Die besten Verkostungen sind immer die, bei denen man nichts bis gar nichts erwartet, mit einer Enttäuschung schon zufrieden ist und einem plötzlich vor Augen geführt wird, dass es hoch an der Zeit ist, die angestauten (und teilweise natürlich völlig ungerechtfertigten) Vorurteile über Bord zu kippen.

So geschehen an einem Montag im Juni 2013, die Verkostung der Pannobile-Winzer stand an, Moritz H. hatte geladen und während ich beim Hingehen noch mit einer frühen Flucht kokettierte, musste ich mir beim Rausgehen eingestehen, dass die Zeit viel zu kurz war.

Warum aber überhaupt diese ganzen Vorurteile? In Schlagwörtern gelistet ein paar Gründe: Zweigelt (obwohl ich auch hier in den letzten 12 Monaten mehrfach eines besseren belehrt wurde – siehe Sepp Muster, Niki Moser oder Karl Schnabel), ein Zuviel an neuem Holz, Extraktion, Fruchtsüße und Opulenz, ein Zuwenig an Eleganz, Struktur, Säure, Stringenz, Bekömmlichkeit und Individualität (wurde alles gnadenlos widerlegt).

Meine primäre Hoffnung hieß Moritz, dessen Weine (Riberach) und Geschmack (er importiert Matassa, Craig Hawkins und ein paar Mikrowinzer von der Loire) man vorbehaltslos vertrauen kann und der als Promoter der Pannobiles auch stilprägend mitagiert. Womit man natürlich Letzteren schon wieder absolut Unrecht tut, denn schlussendlich sind es natürlich die Winzer selbst, die in letzter Verantwortung und mit individuellem Weitblick ihre Weine kreieren (und damit meine ich auch klassische Terroirweine – der Winzer ist immer entscheidend).

Judith Beck zum Beispiel. Die ganze Serie eine Widerlegung: Eleganz, Struktur, Säure, Stringenz, Bekömmlichkeit und Individualität zum Quadrat und kein neues Holz, kaum Extraktion, keine penetrante Fruchtsüße und schon gar keine Opulenz. Und das in einem Jahr wie 2011, wo über Monate extrem warme Temperaturen herrschten. Gelesen wurde früh, der Pinot Anfang September, und das Resultat ist spektakulär, weil filigran, präzis, strukturiert und kompakt und doch komplett reif, also durchaus mit saftigen Tanninen und glasklarer aber eben nicht aufdringlicher Frucht. Der St. Laurent Schafleiten, um noch einen Wein ihrer famosen 2011 rauszupicken ist so elegant, lang und schlank, dass er auch Oscar Wilde geschmeckt hätte, dazu gesellt sich eine steinige Note, die ihn komplex und eine fruchtige Note, die ihn schön antrinkbar macht. Liegen kann er trotzdem für ein paar Jahre.

Paul Achs gehört zu den wenigen Winzern aus der Ecke, die ich immer schon mochte, der Zweigelt weicht, vor allem bei den Top-Weinen, dem Blaufränkisch und sein Pinot ist stilprägend, weil stets lebendig, streng und engmaschig. Das ist auch 2011 so, kein Gramm Fett am Körper, ein Prada Modell nur burgundischer, mit feinen Minznoten in der Nase, über die sich langsam Erde und Beeren legen. Und ganz super, echt topp ist der Ungerberg, ein Blaufränkisch, der ohne Ornamentik auskommt, hier geht es straff, engmaschig und mineralisch zu, Andeutungen sind hier alles, was man bekommt, ein Wein mit dem man problemlos einen Abend verbringen kann, in seiner brillanten Kargheit ein Samuel Beckett Wein.

Bei den Vergleichen mit Persönlichkeiten bin ich nicht alleine. Brigitte Pittnauer macht das auch. Ihr Pinot ist definitiv eine Frauengestalt, meint sie, ohne sich freilich festzulegen. Übrigens die Einzige im Sortiment der Pittnauers, runde und weiche Weine sind eigentlich nicht deren Sache. Ein ganz anderes Kaliber ist der St. Laurent Alte Reben, der mit lächerlichen 13,0% Alkohol den Kraftlackel unter den Pittnauer spielt. Hier wird also nicht geklotzt, vielmehr versucht man der Essenz der Weine auf die Spur zu kommen und ihren Kern bloßzulegen: die Alten Reben (übrigens so alt wie Gerhard Pittnauer selbst) sind ein noch junges Meisterwerk: lebendig und konzentriert, dicht und mit feinem Gerbstoff ausgestattet, bietet es kein Potpourri an Frucht dafür Präzision und Finesse u.v.a.

Bleibt Claus Preisinger und ein nächster Highlight: der ganz sicher beste Weißburgunder hiesiger Breiten nämlich. Weißburgunder ist ja im Allgemeinen so konturlos wie Robin Williams in Deconstructing Harry http://www.youtube.com/watch?v=3KZ6mIsbDc4 , der Weißburgunder Edelgarben von Claus allerdings hat die Präzision bester deutscher Riesling, einen feine strukturgebende Gerbstoff und eine Textur wie ein saftiges Steak. Der Rest war auch ein Fest. Zumindest für mich und noch ein paar andere, nicht so sehr für die Mitglieder der Golser Prüfnummernkommission, die dem St.Laurent von Claus aus welchen Gründen auch immer die Prüfnummer verweigerten (hier gehört definitiv was getan – es kann nicht sein, dass der ganze mit Reinzuchthefen, Mikrooxidation und Langzeitextraktion hergestellte 08/15 Einheitsbrei mit Prüfnummern bedacht wird und charaktervoller, hochindividueller und möglichst interventionsfrei produzierter St. Laurent als sortenuntypisch dargestellt wird): übrigens gibt dunkle, schwarze Frucht den Ton an, Textur und Tannin sind saftig, die Länge ist lang und persistent, der Körper elegenat wie bei allen anderen Weinen auch. Toll ist auch der Pinot, der sich unglaublich druckvoll und lebendig in Richtung Gaumen bewegt und dorthin Anklänge von Orangen, Waldbeeren und Unterholz mitträgt.

Und die Pannobiles: durch die Bank viel besser als noch vor Jahren. Man reizt die Möglichkeit der Rebsorten ganz bedacht aus, setzt auf Bekömmlichkeit und Struktur, Finesse und Spannung, Vitalität und präzise, reifen Gerbstoff. Die Filigranität der Frucht und komplexe mineralische Noten scheinen dann fast von selbst zu kommen.

Nach vier Winzern war leider Schluss. Der Rest muss leider warten.

Ps: alle vier Winzer sind übrigens in der Zwischenzeit zertifizierte Biodynamiker.