Welschriesling: Wenn schon ein frischer und im modernen Sinne klassischer Welschriesling, dann so einer (es gibt ja auch diejenigen, die versuchen, dem Wesen des Welschrieslings durch Maischegärung, langen Hefekontakt und Holzausbau auf die Spur zu kommen und das ganze Potenzial der Sorte aufzudecken – Judith Beck gehört dazu, genauso wie ein Mikroprojekt von Stefan Wellanschitz und Marinko Barisic (sehr empfehlenswert). HP Harrer hat andere Intentionen). Lebendig & leicht allerdings ohne Restzuckerkonzessionen an den Terrassenweintrinker. Ein Welschriesling mit der dezidierten Idee ein Sommerwein zu sein, doch einer, der animierend und geradlinig in Richtung Gaumen aufbricht und dort seine ganze Substanz und Vitalität preisgibt. Trocken, offen, saftig und präzis – wer danach sucht, findet vor allem Kräuter- und Apfelaromen. Spotan vergoren, Hefekontakt bis zur Füllung. Gemeinsam mit dem Rosè, der durch einen Filter läuft.

HP in der Langen Ohn

HP in der Langen Ohn

Roseefeld: Der Versuch, das eigene Idealbild eines Rosé in die Flasche zu bekommen, folglich: KEIN SAFTABZUG & KEIN RESTZUCKER, dafür spontane Vergärung früh gelesener und kurz mazerierter Pinot-Trauben. Feinheit & Filigranität geben die Richtung vor, florale Komponenten begleiten, die Struktur ist druckvoll, die Textur lebendig, der Abgang trocken und erfrischend. Mit Zeit und Luft finden sich zunehmend rote Beeren.

Riesling Seefeld: Wer noch einmal behauptet, dass gewisse Reben in gewissen Regionen nicht funktionieren, sollte erst probieren und dann urteilen. Pinot Noir in der Toskana. Concorì, Macea und Civettaja treten gleich im Trio den Beweis an. Steirischer Blaufränkisch. Karl Schnabel und Roland Tauss keltern die mitunter besten Beispiele der nördlichen Hemisphäre. Riesling im Burgenland … 40 Jahre alte Stöcke auf wenig Humus und viel Schotter am Seefeld liefern die Basis, gesunde Trauben, wilde Hefen und mehr Holz als Stahl den Rest. Kühle Kräuternoten geben sensorisch den Takt vor, doch ist es vor allem die Textur, die den Wein lenkt: stoffig, kompakt und mit ordentlich Gripp ebnet sie den Weg in Richtung Gaumen und Zukunft – denn Zeit und Geduld tun, wie so oft beim Riesling, gut, um den ganzen Facetten der Sorte auf die Spur zu kommen.

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OLD BUT GOLD

Riesling maischevergoren: Wenn schon, denn schon. Die maischevergorene Rieslingvariante ist 5-6 Wochen mit den Schalen in Kontakt und lotet aus, was in den Trauben steckt. Das Rebmaterial stammt wie schon beim klassischen Riesling vom Seefeld, ausgebaut wird es im Holz, geschwefelt wird gar nicht. Luft tut gut und hat der Riesling erstmal ausreichend davon, entwickeln sich Kräutertee und Orangenaromen, danach packt der Gerbstoff im Verbund mit der Säure zu. Bereichert jede Grillerei und passt perfekt zu fernöstlicher, arabischer und indischer Küche.

Chardonnay Weiße Lagen: 12 Stunden lang liegt der Chardonnaymost auf seiner Maische, ehe das, was nicht von selbst abgeflossen ist, händisch abgepresst wird. Danach verschwindet alles für ein Jahr und mehr ins gebrauchte Holzfass. Dort liegt der Wein auf der Feinhefe und entwickelt sukzessive eine Textur, die kompakt, straff und engmaschig wenig Platz für unnötiges Fett bietet. Aromatisch machen sich unaufdringlich und dezent rote Früchte, ein paar Nüsse und steinige Noten bemerkbar. Geschwefelt wird spät, gefiltert wird gar nicht, man hat es also mit einer jener Versionen, die Sorte und Terroir gerecht werden. 

Traminer Ried Froschau: GROSSER WEIN, der einmal mehr verdeutlicht, warum man beim Traminer zwingenden Maischekontakt in die Weingesetzgebung aufnehmen sollte. Ausgangspunkt für HPs Traminermonument ist die Riede Froschau, eine unspektakuläre Mulde, in der seit 90 Jahren Rebstöcke wurzeln – ich kenne in Österreich keine älteren Reben. Sie sorgen für ein Ausgangsmaterial, das kleinbeerig und konzentriert auf der Maische vergoren wird. Daraufhin wandert der Traminer ins gebrauchte Holzfass und wird ohne weitere Eingriffe (UNGESCHÖNT, UNGEFILTERT & UNGESCHWEFELT) vergoren und ein Jahr später gefüllt.

Im Keller

Im Keller

Rosen & Veilchen führen eine Brigade an Aromen an, die sich von reifen Pfirsichen bis zu getrockneten Orangenschalen zieht. Die Aromenvielfalt wird durch mächtigen Gerbstoff gepuffert, der Körper ist stoffig, die Textur saftig, das Potenzial groß.

Pinot Noir vom Kalk: Eine jene burgenländischen Pinot-Versionen, die man ganz leicht ins Burgund stecken könnte. Verantwortlich dafür sind die Kalkböden der Langen Ohn, einem Ausläufer des Leithagebirges. Die Rebstöcke sind alt und haben kleine und lockere Beeren. Vergoren wird wie immer spontan, ausgebaut wird in kleinen, gebrauchten Fässern und alles in allem ist das kühl, strukturiert, subtil und filigran und hat Charakter & Säure und ein Rückgrat, das ihn ruhig in die Zukunft schauen lässt.

Zweigelt Ried Seefeld: Gut 30 Jahre haben die Zweigeltstöcke im Seefeld auf dem Buckel und je älter sie werden desto spannender werden auch die Weine davon. Die Menge reguliert sich quasi von selbst, die Beeren sind konzentriert und auch die natürlichen Voraussetzungen spiegeln sich immer besser im Wein. Um die ganze Substanz aus den Trauben zu holen, liegen sie fünf Wochen auf der Maische und danach in gebrauchten Fässern. Die anfänglichen Kirschnoten weichen schnell dunklen Fruchtaromen, Pfeffer steuert seinen Teil bei, der Gerbstoff packt zu und lenkt den Wein fokussiert in Richtung Gaumen.

Blaufränkisch vom Kalk: Nomen est Omen. Nach ein paar Zentimetern Humus schimmert es weiß und je weiter man in die Tiefe vorstößt desto reiner wird es. Purer Kalk gibt also die Struktur vor, daneben prägt das kühle Mikroklima des oberen Teils der Langen Ohn. Addiert ergeben diese Faktoren eine geradlinige, fokussierte und gebündelte Textur, in die sich steinige und würzige Aromen mischen und eine fruchtige Saftigkeit, die den Wein ein gutes Stück über den Gaumen begleitet. Ausgebaut wird in gebrauchten Holzfässern, wobei HP den Weinen stets die Zeit gibt, die sie brauchen. Die Zeit im Fass läuft ohne jegliche Eingriffe ab, der Hefekontakt schützt vor Oxidation und sorgt dafür für zusätzlich Textur und Aromen.

Blaufränkisch Lange Ohn: Blaufränkisch präzis und ungeschminkt. Die Lange Ohn liefert das Fundament, der Rest sind kleine und gesunde Beeren und ein bisschen Winzerhandschrift – biodynamische Bewirtschaftung, rechtzeitige Lese, spontane Gärung, nicht zu langer Maischekontakt, gebrauchte Holzfässer, Ausbau auf der Hefe, keine Eingriffe, minimale Schwefelung. Klingt total langweilig und unspektaklär – machen halt die wenigsten so. In Summe ergibt das würzige Aromen und ein wenig rote Frucht, die sich in eine dynamische und lebhafte Textur betten. Der Körper ist kompakt und nie ausladend, die Säure lebendig und das Tannin animierend. Auch das klingt verhältnismäßig unspektakulär. Fakt ist, dass der Blaufränkisch von der Langen Ohn definitiv zu Österreichs Top 10 Roten zählt. Warten macht selten Spaß, doch lohnt es sich manchmal.

Leskorner: Der Name zollt den Leuten Tribut, die einst nach der Lese durch die Weingärten zogen, die letzten Trauben von den Reben pickten und daraus ihren Haustrunk herstellten. Die Leute sind verschwunden, die Idee ist geblieben. Und daraus wird ein Wein gekeltert, der in dieser Form ziemlich einzigartig sein dürfte. Extrem reifer Riesling wird eingestampft, der abfließende Most spontan vergoren und zwar möglichst so lange bis er trocken ist. Das Resultat ist eine burgenländische Variante des Manzanillo, salzig & mandelig, aber eben auch geprägt von Marillenaromen und getragen von einer intensiven Säure und nicht zu knapp Alkohol. Macht sich bestens als Aperitif und ist ein Kracher zu Innereien aller Art.

Unter dem Himmel hängt eine tiefe Wolke. Theodora ist das egal. Mir auch. Ich habe gute Gesellschaft und die kompensiert potenzielle Wolkenbrüche. Theodora ist das jüngste Mitglied in Eduard Tscheppes und Stephanie Eselböcks fiktiver Familie, wobei sie das nicht gerne hört. Jugendlichkeit wird zu oft als oberflächliche Fassade abgetan, für das was noch kommen mag. Sie insistiert völlig zu Recht auf einer charakterlichen Tiefe, die in ihrem Alter ganz sicher nicht viele derart selbstbewusst vertreten, gewinnt danach aber schnell wieder ihre Unbeschwertheit zurück. Eduard Tscheppe, ihr spiritus rector, diagnostiziert rebellische Momente, was er aber gleichzeitig auch sympathisch findet und ihrer Lebenslust zuschreibt. Theodora wurde als Welschriesling geboren, in den Händen von Eduard und Stephanie allerdings sukzessive zu einer eigenständigen Persönlichkeit geformt.

Gut Oggau„Die Gegend um den Neusiedlersee definierte sich eigentlich nie über Lagen“, erzählt Eduard  auf dem Weg in den Keller. „Zwar gab es gute und weniger gute Weingärten, doch letztlich zählte einfach der Ort.“ In ihrem Fall ist das Oggau, eine kleine Gemeinde am Westrand des Sees, in dem schon die Römer Reben pflanzten. Die Freiheit sich nicht über Lagen definieren zu müssen, nutzten die beiden zu einem der originellsten und gleichzeitig intelligentesten Konzepte im gegenwärtigen österreichischen Weinbau.

Sie personifizierten ihre Weine. Verliehen ihnen erste Attribute, zu denen sich im Laufe der Jahre – Weine verändern sich – immer wieder neue dazuaddierten. Gaben ihren Schöpfungen Namen. Keine aus der Luft gegriffenen, sondern Namen, die in unterschiedlicher Weise mit dem Hof verbunden waren.

Stephanie und Eduard erwarben das Gut Oggau, dessen Mauern teils bis in das 17. Jahrhundert zurückverweisen, im Jahr 2007, von Mechthild Wimmer, einer heute 90-jährigen Frau („Dame“ – meint Eduard) und mit ihm Gerätschaften, Weingärten, alte Rebstöcke, eine noch ältere Baumpresse, Regale, Schubladen…. In einigen dieser Schubladen stießen sie auf Dokumente und Zettel, Rechnungen und Belege; darauf standen Namen von einstigen Käufern, Verwandten, Lieferanten  und Arbeitern, die sich heute auf den Etiketten der 11 Weine wiederfinden, die am Gut Oggau gekeltert werden.

Eigenwillige und längst vergessene Namen – Winifred oder Emmeram, Joschuari oder Athansius – wurden wieder zum Leben erweckt und auch wenn man über die ursprünglichen Geschichte der Personen meist nichts mehr weiß, erzählen doch zumindest die Weine neue Geschichten.  Winifred zum Beispiel ist laut Eduard „brav, charmant und umgänglich und dabei doch auch vielschichtig und individuell (wohin das letztlich führt, kann man sich denken). Sie ist anregend, unschuldig und jugendlich und die Schwester von Theodora.

Und sie ist doch offensichtlich ein Rosé. Mehr erfährt man nicht. Am Etikett findet sich genauso wenig ein Verweis auf die Rebsorte oder Lage, wie auf der Webseite. Und im Grunde braucht es auch nicht mehr. Ob man es nun mit St. Laurent, Blaufränkisch, Zweigelt oder Pinot Noir zu tun hat, ist in Eduards Konzeption nur bedingt interessant. Was zählt sind Charakter, Individualität, Temperament und Persönlichkeit.

Um diese entsprechend entwickeln zu können, werden ihre Weingärten biodynamisch (Demeter) kultiviert. Denn jenseits jeglicher Handschrift ist es vor allem der Boden, der zählt und der voll zum Ausdruck kommen soll. Egal ob die Stöcke in Oggau oder in Purbach wurzeln, wo man ebenfalls zwei Hektar bewirtschaftet. Die Erträge sind generell gering und naturgemäß in den ältesten Weingärten am tiefsten. Zwischen den Zeilen forciert man das Leben und die Biodiversität, begrünt beständig und was dann wächst, das wächst im Allgemeinen gut. 37 Parzellen, deren Böden, Klima und Expositionen trotz der Kleinräumigkeit der Gegend oft extrem unterschiedlich sind, liefern das Fundament für die Entwicklung eigenständiger Charaktere. Neben den jungen Weingärten und den kühlen Randlagen, aus denen neben Theodora und Winifred auch Athanasius (rot: offen, herzlich – allerdings mit ein paar Geheimnissen: u.a. demjenigen, dass er in einer fernen Zukunft ein Weltstar werden möchte) stammt, gibt es auch ein paar ältere, in denen die Elterngeneration der drei wurzeln. Athanasius beispielsweise ist laut Stammbaum der Sohn von Wiltrude und Joschuari. Letzterer vereint gleich acht Parzellen in sich – allesamt Hügellagen, inklusive mancher im Purbacher Kalk – was ihn zu einem komplexen, charismatischen Charakter macht, der seine Ecken und Kanten hat.

Trotzdem sympathisch, finde ich. Am besten habe ich mich allerdings mit Timotheus verstanden. Der ist zwar einen Tick weicher als sein Bruder (und im Gegensatz zu ihm weiß), dafür hat er eine Energie, die animiert und eine intensive Beschäftigung mit ihm unumgänglich macht. Eduard meint, dass er zudem einen mächtigen Charakter hat und mit beiden Beinen voll im Leben steht. Das Brüdertrio komplett macht Emmeram, ein 43 jähriger weltmännischer Dandy und Don Juan (ausnahmsweise sei hier kurz verraten, dass es sich bei ihm um einen Traminer handelt), der sich gerne ein wenig exotisch gibt, wobei er dann doch auch immer wieder vom Gaspedal steigt und lieber von Oggau aus den Kosmopoliten gibt. Bei Josephine würde er damit eher nicht punkten. Dass sie mollig sei, gründet eher auf der selbstkritischen Strenge des Winzers als auf Tatsachen. Fleischig und stoffig ist sie mit Sicherheit aber dann doch auch muskulös und kräftig.

Kein schwarzes Schaf dabei! Im Großen und Ganzen können Mechthild und Bertholdi, die beiden Oberhäupter mit ihrem Clan also absolut zufrieden sein. Wenn sie natürlich auch nicht immer einfach sind, die Enkel immer älter werden und immer größere Ansprüche stellen und sich bei den anderen jahrgangsbedingt immer wieder leichte Stimmungsschwankungen auftun. Für Nachkommen ist jedenfalls gesorgt, am Thron gerüttelt wird allerdings noch nicht.

Bertholdi gibt sich diesbezüglich ohnehin gelassen. Er kennt, laut Eduard, alle Tricks,  hat noch immer Esprit und Energie für drei, ist dabei aber gutmütig und sanft. Und sollte es dann doch mal an der Zeit sein, ein Machtwort zu sprechen überlässt er das Mechthild (eine Hommage an die „Dame“), die durchaus resolut und polarisierend sein kann. Das mag seinen Grund darin haben, dass sie mitsamt ihrer Kämme in 500 Liter Fässern über 2 Jahre auf der Vollhefe zu liegen hat. Gefiltert wird sie nicht, geschönt ebenfalls nicht (das hat sie auch trotz ihres Alters beim besten Willen nicht nötig) und das bisschen Schwefel tut nichts zur Sache. Ihre Kinder und Kindeskinder erfahren übrigens eine ganz ähnliche Behandlung.

Insgesamt würde man sich wünschen öfter mit einer so selbstbewussten und heterogenen Familie Bekanntschaft zu schließen.

Ps und nur zur Info: das Essen im Heurigen ist ebenfalls unglaublich gut (das wundert nicht wirklich, ist aber trotzdem die Erwähnung wert).