Ein paar erklärende Worte können manchmal nicht schaden. Vor allem dann, wenn man es mit einer Region wie dem Valpolicella zu tun hat, dessen Reputation zum einen bestenfalls durchschnittlich ist, zum anderen aber eben auch phänomenal, je nachdem ob man es mit Valpolicella (dem Wein) oder mit Amarone oder Ripasso zu tun hat. Vor allem aber auch deswegen, weil das Valpolicella in sich extrem komplex ist: Vier Rebsorten (Corvina, Corvinone, Rondinella & Molinara), die fast immer im Kollektiv in den Wein einfließen, dazu noch eine Bandbreite an autochthonen Sorten (Oseleta, Dindarella, Spigamonte, Forseleta… insgesamt knapp 30), denen in den letzten Jahren wieder zunehmend Aufmerksamkeit zu Teil wurde. Eine geographische Ausdehnung, die vor mehr als 5 Jahrzehnten die politischen Grenzen der Region verließ, und seit damals auch Hügel und Täler umfasst, die in einer fast 2000-jährigen Weingeschichte nie zum Valpolicella gehörten (die Kernzone wird heute als Valpolicella Classico bezeichnet). Ein Lagensammelsurium, das den wenigsten Weintrinkern jenseits der Region bewusst sein dürfte, das jedoch elementare geologische, topographische und klimatische Unterschiede aufweist. Und zu guter Letzt vier unterschiedliche Weinstile, die zudem von den Verwendung meist unterschiedlichster lokaler Holzarten zusätzlich geprägt ist.

Die Kernregion beginnt an der Peripherie Veronas und endet dort, wo die Hügel des Valpolicella langsam in die Monte Lessini übergehen. Im Westen trennt die Etsch die Region vom Bardolino, während im Osten das Valpolicella Classico in die erweiterte Zone des Valpolicella Orientale übergeht (dort gibt es ebenfalls eine Handvoll ordentlicher Winzer und Weine, doch davon eventuell ein andermal). Die Böden basieren in der Ebene auf Ton & Kalk, in den Hügeln und Hanglagen ist es neben Kalk vor allem Tuff. Entscheidend sind jenseits der geologischen Eigenheiten vor allem die Expositionen und die Höhenunterschiede. Verona liegt auf knapp hundert Meter, in Porta der neuen Lage von Monte dall’Ora – dem vielleicht besten Weingut der Region (ich kenne, so leid mir das tut, die Weine von Giuseppe Quintarelli nicht, was schlicht und einfach mit deren Preisen zu tun hat) befindet man sich bereits auf 550 Meter.

Abgesehen davon sind es allerdings vor allem die eigenwilligen Vinifizierungsmethoden, die dem Valpolicella eine Ausnahmeposition in Italien (und der Welt) garantieren. Nirgendwo sonst spielt man sich derart mit Trocknungsprozessen, nirgendwo sonst erzeugt man daraus eine derartige Vielfalt an unterschiedlichen Stilen. Dem klassischen Valpolicella kommt dabei die Rolle des frischen, leichten und lebendigen Weins zu, der leider viel zu selten ernst genommen wird und abgesehen von wenigen Ausnahmen (allen voran wiederum Monte dall’Ora mit dem Camporenzo, einer Einzellagenabfüllung aus den Hügeln um San Cariano) findet sich nicht viel erwähnenswertes. Generell verwendet man dafür die Trauben, die nicht in den Amarone fließen, wobei man davon ausgehen kann, dass so gut wie niemand Valpolicella produzieren würde, gebe es nicht eine alljährlich neu definierte Obergrenze für die Amaroneproduktion. Die Trauben für den Amarone (meist 60-80% Corvina und Corvinone, 15 % Rondinella und 5% einer anderen Sorte) werden stets vor dem Valpolicella und naheliegenderweise immer und ausnahmslos per Hand gelesen – verletzte Traubenschalen würden das appassimento, die Trocknung, verhindern).  Zum einen deswegen, weil man dadurch die besten Trauben aus den Weinbergen selektieren kann, zum anderen um durch entsprechende Säure und Finesse den Zucker zu puffern, der sich durch das zweimonatige Trocknen in den Beeren akkumuliert.

Die besten Winzer

Monte dall’Ora (BIO)
Novaia (BIO)
Monte Ragni (BIO)
Aldrighetti (BIO)
Monte Santoccio
Antolini
Begali

Die besten Weine aus dem Valpolicella Classico

Monte dall’Ora: Valpolicella Camporenzo
Monte dall’Ora: Valpolicella Ripasso Sausto
Monte dall’Ora: Amarone Stropa
Novaia: Valpolicella Classico Superiori I Cantoni
Novaia: Amarone Classico Corte Vaona
Novaia: Recioto „Vigneto Le Novaje“
Monte dei Ragni: Valpolicella Ripasso
Monte Santoccio: Valpolicella Ripasso
Monte Santoccio: Amarone
Antolini: Valpolicella Ripasso
Antolini: Amarone Moropio
Antolini: Recioto
Lorenzo Begali: Valpolicella Ripasso La Cengia
Lorenzo Begali: Amarone Ca‘ Bianca

Die Gärung startet im Allgemeinen Ende Dezember/Anfang Jänner, dauert für gewöhnlich einen Monat lang und endet dann, wenn die Hefen den kompletten Zucker in Alkohol verwandelt haben. Dass die Hefen dabei selbst 18% Alkohol wie nichts wegstecken, ist eine der erstaunlichen Phänomene des Amarone. Den Namen Amarone gibt es übrigens erst seit einem guten halben Jahrhundert, davor waren durchgegorene Weine aus getrockneten Trauben eher die Ausnahme und letztlich eines der vielen Nebenprodukte des Recioto – dem eigentlichen Klassiker aus der Region.

Recioto war der einst große Wein des Valpolicella und wenn man den Quellen glauben darf, kelterten schon die Römer einen Weinstil, der dem Recioto ganz ähnlich gewesen sein dürfte. Recioto beruht auf den gleichen Beeren wie Amarone, doch werden sie einen Monat länger getrocknet und letztlich als Süßwein auf den Markt gebracht. Er erinnert frappant an exzellente Vintage Ports, wobei die Säure meist noch einen Tick höher ist und Recioto nie aufgespritet wird. Ähnlich wie rote Schaumweine ist er außerhalb der Region unfassbar unpopulär, weshalb auch nur mikroskopische Mengen vinifiziert werden, die meistens bei Familienfesten in der Region getrunken werden und nebenbei den Weintrinkern vorbehalten bleibt, die sich auch für die Nischen der Weinwelt interessieren.

Die vierte Variante im stilistischen Potpourri des Valpolicella ist der Ripasso, der sich längst als die Nr.2 in der qualitativen Wahrnehmung der Winzer und Konsumenten etabliert hat. Wobei neben den zusätzlichen aromatischen Nuancen vor allem der Herstellungsprozess interessant ist. Nach der beendeten Gärung des Amarone oder Recioto und dem Umzug des Weins in Fässer bleibt der Trester der konzentrierten – weil getrockneten – Beeren im Tank zurück. Um dem klassischen Valpolicella mehr Substanz zu verleihen, lässt man einen Teil davon eine zweite und wesentliche kürzere Gärung mit den Trestern durchmachen und schlägt damit eine Brücke zwischen den leichten und fruchtbetonten Valpolicellainterpretationen und den oft mächtigen und intensiv würzigen Amaroneversionen.

Weißweine sucht man im Valpolicella übrigens vergebens, was jedoch nur bedingt traurig stimmen muss. Die Region ist sowohl im Osten (Soave, Gambellara, Monte Lessini) wie auch im Südwesten (Custoza, Lugana) von den mitunter spannendsten Weißweinenklaven Italiens umgeben.

Carlo Venturini und seine Frau Alessandra haben zwar beide einen bäuerlichen Hintergrund, den sie allerdings verließen, um in der Stadt völlig andere Karrieren zu verfolgen. Vor einigen Jahren zogen sie wieder aufs Land, mit der Intention authentische und somit gleichzeitig oppositionelle Weine (das Valpolicella ist mit wenigen Ausnahmen Weinindustriegebiet) zu keltern. Der Berg, der Carlo angeboten wurde, der Monte dall’Ora – die Ora ist ein Wind, der vom Gardasee rüberbläst – war derartig verwildert, dass Carlo einige  Skrupel hatte, ihn überhaupt Alessandra zu zeigen. Es dauerte zwei Jahre, um die Weingärten und die Steinmauern wieder instandzusetzen.

Der Monte dall’Ora ist heute ein prachtvolles Amphitheater, das auf Kalk gebaut, die ganze Bandbreite der Rebsorten des Valpolicella beherbergt: Corvina und Molinara sowieso aber eben auch Corvinone, Rondinella, Osaletta, die sich auch immer im Kollektiv in der Flasche wiederfinden. Die Arbeit im Weingarten verläuft und nachhaltig (ist man erstmal gezwungen zwei Jahre lange aus einem Dschungel einen Weingarten zu machen, hat man, denke ich, wenig Lust, mit Chemikalien ihm gleichmal wieder den Garaus zu machen.)

Die Bewirtschaftung war von Anfang an biologisch, später biodynamisch. Ziel war es dabei zum einen die Weingarten in ein biodiverses Ambiente zu verwandeln, zum anderen dadurch auch den Stöcken ein gesundes Umfeld zu liefern: die sind oftmals Jahrzehnte alt und werden klassisch in der pergola veronese erzogen.

Die Arbeit im Keller ist minimalistisch. Die erste Geige spielt der Amarone Stropa (siehe unten) der, kurz und simpel gesagt, aus halb getrockneten Trauben gewonnen wird. Dazu verwendete man früher (die erste Erwähnung von Amarone stammt übrigens aus dem Jahr 1940, es ist also eine relativ neue Methode Wein zu produzieren) die luftigsten Plätze des Anwesens und so ist das auch bei Carlo und Alessandra. Danach wird gepresst und was dann passiert, ist relativ schwer zu verstehen, da aufgrund der immensen Zuckerkonzentration der Alkohol nach oben schnellt und selten vor 15% stoppt. Kein optimales Terrain für natürliche Hefen. Und doch gelingt es Carlo mit wilden Hefen durchzugären – Grund dafür ist ein Hefestamm, der nur in den Bergen des Valpolicella beheimatet ist und der in den Urzeiten des Amarone auch stets verwendet wurde. Heute greift man normalerweise auf Reinzuchthefen zurück und raubt damit dem Amarone aber auch dem Valpolicella elementare Geschmackskomponenten. Und die sind bei den beiden so breitgefächert, dass es zumindest Sinn macht, die wichtigsten aufzuzählen. Viel Pfeffer, viel Würze, viel Laub, viel Erde und auch ein wenig Frucht usw – das trifft vor allem auch auf die Valpolicella zu, die allesamt brillant sind, wobei der Camporenzo, eine Einzellage, alles toppt. Ausgebaut wird übrigens teils im Edelstahl und diversen Holzfaessern  (Valpolicella) sowie in 500 Liter Fässern (Amarone).

Valpolicella Camporenza: Der Camporenza ist eine Einzellage, die vor allem auf Kalk basiert. Darin wurzeln Corvina, Corvinone, Molinara, Rondinella und Osaletta und tragen allesamt zu einem Wein bei, der samtig, saftig und unaufgeregt über den Gaumen fließt. Abgesehen von einem entspannten Trinkfluss machen sich vor allem rote Früchte und eine feine Würze breit, die sukzessive auch Pfeffer und Laub in das Aromaprofil integrieren. Gereift ist der Camporenzo über ein Jahr im kleinen, gebrauchten Holzfass. Gefiltert und geschönt wird nicht, der Gesamtschwefel liegt bei ca. 40mg/l.

Amarone Stropa: Amarone verlangt einem Weintrinker im Allgemeinen einiges ab und vieles davon ist nicht wirklich erstrebenswert generic antabuse australia. Er kostet generell viel (was in gewisser Hinsicht verständlich ist, es steckt viel Arbeit dahinter und der Ertrag ist minimal), der Alkohol ist fast so hoch wie der Preis und die Aromen meist erschlagend. Amarone passt generell gut zu dicken Goldketten und noch dickeren SUVs – prinzipiell eine lukrative Nische. Man könnte ihn also getrost vergessen, gäbe es nicht so grossartige Gegenentwürfe wie den Stropa: der ist trotz mächtigen Alkohols lebendig und animierend und hat statt Zwetschkenkompott und Erdbeermarmelade, die ungekochte Fruchtversion im Aromatalon. Daneben klotzt der Gerbstoff, die Säure trägt und puffert und den Pfeffer spürt man vom Zahnfleisch bis zum Gaumensegel. Balsamische Noten und ein paar Waldaromen tun das Ihre. Definitiv eine komplexe Angelegenheit.

Basis sind übrigens in Kalk wurzelnde 60 Jahre alte Reben. Gepresst werden die angetrockneten Trauben im Februar nach der Lese, die Maischestandzeit beträgt 1 Monat, die Reifung im Fass 48, die Zeit in der Flasche weitere 12 Monate. Es braucht also ein bisschen bis der Wein in die Gläser kommt, doch lohnt sich jede Minute.