So pflanze er die Reben in einer in Österreich kaum bekannten Dichte aus (bis zu 10000 Reben am Hektar) und erzog sie in manchen Weingärten nicht am Draht sondern in Stockkultur. Furmint will Licht und die bekommt er auf diese Weise – zudem zieht der Wind bestens durch die Hänge und hält die Trauben frisch und gesund. Jeder Stock wurde dabei händisch und sternförmig in die Erde gelegt, eine Knochenarbeit, die den Wurzeln allerdings den nötigen Raum zur Entfaltung bietet. Andere Aspekte, die den Furmint zur prädestinierten Sorte des südlichen Neusiedlersees machen, sind seine späte Reife und die damit verbundenen oft erstaunlich niedrigen pH-Werte oder aber die Entwicklung diverser Säuren (Bernsteinsäure & Zitronensäure), die am Gaumen zusätzlich Dampf machen.

Furmint gibt es dann auch gleich in fünf verschiedenen Varianten, wobei das ganze Potenzial des Furmints schon die Version von der Vogelsang  auslotet. Dass Furmint naheliegenderweise jahrgangsspezifische Unterschiede verdeutlicht liegt in der Natur der Sorte wie auch im Interesse des Winzers und folglich gibt sich der 2012 etwas weicher, wärmer und runder, wobei man weit davon entfernt ist, in barocken Dimensionen zu denken. Richtig spektakulär geht es dann freilich bei seiner maischevergorenen Version und vor allem bei seinem Furmintmonument „Garten Eden“ zu, wobei der paradiesische Verweis ganz einfach durch die historische Namensgebung der Lage erklärt ist.

Voraussetzung für die detaillierte Wiedergabe des gesamten Furmintpotenzials ist eine akribische und nachhaltige Bewirtschaftung der Weingärten. Die Wenzelschen Rieden werden biologisch-organisch bearbeitet (noch nicht zertifiziert), was prinzipiell nie ein Nachteil ist, doch kann man natürlich auch ein paar Schritte weiter gehen. Michael setzt statt auf Maschinen lieber auf die Wertschöpfung manueller Arbeit und ringt lieber auf natürliche Weise mit der Natur als sie zu bewässern. Ein dezent lehmiger Untergrund in den meisten Lagen hilft dabei, wobei die geologischen Unterschiede innerhalb der einzelnen Rieden viel größer sind als man bei der sanft hügeligen Topographie der Ruster Berge vermuten möchte.

Exemplarisch dafür stehen zwei Pinot Noirs, die in ihren Eigenheiten zu den großen Beispielen des Burgenlands gehören und die doch zeigen, was für eine eminente Bedeutung dem Boden zukommt. Tendiert der Pinot Rusterberge dazu seine Glimmerschiefer und Gneisböden in eine dunkle  und würzige (burgenländische) Aromarichtung zu übersetzen, spricht der kalkbasierte und großartige Pinot Noir vom Kleinen Wald eine filigrane, rotbeerige und fundamental burgundische Sprache. 300 Meter liegen zwischen den beiden Lagen, die identisch vinifiziert (spontan vergoren, in meist gebrauchten Holzfässern ausgebaut, ungeschönt, ungefiltert und einmal spät geschwefelt – so ergeht es quasi alle seinen Weine) verdeutlichen wie unterschiedlich Terroir manifest werden kann.

Abgesehen davon, dass Michael auch Süßweine und Blaufränkisch in exzellenten Qualitäten keltert, lohnt es sich auch kurz zu erwähnen, dass Michael ständiger Entwicklung und Experimenten den Vorzug vor kalkulierbaren Konzepten gibt. Was dazu geführt hat, dass sich auch drei maischevergorene Weine (Grauburgunder, Sauvignon Blanc und Furmint) in seinem Keller befinden  und die allesamt darauf verweisen wie spannend es werden kann, wenn jemand die ausgetrampelten Pfade klassischer Vinifikation verlässt.